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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Der Bericht des deutschen Dichters Hermann von Bötticher
On-line gesetzt am 1. November 2012
zuletzt geändert am 25. Dezember 2012

von Christophe

In seinem Buch „Erlebnisse aus Freiheit und Gefangenschaft“, Berlin (S. Fischer) 1919, gibt Hermann von Bötticher einen Bericht über seine Gefangenschaft, angefangen mit der überraschenden Aufbringung der « Nieuw Amsterdam » durch den fanzösischen Hilfskreuzer « Savoie », die Gefangennahme der Passagiere, ihre vorläufige Unterbringung erst im Fort von Crozon, dann auf der « Charles-Martel » im Hafen von Brest, dann über die Einrichtung des Lagers auf der Ile Longue und das Leben im Lager bsi zu seiner Überstellung in die Schweiz.
Mehr zu Hermann von Bötticher im Artikel : Le poète allemand Hermann von Boetticher.
Im Folgenden die textgenaue Abschrift der Kapitel I und II aus dem 2. Teil („Frankreich“) dieses Buches.

I
Wir schwimmen auf dem Meer. « New-Amsterdam » (sic) heißt das Schiff. Nach Rotterdam soll es gehn. Der Hafen von Neuyork liegt hinter uns, die himmelzerreißende Linie der hohen Häuser singt nicht mehr und das letzte Lebewohl der U. St., die Statue der Freiheit, ist in Nacht versunken.

Es ist ganz warm und windstill auf dem Deck.
Die Pioniere des deutschen Handels liegen hingestreckt und sonnen sich. Aus Chile, Brasilien, Bolivia, Peru , Kolumbien, Venezuela, Kostarika, Panama, Guetemala, Ekuador und Mexiko kommen sie und aus den Vereinigten Staaten und Kanada. Lagerhäuser, Fabriken und Büros mit perlender Arbeit verblassen, aber auch die einsamen Farmen und Plantagen, weite Pampas, dunkle Bergwerke und wehende Steppen -
Fordernd und mächtig steht vor dem Auge nur eins :
Zurück ! Die Heimat ist in Not.
Und so blicken sie über die Bordwand hin aufs Meer und fahren voll Freude ins unbekannte Los.
Am siebenten Tag erblicken sie am Horizont das erste Schiff.
Alles eilt an Deck, setzt die Gläser an und prüft : es ist ein Dampfer, der nach Westen geht. Ruhe ! Warum aufgeregt sein ?
Die einen sagen : Was uns befällt, dem entrinnen wir nicht. Die anderen sagen : Wir sind auf neutralem Schiff. Gewiß ist eines : Die Holland-Linie hat annonciert : « Wir nehmen wieder Deutsche an Bord. »

Der letzte Abend kommt. Alles ist froh und heiter, trinkt und singt. Schon sind wir im Kanal. Es ist eine herrliche Nacht : schwarz, tief ; im samtenen Umwurf die Sterne ; ein weicher, warmer Wind greift wie mit Händen ins Haar. Die Brust ist vom Leben gefüllt.
« Herr Kapitän, wie steht’s ? »
« Vorzüglich, mein Herr, vorzüglich. »
« Noch keine Kriegsschiffe in Sicht ? »
« Genug. Aber sie tun uns nichts. »
« Französische oder englische ? »
« Englische ! »
« Wann liegen wir am Peer ? »
« Morgen mittag um zehn. »
« Wenn ich erwache, seh’ ich - ? »
« Die Türme von Rotterdam. »
« Gut’ Nacht, Herr Kapitän ! »
« Gut’ Nacht. »
Es ist zwölf. Bevor ich zu Bett geh, zerpflücke ich am Schiffsrand ein Bild. Die kleinen Fetzen zerflattern in der Nacht :
« In Paris woll’n wir uns wiedersehen, » sagt sie.
« Wann ? » frag’ ich.
« Im Winter 15, » sagt sie.
Wer lacht ? Das Meer ? Der Wind ?

Ich liege im tiefen Schlaf. Träum’ ich ? Es donnert. Jetzt noch einmal, und jetzt noch zweimal. Heraus aus dem Bett, ans Deck !
Im Nachtzeug, mit Decken verhüllt, grau in weiß, steht dort schon ein geballter Hauf’, wogt hin und her und stiert in den Morgen hin.
Es ist vier Uhr und nicht ein Hauch von Wind. Schwer weiß bis zu lila Dunst liegt auf dem Meer, schwarzrot und ohne Glanz die Sonne mitten drin. Dicht neben ihr, kaum erkenntlich, ein langsam ziehender Schatten ; von einem Schiff ein ungewisser Rumpf.
Dann rennen Schiffsoffiziere und Stewards hin und her und befehlen alles in Reih und Glied.
« Was ist ? »
« Ein französischer Hilfskreuzer. »
« Nichts mehr ? »
« Ich denke, das genügt. »
Abwarten !

Wir liegen still.
Die Nebel rollen lautlos übers Meer, die Sonne dringt mit hämmernden Strahlen durch. Vor uns liegt das fremde Schiff. Es sieht aus, als ob es schläft, schwarzübermalt und scheinbar leer. Von seinem Mast hängt trüb eine Fahne blau- oder schwarzweißrot. Man kann es nicht deutlich sehen. An seinem Rumpfe sitzt unglücklich und dumpf der Name « La Savoie ».
Auf den Decks unseres hellen Schiffs stehen in langen Linien die Passagiere deutscher und österreichisch-ungarischer Nationalität und werden gezählt.
Funksprüche und Flaggensignale gehen über ihre Köpfe hin, auch Rufen, dann kommt der Befehl :
Beidrehen und zurück in den Kanal !
Die bewegten Linien rollen sich in geballte Haufen zusammen. Gesten und Proteste schwirren durch die Luft ; der kurze holländische Kapitän mit den roten Backen erscheint. Er ist unglücklich und schwitzt sanft und spricht zu den Franzosen zurück.
Dann geht ein Boot drüben von Bord, klatscht auf das Wasser und kommt, von der Sonne freundlich beschienen, mit blauen Gestalten und roten Gesichtern gefüllt, an unser Schiff heran.
Nach einer Weile tauchen ein Offizier und zwölf Matrosen über der Bordwand auf. Sie sehen friedlich aus, treten aber auf dem Vorderdeck in einer Reihe an.
Der Offizier, ein zartfarbiger junger Mensch, tritt vor sie hin und kommandiert – seine Stimme ist von dunklemKlang und scheu, seine Wangen sind erhitzt, sein Auge von langen Wimpern verdeckt - :
« Ladet die Gewehre ! »
Die Leute laden ; mit groben Fischerfingern ungeschickt zierliche Patronen, schlank, gelb uind spitz. Es dauert lange und ist schwer. Manchem fällt das tückische Geschoß unter den vielen Blick hin. Man lacht. Die pausbäckigen Burschen werden verlegen und rot. Vereinzelt versuchen sie einen trotzigen, drohenden Blick. Mit einem Lächeln wird er von der Gesellschaft der Herren und Damen quittiert. Ein rundköpfiger blonder Bretone aber kommt mit seinem Schießinstrument gar nicht zurecht. Man spürt an seinen Bewegungen, wie ihn der Gedanke : dies Gewehr wird für die Lächelnden da geladen ! geniert.
Da tritt der fanzösische Leutnant mit dem Knabengesicht an den Unglücklichen heran, um ihm behilflich zu sein, - aber auch er wird mit der alten Mordwaffe, für Menschen bestimmt, nicht fertig, und sein Gesicht wird überschüttet von Blut.
Er muß es lassen und weiterkommandieren.
« Die Bajonette an die Gewehre ! »
Es gelingt.
Die Sonne spielt aufblitzend mit dem Stahl und dann, an den Messern vorbei, liebkosend mit der Verlegenheit im jungen Menschengesicht.
Er muß doch noch die Revolver laden lassen und die Posten auf die Decks verteilen, dann aber ist seine Pflicht getan und der neutrale Dampfer besetzt.
Die « Savoie » grüßt mit der Flagge und winkt. Die Schrauben unseres Schiffes ziehen an, und, begleitet von dem traurigen Wächter hinter uns, fahren wir den ganzen Weg zurück, den wir in der Nacht getan.
Gegen Abend leuchten von der Südseite her duftig verschleierte Küsten, - aber wie es dunkler wird, entziehen sich die nahen uns wieder.
Dann sind wir plötzlich in der Bucht von Brest. Der große dunkle Wächter ist verschwunden. Eins, zwei, drei, vier kleine Torpedoboote sind rauschend angekommen. Sie schreien durch Schalltrichter einander Kommandos zu und tauchen uns in große Lichtkegel ein. Mir wird festlich zu Mut.
Was ist ?
Man ruft hinauf zu uns aufs Schiff. Von unserem Deck ruft die Besatzung zurück.
Ganz langsam gleiten wir ; es rasselt dumpf, wir halten still.
Der Hafen liegt glitzernd um uns.

II

Die Nacht ist vorüber, der Morgen glänzt rosig und frisch.
Der Hafen liegt blau und schimmert, die Luft ist klar. Möwen umschwirren das Schiff, und leuchtend weiß strahlt von den Hügeln : Brest.
In langen Reihen, das tragbare Gepäck am Arm, verlassen die deutschen und österreichisch-ungarischen Völker das Schiff.
Kohlenkähne sind zusammengekoppelt und warten geduldig an Kiel und Bug.
Eine Falltreppe führt sicher aus der « New Amsterdam » in ihre schmutzigen Bäuche die Passagiere hin :
weißbärtige Herren in hellem Überrock ;
verwilderte Burschen mit unrasiertem Kinn ;
weltsichere Männer mit Gleichmut im Gesicht ;
kantige Kels mit zuckendem Stahl im Blick ;
einfache Alte mit traurig gesenkter Stirn
und lächelnde Jugend, im Auge lebendigen Sinn.
Sie rollen in endlosem Zuge aus der Schiffswand heraus ; an ihrer Seite bilden biedere Bretonen mit geladenem Revolver Spalier. Aus allen Luken des Dampfers wird, ergriffen, gewinkt ; oben an Deck stehen, wie Pingouine aufgereiht, die Stewards der Holland-Linie in weißen Kitteln und rühren sich nicht.
Kleine Schlepper kommen prustend heran, gleichen aufgeblähten schwarzen Schwänen, und ziehen mit Anstrenung die gefüllten Kähne hinweg.
Wohin ?
Nun, irgendwo.
Noch gehen Rufe hin und her.
« Grüße Deutschland ! »
« Denk an Wilhelminen ! »
« Schick mir die Decken, hörst du ! »
« Mutter soll nichts denken ! »
« Morgen seid ihr wieder frei ! »
« Nicht, eh’ der Krieg vorbei ! »
« Dann also Weihnachten ! »
« Spätestens ! »
« Lebe wohl ! »
« Adieu ! »
Die jungen Frauen an Bord werden blaß, ihre Männer in den Kohlenkähnen rot. Noch winken Tücher, ein weißer Wald von Händen und von Tüchern. Dann ist nichts mehr als das Schiff zu sehen.
« Ihr seid doch Hunde ! » knirscht ein Noch-nicht-Klarer.

Um uns plätschert blaueste Flut. Meine linke Hand hängt in die Wellen hinein. Meine rechte berührt ein rauh beschuhter Fuß. Ich sehe an ihm hoch in ein braunrotes Gesicht hinein. Dunkelblaue Augen liegen darin und blicken nachdenklich naiv in meine grünen herein.
Ich sehe wieder herunter auf den groben Fuß.
Er gehört meinem Feinde im Boot.

Brest, die weiße Stadt, blinkt nur noch matt bis zu uns. Grüne, in blauer Luft verschleierte Inseln winken aus tief verzweigter Bucht, Delphine schnellen durch die Wellen her, und rotflammende Klippen stürzen von gelben Ginsterhängen ins Meer.
Der Abend kommt ; ein mattes süßes Dunkel. Wir stoßen an und klettern über feuchte Steine, die nach Algen riechen, an den Strand.
Der kleine grauweiße Fischerhafen ist von ruhenden Segelbooten gefüllt. Netze hängen überall, Fischer stehen müde in den Abend hin. Voll geheimer Sehnsucht grüßt ihr Leben uns. Von den goldgrünen Hängen lösen sich rot und blaue Gestalten. Abenddunkle Rufe klingen durch die Luft. Alle Dinge stehen auf einmal zueinander in tiefem geheimem Bezug. Gedrückt und lauschend sehen Gesichter aus dem Halbdunkel heraus ; bretonische Frauen, Knaben und Mädchen kommen in klappernden Holzschuhen und glauben an Spuk.
Bajonette blinken und von den Uniformen das Rot.
In langem Zug schreiten wir an harten Gewehrkolben vorbei.
Die Häuser treten immer tiefer in die Nacht zurück, durch ihre Fenster bricht gelbes Licht. Zwischen Hafen und Dorf geht die Straße hin. Vor einem niederen Gebäude, einem verlassenen Ziegenstall, stehen wir still. Seine Tür weit auf, zu beiden Seiten Posten mit blinkendem Gewehr, wir reichen durch sie hindurch unser Gepäck in schwarze Finsternis und schreiten wieder weiter in endlosem Zug.
Hinter uns weigert sich eine Stimme ; sie verhallt. Wir schreiten fort. Offiziere sitzen auf scheuem Pferd. Dann tönt in die wartende Stille ein Schuß. Frauenschreie erfüllen die Luft, es folgt ein zweiter und ein dritter Schuß : im Innern des Menschen steht etwas still. Nach außen spannt sich der Rumpf, krampft sich die Faust.
« Was ist, Korporal ? »
« Man hat getötet, still ! »
Die Landschaft schweigt. Das Dunkel atmet. Die Offiziere sprengen sie Reihen entlang. Kommandos werden verteilt : wer aus der Reihe tritt, wird erschossen.
Freund und Feind verstummt. Ein böser Geruch zieht durch die Luft ; sie zittert ; die Natur ist entzweit.

Es ist gänzlich Nacht. Wir marschieren. Der Mond hat das Dunkel mit weißem Licht und tieferem Schatten gefüllt. Aus der Tiefe der Nacht steigen zusammengepreßte Baumgruppen und leben. In buschigen Tälern und Hügeln webt’s, die Lanschaft blickt träumevoll in die Meeresbucht hin; wir entfernen uns in sie und kommen in sie zurück. Alles ist endlos. Die Straße fließt durch die Nacht wie ein mildstrahlender Fluß. Wenn sie steigt, seh’ ich Gewehre und Bajonette im Mondlicht glänzen. Einer Vision gleich, zieht sich der Zug dunkler Gestalten über eine Hügelwelle und prägt sich ab gegen Himmel und Nacht.
Nach einer Stunde durchschreiten wir ein Dorf. Nach abermals einer ein zweites. Ein achtzigjähgriger Pfarrer bricht zusammen und wird auf eine Karre gebracht; sein Sohn steht dabei und hilft ziehn, bis eine Wache ihn verdrängt.
Dann erreichen wir ein hochgelegenes Feld. Es ist kahl. Ginsterbüsche und dünne Kiefernwäldchen stehen herum. Durch sie blinkt silbern das Meer. Der Atlantische Ozean.
Wir werden in Gruppen geteilt. Siebzehn Gruppen zu je 70 Mann. Es ist kalt hier oben, der Kanalwind weht. Neue Bewachungsmannschaften tauchen vor uns auf. Die Franzosen sind aufgeregt; sie wissen nicht, wer wir sind.
Dann brechen die ersten Gruppen auf. Nach einer Weile folgen wir. Doch kaum in Bewegung gesetzt, heißt es wieder Halt! Wir stehen vor einer Mauer mit einem Tor.
Es ist ein mächtiger, dunkler Schacht, der in die Unterwelt führt.
Als wir in ihn hineinschreiten, erkennen wir ein Fort. Unsere Schritte hallen. Wir durchschreiten einen Zwischenraum von Wällen. Kanonen stehen schweigend im Mondlicht, blicken auf das Meer und blinken. Dann kommt ein zweites Tor. Wieder hallen unsere Schritte, plötzlich aber sind wir in einem eingeschlossenen Hof. Ein aufgeregtes Hin und Her ist um uns von Laternen, Soldaten, Gewehren und Offizieren. In der Längswand an unserer Seite sind eisenverschiente Öffnungen statt Fenster und Türen. Leise werden wir angerufen. Wir strengen die Augen an und sehen helle Gesichterflecke hinter ihnen und Hände, die sich an die Gitter wie Hundepfoten legen.
Es sind die ersten Gruppen unseres Zuges.
Dann kommen auch wir an die Reihe. Durch dunkle Gänge geht es eine Treppe herauf; wieder in einen unübersehbaren Gang, dann: Halt! Die Posten stellen die Gewehre hin: es dröhnt. Die Laternen beleuchten die Gesichter von unten: die Menschheit bereitet sich einen Spuk. Der Schlüssel des Korporals ist rostig und lärmt im Schloß. Als die Tür aufgeht, taumeln wir in ein bleiches Gewölbe hinein. In der Mitte liegt ein Haufen Stroh, der ist zum Schlafen für uns.
Die Tür fliegt zu.
Im Dunklen tasten siebzig Menschen herum und machen sich ein Lager zurecht. Die Luft ist zum Ersticken. Eisenschienen sind statt der Fenster auch hier.
„Ansmeert!“ sagt ein Hamburger und spuckt mir in die Hand.

Eine halbe Stunde später rasselt es draußen im Gang. Die Tür öffnet sich, eine Laterne und zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett treten herin; zwischen ihnen durch ein langer Offizier mit einem Revolver in der vorgestreckten Hand:
„Liegen bleiben, oder ich schieße,“ ruft er sanft. Dann bringen hinter ihm Soldaten Essen und Faß für die Notdurft herein. Der lange Offizier aber erklärt uns für Gefangene und läßt uns, den Revolver einziehend, allein.

Die Nacht ist um, Flüstern, Ächzen, Schnarchen, Flüche und Träume. Eine graue
Helligkeit bricht in dünnen Ritzen durch die Fensterschienen herein.
Fröstelnde, wie schmutzige Wäsche zusammengeknäulte Gestalten richten sich auf und sehen einander in das verwandelte Gesicht.
Stroh sitzt in Hemden und Haar, die Augen sind klein und rot, die Antlitze gefleckt oder bleich.
Es ist 5 Uhr.
Ein Hornsignal klirrt an die Mauern an.
Es wird lebendig im Fort. Holzschuhe klappern über den Hof, ich lehne die Stirn an die
Fensterschienen und sehe durch die Ritzen Soldaten im Morgennebel stehen. Langsam unterscheide ich in Bruchstücken das innere Fort.
In der Wand vor mir sind Fenster geöffnet, bärtige Landsturmleute ziehen sich an. Überall blinkt Ziegelrot und Blau. Gewehre stehen umher, Bajonette werden geputzt, dazwischen Haare gekämmt, Brot gegessen, das Gesicht gewaschen und schwarzer Kaffe getrunken.
An der Seitenwand des länglichen Hofes ist eine Tür auf, Dampf zieht aus ihr, und
unentwegt gehen die Vaterlandsverteidiger mit leeren Töpfen hinein und den
schwarzgefüllten heraus. Viele schlürfen schon in der Tür das dampfende Getränk.
Kommandos kommen dann und neue Hornsignale.
Der lange, furchtsame Leutnant von der Nacht tritt auf, die alten Leute stellen sich
kümmerlich in Reih’ und Glied, die Bajonette kommen klappernd an die Gewehre:
Die Tagwache löst die der Nacht ab und wird im Fort und in den Gängen verteilt.
Die Tür unseres Tunnels knarrt auf:
« Zwei Mann für das Faß ! »
Alles stürzt hin, das üble Geschäft zu besorgen.
« Zurück ! Nur zwei ! »
Wir einigen uns untereinander und richten einen Klosettdienst ein, denn ein jeder will
hinaus, gleichgültig, um welchen Dienst. Ich zähle ab, wann ich an die Reihe komme.
Eine Nacht hat zur Verwandlung genügt.

Es ist eine Woche später und Mittag.
Die zwei großen Schüsseln mit Reis und Brot sind geleert, die Gruppen der Hockenden um sie herum haben ausgestritten und liegen jetzt wieder Leib an Leib nebeneinander im Stroh.
Der gutmütige Dr. K. aus Meißen ist zum Gruppenchef gewählt. Er hat einen runden Leib, anstatt der Beine zwei Säulen, an denen die Krampfadern die Efeuranken ersetzen, dabei Hände wie ein Mädchen fein. Sein volles Gesicht strahlt Friedlichkeit in aller Bekümmernis aus. Er ist verstaubt und rot und mit goldbraunen Borsten besetzt. Die Augen liegen hinter einem Kneifer blaßblau und klein. Jetzt hat er die Weste aufgeknöpft und hockt nachdenklich im Stroh. Zu seinen Füßen ist auf den grauen Sandsteinfliesen mit einem von der Wand abgekratzten Stück Mörtel ein Schachbrett entworfen. Die Figuren stehen in abwägendem Kampf, geknetet aus Resten von Brot.
Neben dem vollblütigen Sachsendoktor steht auf seinem Platz an der Wand in gelber
Arbeitshose mit kalkigem eingefallenen Gesicht, schwarzem dünnen Bart und Haar und zurückgesunkenen großen Kinderaugen ein schmalbrüstiger Arbeitsmensch. Es ist ein österreichischer Ruthene, der über zehn Jahre in einem Bergwerk Montanas Silberkarren fuhr.
In einem Karpathendorfe warten auf ihn Frau und Kind, für die er stumm in fremden
Schächten gelitten und gesorgt. Nun blickt er in großer Bescheidenheit vor sich hin und denkt seinem Mißgeschick nach: der Gram höhlt ihn in den Nächten aus, am Tage schließt ihm die Helligkeit den Mund.
In der dunkelsten Ecke, wo die Dünste des ununterbrochen benutzten Kübels Pestvisionen beschwören, liegt zusammengekauert im Stroh, genäßt vom überlaufenden Gefäß, ein Herr von C. – Er hat einen eleganten grauen Mantel an, in den er die Knie einzieht, so daß der Stoff auch seine Füße bedeckt. Tag und Nacht, Stunde um Stunde liegt er so und rührt sich nicht.
Die lange Linie des gekrümmten Rückens, der eingezogene Kopf, die verborgenen Füße sprechen nichts als beziehungslose Verachtung aus. Wenn man sich bückt, sieht man in ein weißes aufgedunsenes Gesicht, von dunklen Bartstoppeln verstopft. Dicke häßliche Augenbrauen laufen über die Stirn, bleiche Lider decken die Augen zu; öffnen sie sich jedoch, so begegnet der Blick einem mettalig glänzenden Auge, das wie eine Jauchegrube blinkt.
An die kalkige grüne Wand gelehnt, sitzt ihm gegenüber ein junger stiller Mensch. Es ist ein Uhrmacher aus Berlin, der in Guatemala das Glück des Lebens gesucht. Eine ruhige Harmonie spricht von seiner blassen feinen Stirn; er hat in der Hand ein kleines Buch und liest. Auf dem Rücken des Buches von weichem roten Leder steht: Tolstoi, “Auferstehung”.

Die zweite Woche ist um.
Ich liege im Stroh und schlafe nicht.
Das Ungeziefer hat meinen Leib in ein Feld von roten Beulen verwandelt.
Meine beiden Nachbarn sind Burschen von heißem Blut und erhitzen mich.
Dabei friert der Körper, von der Nachtluft berührt. Einen Mantel habe ich nicht, nur den
hellen Reiseanzug, in dem ich das holländische Schiff veließ. So steh’ ich auf, tu’ von den Füßen das Stroh und geh’ in Strümpfen auf den Steinfliesen zwischen den Schläfern auf und ab. An den Eisenschienen der Fensteröffnungen bleibe ich stehen.
Durch dünne Ritzen sehe ich in eine bleiche regnerische Nacht.
Feine Gräser stehen auf der Walllinie des gegenüberliegenden Daches und gehen im Wind hin und her. Eines ist größer als alle; der Wind kann es voller fassen: es biegt sich immer tiefer bis zur Wurzel hinab, macht eine Bewegung weit in den Nachthimmel zurück und scheint gefüllt von lebensegnendem Schmerz.
Meine Füße sind erstarrt und kalt. Ich gehe zurück ins dunkle Gewölbe hinein. Mit jedem Schritt tiefer wird die Luft beklemmend und dicht. Am Ende ist sie erstickend und von mismatischen Dünsten gefüllt.
Mein Fuß wird feucht.
Mir schwindelt.
Ich stehe still.
Vor mir hockt die Tür, steingrau und alt.
Ein verstaubtes Fenster ist neben ihr, das blickt auf den langen Gang.
Draußen geht, verkümmert und gebückt, Gewehr im Arm, ein rotes Käppi höhnend in der Stirn, eine leidende Gestalt. Ihr Kopf hängt tief herab; von einer Laterne beleuchtet ist ihr stumpf ergebenes Gesicht.
Ein wachsender Schmerz faßt meinen Körper an.
Ich klopfe ans Glas.
Die Gestalt draußen hält, stiert durch das Fenster in mein Antlitz hinein, erschrickt und fällt das Bajonett:
“Zurück!”
“Freund!”
“Was ist?”
“Wir – beide – sind krank!!”

Die vierte Woche beginnt.
Zwischen hohen Mauern, weinüberrankt, läuft der grüne Festungsgraben hin.
An seinem Ein- und Ausgang stehen Posten mit blinkendem Gewehr. Ihre roten Hosen geben bunte Flecke in dem Grün.
Hoch oben, wo die Mauer sich in weiche Wälle verliert, blüht gelber Ginster, und ein
Kiefernwäldchen steht wartend in den blauen Himmel hin.
Hinter ihm liegt das Meer. Weit, weit. Es atmet und rauscht. Das Auge sieht nicht seine Flut, aber die bleich gewordene Seele trinkt in Wellen seinen Dunst.
Das Signal ertönt. Der Posten ruft, die halbe Stunde ist um.
Von den herbstlichen Mauern lösen sich die atmenden Gestalten. Turnende weiße Leiber werfen die Röcke um.
In Reih’ und Glied stapfen sie zurück ins Verlies.

Es ist kein Zweifel mehr: wir sollen fort.
Der kleine pausbäckige Korporal hat’s dem lächelnden Doktor ins Ohr gesagt. Er hat sich dazu, das Trinkgeld versteckend, auf die Spitzen gestellt, und der dicke Doktor hat sich in die Kniebeuge zu ihm gebückt. Nun strahlen beide rot und freudig im Gesicht.
Überall klappert’s von schnellen Schritten; auf den Gängen schallt es und im Hof.
Die ersten Gruppen treten schon auf ihm an.
Die Gräser auf dem Dachfirst stehen in der goldenen Herbstsonne still, nur das große
unter ihnen faßt noch der suchende Hauch: in feinen Schwingungen zittert es hin und her.
Vor seiner Küchentür steht der Koch. Er hat die Hände hinter die schmutzige, weiße
Schürze gesteckt, das rote Käppi verächtlich zurückgeschoben aus der Stirn und blickt mit lila Gesicht und schwarzem Knebelbart dem Aufbruch zu.
Dampf bricht hinter ihm aus und hüllt ihn ein, er flucht eine kleine Zote in den Hof und
tritt in seinen Beruf zurück.
Wir treten in Reih’ und Glied. Gruppen plaudernder Artilleristen mustern uns ein letztes Mal und scheinen froh. Wir marschieren los. Geschützgestelle mit abmontierten Rohren stehen herum und sehen erleichtert aus; die beiden alten Torbogen kommen und sind von Schönheit voll; das Kiefernwäldchen steigt auf, Ginster und Heide blüht, wir schreiten hindurch und stehen still: Vor unsern Blicken rollt und atmet das Meer!

Das Meer liegt stampfend und tönt.
Lerchen sind in der Luft und zerreißen mit ihrem Jubel die freudeentwöhnte Brust.
Es ist noch ganz früh. Die Gräser sind alle noch naß, die ganze Landschaft voll Tau noch und feucht. Schleier von zartem Dunst hüllen sie duftiger ein. Hügel und Täler grüßen. Weiß liegen Dörfer da drin. In Sprüngen und preisenden Wellen läuft golden der Ginster durchs Land. Gemüsefelder ziehen sich, stillgrünend, zwischen ihnen hin. Unser Weg senkt sich und steigt. Wie tief die Baumkronen sind! Eine kleine Kapelle lebt träumend in einer Talnische am Weg. Ein Leiterwagen steht dort und ein Pferd, das grast. Bäche sind da und sprudeln, und immer erneut: ein Baum, eine Hütte, ein Blick, ein Wind von Woher und ein Weg. Der französische Offizier neben mir auf dem Pferd hat ein hochmütiges, rassiges Gesicht; er sieht nichts und blickt immer geradeaus. Aber das Meer dampft immer stärker, und die Sonne wirft Strahlen in goldenen Bündeln umher.

“Wie hieß das Fort?”
„Crozon.“
„Wie weit liegt es zurück !“

P.-S.
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