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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Albert Funke auf Ile Longue - ein Bericht seines Enkels Hans-Dieter Kellmereit
On-line gesetzt am 5. Januar 2014
zuletzt geändert am 10. Januar 2016

von Christophe

Vorgeschichte

In Alfeld/Leine im Hannoverschen 1873 als vierter Sohn des Landwirts Heinrich Friedrich Funke und seiner Ehefrau Christine Caroline Kirk geboren, ging Albert Funke zur örtlichen Dorfschule und erlernte in Alfeld das Maurerhandwerk. Nach Abschluss der Lehre mit 17 Jahren begab er sich als Geselle auf die damals vorgeschriebene Wanderschaft, die ihn auch durch das Ruhrgebiet nach Hessen führte.

Militärzeit

1893 bis 1895 leistete Albert Funke seinen Militärdienst in der Bundesfestung ab. Warum in Mainz als Hannoveraner? Im preußisch - österreichischen Krieg 1866 hatte Kurhessen auf der Seite der Österreicher gestanden, hatte damit ebenso wie Hannover verloren und war 1866 an Preußen gefallen. Als Gefreiter der 6. Kompanie im 1. Nassauischen Infanterie Regiment Nr. 87 wurde Albert Funke entlassen. Laut Bescheid Januar 2014 vom Militärarchiv in Freiburg i. Br. sind die Personalunterlagen und Karteimittel der Preußischen Armee auch für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1945 bei einem Luftangriff auf Potsdam im dortigen Heeresarchiv nahezu vollständig verbrannt. Es konnte kein Hinweis auf Albert Funke gefunden werden.

New York, New York...

Er zog als Handwerksgeselle wieder nach Norden in den Raum Elze südlich von Hannover. Nun begann er im Sommer je nach Bedarf als Maurer oder als Transportbegleiter für die Tierhandlungsfirma Ruhe in Alfeld zu arbeiten.

Seine erste Reise von Bremen nach New York machte Albert Funke 1896 auf dem Dampfer „Havel“ des Norddeutschen Lloyd. Dieser Reise folgten bis August 1914 noch weitere 64. Auf vielen Schiffen wurden in den Manifesten Albert Funke und Kollegen als „bird seller“ oder „seller in birds“, aber auch als „animal attandent“ bezeichnet - wobei der Umfang der Transporte vom Kanarienvogel bis zum Elefanten reichte.

1897 heiratete Albert Funke in Alfeld Johanna Auguste Minna Wulfes aus Langenholzen bei Alfeld. Doch dieser Ehe war kein Glück beschieden. Zwei Kinder verstarben sehr früh, nur die Tochter Anna überlebte ihre Mutter, die jedoch 1903 ihren beiden ersten Töchtern folgte.

Um 1900 bereits lernten sich Albert Funke und Berta Sturm kennen, sie stammte aus einer alten Glasmacher- und Spiegelschleiferfamilie, als er Hilfe für seine verbliebene Tochter Anna suchte, deren Mutter aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung nicht mehr in der Lage war, sich um ihr Kind zu kümmern.

Zwei Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau wurde in Grünenplan bei Alfeld der nächste Bund mit Berta Sturm fürs Leben geschlossen. Aus dieser Ehe gingen zwei weitere Kinder hervor, Albert und Berta, meine Mutter.

Kriegsausbruch 1914

Mitte Juli 1914 trat Albert Funke mit der „President Grant“ der Hamburg Amerika Linie in Hamburg seine letzte geplante Reise nach New York an.

Nach seiner Rückkehr wollte er bei seiner Familie bleiben. Das gesparte Geld für Haus und Grund war beisammen, der Kauf des Grundstücks war von beiden Seiten beschlossen, der Vertrag aber noch nicht unterschrieben. Doch ihre Planungen wurden durch die Ereignisse in Serbien und schnell folgend in fast allen Ländern Europas durchkreuzt.

Albert Funke muss es am 23. Juli 1914 in New York sehr eilig gehabt haben, denn Ende Juli befand er sich bereits wieder in Europa – aber nicht Zuhause, sondern in Rotterdam an Bord der „Nieuw Amsterdam“. Er schrieb an seine Familie, sollte er in den nächsten Tagen nicht zu ihnen kommen, so sei er in England und käme nicht vor Ende des Krieges.

In böser Vorahnung und vier Tage vor der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich am 03.08.1914 endete sein Brief mit diesen Worten:

„Es sind noch mehr Deutsche hier. Also nicht hungern und keine Noth leiden. Es kann lange dauern“

Ein Geheimnis

Am 17. August erreichte die „Nieuw Amsterdam“ New York - ohne ihn! Er meldete er sich brieflich am 20. August, dass er wohlbehalten angekommen sei, er bis auf weiteres nicht fortkomme, keine Fahrgelegenheit mehr vorhanden sei und sämtliche Schiffe gestoppt wären. Auf welche Art und Weise Albert Funke sich im August nach New York durchgeschlagen hat, konnte bisher nicht geklärt werden. In den niederländischen Archiven ist kein Hinweis auf ihn gefunden worden, auch nicht bei der Ellis Island Foundation in New York.

Albert Funke als Landsturmpflichtiger im Ausland hätte laut § 28 des Gesetzes vom 11. Februar 1888 bei Kriegsbeginn sofort nach Deutschland zurückkehren müssen. Dieser Aufruf wurde durch Befehl des deutschen Generalkonsuls in New York bekräftigt. Letztendlich folgte er dieser Aufforderung wie Hunderte von Deutschen, Österreichern, Ungarn, Türken u.a. Betroffenen und schiffte sich am 24.08.1914 wieder auf der „Nieuw Amsterdam“ mit Zielhafen Rotterdam ein, um am nächsten Tag auszulaufen.

Internierung und Briefe an die Familie

Über das Aufbringen der „Nieuw Amsterdam“ am 02. September durch den französischen Hilfskreuzer „La Savoye“ und die Unterbringung zunächst im Fort Crozon ist ja bereits berichtet worden. Wie es den Betroffenen in der danachfolgenden Station, auf dem stillgelegten Schlachtschiff „Charles Martel“ vor Brest ergangen ist, lässt sich nur vermuten.

Die erste Meldung über seine Internierung (Adresse: Brest Verpore Charles Martels La Franse) erreichte seine Familie etwa Ende Oktober.

Verpflegung und Kleidung

Im November bittet A. F. um seine Stiefel mit Creme, Unterwäsche, Oberhemd, Binden für die Füße, einen braunen Schal, eine Stopfnadel, etwas Garn zum Strümpfe stopfen und ein schwarzes Vorhemd. Das Höchstgewicht für Pakete wird mit fünf Kilogramm angegeben, aber man könne zwei Pakete auf einer Paketkarte schicken. Briefe und Pakete seien frei, könnten unfrankiert gesendet werden. Die Adresse müsse mit dem Vermerk „Kriegsgefangenensendung“ versehen werden.

Wenig später, am 21. November, noch an Bord der „Charles Martel“, hat A. F. den ersten „Heimatbrief“ von seiner Frau erhalten und bittet dringend noch einmal um zwei graue Decken, es sei dort kalt.

Am 06. Dezember berichtet A. F., dass sie, die Gefangenen, seit vierzehn Tagen auf einer kleinen Insel in der Nähe von Brest interniert sind. Der Name war ihm wohl nicht bekannt oder er durfte ihn nicht nennen. Auf den Umschlägen, Karten und Briefbogen heißt es schlicht Brest.

Und: „Ich habe heute meine Wäsche gewechselt. Ich wollt Du hättest sie mal sehen können“ (Nach drei Monaten? d.V.)

Bereits Mitte Dezember bestätigt A. F. seiner Frau, dass die Binden ihm nun große Dienste leisten, da dort stets viel Wind und Regen herrschen. Und fragt nach seinem Koffer, er habe auch nach Rotterdam geschrieben. Dann macht er sich Sorgen um die Mietzahlung, sie solle sich soviel Geld holen wie sie bräuchte - in der Hoffnung, dass die Firma (seinen Lohn, d. V.) noch auszahlen würde.

Doch sehr viel Raum nehmen die Wünsche um Nahrungsmittel ein, vor allem Wurst und Schinken braucht der Junge vom Lande... Dazu Anweisungen zum Einkochen dieser Waren in Büchsen, zum Umlaufen von Schmalz. Das zieht sich in gut 30 Schreiben bis November 1915 hin.

Ende Dezember berichtet A. F., dass er von seiner Firma ein Paket zu Weihnachten erhalten habe: Wäsche, Wurst, Schokolade, Honig, Kuchen, Seife, Zigaretten, Lichter und Taschentücher sowie Schreibpapier... ...und dass wir vor Ort Baracken bauten... Der Aufbau des Lagers war also noch nicht abgeschlossen.

Anfang Januar 1915 vertraut A. F. seinem Schwager Hermann S. in Grünenplan an, dass er auf drei Stationen interniert war bzw. ist, nennt aber keine Namen. „Wir kochen hier selbst, Beköstigung ist Kriegszeiten angepaßt“.

Auch über ein Weihnachtsgeschenk vom Roten Kreuz berichtet er im Januar 1915: Leibbinden, Pulswärmer, Keks, Zucker und Zigaretten... Zu diesem Zeitpunkt war A. F. noch Nichtraucher.

Anfang Februar stellt A. F. fest: „Unsere Verpflegung ist ebenfalls reduziert worden auf veranlassung daß die Gefangenen in Deutschland schlechter verpflegt werden sollen...“

Dann im Mai: „Hast du keine Zwetschenbutter eingekocht oder so was ähnliches ich hätte gern mal aufs Brod. Wurst habe ich die Woche mit einem Pfund genug, also nicht mehr senden...“

Ab dem Sommer fragt A. F. oft nach den Preisen in Alfeld von erhaltenen Lebensmitteln und vergleicht sie mit denen vor Ort...

Selbstverpflegung

„Ende Februar (1915 d. V.) wurde gepflügt und Kartoffeln angepflanzt, später auch Erbsen ausgesät.“ Hier bin ich mir nicht sicher, ob es die Internierten selbst waren oder ob er die Bauern auf den Feldern auf dem nahen Festland beobachtet hat.

Anfang Juni berichtet A. F., dass die Bienen durch das Insektenpulver verchwunden sind, hoffentlich für immer... „Hier herrscht herrliches Wetter, die Erbsen blühen, die Kartoffeln werden eingereit, den grünen Salat vermisst man dieses Jahr...“

Im Herbst mahnt er seine Frau an, dass, wie von ihm vorher beschrieben, der Inhalt der Konservendosen angegeben werden soll. Er möchte diese Dosen in den großen Kessel werfen, kennt aber den Inhalt nicht...

Als Nachtrag erwähnt A.F. in einem Brief von Anfang Oktober: „Herrn Odmann [1] geht es soweit ganz gut, er ist als Schlachter hier tätig“.

Wieder eine Facette aus dem Lagerleben und damit weitere Fragen. Woher kamen die Tiere? Wurden diese auf der Insel gehalten?

Sorgen um seine Kinder

„Hoffentlich hat Berta die roten Locken noch?“
„Geht Albert zur Schule?“
„Was macht Anna, ich höre nichts von ihr?“
„Ist Albert oder Berta krank? Habe vorige Nacht geträumt“
„Was machen die Kinder? Was macht Berta, fragt sie gar nicht nach mir, oder bin ich schon vergessen? [2]
„Wenn du keine Briefe mehr schicken kannst, so lass es, dann muss es auch so gehen. Sorg für meine Familie dass die Kinder keine Not leiden“.
„Albert konnte doch auch schreiben. Warum schreibt er nicht ein paar Zeilen, es würde mich sehr freuen“.

Anfang Mai: „Es freud mich sehr daß Albert sich sehr gut erholt hat, noch mehr würde es mich freuen wenn Albert auch son Wildfang wäre wie Berta sein soll?“

Mitte Juni: „... hat Berta für ihren Vater den auch mal einen Blumenstrauß gepflückt?“ „... ist gut angekommen, ist sehr gut gemeint mit dem Gebäck, aber dafür sind doch die Kinder da...“
„Der Blumenstrauß hat mich sehr gefreud, vielleicht hat ihn Berta gepflückt...“

Im nächsten Brief freut A. F. sich wieder sehr über einen Blumenstrauß von Tochter Berta, man sähe, dass man nicht vergessen wäre, kennen würde sie ihren Vater doch nicht mehr.... Bald ginge sie ja zur Schule, dann könne sie ja auch mal schreiben, wenn er noch da sein sollte...

Im Oktober: „Was machen die Kinder, was macht Berta? Hat sie schon eine Fibel sie muss doch Ostern zur Schule...fragt sie noch nach ihren Vater?“

Und wieder: „...Du erwähnst nichts von den Kindern, haben sie nicht mit geholfen am Eiberg? Wie haben sie ihre Ferien verlebt? Den Weihnachtsmann hast du wohl schon bestellt, für Berta eine Fibel extra – fragt sie nach ihren Vater? Oder hat sie ihn schon vergessen?“ ...

Zum Geburtstag seines Sohnes Albert, vier Tage nach seinem eigenen im Dezember fragt der Vater, wie dieser seine Ferien verlebt hat, er habe ihn nichts davon wissen lassen, warum nicht? Ob die Fische noch leben würden?

Auf der anderen Seite: Die Kinder waren bis dahin mit seinen nur kurzen Anwesenheiten bei seiner Familie vertraut gewesen, die meiste Zeit verbrachte er ja auf See und in New York.

Einladungen

Im Februar 1915 schreibt er seiner Frau, und nennt das erste Mal den Namen des Lagers, Île Longue, dass er einige Brocken der hiesigen Sprache schon gelernt hat. Sie könne dasselbe tun – für den Fall sie müsse nach dort kommen...

Anfang März bereits die zweite Einladung: „Du kannst dich auch bald hier mal einstellen und meine Wäsche waschen?“

Anfang Mai: „Wie ist es den, willst du nicht kommen und meine Wäsche machen?“

Mitte November ein letzter Wunsch, er habe ja im Dezember Geburtstag, hoffentlich würde sie sich dann einstellen. Er sei bald müde vom Junggesellenleben. Was sie dazu sagen würde? Der Ernst der Lage in Mitteleuropa war ihm wohl immer noch nicht bewusst geworden.

Verschiedenes

Seiner Frau schickt A.F. im Januar 1915 eine Karte mit dem Foto der „Vaterland“. Diese hat er offenbar von seinem Freund X bekommen, den im Dezember 1917 von Walter Meyer im Brief an Berta Funke genannten Drucker von der „Vaterland“.

Damals gab es noch kein Radio, so blieben die Menschen im allgemeinen sehr viel weniger informiert als heute. Doch waren sie nicht weniger interessiert an den politischen Ereignissen. So auch unser A. F., der seine Frau bat, ihm sämtliche Zeitungen aufzubewahren. Auch freute er sich zu erfahren, dass sein Koffer (aus Rotterdam, d. V.) zu Hause angekommen sei. Und er informierte seine Frau darüber, dass der Sack mit Decke in New York ist...

Im Februar fragt er, ob sie auch Unterstützung bekomme. Da er noch militärpflichtig im Landsturm sei habe sie wahrscheinlich Anspruch darauf...

Anfang August freut sich A.F. über die Nachricht von seiner Frau, dass sein Lohn von der Firma immer noch ausbezahlt wird, was bei einem Kollegen im Lager nicht mehr der Fall ist.

„Ich habe letzte Woche große Wäsche gehabt, es ist sehr gut trocken geworden, nur die Gardinen nicht“.

Eine Baracke im Gefangenenlager – mit Gardinen, die ihm wohl seine fürsorgliche Frau geschickt hat?

Anfang März bedauert A.F., dass er beim Graben am Eiberg (niedriger Bergrücken im Norden von Alfeld, damals halb bewaldet, halb Gartenland, letzteres heute bebaut. d.V.) nicht helfen konnte.

Das Wetter schien dort besser zu werden: „Es singen die Lerchen!“ Auch möchte er Insektenpulver, da die kleinen Bienen beißen ... Und er freut sich sehr darüber, dass sie es allein fertig gebracht hat zu schlachten. „Und die Anna hat doch auch wohl kräftig mit geholfen?“ So ist das in Notzeiten, die Frauen an der „Heimatfront“ mussten - und müssen - immer wieder ausbaden, was ihnen Herrscher und Politiker einbrocken...

Im April bestätigt A.-F. den Empfang von Pfeife und Tabak – er war wohl, ausgerechnet ausgelöst durch das Rote Kreuz, mittlerweile zum Raucher geworden. „Leichtsinnig wird man hier!“

Im Mai: „Das Pulver für die Bienen scheint sehr gut zu sein habe keine Läuse in der Wäsche mehr gefunden...“

Immer wieder kommt die Frage nach den Drall- oder Drellsäcken... Waren damit Schlafsäcke gemeint? Ich habe es nicht herausgefunden (d. V.).

Und dann die Bitte, nachzusehen, ob da im Koffer nicht noch eine Badehose aus seiner Junggesellenzeit liegt... Sie könnten dort am Strand baden! (Wenn man das Grauen sechshundert Kilometer weiter im Osten mit dem Lagerleben dieser Internierten vergleicht, dann muss man feststellen, dass diese auf einer „Insel der Glückseligen“ lebten, im wahrsten Sinne des Wortes...)

Anfang Juli eine Bemerkung, die sich dem Leser heute nicht erschließt. „Also die Laterne geht auch weiter“. Bezieht sie sich auf die militärische Lage oder auf den zunehmenden Mangel der Versorgung in der Heimat? Nachrichten dieser Art sind auf beiden Seiten wohl kaum durch die Zensur gekommen.

Seine Frau hatte ihm in dieser Zeit auch eine Mütze geschickt, die er nicht benutzen konnte - worüber er sich beschwert, er würde ihr mitteilen, was er brauche... Es war noch Sommer.

Dann wieder aus dem Zusammenhang gerissen, deren Bedeutung wir heute nicht wissen: „Also die Batterie spielt auch weiter“.

Es folgt ein fast tragikomischer Hinweis auf „Ballspiele und dergleichen, was man auf seine alten Tage (42 Jahre, d. V.) wieder machen muss, wer klar bei Verstand bleiben will“ ...

Einen Anflug von Resignation (? d.V.) erlebt man Mitte August als er sich derart äußert, dass er ihnen (seiner Familie, d.V.) in diesem Jahr wohl nicht helfen könne, vielleicht im nächsten Jahr, dass er zur Arbeit sowieso verdorben sei, dass man diese dort verlernen würde. Am besten würde es sein, sich pensionieren zu lassen....

Einige Tage später: „...sollten die Kartoffeln am Eiberg nicht gut sein? Kaufe welche zu, na, du wirst wissen, richte dich ein so gut es geht, das ihr keine Not leidet. Ich kann Euch nicht helfen“.

Wiederholt mahnt er an, ihm Briefpapier zu schicken, dann könne er mehr schreiben.

Zweimal hat A. F. sich Geld aus New York überweisen lassen, jeweils 103 Franks. Wie das? Gab es im Lager eine Bank oder wurden diese Transaktionen über Brest oder von der Lagerleitung abgewickelt?

Mitte September freut sich A. F. über ein Heidesträußchen und ist sehr erfreut, dass am Eiberg alles gut ist – und wenn Albert (jun. d. V.) auch die Steckrüben nicht gerne mögen würde, er solle sie nur essen, sie seien sehr gesund... Weiter: „Du schreibst wegen Wäsche, man braucht hier nur sehr wenig, der Jahreszeit entsprechend, und wäscht man sie, so legt man sich so lange dabei, bis sie trocken ist, und zieht sie wieder an. So ähnlich wie die Handwerksburschen...“ (So etwa hat es sein Großsohn, der Verfasser, als Jan Maat auf See gemacht. Er legte sich auf die vom Waschen noch feuchte Hose, um sie glatt zu bügeln).

Und: „Anna schreibt wegen der Sprache, ich kann mich schon sehr gut verständigen. Es würde mich sehr freuen, wenn Anna (16 Jahre jung, d. V.) es auch könnte, man kann nie zu viel lernen...“

„...Wir haben hier jetzt auch schönes Wetter, wir kommen soeben vom Baden, das Beste was man hier hat...“

Im Oktober: „Neulich Morgens hatte ich das Glück, zwei kleine Raubtiere zu fangen, leider ist mir eins davon entgangen. Sollte ich mal zurück kommen bringe ich vielleicht einige mit. Man hat sich an diese niedlichen Tierchen gewöhnt...“ Frage vom Verfasser: Wie war das gemeint? Was für Tierchen mögen das gewesen sein?

Am Rande eines Schreiben der Vermerk: Unsere Garten Blumen... Diese getrockneten „Grüße von Île Longue“ existieren heute noch.

Im November schreibt A. F., dass er einen Brief von seinem Freund aus Hamburg gelesen hat, dass man sich den Zeiten anpassen muss. In Zukunft solle nur noch alle sechs Wochen Kaffee und Zucker gesendet werden... Dann fragt er nach weißem Segeltuch, das er von See mitgebracht hat. Wenn es noch vorhanden wäre, könnte sie zwei Meter davon bei Gelegenheit schicken... Er möchte sich eine Hängematte davon machen.

Noch einmal Anfang Dezember schlägt A. F., seiner Frau vor, dass sie in Zukunft ihm Kaffee und Zucker nur noch alle sechs Wochen senden soll, er habe den Hamburger Markt gehört, man müsse sich den Zeiten anpassen, und dass sie die Kinder keine Not leiden lasse. Hoffentlich könne sie mit den Kindern Weihnachten bei bester Gesundheit verleben, von fröhlich könne allerdings keine Rede sein. Hoffentlich sei es das letzte (Weihnachten d.V.),den man in der Gefangenschaft verleben würde..

Krankheiten

Anfang Februar 1915 die erste Erkrankung: „Vor einigen Tagen krank Influenza“ Wenige Tage später erwähnt A. F., dass er wieder gesund ist, es dort auch besseres Wetter herrscht.

In allen weiteren Briefen und Karten bestätigt er immer wieder seine Gesundheit. Wie sich jedoch im Januar 1916 herausstellte, hat Albert Funke laut Aussagen seiner Kameraden doch an einer Krankheit gelitten, die bereits in Amerika behandelt worden war.

Ende Dezember meldet er sich zum letzten Mal - mit einer Karte: Weihnachten sei vorüber, es seien recht milde Tage, von Schnee und Eis merke man dort nichts. Neujahr würde auch bald vorüber sein, dann ginge es wieder auf ein Neues! Sie würde von Kälte schreiben, sie solle die Kinder nur gut kleiden, dass es beim Schlitten fahren keine Erkältung gäbe.

Das Ende

Nach letzten Erkenntnissen hat das ICRC die F. Ruhe mit Schreiben vom 30.März 1916 über den Tod des A.F. und den vermutlichen Anlass informiert. Inwieweit die Witwe Berta F. darüber unterrichtet wurde ist nicht bekannt.

Zu diesem Zeitpunkt wurde die Lohnfortzahlung der Firma eingestellt. Die vierköpfige Familie musste nun von ihren Ersparnissen leben, dazu kam später ein kümmerliches Waisengeld für die beiden jüngeren Geschwister, nicht aber für die Anna (17 Jahre) aus der ersten Ehe, und ein winziger Betrag für Berta Funke. Mit der Inflation 1923 war dann auch der Restbestand des bis 1914 Ersparten verloren gegangen.

Im Dezember 1917 erhielt die Witwe einen Bericht aus Hamburg vom entlassenen Kameraden W. Meyer:

„Am Sylvesterabend ist Ihr lieber Gatte noch bei Alois Diete und mir noch in Baracke 8 gewesen, dann ist er wieder in seine Baracke gegangen und wollte noch Sylvester mitfeiern. Des nachts hat er heftige Leibschmerzen und Durchfall, höchstwahrscheinlich einen Ruhranfall, diese Krankheit war bei uns öfters aufgetreten.

Am Neujahrsmorgen hat er noch seine Unterhose ausgewaschen und zu seinem Freund den Drucker von der „Vaterland“ gesagt, er solle diese hereinholen wenn sie trocken wäre, er wolle zum Lazarett gehen. Um 10 Uhr war Krankenvisite, dazu ist Ihr Gatte ins Lazarett gegangen, durfte aber nicht zurück ins Lager da er hohes Fieber hatte. Am Nachmittag ist Ihr Mann aus treten gegangen und ist hiervon nicht wieder zurück gekehrt. Es ist nach Ihm gesucht worden aber es ist nichts gefunden worden.

Wie ich durch Herrn Dieckmann erfuhr ist gesagt oder Ihnen geschrieben worden Ihr Gatte hätte sich das Leben genommen, dieses ist eine Unwahrheit. Wir, die wir ihn gekannt haben, können einen heiligen Eid ablegen, wie Ihr lieber Mann stets an seine Familie dachte und immer vergnügt und lebensfroh war, daß gar keine Ursache vorlag sich das Leben zu nehmen. Die Schuld an Ihres Gatten Tode kann man direkt niemand zuschreiben, nur hätten die Krankenpfleger über Fieberkranke mehr wachen sollen. Aber niemand hat an so etwas auch gedacht.

Ich hoffe, daß diese Zeilen Ihnen zum Trost gereichen werden. Ihrem Gatten steht auch zu, „Er starb den Tod fürs Vaterland“.

Etwa acht Jahre hat die Witwe wegen einer Kriegerwitwen-Rente gegen den Staat klagen müssen: Dieser wurde vertreten durch das Versorgungsgericht, gegen den Reichsfiskus, vertreten durch das Hauptversorgungsamt Hannover, vor dem Militär-Versorgungs-Gericht Hildesheim und letztendlich 1926 vor dem Amtsgericht Alfeld.

So steht im letzten Absatz des Widerspruches der Berta Funke vom 07. August 1920 einer vorherigen Klagebeantwortung, sprich Ablehnung, durch das Versorgungsgericht:

„Wenn mein Mann auf Grund des ihm erteilten Befehls die Heimreise antritt, dann gefangen genommen wird und in Kriegsgefangenschaft stirbt, so ist er genau so für das Vaterland gefallen wie jeder andere Kriegsteilnehmer auch und steht mir eben wie jeder anderen Kriegerwitwe ein Anspruch auf Entschädigung zu ... Außerdem ist es doch wohl Ehrenpflicht des Reiches, für die Witwen aller derjenigen, die im Dienste für das Vaterland , ob nun an der Front oder in der Gefangenschaft gestorben sind, gleichmässig einzutreten, ihnen einen Rechtsanspruch auf Entschädigung zu gewähren und sie nicht etwa auf Almosen anzuweisen...“

Die Meinungen zu diesem Fall gehen weit auseinander. Klarheit konnte auch nicht das Amtsgericht Alfeld in diesen bretonischen Nebel bringen.

„Ausschlussurteil

4. F. 1/26
Verkündet am 2. Juni 1926.
gez. Würzner

in dem Aufgebotsverfahren zum Zwecke der Todeserklärung des verschollenen Tierhandlungsreisenden Albert Funke hatte das Amtsgericht in Alfeld durch den Gerichtsassessor Dr. Wick für Recht erkannt:

Der Verschollene, am 11. Dezember 1873 in Alfeld geborene Tierhandlungsreisende Albert Funke, wird für tot erklärt.

Als Zeitpunkt des Todes wird der 2. Januar 1916 festgestellt.

Die Kosten des Verfahrens fallen dem Nachlasse zur Last.“

Fünf Absätze weiter heißt es: „Die zur Begründung der Todeserklärung erforderlichen Tatsachen sind auf Grund der vorgenommenen Ermittlungen für erwiesen erachtet worden, da nach der Auskunft der Reichsstelle für Nachlasse und Nachforschungen vom 11. Februar 1926 der Verschollene am 2. Januar 1916 aus Depot d`Ile Longue verschwunden ist...“

Auch für diesen Krieg und das damit verbundene unendliche Leid auf allen Seiten gilt das Wort von George Bernard Shaw:

Krieg ist der Zustand,
bei dem Menschen aufeinander schießen,
die sich nicht kennen,
auf Befehl von Menschen,
die sich wohl kennen,
aber nicht aufeinander schießen.