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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Árpád von Késmárky, ein ungarischer Künstler
On-line gesetzt am 21. September 2016

von Monique, Ursula

Auteur: Monique, traduction: Liselotte und Ursula

Árpád von Késmárky – oder de Késmárky – wird am 12. Juni 1886 in Budapest geboren.

Am 2. August 1914, gleich nach Ausbruch des 1. Weltkriegs, wird er in Paris aufgrund der Anordnungen des Kommissars des VI. Arrondissements verhaftet. Wegen seiner ungarischen Staatsangehörigkeit gehört er zu den verdächtigen Personen. Zuerst wird er nach Le Blanc (Département Indre) gebracht, dann ins Département Finistère. Dort kommt er zuerst in das Lager für Zivilinternierte im alten Kloster von Kerbénát, in der Nähe von Landerneau (Finistère). Am 30. November 1918 wird er in das Internierungslager der Île Longue verlegt, von wo aus er einen Fluchtversuch unternimmt. Am 15. Mai 1919 wird er zusammen mit 615 anderen österreich-ungarischen Zivilinternierten über die Schweiz, via Annecy [1], repatriiert.

Die Jahre in Paris

Obwohl wir – bis zum jetzigen Zeitpunkt - keine Fotografie von Árpád von Késmárky besitzen, können wir uns den jungen Mann dank der Unterlagen des Archivs des Lagers Île Longue gut vorstellen: 1,69 m groß, ovales Gesicht, eine Adlernase, schwarze Haare und Augenbrauen, braune Augen, eine Narbe an der rechten Kinnseite. Der Student an der Akademie der Bildenden Künste in Budapest und spätere Ingenieur und Kunstmaler ist fasziniert von der aufregenden kubistischen Avantgarde in Paris. 1910 reist er nach Paris und findet ein Zimmer im Quartier Saint-German-des-Prés, 12, rue Bernard Palissy. Manfréd Weiss, Besitzer einer großer Waffenfabrik in Budapest, finanziert sein Studium, wodurch es Árpád von Késmárky möglich wird, „von (seiner) Kunst zu leben“. Er belegt Kurse an der Russischen Akademie, die Marie Vassilieff in der avenue de Maine gegründet hat. Angezogen vom Kubismus und Futurismus, bekommt er Kontakt zu den Künstlern in Montparnasse und begeistert sich für die Ideen und Werke von Picasso und von Matisse. Der Dichter und Kunst-Kritiker Guillaume Apollinaire wird auf ihn aufmerksam, und Árpád von Késmárky schätzt seine Ratschläge sehr. Er arbeitet zusammen mit anderen Landsleuten und Freunden wie József Csáky, Alfréd Réth, Kóródy Elemér ...

Ausstellungen in den Vereinigten Staaten und Frankreich

Im Jahr 1913, nach der sensationellen Ausstellung zeitgenössischer Kunst, der Armory Show in New York, organisieren die Gebrüder Gimbel, Eigentümer der Gimbels’ department stores in ihren großen Kaufhäusern eine Wanderausstellung – und dies ist eine Premiere! – die „ausschließlich futuristische und kubistische Bilder, importiert direkt aus Paris“ zeigt. Zehn in Paris gekaufte Ölgemälde von insgesamt sieben Künstlern sind ausgewählt. Seite an Seite mit Fernand Léger, Albert Gleizes, Jean Metzinger, Pierre Dumont, Jacques Villon (alle Mitglieder der Gruppe La Section d’Or) sind zwei bisher unbekannte ungarische Künstler, die in Paris leben, ausgewählt: Gustave Miklos und Árpád von Késmárky. Das Gemälde mit der Signatur „de Késmárky“ ist das Portrait eines sitzenden Mannes, das im Katalog wie folgt beschrieben wird: „Dies ist das Portrait eines Freundes des Künstlers (ein Bildhauer), den unsere Vertreter in Paris gesehen haben und die bestätigen, dass eine große Ähnlichkeit besteht.“ [2] Zwischen dem 11. Mai 1913 und dem 12. Mai 1914 wird die Ausstellung in Milwaukee, Cleveland, Pittsburgh, New-York, Philadelphia gezeigt und kommt dann nach Milwaukee zurück.

Zur gleichen Zeit, zwischen Mitte Dezember 1913 und Ende März 1914, organisiert der Kunsthändler Martin Birnbaum [3] eine andere Ausstellung mit dem Titel Exhibition of contemporary graphic art in Hungary, Bohemia and Austria in den Galerien der Berlin Photographic Company in New York, dann in der Fine Arts Academy, in Buffalo und im Art Institute of Chicago. [4] Ungarn ist vertreten durch Rippl-Rónai, Pascin, Reth, Székely, Kóródy. … Drei Werke, signiert mit „Árpád de Késmárky“ sind dabei: Zwei Studien (Bleistift), Kreuzigung (Federzeichnung), zwei Akte (Federzeichnungen).

Die Rezeption der Werke ist sehr unterschiedlich. Während Martin Birnbaum die Meinung vertritt, „Késmárky hat mit der Kreuzigung, bei der er die Prinzipien des Kubismus auch in die religiöse Kunst überträgt, Eindruck gemacht“, so denken andere, dass Werke wie die Kreuzigung „verstörend und glücklicherweise selten sind“. [5]

Im Bestand des Metropolitan Museum of Art in New York sind neun Werke mit der Signatur „A de Késmárky“ und dem Datum „Paris [1]913“, die als „Schenkung von Martin Birnbaum“ 1959 in die Sammlung gekommen sind. Möglicherweise handelt es sich hierbei um die Vorauswahl für die Ausstellung in den Vereinigten Staaten im Frühjahr 1914 (Exhibition of contemporary graphic art in Hungary, Bohemia and Austria). [6]

In Frankreich nimmt Késmárky an einer Ausstellung des Salon des Indépendants in Paris teil (1. März bis 30. April 1914). Der bissige Kunstkritiker Arthur Cravan, Provokateur und entschiedener Gegner der Kubisten hat seine Arbeit nicht geschätzt: „Kesmarky, c’est moche, oui marquis!" [7] schrieb er in seinem Journal Maintenant Nr. 4.

Anfang 1915 wird in San Francisco, Kalifornien, die weltweite Panama–Pacific International Exposition eröffnet. Im Palace of Fine Arts sind Künstler aus aller Welt eingeladen. Die ungarische Malerei wird vertreten von zahlreichen Künstlern, unter anderem von Rippl-Rónai, Munkácsy, Ferenczy, Csók … Aber die derzeitigen Bewunderer der künstlerischen Avantgarde bedauern die Abwesenheit von Késmárky und weiteren „jungen talentierten Radikalen, deren Arbeit sowohl in Berlin als auch in Paris bis nach Budapest bekannt sind.“ [8]

Die Internierung

Fakt ist, dass Árpád von Késmárky seit sechs Monaten im Kloster Kerbénéat, Raum 38, interniert ist. Dort bemüht er sich, die alltägliche Bedingungen des Leben seiner Mitgefangenen zu verbessern. Am 16. Januar 1917 wird er zusammen mit zwei weiteren ungarischen Internierten, Fodor und Seheber, zum „Delegierten des ungarischen Hilfsausschusses“ nominiert. In dieser Funktion kommt er mit Repräsentanten des Roten Kreuz zusammen und unterzeichnet eine Bitte zur Lieferung von Gymnastik-Utensilien. Seine Unterschrift befindet sich auch auf einer Liste von Begünstigten eines Paketes, das von der Gefangenen-Hilfe in Barcelona geschickt wurde.

In den Archiven finden sich keine weiteren Informationen zu diesem Aspekt, auch nicht zu seinen künstlerischen Aktivitäten - weder in Kerbénéat (wo er zur gleichen Zeit interniert ist wie zwei weitere ungarische Künstler, der Maler Joseph Biro und der Designer Joseph Vajda) noch im Lager auf der Île Longue.

Hat er sich auf der Île Longue bei der künstlerischen Gestaltung der Zeitungen oder der Theaterprogramme beteiligt wie seine ungarischen Künstlerkollegen Paul von Kovács und Paul (Bor) Beck? Hat er mit den anderen Künstlern zusammengearbeitet? Hier bestehen keine Zweifel, in der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg befinden sich Dokumente ohne Titel, gedruckt im Internierungslager der Île Longue. Es handelt sich um ein dreiteiliges Werk - eines davon ist datiert (April 1919) –, in dem die Arbeiten von deutschen und ungarischen Künstlern vereint sind: Kunstdrucke von Texten und Gedichten – u.a. von Hermann von Bötticher und Willy Hennings sowie Grafiken von Max Pretzfelder, Paul von Kovacs, Paul Bor Beck und von Ápárd von Késmárky. [9] Die drei Gravuren ohne Titel mit der Signatur „A. von Késmárky“ sind kubistische Darstellungen von menschlichen Silhouetten. Eine von ihnen zeigt einen Gekreuzigten und scheint eine leicht veränderte Version der Werkes zu sein, das auf der Internetseite des Metropolitan Museum of Art in New York veröffentlicht ist und das mit „A de Késmárky“ signiert und mit „Crucifixion“ betitelt ist.

Árpád von Késmárky,
Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg

Ein zerplatzter Traum ?

Früher ein Graf, jetzt ein Elektriker.
Ein Arbeiter aus Playland in Rye sagt, er sei ein Adeliger Ungar.

Von unserem Beauftragten für die New York Times
RYE, NY, 1. Februar

Ein Hilfslektriker mit 25 Dollar Wochenlohn im Playland Amusement Park, Westchester County, hat den Journalisten heute erzählt, er sei Árpád von Késmàrky, Graf von Kesmark und von Loeche. Vor zwanzig Jahren hätte er auf dem Land seiner Vorfahren gelebt, eine Domäne von 5.000 Acres (1 Acre = 4047 qm) in Transsylvanien.

Er war hier Musiker und Porträtist, aber als sich die Zeiten verschlechterten, war er gezwungen, sich irgendwie Arbeit zu suchen. Er erzählte, dass ein Freund von ihm, der in der Schraubenfabrik von William L Ward arbeitet, ihn mit Herrn Ward, dem Vorsitzenden der Republikaner in der Grafschaft Westchester, bekannt gemacht habe. Nachdem er die Familie Ward porträtiert hatte, war Herr Ward ihm behilflich, einen Job bei Playland zu bekommen.

Er ist 48 Jahr alt und wohnt in 63 Hillcrest Avenue, in Port Chester. [10]

Dieser Artikel, der am 2. Februar 1933 in der New York Times erschien, betrifft wahrscheinlich Árpád de Késmárky, Zivilinternierter auf der Île Longue, obwohl er anscheinend die in Frankreich verbrachten Jahre nicht erwähnt hat. Bei der Durchsicht von verschiedenen Dokumenten in Archiven der Vereinigten Staaten haben wir in vielen von ihnen einen „Kesmarky“, geboren in Budapest im Jahr 1885, gefunden. [11]
Obwohl der Vorname Arpad mehrfach umgeändert wurde in Aysad, Ade oder Alfred, bestätigen die Informationen aus den gescannten Registern und dabei insbesondere die Unterschrift auf einigen dieser Dokumente unsere Vermutungen, und wir können mit ihnen seinen Lebensweg in den Vereinigten Staaten vervollständigen.

13 Tage nachdem er Hamburg verlassen hat, kommt er mit der Mont Vernon am 4. Oktober 1922 in New York an. Der ledige Kunstmaler gibt als Referenzen an: Seine Schwester Julia Késmárky (wohnhaft in Budapest, Ungarn, VII, Elemer ut. 18) und einen „Freund“ aus New York, Mitglied der Schiffsmannschaft, L.H. Boday, der ihn in einem Haus beherbergt, das noch heute existiert (338 East, 67th Street, nur zwei Schritte vom Metropolitan Museum of Art entfernt).

Von Anfang an ist es seine Absicht, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Er heiratet Emma Kocsis (1891 – 1978), die auch ungarischer Herkunft ist. Das Paar zieht nach Port Chester, in der Stadt Rye (Grafschaft Westchester, Staat New York).

1930 wohnen sie in Los Angeles, ziehen dann jedoch wieder nach Port Chester zurück. Dank der Vermittlung von William Lukens Ward, der ihn bei seinem Antrag auf Einbürgerung unterstützt, arbeitet er auf der Baustelle des Playland Amusement Park, einem riesigen, futuristischen Vergnügungspark, der gerade in Rye entsteht.

1939 ist das Paar Mieter bei einem Maler in Port Chester, Edward Gregory. Kémárky, der inzwischen amerikanischer Staatsbürger ist, behauptet von sich „ein Mann zu sein, der jede Arbeit annimmt“, er habe acht Wochen nur für 160 Dollar gearbeitet und verfüge über keine weitere Einnahmequellen. Der Künstler, der in Paris vor seiner Verhaftung sagte, er „könne von (seiner) Kunst leben“, scheint nun im Elend zu leben, so wie viele andere Immigranten zu dieser Zeit.

Bis heute haben wir weder die Porträts der Familie Ward, von denen im Zeitungsartikel der New York Times die Rede war, noch irgendwelche anderen Spuren seiner künstlerischen Tätigkeit aus dieser Zeit in Amerika gefunden. Die unsicheren Verhältnisse, in denen er wahrscheinlich lebte, deuten darauf hin, dass der Krieg und die Jahre der Gefangenschaft, die große Depression und vielleicht auch das Abflauen der kubistischen Welle den Traum von einer Künstlerkarriere zerplatzen ließen.

Árpád Késmárky stirbt am 23. November 1955 in der Stadt Greenwich, Fairfield (Connecticat).