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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Die Lagerzeitungen

Quellen, Erscheinungsdaten, Kurzbeschreibung

Wie die einschlägigen Untersuchungen von Hans Bayer [1] und Rainer Pöppinghege [2] zeigen, gibt es Lagerzeitungen oder –zeitschriften in fast allen Kriegsgefangenen- und Internierungslagern, wo sie als Kommunikationsmedien eine wichtige Rolle spielen.

Im Lager „Île Longue“ existieren nach einander drei verschiedene Lagerzeitungen, „Die Insel-Woche“, „Inselstimme“ und „Die Kehrseite“, sowie ein „Festzeitung“ genanntes Fragment.

„Die Insel-Woche“

Bereits ganz am Anfang unserer Suche nach Dokumenten über das Lager „Île Longue“ in den Archiven des Departements Finistère zu Quimper stießen wir unter der Signatur 9 R 33 auf eine fast vollständige Sammlung der 2. Folge der deutschsprachigen Lagerzeitung „Die Insel-Woche“, die die Internierten seit Juni 1915 herausgeben dürfen.

Als bei weitem bedeutendste und einflussreichste der drei Lagerzeitungen ist „Die Insel-Woche“ nicht nur die Hauptinformationsquelle über die verschiedenen Seiten des Lagerlebens und besonders die Lagerkultur (Theater, Musik, Sport, Handwerk usw.). Wichtiges Kommunikationsmedium, gewiss; aber viel mehr als das. Durch ihren unermüdlichen Einsatz für Menschlichkeit und Kultur im Dienste aller Internierten erscheint diese Zeitung, zumal unter den schwierigen Lebensbedingungen der Gefangenschaft, als eine herausragende und bewunderungswürdige Leistung. Mehr zu „Die Insel-Woche“ vgl. „Abbild der Wirklichkeit und eines Geistes“.

„Die Insel-Woche“ ist in zwei verschiedenen Folgen erschienen.

„Die Insel-Woche“, 1. Folge

  • Erscheinungszeitraum: 20. Juni 1915 bis 23. Januar 1916
  • Erscheinungsweise: wöchentlich.
  • Auflage: 150
  • Erschienene Nummern: 30
    (Diese Angaben nach Bayer)

Hans Bayer gibt folgende Kurzbeschreibung (Auszug):

„Die Insel-Woche“, „ … Inh: politische und militärische Wochenübersichten, pol. Leitartikel, Karten vom Kriegsschauplatz, Gedichte, Berichte aus Lagerleben, Bekanntmachungen, Humor, Sport, Anzeigen, Zeichnungen. Red: H. Schuett, A. R. Rümmler. Erst geheim, dann von den Franzosen entdeckt und unter Zensur.“ [3]

Die hier on-line gesetzten Kopien stammen aus zwei verschiedenen Sammlungen:

  1. Sammlung „Etre Daou Vor“ (bretonisch: „zwischen zwei Meeren“), nach dem Namen des Vereins, der in Crozon die Zeitschrift „Avel Gornog“ herausgibt. Diese im „Erasmus-Haus“, Basel, gefundene Sammlung enthält eine größere Zahl von Originalexemplaren der „Insel-Woche“, 1. und 2. Folge sowie eine Auswahl von Original-Theater- und Konzertprogrammen.
  2. Sammlung Beinbecke Rare Book & Manuscript Library der Yale University.

Mehr zu dieser 1. Folge, ihrer “Philosophie” und ihrem Verbot durch den Lagerkommandanten vgl. „Die Insel-Woche“, erste Folge

„Die Insel-Woche“, 2. Folge

  • Erster Jahrgang
  • Erscheinungszeitraum: 8. April 1917 bis 31. März 1918
  • Erscheinungsweise: wöchentlich
  • Auflage: 300
  • Erschienene Nummern: 52
  • Zweiter Jahrgang
  • Erscheinungszeitraum: 7. April 1918 bis 12. Mai 1918
  • Erscheinungsweise: wöchentlich
  • Auflage: 300
  • Erschienene Nummern: 6
    (Diese Angaben nach Bayer)

Mehr zu „Die Insel-Woche“, 2. Folge

Kurzbeschreibung (Auszug) von Hans Bayer: „ … Inh: Lagernachrichten, Austauschfragen, Wochenplauderei über Lagerbegebenheiten, belehrende Aufsätze, Gedichte, Theaternotizen, Sport, Humor, Anzeigen, Zeichnungen. Red: Kowalski, Hommel, Tschentscher. Mitarbeiter: Ganslandt, Reuter, Seemann, Heyne, Gildemester, Felle. Zeichner: Primavesi, v. Kovacs, Pretzfelder, P. Bor Beck. Durfte bis Jan. 1918 auch in die Heimat geschickt werden. …

Sorgfältige, geschmackvolle Aufmachung. Inhalt starke Beziehung zum Lagerleben; will zur Lagerkameradschaft erziehen. Bewusste Führung und Beeinflussung. Das Blatt sieht seine Aufgabe darin, die Mitgefangenen zur Betätigung anzuregen, die Kameradschaft zu festigen, die Disziplin zu erhalten. …

Sehr guter Stil, gehaltvoll. Besonders wichtige pol. Nachr. werden in geheimen Handzetteln von Fall zu Fall herausgegeben. Kampf um Kunstrichtungen, gegen intellektuelle Strömungen im Lager, Mai 1918 verboten. “ [4]

Die on-line gesetzten Kopien stammen aus drei verschiedenen Sammlungen:

  • Archiv des Departements Finistère, Quimper (Signatur 9 R 33)
  • Deutsches Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg i. Br., für die Nummer 50, 1. Folge (Signatur: ?)
  • Deutsches Historisches Museum, Berlin, für die Nummern 37, 1. Jahrgang und 06, 2. Jahrgang. Signaturen: Do2 93/1823 bzw. Do2 93/1833

Mehr zu „Die Insel-Woche“, 2. Folge und ihrem Verbot im Mai 1918 vgl.: „Die Insel-Woche - das Ende“ (Artikel in Arbeit)

„Die Kehrseite“

Von dieser zweiten Lagerzeitung auf Île Longue findet sich in unserer Hauptinformationsquelle, dem Archiv des Departements Finistère zu Quimper, keine Spur, was unsere Annahme bestätigen könnte, dass „Die Kehrseite“ ohne offizielle Genehmigung unter der Hand hergestellt und vertrieben wurde.
Von ihrer Existenz haben wir erst im oben genannten Werk von Hans Bayer [5] erfahren.
Die drei Nummern, die wir uns verschaffen konnten, stammen aus dem deutschen Bundesarchiv/Militärachiv, Freiburg i.Br. (Signatur MSG 200/120).

  • Erscheinungszeitraum: September 1918 bis Februar 1919
  • Erscheinungsweise: wöchentlich mit Unterbrechungen.
  • Auflage: 50
  • Erschienene Nummern: ?
    (Angaben nach Bayer)

Bayer gibt die folgende Kurzbeschreibung (Auszug):
„... Inh: pol.-philosophische Aufsätze, Berichte über alle kulturellen Bestrebungen im Lager, kulturpolitische und kunsttheoretische Abhandlungen, Theaterkritik und Vorschau. Red: E. Ziese. Mitarbeiter: Hommel, Seemann, Reuter (frühere Mitarbeiter der „Insel-Woche“, Neue Folge).“

Beyer weiter:

„Das Blatt kämpft gegen Stumpfsinn, Bürgerlichkeit, Verflachung, geistige Trägheit und Gesinnungslosigkeit. Tritt für ästhetische Lebenshaltung, Pflege der Persönlichkeit ein. Sehr gehaltvoll, philosophisch; jedoch manchmal überspitzt, verliert sich in Intellektualismus. Will nur neue Ideen, nur Wesentliches bringen. Außerordentlich hohes Niveau; Streben nach Vertiefung, nach Originalität, Kämpfe um neue künstlerische Richtungen. Stark umkämpft, viel angefeindet.“ [6]

Ergänzend dazu die zurückhaltend skeptischen Sätze, die der Internierte Hellmut Felle in seinem Bericht „5 Jahre hinter Stacheldraht“ der „Kehrseite“ widmet: „Da [7] erblickte ein neues Organ, ‚Die Kehrseite‘, das Tageslicht auf der Insel. Wie die Schriftleitung in der ersten Nummer ausführte, sollten nur ‚originelle Ideen‘ Aufnahme in diesem Intelligenzblatt finden. So originell aber waren diese Ideen, dass sie von den Lesern gar nicht verstanden wurden. Auch ich bestellte die Zeitung aus Gesundheitsrücksichten ab und bald starb sie einen schmerzlosen, von wenigen beweinten Tod.“ [8]

Mehr zu „Die Kehrseite“ vgl. Artikel „Die Kehrseite, Ausdruck einer neuen Ehrlichkeit“ (Artikel in Arbeit).

„Inselstimme“

Wie schon von „Die Kehrseite“ findet sich auch von dieser dritten Lagerzeitung keine Spur im Departements-Archiv zu Quimper, was den Schluss nahe legt, dass auch die „Inselstimme“ nicht autorisiert war. Von ihrer Existenz haben wir bei Bayer [9] und Pöppinghege [10] Kenntnis erhalten.

  • Erscheinungszeitraum: Februar bis April 1919
  • Erscheinungsweise: wöchentlich
  • Auflage: ?
  • Erschienene Nummern: 11
    (Diese Angaben nach Bayer)

Hans Bayer gibt folgende Beschreibung der „Inselstimme“: „Objektives, seriöses, verantwortungsbewusstes pol. Blatt. Will tiefere Zusammenhänge in der Politik aufzeigen. Scharfe Sprache gegen Revolution in Deutschland, gegen die Würdelosigkeit gegenüber dem Feind, gegen den Bolschewismus. Bewusste Beeinflussung, bewusste pol. Führung. Herausgegeben vom früheren Korrespondenten des ‚Berliner Lokal-Anzeigers‘ in Paris.”  [11]

Es handelt sich um ein Blatt, das im letzten Lagerjahr ein paar Wochen lang erschienen ist und das seine Existenz dem persönlichen Ehrgeiz des Internierten Gustav Tschentscher zu verdanken hat. (Mehr zur Person G. Tschentschers)

Die drei uns bekannten und ins Netz gestellten Nummern – Nr. 1 vom 7. Februar 1919, Nr. 2 vom 14. Februar 1818 und Nr. 7 vom 28. März 1919 – wurden unter den Signaturen Do2 93/1834, Do2 93/1835 und Do2 93/1836 im Deutschen Historischen Museum, Berlin, gefunden.

„Festzeitung“

Bei Bayer nicht erwähnt.

In der oben erwähnten Sammlung „Etre Daou Vor“ befindet sich unter anderen Dokumenten auch eine vierseitige lagerinterne Veröffentlichung mit dem Titel „Festzeitung“. Undatiert, durchgehend in deutscher Schrift (Sütterlin) und in einer humoristischen Sprache geschrieben, bietet diese „Zeitung“ keinerlei Anhaltspunkt, der es ermöglichen würde, ihren Inhalt zu verstehen und sie in den Gesamtzusammenhang des Lagers einzuordnen.

Was z.B. bedeutet die Zahl „605“ in der Mitte des Tisches auf der Titelzeichnung? Die Antwort, die der Artikel mit der viel versprechenden Überschrift „Was ist 605?“ gibt, ist für den uneingeweihten Leser leider unverständlich.

August Reiffel antwortet in seinen Gefangenschaftserinnerungen zwar nicht auf diese Frage, aber er gibt immerhin einen Hinweis auf die Herkunft dieser rätselhaften Zahl. Reiffel schreibt: „Der Vorraum der Kantine diente als Aufenthalt zum Studieren. Es wurde englisch, italienisch, französisch, spanisch sogar türkisch getrieben. Auch Rundschrift, Stenographie etc. Die ‚Amerikaner‘ hatten einen Stammtisch mit einem Täfelchen, darauf stand 605 - beinahe Ehrlich.“ [12] Da er als „Amerikaner“ die Internierten bezeichnet, die in den Vereinigten Staaten gelebt haben, ist zu vermuten, dass „605“ sich auf einen Produkt oder einen Gegenstand bezieht, der aus den USA stammt. Der Sinn der Wendung „beinahe ehrlich“ ist uns jedoch unerklärlich.

Hoffen wir, dass zahlreiche Leser (nicht zuletzt dank der Transkription in die heute übliche lateinische Schrift) mehr verstehen und uns ihre Lichter aufstecken.

Notes :

[1Hans Bayer, Presse- und Informationswesen der im Weltkrieg kriegsgefangenen Deutschen, Berlin 1939

[2Rainer Pöppinghege, Im Lager unbesiegt. Deutsche, englische und französische Kriegsgefangenen-Zeitungen im Ersten Weltkrieg, Essen: Klartext 2006

[3Hans Bayer, op. cit. S. 139

[4Hans Bayer, op. cit. S. 139

[5Bayer, op. cit. S. 140

[6Bayer, op. cit. S. 140 f

[7Anm. d. R.: nach dem endgültigen Verbot der „Insel-Woche“

[8Hellmut Felle, “5 Jahre hinter Stacheldraht”, S. 132

[9Bayer, op. cit. S. 140

[10Pöppinghege, op. cit. p. 32

[11ebd.

[12August Reiffel, „Von 1916 bis 1917 als Geisel in französischer Gefangenschaft“, Kapitel „Île Longue“.