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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Das Leben des Carl Röthemeyer im Internierungslager Île Longue – ein Bericht seiner Tochter Ursula
On-line gesetzt am 3. Februar 2015
zuletzt geändert am 10. Januar 2016

von Ursula

Auszug aus dem Buch „Fernab des Krieges - das Leben des Carl Röthemeyer im Internierungslager Île Longue“ von Ursula Burkert.

Ohne je eine Uniform getragen zu haben, wird Carl Röthemeyer im Alter von 23 Jahren Kriegsgefangener in Frankreich.

Als am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung von Kaiser Wilhelm II. verkündet wird, entschließt er sich, seinen Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten zu beenden, um dem Ruf zu den Waffen zu folgen. In New York geht er an Bord des Holland-America Liners Nieuw Amsterdam mit dem Zielhafen Rotterdam. Vor Brest wird der Dampfer von der französischen Marine aufgebracht und Carl Röthemeyer landet in einem Internierungslager auf der Île Longue.

Dort macht er die Bekanntschaft eines Malers. Er arbeitet auch in der Landwirtschaft und wird von den Bauern so gut behandelt, dass er sich Jahre später entschließt, diese anlässlich einer Frankreichreise zu besuchen.

Aus den Gesprächen mit unserem Vater sind uns drei Töchtern nur diese wenigen Fakten in Erinnerung geblieben. Stumme Zeugen gab es dennoch: Porträts aus der Lagerzeit, signiert von Leo Primavesi. Alle Porträts zeigen einen jungen Mann mit ernstem, ja verschlossenem Gesichtsausdruck, der mit unserem Vater, der meist heiter und humorvoll war, wenig Ähnlichkeit hatte. Diese Bilder hingen in seiner Junggesellen-Wohnung und dann in der Wohnung unserer Eltern.

Porträt Carl Röthemeyer von Leo Primavesi, 10.11.1916

Auch heute noch begleiten uns diese Bilder als wichtiger Bestandteil des Nachlasses unseres Vaters. Sie erinnerten uns Töchter immer wieder daran, dass ein besonderer Abschnitt seines Lebens uns gänzlich unbekannt war.

In seinem Nachlass fanden wir zwei Dokumente aus der Zeit der Gefangenschaft: Das Ausschiffungspapier der Hamburg-Amerika Linie - ausgestellt am 3. September 1914 - und eine Postkarte seines Bruders Herbert, der ihm aus einem Internierungslager in Pietermaritzburg, Südafrika, im Jahr 1916 geschrieben hatte. Ausserdem undatierte Fotos von seiner Frankreich-Reise im eigenen Auto, begleitet von zwei uns unbekannten Personen.

Nachforschungen stellten sich als schwierig heraus. Das Lager existiert nicht mehr, selbst die Besichtigung der Île Longue ist nicht möglich, denn in den 70er Jahren entstand auf dieser kleinen Landzunge vor der Küste von Brest ein Militärstützpunkt mit technischen Anlagen für Atom-U-Boote. Ein Sperrgebiet mit besonderer Sicherheitsstufe, unerreichbar für uns.

Auf der Halbinsel Crozon im Departement Finistère, dem westlichsten Teil der Bretagne, beschäftigt sich jedoch seit einigen Jahren eine Gruppe von Geschichtsbegeisterten mit der Aufarbeitung der Geschichte dieses Internierungslagers.

An dem Tag, es war der 13. Januar 2013, an dem wir auf diese Website stießen, konnten wir noch nicht ahnen, welche Fülle von Informationen über dieses besondere Lager auf der Île Longue sie uns enthüllen würde. Sehr unterschiedliche Menschen waren in diesem Lager gleich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammengewürfelt worden. So verschieden wie ihre Nationalitäten waren auch ihre Berufe und die Milieus, aus denen sie stammten. Die meisten von ihnen waren Geschäftsleute, Intellektuelle oder Künstler, die nach Ausbruch des Krieges von Aufenthalten aus Übersee zurück in die Heimat fahren wollten.

Durch diese bunte Mischung von Personen ist eine erstaunliche soziale und kulturelle Entwicklung im Lager Île Longue in Gang gesetzt worden.

Die Gruppe aus der Bretagne hat neben einer großen Anzahl eigener Ausarbeitungen viele Dokumente sowie Werke der Internierten aus Archiven ins Netz gestellt: Ausgaben der Lagerzeitung Insel-Woche, Sportberichte, Konzertprogramme, Grafiken und Programmhefte des Lagertheaters, das von dem Regisseur G. W. Pabst geleitet wurde.

Dank dieser umfangreichen Sammlung unternahmen wir in den folgenden Monaten eine ungewöhnliche Reise in die Vergangenheit. Die Entdeckung dieser Website und der intensive Kontakt zu Christophe Kunze, dem deutschen Ansprechpartner der Gruppe, inspirierte uns darüber hinaus, selbst in Archiven und Museen weitere Details über unseren Vater und die Geschichte des Lagers zu recherchieren.

Im August 2013 folgte dann unsere Reise nach Frankreich. Der Aufenthalt in der Bretagne und die Besichtigung der Île Longue haben mich dann veranlasst, unsere Erlebnisse und die Geschichte unseres Vaters aufzuschreiben.

Dieses Buch soll einen Einblick in die Geschichte dieses Internierungslagers und in die Lebenssituation der Gefangenen auf der Île Longue geben. Dabei werden insbesondere die Aspekte des Lagerlebens beleuchtet, die in Beziehung zu Carl Röthemeyer stehen oder stehen könnten. Mich trieb die Frage an, wie unser Vater im Internierungslager lebte, mit welchen Gegebenheiten und Problemen er konfrontiert war und welchen Menschen er begegnete.

Grundlage des Textes sind die in Frankreich gesammelten Informationen. Es handelt sich um Dokumente aus verschiedenen Archiven sowie Artikel der Gruppe zu diversen Aspekten der Geschichte des Lagers. Die Fotos des Lagers stammen von alten Foto-Glasplatten. Bernard Jacquet, ein Mitglied der Historiker-Gruppe, hat sie vor ein paar Jahren auf einem Flohmarkt in Brest entdeckt. Diese Foto-Glasplatten wurden von einem Arbeiter angeboten, der beim Abbruch eines Hauses in der Nähe von Brest einen einzigen der insgesamt 30 Kästen mit Fotoplatten retten konnte. Die anderen 29 Kästen waren bei den Abrucharbeiten bereits zerstört worden.

Hinzu kommen Auszüge aus dem Erlebnisbericht des ebenfalls auf der Île Longue internierten Dichters Hermann von Boetticher sowie Ergebnisse von Recherchen hier in Deutschland.

Neben der Suche nach noch fehlenden Dokumenten, zum Beispiel weiterer Exemplare der Insel-Woche, konzentrierte ich mich auf Informationen zu den deutschen Künstlern Leo Primavesi und Max Pretzfelder. Die meisten der hier abgebildeten Grafiken sind ihr Werk. Beide haben im Lager deutliche Spuren hinterlassen, sie sind jedoch heute fast in Vergessenheit geraten.

Vorstellung des Buches anläßlich des Treffens in der Bretagne am 23. August 2014.

Über das Buch

Das Buch ist unter der ISBN 9783735785985 erschienen:

Artikel in der Bielefelder Tageszeitung Neue Westfälische vom 19.08.2014