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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Bericht des Kriegsgefangenen Eugen Lenz über seinen Aufenthalt im Lager Ile Longue
On-line gesetzt am 21. Februar 2014
zuletzt geändert am 10. Januar 2016

von Christophe

Der folgende Bericht des Kriegsgefangenen Eugen Lenz wurde uns von seiner Schwiegertochter, Gretel Lenz, aus Aalen in Württemberg zur Verfügung gestellt.
Hier zunächst ein Brief von Frau Lenz an C.K. vom 27. Januar 2014, in dem Sie den Bericht ihres Schwiegervaters ergänzt und kommentiert.

Anbei also ein paar Leseproben aus dem Jahr 1915, sowie ein Auszug au dem Bericht über die Gefangennahme und die folgende Zeit auf Ile Longue. Wann mein Schwiegervater diesen Bericht geschrieben hat, ist leider nicht notiert. Es muss wohl auch einen Vorgänger-Bericht gegeben haben, der allerdings nicht mehr auffindbar ist. M.E. Kann man daraus schließen, dass er sich sehr mit dieser Zeit beschäftigt hat, so wie es noch einige andere Hinweise gibt.

Sein Verhältnis zu „den“ Franzosen schätze ich so ein: Er besuchte bis zur Mittleren Reife die Oberrealschule hier in Aalen (Abitur wäre in Heidenheim oder Ellwangen möglich gewesen). Er lernte französisch; seine Lehrer haben ihm eine hohe Meinung über die französische Kultur, die Franzosen beigebracht. Mit 21 Jahren wurde er eingezogen, ohne Begeisterung, sogar mit gewissen Bedenken (aber: „Was sagen die Leute daheim?“) Dann, in französischer Gefangenschaft, nach der Zeit auf der Île Longue, muss er eine sehr harte Zeit durchlebt haben: auf den verschiedenen Bauernhöfen hatte er es mit dem jeweiligen Patron verdorben, weil er für die anderen deutschen Gefangenen die Beschwerden hat vortragen müssen. Und ganz finster wurde es (im wahrsten Sinne des Wortes), als die Zensur seine Geheimschrift entdeckt hatte: 4 Wochen verbrachte er in einer Zelle ohne Fenster, mit Ratten als Zimmergenossen. Dann folgte das sog. „schwarze Lager“ bei Rouen, wo Kohlenschiffe aus England usw. gelöscht werden mussten. Hier war ein Menschenleben nichts wert; wer ins Wasser fiel, weil er mit den Holzpantinen ausgerutscht war, der war halt weg.

Erst im Februar 1920 kam er heim, als gebrochener Mann. Die Familie gab ihn sogar nach Tübingen in die „Nervenheilanstalt“, wo er den Studenten als typischer Schwerkriegsgeschädigter vorgeführt wurde. Erzählt hat er über die schwere Zeit so gut wir nichts. Als sein Sohn (mein Mann) als Gemeinderat davon erzählt hat, dass die Stadt (Aalen) eine Partnerschaft mit St. Lô anstrebt, da hat er mir gesagt, das könne er nicht mehr mittragen, dafür habe er zu viel erlebt.

Was hätte er erst gesagt, wenn er noch miterlebt hätte, dass seine geliebte Enkelin einen Bretonen „dahergebracht“ hätte? Mit dem sie seit 14 Jahren lebt und 4 Kinder hat?

Soweit Gretel Lenz.

Im Folgenden der Bericht ihres Schwiegervaters Eugen Lenz.

Gretel Lenz, die Schwiegertochter: „Wann Eugen Lenz den folgenden Bericht geschrieben hat, lässt sich leider nicht mehr feststellen.“

1.

Entwurf über meine Gefangennahme am 25.9.15

"Wir hatten auf unserer Fahrt folgende grössere Städte berührt Chalons sur Marne, Orleans - Blois - Tours - Nantes U. nachdem wir im ganzen 4 Tage und 3 Nächte angestrengter Fahrt hinter uns hatten, landeten wir in Brest (s. Karte).

Brest ist Seefestung u. Kriegshafen. Auf der letzten Haltstation vor Brest hatten die Posten Befehl bekommen, alle Fensteröffnungen zu schliessen; was wir da spionieren konnten, war mir nicht begreiflich, es ging einige Mal durch Felsentunnel u. als wir ausstiegen lag vor uns das weite Meer, der Atlantische Ozean. Brest selbst lag halbrechts von uns, der gegen das Meer zu abfallenden Küste, wir waren im Hafenbhf. gelandet, was sollten wir hier, so nah am Meer, und wohin mit uns von hier aus? Jetzt erst merkten wir auch, dass unserem Transportzug unterwegs Wagen abgehängt worden waren u. wir waren augenblicklich noch etwa 600 Mann. Schon wurden auch die schlimmsten Parolen verbreitet, wir kommen nach Algier, nach franz. Colonien, vielleicht ersäufen sie uns auch. Doch wir sollten bald unserem vorläufigen Endziel zugeführt werden. 3 Schlepper hatten am Quai angelegt u. es hiess einsteigen ich bin hier in meinem Leben zum ersten Mal auf hoher See gefahren (wir Südd. haben hier wenig Gelegenheit). Unter den Füssen merkte man das gleichmässige Arbeiten der Schiffsmsch. U. en avant doucement rief der Capitän nach dem Maschinenraum die Schraube fing an zu ... u. der Schlepper fuhr vom Strande, voll gepfropft mit Elend, Jammer, mit Menschen, denen die Zukunft so eisig grau vor Augen stand, u. damit allem der Freiheit beraubt.

Allmählich entging das Festland unseren Augen immer mehr u. mehr, man war in den Bereich der Meereswogen gelangt u. unser kleiner Schlepper flog bald von Welle zu Welle wie eine Nussschale, vorne am Buge schlug die Welle das Salzwasser uns ins Gesicht u. immer wieder u. wieder, so oft eine stärkere Welle kam mussten wir das nasse Element über uns ergehen lassen, viele schon Iängst durchnässt waren bis auf die Haut. Ein Ausweichen war unmöglich stand man doch eng gepresst wie die Häringe aufeinander u. wir konnten uns nicht auch nur einen Fussbreit nach vorn oder rückwärts bewegen.

Nach etwa 1 Stunde Fahrt sahen wir vor uns die Landspitze eines Festlandes vor uns u. dahin steuerte unser bewegtes Fahrzeug. Man landete an einem ziemlich steil dem Meer zu abfallenden Inselberge u. dort oben meinte man auch Baracken sehen zu können.

Bei der Ausfahrt vom Hafen sah man auch mehrere grössere Dampfer oder einige Kriegsschiffe, kleinere Kreuzer u. Torpedoboote lagen vor Anker.

Das Aussteigen vollzog sich nicht so rasch wie das Einsteigen, das auf einem Landungsstege rasch vor sich ging, man hatte auf offener See Anker geworfen u. das Absetzen an Land geschah durch Klettern an Strickleitern in kleinere Boote, mit denen wir ans Festland gerudert wurden.

Wir waren auf Île Longue angekommen, die bereits seit Herbst 1914 für ein Civilgefangenenlager eingerichtet war; ca. 60 Holzbaracken mochten es gewesen sein. Im Lager ging es an ein Begrüssen, wie freudig diese Menschen alle zu uns waren, u. wie das denen tiefgedrückt. Herzen wohl tat. Man sah’s den Männern an sie hatten Mitleid mit uns verwahrlosten Gestalten u. wir hatten uns nicht getäuscht. Der deutsche Lagerkourier (?) gab bekannt, die deutschen Civilgefangenen hätten heute auf ihr Mittagessen verzichtet u. es könne jeder gleich in der Küche einen Teller Essen holen. War das ein Entgegenkommen, so viel Gutes waren wir ja gar nicht mehr gewohnt hatte man doch so viel Erniedrigendes in den letzten Tagen ertragen müssen. Seit 8 Tag nichts warmes mehr, nur ganz spärliche Kost u. jetzt auf einmal gab es Kartoffel mit angebratenem Fleisch u. etwas Sauce, der Hunger schaute uns scheints aus den Augen denn die Civilisten brachten uns alle Brot, wer hat noch kein Brot, wer wünscht noch Brot, so riefen die Civilisten, u. wie ging’s auf den kleinsten Happen Brot los, was mochten die schon länger gefangenen von uns denken. Die Civilgefangenen waren bereits seit Sept. 14 auf der Insel, sie waren alle auf der Fahrt von Amerika her Schnelldampfer Charles Martell so hiess das auf dem sie fuhren, wurde durch ein franz. U-Boot abgefangen u. im Hafen nach Brest eingebracht. Das Fragen wollte kein Ende nehmen, wie geht u. steht es in Deutschland, wie kamt in Gefangenschaft u. bald machte sich auch der Particularismus, ... Civilgefangene Sachsen suchten ihre kriegsgefangenen Sachsen civ. Bayern ihre kriegsgef. Bayer u. wir Würt. wir waren nur ganz wenige wurden von unseren Landsleuten anf ... (?).

An der Cokarde u. an der Reg.Nr. erkannten sie uns. Aus welcher Gegend, vom Oberland, nein Unterland u. umgekehrt u. wo der Fragesteller her war u. bald war ziemlich (man?) Freund geworden u. wenn man gar einen Landsmann aus derselben Stadt oder Gegend traf, wenn beide ortskundig oder personenkundig daselbst waren, war die Freude umso grösser u. das Interesse lebhafter. Da rief eben einer ich glaub er war aus der Reutlinger Gegend, die Schwaben alle zu mir kommen, jeder bekommt ein Paket Tabak, andere brachten abgelegte Hemden Strümpfe oder sonstige Wäschestücke, ich glaub dass Kinder bei Weihnachtsbescherungen keine froheren Gesichter machen u. nicht freudiger sind als wir beschenkten Kriegsgefangenen es momentan waren. Ein Remstäler, dessen Namen mir leider entfallen ist sowie dessen Freund ein Herr von Freitag, dessen Vater act. höherer Offiz. im Osten stand, holten abends mich in ihre Barake u. ohne was zu sprechen servierten sie mir , Suppe, Bohnengemüse, u. Brot u. Fleisch; Haben Sie genügend Wäsche, ich habe für Sie ein Hemd, Strümpfe u. Unterhosen zurechtgerichtet, wenn Sie gehen nehmen Sie es mit. Sie brachten sogar Wein; wie sollte ich mich gegen soviel Grossmütigkeit dankbar erweisen? Womit konnte ich all dies Gute vergelden?

2.

Einige Tage nach unsrer Ankunft durften wir die erste Karte nach Hause schreiben, zu denen die in grosser Sorge um uns waren; u. die seit jenem unheilvollen 25. Sept. keine Nachricht von uns hatten; an die unterdessen ihre abgesandten Briefe u. Pakete von der Front aus wieder in die Heimat zurückgeschickt wurden, mit dem Vermerk „Nicht beim Truppenteil“ oder vermisst; uns vielleicht als tot beweinten.

10 Zeilen waren uns erlaubt auf eine Karte zu schreiben. 4mal im Monat konnten wir eine Karte u. 2mal im Monat einen Brief abgeben.

Auch eine Musikkapelle war im Lager; (durchgestrichen: in der grossräumigen Kantine war) es wurde bekannt gegeben am kommenden Sonntag sei für die Soldaten ein Conzert bei vollgepfropftem Saal spielten sie Ouvertüren, Solos wurden vorgetragen, auch Volkslieder soweit sie erlaubt waren, wurden gespielt, das ist der Tag des Herrn u. nach der Heimat möcht ich wieder u. viele andere. Hier war alles eingerichtet, das Graue (der) Wirklichkeit zu vergessen, es bestand kein Arbeitszwang, auch die franz. Bewachung zeigte sich korrekt u. liess uns in Ruh; wie ich es in späteren Lagern nie mehr angetroffen habe.

Im Lager war ausserdem eine ansehnliche Bibliothek u. die meiste Zeit verbrachte ich mit Lesen. Wir Kriegsgefangenen hatten freie Benutzung derselben u. ich machte reichlich davon Gebrauch.

An für sich war das Lager in romantisch schöner Weise gelegen. Nach Westen hin der freie Ausblick in’s offene Meer nach Nordwesten u. Osten zu das Festland. Brest sah man in weiter Ferne gegen Osten u. die Beleuchtung der Stadt des Nachts war grossartig zu nennen, wie das Meer von Lichtem der Stadt am Bergabhange des Nachts erstrahlte u. die Wasserspiegelung gab dem ganzen ein prachtvolles Gepräge.
Um unsere Insel manövrierten jeden Tag Kriegsschiffe, kleine u. grosse Kreuzer, auch einige U-Boote waren zu sehen.

3.

Täglich wurden wir in Gruppenkolonnen nach dem Strand geführt, der sog. Proviantschlepper brachte uns jeden Tag von Brest herüber unser Fleisch, Reis, Kartoffel, Bohnen u. wir mussten es von dort nach dem franz. Lager bringen.

Interessant für uns Neue gefangene war auch das Abwarten der Flut, wie dann zusehends bei starker Flut das Wasser stieg u. anwuchs u. die Wellen sich schäumend an den Felsenklippen zerschlugen.

Bei ruhigem Seegang fuhren hunderte von Fischerbooten aus zum Fischfang, dem Haupterwerbszweig der Bretagner, deren Bevölkerung zum grössten Teil aus armen Fischersleuten besteht, wo heute noch die meisten Analphabeten anzutreffen sind; aber auch die tüchtigsten Soldaten rekrutiert werden.

Im Lager waren auch franz. Zeitungen zu haben. Le Matin, Le Journal, le petit Parisien man zu 2 sous täglich kaufen u. eifrig verfolgte man jeden Tag die Kriegsberichte die Fortschritte u. Siege der Franzosen, nichts anderes gab es ja nicht für sie. Die deutsche Offensive gegen Serbien hatte begonnen, die franz. Presse schrieb wenig über den Verlauf, nur ab u. zu war zu lesen, die Deutschen haben etwas Boden gewonnen, oder konnten ihre Postenkette etwas verschieben. Damals es war im Oktober 1915 hoffte das ganze Lager auf baldigen Frieden, Parolen wie man komme bald, wahrscheinlich noch vor Weihnachten nach Hause durchschwirrten täglich das Lager u. wer uns gesagt hätte du bist das nächste Jahr u. in 2, 3 u. 4 Jahren auch noch nicht zu Hause, den hätten wir für geisteskrank erklärt, u. es ist weislich vorgesorgt, dass der Mensch die Zukunft nicht kennt. Zu solch grossem Hoffen brachte uns unser Pessimismus (??).

Rasch vergingen die Tage auf Île Longue die für uns Kriegsgefangene eine Erholungsstätte war u. nur zu bald kam eines Mittags der Befehl, die Insel muss von Soldaten geräumt werden, sie dient ausschliesslich für Civilgefangene. Nur was krank oder noch an der Verwundung litt sollte zurück bleiben, alles andere steht morgen früh marschbereit. Unsere gefassten Kochgeschirre u. Löffel u. Trinkbecher u. Decken mussten wir abgeben u. leichten Gepäcks aber schweren Mutes nahmen wir von unseren Gastgebern den Civilgefangenen Abschied, einer dem andern gute Zeit u. baldige Heimkehr wünschend, was ja beides leider nicht in Erfüllung gehen sollte.

Es war ein stürmischer Morgen u. die See zeigte hohen Wellengang. 2 Schlepper u. 1 Motorboot standen für unsere Überfahrt nach dem Festland bereit, das Verladen ging rasch, schon rasselte auch die Ankerkette u. fort ging es wiederum einem unbekannten Ziele entgegen. Die zurückgebliebenen Civilgef. hatten uns alle an den Strand begleitet u. als die Dampfpfeife unseres Schleppers das Signal zur Abfahrt gegeben hatte u. die Schraube anfing zu arbeiten, da wollte das Winken u. Lebewohl kein Ende nehmen; es waren Deutsche die von Deutschen gerissen wurden.

Wie vor 6 Wochen bei unserer Fahrt nach der Insel so standen wir auch heute eng aufeinander auf dem Schlepper, ich hatte mir rechtzeitig einen wassersicheren Platz gesucht u. stellte mich hart an den Vorder Bug? Kiel (Anm.: Lenz war zeit seines Lebens eine Landratte) des Schiffes. Bald waren wir ausser Sicht unserer gf. Landsleute da drüben u. eifriger beschäftigten sich meine Gedanken mit der Zukunft. Dass wir’s so gut wie auf der Insel nicht wieder bekommen würden das stand ausser Zweifel. Unterdessen waren wir in den Bereich starker Wellen gekommen u. die Wogen die sich am Kiel? Buch brachen überdeckten uns mit dem ... nassen U. salzigen Meerwasser. Langsam nur konnte sich der Schlepper vorwärtsarbeiten u. diesmal wurden wir fast alle seekrank. Haushoch kamen die Wellen mit ihnen wurde der Schlepper gehoben u. ebensolche Tiefen taten sich auf eine Nussschale waren wir in dem Wellengang des Meeres. 2 Std. dauerte die stürmische Überfahrt bis wir im Schutze der Hafenmohlen angelangt waren, wir stiegen an nämlicher Stelle aus wo man uns vor 6 Wochen verladen hatte. In Gruppenkolonnen zog man zum Hafenbhf. ein Zug stand bereits für uns bereit diesmal waren es sogar Personenwagen. Ein junger 19-jähr. Marineinfanterist, den ich fragte warum man uns in Pers.Wg. verlud erklärte mir die Güterwgn. seien zur Zeit alle an der Front zur Tiuppenverschiebung u. sonstigem erforderlich.

Als wir den Sackbhf. Brest verlassen hatten, fuhren wir durch die Bretagne u. berührten im weiteren hernach folgende grosse Stationen Rennes (Nachts 1.00 Uhr)