Hauptbanner
le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Der Erlebnisbericht von August Reiffel
On-line gesetzt am 29. Dezember 2013
zuletzt geändert am 10. Januar 2016

von Christophe, Gérard

August Reiffel war bei Ausbruch des 1. Weltkriegs Notar in Altkirch im damaligen Oberelsaß (heute Département Haut-Rhin). Er wurde wie viele andere wenige Tage nach Beginn der Kampfhandlungen vom französischen Militär als Geisel (otage) festgenommen; ob auf Grund vorbereiteter Listen oder aufgrund von Denunziation ist bisher noch unklar. Dies war der Beginn einer 2 ½ jährigen Odyssee durch verschiedene Internierungslager, zu denen für 10 Monate auch die Île Longue zählte.

Reiffel hat über die Erlebnisse in dieser Zeit gleich nach seiner Heimkehr 1917 einen Bericht für seine übergeordnete Behörde angefertigt, den wir in der Universitätsbibliothek Straßburg entdeckt haben (Signatur MS3783). Der Bericht umfasst zusammen mit 2 Nachträgen 92 Schreibmaschinenseiten, von denen wir die 61 Seiten des Berichts im Folgenden als Transkription wiedergeben.

Der Text erinnert in mancher Hinsicht an den Bericht von Theodor Hommes, eine andere Geisel, aber noch interessanter ist ein Vergleich mit dem Bericht des Gerichtsvollziehers Xaver Rimmelin, der nur ca. 10 km entfernt in Dammerkirch fast am gleichen Tag auch als Geisel festgesetzt wurde. Beide haben einige Stationen (Belfort, Besançon, Moulins, Kerlois und Île Longue) der Internierung zeitgleich hinter sich gebracht (ohne dass der eine den anderen in seinem Bericht erwähnt), trotzdem unterscheiden sich die Blickwinkel auf die Ereignisse deutlich.

Am 19. August 1914 in Altkirch festgenommen (S. 2), kommt August Reiffel in die Lager Belfort, Besançon, Moulins, Kerlois bei Hennebont, Carnac (wo er zeitweise im Hotel lebt) und gelangt schließlich (19. Okt. 1915) ins Lager Île Longue. Auch er bestätigt, dass Ile Longue, verglichen mit anderen Lagern, die besten Lebensbedingungen bietet. So schreibt er (S. 23): „Wir und andere haben sich nie so wohl gefühlt als in diesem Depot. Gute Seeluft, prächtige Ausblicke auf das Meer, Inseln und Schiffsverkehr, absolute Ruhe, wenig Arbeit.“

Es ist bemerkenswert, dass August Reiffel während seines ganzen, oft leidvollen Weges durch verschiedene französische Lager nie seinen offenen und neugierigen Blick verliert (sein besonderes Interesse gilt den Blumen und der Vegetation i.Allg.), ebenso wenig wie sein immer ausgewogenes Urteil.

August Reiffel - Bericht
Seite 1

Hier der Bericht:

Reiffel, August (Notar in Altkirch)

Von 1914 bis 1917 als Geisel in französischer Gefangenschaft.

Ich ergreife die Feder, - so schreiben viele Liebes- und andere Leute am Kopfe ihres Briefes; ich will auch so anfangen, denn ich habe seit Jahr und Tag keine Feder in der Hand gehabt, musste vielmehr alles mit Bleistift ausfertigen; also ich ergreife jetzt wieder die Feder, um meine Erlebnisse kund zu tun vom 19. August 1914 bis 21. Februar 1917, Zeit, in welcher ich als Otage - Kriegsgeisel in Frankreich interniert war.

Vieles ist freilich meinem Gedächtnis entfallen, weil ich keinerlei schriftliche Aufzeichnungen machen durfte, auch gebe ich natürlich nur ein einseitiges Bild des französischen Civil-Gefangenenwesens, weil ich nur berichten kann, was wir passiert ist. Es wäre wünschenswert, dass alle Geiseln, die zurück kehren, ihre gemachten Erfahrungen zu Papier bringen, da sie sich in anderen Lagen und unter anderen Kameraden befunden haben.

Am 7. August 1914 war die erste Schlacht in Altkirch, wo ich als Notar funktionierte. Die Deutschen mussten zurück und die Franzosen waren Herren der Stadt bis zum 11. August; inzwischen erfolgte der bekannte Maueranschlag an die Elsass-Lothringer von Joffre. Verwundete Franzosen und Deutsche wurden im Kornhaussaale und in den Schulen untergebracht und von den Damen und Aerzten der Stadt besorgt, ich selbst hatte Einquartierung beider Nationen. Die Verwundeten Deutschen und Franzosen tranken neben der Schule in Café Schwarz gemütlich zusammen ihren Frühschoppen mitten im Kriegsanfange.

Etwa bis zum 18. August waren wieder die Deutschen Meister, dann kamen Scharen Franzosen in unabsehbarer Menge aus dem Trou de Belfort, über Altkirch nach Mülhausen zu. Dort fand eine Schlacht an 19. August statt, die sich durch das Illtal bis nach Altkirch ausdehnte. Wir sassen bis etwa 2 Uhr Nachmittags in den Kellern der öffentlichen Vorschulklasse.

Um ½ 4 Uhr kam eine Patrouille in’s Haus, die mich einlud zum französischen General auf die Mairie zu kommen, er wolle etwas mit mir sprechen. Ich habe bis heute keinen französischen General gesehen; im Gang der Mairie war bereits Schulinspektor Merbach anwesend. Dann kamen allmählich an die Herren Professor Kaufmann, Bauinspektor Trossbach, Rentmeister Kibles, Wiesenbaumeister Göbel, Baumeister Kammel.

Man sagte mir später ich sei in meiner Eigenschaft als Ergänzungsriohter genommen worden. Der Amtsgerichtsrat Ninneberger war fort und ich hatte in seiner Vertretung die laufenden Sachen erledigt.

Wir wurden in einem dunkeln, kalten Gang bis 6 Uhr festgehalten, keiner durfte hinaus, niemand zu uns hinein. Um 6 Uhr Abends kam ein französischer Dolmetscher der sagte, wir sollen dem General bis Dammerkirch entgegenfahren. Es wurden darauf Pferde geholt, ich glaube von Bürgermeister Brunner, und ein Wagen vom Nachbar Theodor Reichlin. Etwa um 7 Uhr ging’s los, hinter uns in einem Einspänner Herr Baron von Reinach von Hirzbach. Als wir durch französische Soldaten und Kanonen endlich nach Dammerkirch kamen, wurde kein Halt gemacht, sondern nach Altmünsterol weitergefahren. Es dämmerte Allen der Gedanke, dass es nunmehr nach Belfort gehe und einige sprachen die Befürchtung aus, dass wir am Ende 14 Tage dort festgehalten werden würden. Nachts etwa um 12 Uhr kamen wir in Culnières – Löffelholz - an. Dort längerer Aufenthalt weil die Gendarmen gewechselt wurden. Ich wurde vom Wagen herausgeholt und in das kleine Chaisechen zum Baron Reinach gesetzt. Als es los ging, kam ein Gendarm zu uns auf den Bock und einer zwängte sich zwischen den Baron und mich mit der barschen Aufforderung „serrez“! Der dicke Gendarm sass halber auf dem Baron und halber auf mir so dass der Baron zu weinen anfing und sagte, ”ist das eine Behandlung für einen Edelmann"? auch bemerkte er dem Gendarm ich sei krank, was wahr war, denn ich stand bei Ausbruch des Krieges wegen einer Leberkrankheit in Behandlung des Arztes Dr. Hartmann. Der Gendarm blieb aber ruhig sitzen bis Belfort. Auch das arme kleine Pferdchen des Barons, das ebenfalls eine solche Parforcetour in der Nacht von etwa 33 oder noch mehr Kilometern nicht gewöhnt war, und immer stehen bleiben wollte, aber mit dem Zweispänner Schritt halten musste, wurde misshandelt, so dass der Baron sagte, er werde es nicht mehr gebrauchen können.

Belfort

In Belfort kamen wir etwa um 2 Uhr nachts an und wurden eine lange Zeit im freien stehen gelassen. Die Nacht war empfindlich kalt. Endlich öffnete sich uns die Gefängnispforte; ein johlender Aufseher nahm unsere Namen auf und unsere Messer und Zigarren ab; und machte sich besonders über Herrn Reinach lustig dessen „Baron“ ihm gefiel.

Wir wurden in einen Raum geführt, der früher eine Kapelle war, denn es stand noch ein defekter Altar darin. Aus den Betten erhoben sich die Köpfe von Herrn Dr. Spindler, Bürgermeister und Bezirkstagsmitglied von Münster, Dr. Geller, Amtsrichter von Hirzingen, Levy, Gerichtsvollzieher von dort und Andere, die ich nicht kannte, auch ein Geistlicher, Herr Pfarrer Metzger und der Maire von St. Cosmann waren dort, weil sie bei Ankunft des Militärs die Glocken läuten liessen.

Diese beiden wurden bald freigesprochen, nachdem sie vor ein Kriegsgericht gestellt aber durch einen französischen Advokat glänzend verteidigt worden waren.

Wir legten uns zu kurzem Schlafe auf die Gefängnisbetten, nachdem ich einen Teil meiner Kleider und meine Brille auf den alten Altar praktizierte. Andern Tages brachte man uns um 11 Uhr etwas Essen, nachdem wir 24 Stunden gefastet hatten.

Herr Professor Kaufmann hatte man in Pantoffeln vom Kaffetisch geholt. Auch lieh ich ihm ein Taschentuch da er den Schnupfen bekam. Seine Cigarren hatte er Tags vorher gespart, nun waren sie ihm und uns abgenommen. Er als starker Raucher litt sehr. Auch wurde die Ansicht laut wir müssten jetzt arbeiten, Herr Professor Kaufmann sagte, er sei ganz unfähig körperliche Arbeit zu verrichten. Herr Dr. Gellen hatte starken Durchfall, ich gab ihm etwas Opium, dass ich von Dr. Hartmann in der Tasche hatte.

Als Abort diente ein grosser offener Kübel, über den sich jeder mitten in der Stube setzen musste; auch der Herr Pfarrer nahm nach langem Zögern seinen Talar in die Höhe. Wir versuchten den Kübel etwas in die Ecke hinten zu rücken, man hörte das Geräusch unten und sofort kam ein geolier herauf und befahl die Sache wieder an ihren Platz zu bringen. Den vollen Kübel mussten wir Beamten in den Hof herunter bringen. Einige Tage vorher hatte man einen herzkranken, asthmatischen Einnehmer aus Sulzbach, der nicht schnell genug die Treppe im Gefängnis hinauf ging, misshandelt, sodass er am nächsten Tage starb.

Um 4 Uhr Nachmittags wurden Herr Kaufmann Dr. Geller, Levy und andere gefesselt und abgeführt, man sagte uns später nach Bourg bei Lyon. Als Dr. Spindler das sah warf er sich auf’s Lager und weinte; ebenso Herr Baron Reinach und wir mit. Wir Zurückbleibenden kamen dann bald in die Kaserne Bouchenelle in den obersten Stock, der frisch vergittert war. Auch die schwere Eichentüre war doppelt verriegelt.

Ich kam mit Dr. Spindler, Tresebeck und Bahnhofsvorstand Hein Hein aus Moosch zusammen in eine Stube; andere Stuben waren mit 28 Mann belegt.

Vormittags und Naohmittags wurden wir im Kasernenhof 1 Stunde unter Bewachung und unter neugierigem Anstarren von französischen Soldaten herumlaufen gelassen, einer hinter dem andern im Kreise. Wir sahen dort die ersten deutschen Gefangenen, darunter 2 Offiziere, einer mit dem Arm in der Binde. Jedes neu ankommende Automobil mit deutschen Gefangenen wurde mit unendlichem Jubel der Franzosen begrüsst. Herr Rechtsanwalt Kirch von Mülhausen wurde von seiner herbeigeeilten Frau losgeeist und gegen Ehrenwort in die Schweiz gelassen. Herr Baron von Reinach wurde am 25. August im Automobil wieder heimgeschafft. Seine Frau hatte an den Präsidenten der Republik telegraphiert. Seine Ahnen waren Pairs de France.

Bald sah ich auch meinen Collegen, Notar Bleyler aus Altkirch, im Hof herumspazieren, ebenso Amtsgerichtssekretär Maurer von dort; beide hat man am 20. August in Altkirch geholt.

Das Essen in der Kaserne war gut, die Behandlung ebenfalls. Wir liesen deutsches Geld wechseln, für 100 M gab es 120 Frs.

Wer Nachts auf das Cabinet wollte, musste an der Eichentüre klopfen, und wurde dann vom Soldaten in eine Stube mit 2 Kübeln geführt! Am Tage ging ein Soldat mit in den Hof.

Ich hatte einmal einen schweren Traum; ich träumte Belfort sei in Brand geschossen, und ich könne nicht heraus, weil vorn und hinten verriegelt war. Ich liess einen grossen Sohrei aus, weswegen mich Dr. Spindler und Trossbach am nächsten Tag zur Rede stellten.

Dr. Spindler untersuchte mich wegen meiner Leberkrankheit und schickte mich in’s Spital zur Vorstellung. Dort schmierte man mir den Leib mit Jod ein und beförderte mich wieder in die Kaserne.

Nach etwa 8 tägigem Aufenthalt hiess es nachts 11 Uhr aufstehen und anziehen. Wir sassen dann auf den Betten bis 4 Uhr morgens, dann wurden wir zu Vieren zusammengekettet und an die Bahn geführt. Nachdem wir langgenug dort gestanden hatten, wurden wir in Viehwagen verladen, wo einer den andern an den Handfesseln die hohen Trittbrette hinaufzog. Ich sah dort auch die Frau des Altkircher Kreiskommissars Ventham welche man an seiner Steile mitgenommen hatte, wie sie ging und stand in Pantoffeln.

Besançon

Im Zuge versuchten wir mit Erfolg die Fesseln abzustreifen; Mittags etwa um 12 Uhr kamen wir nach Besançon. Dort wurden wir mit unserem wenigen Gepäck auf die etwa ½ Stunden weite Citadelle hinaufgeführt. Zu beiden Seiten stand die fanatische Bevölkerung welche schrie und mit Steinen etc. warf. Sie hätte uns umgebracht, weil man uns für gefangene Spione und Frauenschänder hielt. Das französische Militär musste uns schützen. Von Vielen wurde dieser Gang mit dem Leidensweg unseres Herrn auf den Calvarienberg verglichen. Auf der Citadelle wurden wir in Kassmatten auf faules Stroh gelegt. Als Nahrung bekamen wir nur etwas Suppe und Fleisch in einem rostigen Blechnapf, ohne Gabel und ohne Messer. Viele haben sich aus Abfallholz diese Werkzeuge geschnitzt.

Wieder nach einigen Tagen wurden wir den Berg hinab an die Bahn geführt. Wir blieben etwa 6 Stunden in Viehwagen sitze, bis es weiter ging. Viele liessen sich von den Eisenbahnbeamten Wein holen; ich gab auch Einem 5 Franken, der brachte mir aber keinen Wein und kein Aussengeld.

In Besançon sah ich noch als Gefangene die Gerichtsvollzieher Vockereih und Leve aus Mülhausen, den pensionierten Gerichtsvollzieher Kallen, Rechtsanwalt Weber aus Gebweiler, der mir seinen von der Kette zerfetzten Rock und Arm zeigte. Auch Frauen waren dort. Darunter die Tochter eines Forstmeisters aus Thann Dass man active Beamte fasste, versteht man noch. Aber dass man sich an alte pensionierte Herren wagte, die ehrenvoll ihr Ruhegehalt im Lande verzehrten, wo sie es verdienten, ist grausam.

Moulins

Die Reise ging jetzt, ich glaube 36 Stunden lang, nach Moulins, Departement Allier. In Moulins war ähnliche Begrüssung wie in Besançon. Wir kamen in eine Turnhalle, die „Bourbonaise“ und blieben dort bis 24. September 14.

Wir lagen auf Stroh, auf dem Boden ohne Decken, in vollen Kleidern. Der Boden war mit Sägemehl bestreut, darüber mit Brettern gedeckt. Ich sah hier zum ersten male den Nasshornkäfer. Derselbe hat Läuse. Herr Loos war so verstochen und verkratzt, dass er 2 Monate daran laborierte. Das Essen war gänzlich ungenügend. Es wurde für 138 Personen Suppe gekocht mit 5 Kilo Kopffleisch samt Knochen. Eines Tages fand Schlachthofaufseher Lema von Bramstett Finnen im Fleisch; er hat sie präpariert und mit heimgenommen. Wenn einer ein Bröckchen Fleisch auf dem Teller fand, hatte er Glück: Mittags und Abends bekam jeder je einen Teller Suppe. Brot war genügend da.

Später konnte man sich etwas Käse, Wurst, Obst aus der Stadt bringen lassen. Nur hatten viele Leute noch kein Geld. Eier und Milch waren fast gar nicht zu bekommen.

Besonders Herr Keller, der 78 Jahre alt war und Herr Hammel, der zwar erst 65 Jahre hatte; aber kränklich war, litten unter dem Mangel einer entsprechenden Nahrung. Am Abend unserer Ankunft wurden sofort 2 grosse Bäume im Hof umgesägt. Der Hof war für 138 Leute zu klein; man marschierte im Gänsemarsch herum. Die übrigen Gefangenen, die mit uns von Besançon kamen, waren in einer anderen Halle in Moulins untergebracht.

Die Soldaten, die uns bewachten, erzählten von Greueltaten, welche die Deutschen in Belgien gegen Frauen und Kinder verübten. Man sagte, wenn es so weiter gehe, mache man uns Geiseln dafür verantwortlich und es gehe uns an den Kragen.

In Moulins waren die Gefangenen aus Ensisheim, Mülhausen, Thann, Masmünster, Altmünsterol, Dammerkirch etc. unter uns: Lehrer, Gerichtsschreiber, Förster, Forstmeister, Amtsrichter, Bauinspektoren, Wiesenbaumeister, Privatleute etc.

Nachts schliefen zur Bewachung bei uns die französischen Soldaten mit Gewehr, das sie oft fallen liessen.

Stadtsekretär Wanger von Rixheim war Insassenältester. Er machte den Dolmetscher und vermittelte den Nahrungsmittelankauf. Später konnten wir uns auch Thee kochen. Kosten der Tasse 5 c.

Es kam einmal ein Oberregierungsrat von der Präfectur und sagte, dass die 60 jährigen heim dürfen. Es wurde aber nichts daraus.

Wir alle glaubten, dass der Krieg an Allerheiligen längstens aus sei. Zeitungen hatten wir keine. Briefe kamen allmählich an.

Die Beschwerden der Gefangenschaft waren für mich nicht so peinvoll, als der beständige Gedanke an mein Büro zu Hause, das ich so plötzlich zurück lassen musste. Aber wie gesagt, niemand dachte an eine lange Dauer der Abwesenheit. Man hoffte alles demnächst wieder in Ordnung bringen zu können.

Täglich kam ein Kaufmann aus Moulin und verkaufte viele Decken, Schuhe, Unterhosen, Hemden, Hüte, Kleider an uns Gefangene. Auch Messer das Stück zu 9 sous. Ich hatte meines bis vor 6 Wochen, wo es mir ins Closset in Lyon rutschte. In Moulins wurden wir zum ersten Male geimpft am linken Arm.

Am 24. September 1914 erhielten wir die Nachricht, dass es weitergeht. Wohin?

Kerlois, Hennebont

Kerlois

Wir bekamen Rind- und Kalbfleisch und Käse und Brot mit, Von neuem ging es in die Viehwagen, dicht gedrängt, 2 Tage und 2 Nächte lang nach Kerlois bei Hennebont, Departement Morbihan. Die Reise war ungemein beschwerlich, weil man sich nicht umlegen konnte. Auch war keine Bedürfnisanstalt im Zuge, man machte alles im Fahren ab. Aber frage mich nicht wie? Wir fuhren an Châteauroux, Loches, Tours, Nantes, Vannes vorbei, vielfach in der Nacht.

Loches ist ein interessantes Städtchen mit komischen Türmen. Der Prefect mit Damen des roten Kreuzes waren am Bahnhof. Sie verteilten Kaffe mit Kuchen. Als sie erfuhren, dass wir Deutsche seien, gaben sie uns nichts. Es sind dort viele Felsenwohnungen, so wie bei Graufthal und Hellern. Vor Tours ist auf einer Anhöhe eine in Felsen gehauene riesige Madonna. Bei Tours sahen wir den ersten Flieger und bei Nantes nachts 12 Uhr die Schiffe im Hafen.

Kerlois war früher ein Kloster, später eine Conservenfabrik. Es befindet sich noch eine Kapelle im untern Stock, die aber immer verschlossen blieb. Ringsum zieht sich ein grosser Hof mit Obst- und Pflanzgarten und kleinem Park. Im Hofe befanden sich immer grüne Sträucher und eine grosse Palme, die 1915 blühte, im Park ist ein Teich mit Goldfischen, unter einer Eibe, Kirschlorbeer, Ilex - Stechpalme, Lebensbaum, amerikanische Nussbäume, Linden, wahre Kastanienbäume, Buchen, Eichen, Rosskastanien etc. wachsen im Park. Ausserhalb der Klostermauern stehen Eichen und Tannen und Kastanienbäume. Auch stossen grosse Obstgärten daran. In der Ecke des Parkes ist ein verfallener Kirchhof mit epheuumsponnenen Kreuze. Dort ruhen die alten Priester, die sich ins Kloster zurückgezogen hatten. Jeder hat ein eisernes Kreuz, das letzte ist von 1895 wenn ich nicht irre. Auf freien Rasenplatze im Park sonnten sich in Sommer die Internierten. Es standen dort auch grosse Yuccabäume mit ihren hohen zahlreichen Glockenblumen. Am Portale des Gebäudes waren in Lebensgrösse Jesus und Maria ausgehauen. Auf dem Dache befand sich ein kleines Türmchen, die Glocke davon hing im Hof und wurde Abends geläutet, als wir herauf mussten.

Als wir in Kerlois landeten befanden sich schon viele Deutsche, Oesterreicher, Ungarn, Tschechen, Zigeuner im Gebäude, Männer, Weiber und Kinder auch ein Oesterreichischer Minister mit Dame, ein Graf. Sie waren die sogsnannten „Evacuirten“, d.h. Deutsch-Oesterreicher, die bisher in Frankreich wohnten oder ein Geschäft dort hatten und den Anschluss nach Deutschland Anfang August 14 versäumten oder versäumen wollten wegen des Militärpflicht sein.

Alle lagen auf Stroh, auch wir wurden auf Stroh gelegt, und zwar zunächst auf dem Speicher, bis es unten in den Zimmern Platz gab. Später kamen wir herunter, aber wurden so eng in den Zimmern zusammengepfercht, dass z.B. bei uns Herr Sekretär Maurer überzwerch zwischen die Füsse der Andern liegen musste. Auch nachts mussten die hintern Leute über die vorderen turnen, um austreten zu können. Licht gab es anfangs nicht, so dass wir im Gange unter der Lampe unser Abendessen aus den Blechen löffelten. Die Kost war mangelhaft. Mittags ein Teller Suppe mit minimalen Stückchen Fleisch, Abends Kartoffeln oder Bohnen.

Herr Forstmeister Keyser hat grössere Flächen des Gartens mit Bohnen und Erbsen bepflanzt, die uns zu gute kamen; auch gab er einen Lehrkurs in Spalierbäume-Sohneiden. Zuerst kamen Bauernweiber aus Hennebont mit Obst, Milch, Wein, Fleisch. Später wurde eine Kantine eingerichtet in einem Schuppen. Sie wurde von einer überaus tüchtigen Wirtin versehen. Was man bei ihr bekam war nicht teuer und gut. Milch 25 c zuletzt 30 c, Bier 90 c die 6 Stück; Käse, Wurst, Leberpastete vom Stück. Kaffe mit Milch 10 c, Mittagessen 70 c, seht gut. Am 1. Oktober 1914 konnten sich Internierte nach einem Hotel in Carnac melden; es haben sofort 97 Personen davon Gebrauch gemacht. Es kostete dort in allem zusammen pro Monat 300 Franken.

Bald wurde auch unten am Brett angeschlagen, dass 60 jährige Leute in die Schweiz kommen. Aber es wurde nächsten Tag bekannt gemacht, dass Otage nicht darunter begriffen sind.

Zeitungen, natürlich französische, kamen im November ins Depot das Stück 5 c.

Unten am Brett fand sich auch ein Anschlag, der zum Melden in die Fremdenlegion aufforderte. Meines Wissens haben sich keine Geiseln gemeldet, wohl aber ziemlich viele Evacuierte, also in Frankreich lebende Deutsche, die sich durch schriftlichen Vertrag auf eine gewisse Zahl Jahre verpflichten mussten. Die Leute sollen aber nicht nach Algier, sondern in die Front gekommen sein.

Es wurde allmählich November es regnete lange und heftig. Ein Sturm ging wie ich ihn zu Hause noch nie erlebt hatte; ich sah, wie neben dem Kloster eine grosse Tanne umgerissen wurde, die Wege im Hofe waren bodenlos. Ich machte meinem Freunde Lern, den Vorschlag, etwa 2 Monate in’s Hotel Carnac zu gehen, in der Hoffnung, dass der Krieg dann ziemlich fertig sein werde. Wir meldeten uns bei dem Direktor des Depots: Herrn Commissar Le Bris, und am 3. Januar 15 erhielten wir zwei und Herr Hartwich von Mülhausen die Erlaubnis dorthin abzufahren.

Carnac

Die Entfernung von Kerlois nach Carnac ist etwa 40 Kilometer. Das Hotel ist von Carnac 25 Minuten entfernt, liegt direkt am atlantischen Ozean, und nennt sich Carnac-plage. Es hat etwa 100 Zimmer, ist 3 Stockwerke hoch, elektrisch beleuchtet und hat eine schöne Vorhalle und einen grossen Speisesaal fast ganz aus Glas, von dem man den Ausblick in’s Meer geniesst. Die Betten in den Zimmern sind gut, kaltes and warmes Wasser läuft immer. Wenn man vorneheraus schläft muss man sich zunächst an das Tosen des Meeres gewöhnen.

Hotel Carnac-Plage
Terrasse Hotel Carnac-Plage

So lange ich dort war, war folgende Ordnung: Morgens 8-9 Uhr Kaffee, 12 Uhr Dejeuner, 7 Uhr Abends Diner, 10 Uhr Schluss. Spaziergang in den umliegenden Wäldchen, am Meere, 3 x Vormittages und 3 x nachmittags Ausgang in das Städtchen. Dort war ein gutes Hotel, (de la marine). Die Frau hätte uns gern für 105 frs. den Monat genommen. Es war aber nicht erlaubt.

Es ist eine altertümliche Kirche dorten, deren Turm bis hinauf aus Stein gebaut ist. Über dem Seitenportale befindet sich eine grosse steinerne Krone von den Engländern erbaut anno 1639. Am Hauptportale ist die Statue des Patrons des Rindviehs, des hl. Cornelius. Er hat 2 Ochsen neben sich.

Nicht weit von Carnac, gegen Norden, erhebt sich ein kleiner Hügel, tumulus genannt, auf welchem eine Kapelle und ein uraltes Cruzufix steht. Von dort sieht man die Inseln Belle - Ile und La Groix. Nach letzterer Insel wurden gleich im Anfang die gefangenen Civilisten, die noch nicht 48 Jahre alt waren, eingeschifft. Sie sollen es dorten lange nicht so gut gehabt haben, als wir in Kerlois.

Was die Gegend bei Carnac berühmt macht, sind die meilenweit sich erstrebenden regelmässigen Reihen von Steinen und grossen Felsen, Dolmen und Menhirs genannt. Man glaubt einen riesigen Juden Friedhof zu sehen. Man begreift nicht, wie mit den damaligen mechanischen Mitteln diese Felsen bewegt werden konnten. Man weiss auch nicht, wie alt diese Denkmäler sind und was sie bedeuten.

Die Kost und Wohnung im Hotel Carnac-plage war gut. Sie kostete täglich 8 Frs. An Nebensachen brauchte man 2 Frs. Es waren dort über 100 Personen, auch Leute, die aus Paris etc. kamen, Damen und Herren (Evacuirte). Später sollen die Damen, die ledig waren, ausgewiesen d.h. heimgeschickt worden sein.

Ein Millionär, Hl. Le...... heiratete einfach im Hotel eine Dame die er lieb gewonnen hatte, damit er sie nicht verlor.

Ebbe und Flut waren sehr interessant. Bei Ebbe konnte man weit ins Meer hinaus gehn und Muscheln, Austern, Hummern, Seespinnen, Meerale, Seezungen, Krappen etc. fangen. Die Neumond- und Vollmondsebbe war besonders gross. Ganz gross war noch die Frühjahrs- und Spätjahrsebbe. Bei Carnac sind grosse cementierte FIächen, auf welche Meerwasser aus einem Sammelbassin geleitet wurde woselbst Salz gewonnen wurde. Ausserdem wurde das Meergras, das die Flut an den Strand warf, zusammengehäuft, sitzen gelassen und dann als Dünger auf die Aecker gefahren. Schliesslich wurde dieses Gras auch verbrannt und daraus Jod gewonnen.

Auf der einen Seite von Carnac zog sich halbmondförmig eine etwa 25 Kilometer lange Zunge hin: die Halbinsel St. Trinitat auf der andern Seite eine schnurgerade Zunge: die Halbinsel Kiberon. Im Hafen von Kiberon lagen oft Kriegsschiffe. Nachts sah man auf verschiedenen Inseln im Ocean, die roten und weissen, rotierenden Leuchttürme - (Phares). Um Carnac herum gruppierten sich etwa 50 leerstehende teils prachtvolle Villen; bezw. pompös war die auf einem Felsenvorsprung befindliche Villa eines Engländer. Die Wäldchen bestehen aus kleinen dicken Kiefern mit sehr grossen Butzeln, ferner Cypressen und Cedern. Die Gegend ist bevölkert von unzähligen wilden Kaninchen; die im Kriege nicht geschossen werden; wenn ich pfiff, kamen gleich 10 Stück zum Vorschein und zwar aus dem dichten Stachelginster, der den ganzen Winter blüht. In März sahen wir eine ganze Wiese von Kibitzen, die nach Norden wanderten. In Carnac sahen wir seltene Bäume, darunter grosse Bäume mit weissen, dunkel- und hellroten Rosen mitten im Dezember und Januar. Es sind dies die Kamelien. Ferner viele Feigenbäume. Anderes Obst in der Nähe des Meeres sieht man weniger.

Im Hotel waren von bekannten Personen: Der Minister mit Dame aus Österreich, Bürgermeister Casemann und Gemahlin von Mülhausen, Notar Bleyler, Notar Dr. Galler, Amtsgerichtsrat Dr. Kreckels, Gerichtsvollzieher Less und Vockeroth, Kaufmann Kehler, Bauinspektor Althaus, Wiesenbaumeister Göbel und sein Kollege aus Mülhausen, Hammel aus Altkirch, Kuhn und Mästener, Bahnhofswirt aus Altmünsterol, Wirt Planck aus Mülhausen und Viele andere, deren Namen mir nicht mehr gegenwärtig.

Am 23. Januar 1915 wurden die Herren Hessel und Kahn wegen Kränklichkeit freigelassen, nachdem im November 1914 schon Hl. Kaller wegen Alter heimkam. Der älteste Gefangene, ein Schneider Böglin aus Helfranzkirch mit 82 Jahren hatte schon vorher das Zeitliche im Spital in Hennebont gesegnet. Herr Hamme befand sich zu jener Zeit gerade ebenfalls dort in Spital und man liess das tote alte Männele einen Tag noch neben ihm liegen. Der österreichische Minister wurde etwa im April 15 nach Paris gelassen, um bei einer dort verheirateten österreichischen Prinzessin Wohnung zu nehmen. Das Hotel stand unter dem Präfecten Roth aus Vannes welcher ein Elsässer gewesen sein soll. Er hat sich später engagiert, um seinen gefallenen Bruder zu rächen, fiel aber selbst in kurzer Zeit.

Kerlois, 2. Teil

Am 1. Mai 15 ging ich, deficiente pecunia, wieder nach Kerlois zurück.

Nachdem vorher dort eine grosse Läuseplage geherrscht hatte, so dass man sich täglich 2 X auszog, um Ruhe zu haben, traf ich eine grosse Flohplage an. loh bat daher den Herrn Direktor um die Erlaubnis meine Sachen auf den Speicher zu machen. Allmählich zogen auch viele aus den Zimmern hinauf, umgaben ihr Lager mit Tücher und Zeitungen, so dass man glaubte auf einem Jahrmarkt zu sein. Wir hatten jetzt Strohsäcke, zu welchen sich viele hölzerne kleine Gestelle bauten. Auch wurden aus vorhandenen alten Fensterläden und Türen Stühle und Tische gebaut. Die Flöhe waren so zahlreich, dass manche Morgens aus einem Bettteppich 100 und mehr Stück fingen.

Im Jahre 1915 starben die Frauen des Herrn Hartwig und des Herrn Seipp aus Mühlhausen. Letzterer hatte nunmehr 2 unerwachsene Kinder als Doppelwaisen zu Hause. Herrn Direktor Greve fielen 2 Söhne. Am 9. August 15 erhielt ich die Nachricht, dass mein Sohn August in Russland am Narew am 28. Juli 15 den Heldentod fand. Er war Fahnenjunker im 250 Reserveinfantrie Regiment und fiel mit 18½ Jahren.

Das für die Gefangenen ankommende Geld wurde im Bureau deponiert. Der Direktor gab jedem nach Bedarf. Ich persönlich habe mich nicht über den Direktor zu beklagen. Er hat mir nie ein böses Wort gegeben. Er hielt uns sehr abgeschlossen. Die Leute in der Nachbarschaft hätten gern Leute gehabt für ihre Feldarbeit, 2 Frs. den Tag und die Kost. Der Direktor des Depots gab aber keine Gefangenen heraus. Die einzige Gelegenheit vor das Tor zu kommen war ab und zu beim Wasserholen an einem 200 Meter fernen Brunnen. Auch Herr Forstmeister Kayser durfte 2 X in den Wald um das Abschneiden des Ginsters für Bohnen zu beaufsichtigen. Er brachte immer einen Straus Glockenheide (Erica) mit.

Ich durfte 2 X nach Hennebont um eine Vollmacht zu machen, selbstverständlich mit Begleitung eines Soldaten. Hennebont hat 12.000 Einwohner und erinnerte mich mit seiner Markthalle, seinem Strassenverkehr und seinem welligen Terrain an Altkirch. Es ist ein Hafen dort, wo grosse Frachtschiffe liegen. Unsere Kameraden unter 48 Jahren wurden dort im Oktober 14 nach der Insel Groix eingeladen.

Direktor Große, Notariatssekretär Rothing aus Masmünster und ich durften im Oktober 15 nach Lorient fahren um uns Zähne ziehen zu lassen. (Lorient 40.000 Einwohner) Ein Soldat ging mit, aber ohne Gewehr. Lorient ist 7 Kilometer entfernt. Es geht auch eine Strassenbahn dorthin, die wir benutzten. Eine schöne Schaffnerin deren Mann im Kriege stand, gab die Billet. Der Zahn kostete pro Stück 2 Franken zum ziehen. Wir 3 waren gut aufgelegt, da wir einmal wieder einen Augenblick heraus kamen und nahmen Würste und sonstige Esswaren mit. Tranken auch sehr guten Flaschenwein, weiss, zu 1 Franken. Herr Bothley hing beim Zurückkommen seine 14 Würste an einen Kranz auf dem Speicher am Balken auf. Morgens waren sie halber von den Ratten gefressen. Von diesen lieben Tieren gab es eine Menge auf dem Speicher, wo wir hausten. Auch junge und alte Fledermäuse klebten am Dache.

In Carnac und in Kerlois lebten viele Frauen, Französinnen von Geburt freiwillig bei ihren aus Deutschland gebürtigen Männern. Diese Französinnen konnten es in ihrem Heimatsort nicht aushalten, weil man es ihnen nicht verzieh einen Boche geheiratet zu heben.

ln der Bretagne speziell in Departement Morbian gibt es eine grosse Sorte Edelkastanien, grösser noch wie die italienischen Maroni. Die Soldaten brachten uns ein Taschentuch voll für 1 Franken. Jeder Soldat bezieht zu seinem täglichen Sold von 5 centimes noch ein Päckchen Tabak von 100 Gramm Kostenpreis 15 c. Diese Päckchen verkaufen sie vielfach an die Internierten um 60 c. Der Tabak kostete in Kerlois (jetzt ist er teuerer) 40 Gramm graues Papier 50 c., 50 Gramm blaues Papier 80 c, 40 gelbes Papier 1 Franken. Der blaue Tabak ist scaferlati superior. Der gelbe Tabak ist Maryland. Die Cigarre kostete 10 c. Jetzt 2 Cigarren 25 c. Kleinere Cigarren 5 c. Tabak und Cigarren sind gut. Es ist alles verstaatlicht. (Monopol) Ebenso die Zündhölzer, Schwefel 5 c. schwedisch 60 Stück a 10 c. Tabak und Zündhölzer bringen dem Staate viele Hundert von Millionen ein.

Deutsche Soldaten durften wir in Carnac und Kerlois weder sprechen, noch von weitem grüssen. Wenn ein deutscher Soldat nach Kerlois zum Arzt kam, wurden wir heraufgejagt und die Fenster geschlossen. Bei Carnac kamen im Februar 15 200 deutsche Gefangene an. Sie machten die Wege in Ordnung und mussten den Franzosen zeigen wie man Schanzgräben aufwirft. lch beobachtete sie einmal auf 200 Meter einen Augenblick, worauf mich ein Posten dem Sergeanten in Carnac anzeigen wollte.

Ein Wort muss ich noch über die „Cabinets“frage anfügen. Als wir nach Kerlois kamen mussten wir uns hinten im Hof einer neben dem andern hinsetzen, um unserer Notdurft zu verrichten. Abtritte gab es in dem Hof nicht. Die Mädlen in den Nachbarsgärten machten sich über uns lustig. Später haben wir grosse tiefe Gräben gezogen und eine Stange entlang gelegt, damit Niemand hinunterfiel. So sass man denn gemütlich in Reihen und rauchte seine Cigarre. Ich erinnre mich, dass einmal Herr Kayser bei einer Sitzung um Feuer gebeten wurde. Einen freien Augenblick gab es nicht. Es waren etwa 800 Gefangene da und die Nachfrage zu jeder Tageszeit stark. Eine Wache stand immer dabei. Nachts durfte man im Hause auf die Aborte, aber lieber noch im Freien.

Anfangs mussten wir Beamte die Wege kehren und die Aborte reinigen. Wir weigerten uns später, worauf der Kommissar uns in Ruhe liess. Nur Kartoffeln mussten wir noch helfen schälen.

Es starb Anfangs 1915 noch ein Internierter Namens Marx(?). Es war ein Zuckerkranker Herr da, der 7% Zucker hatte, er bekam oft Beulen wie Kindsköpfe. Seine liebenswürdige Frau pflegte ihn treulich. Ein dicker Kellner brach das Bein. Ein schwindsüchtiger Kaufmann kam in’s Spital. Aber zu jener Zeit wurde eben kein Mensch heimgelassen. Den 60 jährigen hat einmal der Direkter gesagt, sie kämen im Frühjahr 15 Heim. Es wurde nichts daraus, wir wurden eben festgehalten als Geiseln.

Der erste von allen im Elsass gefangenen Beamten war Herr Forstmeister Kayser der am 15. Januar 16 heim durfte. Im Oktober 15 kam eine Commission, die jene Geiseln heraussuchte, die nach Île Longue kommen sollten. 12 blieben in Kerlois zurück. Vorher schon kam ein Trupp elsäsischer Gefangener von der Insel Groix, darunter Gymnasiallehrer Harriet (?) von Altkirch, der Postmeister von Altmünsterol, etc. Letzterer sagte mir, die Franzosen hätten ihnen den Vorschlag gemacht überzutreten. Sie hätten aber erklärt, der Beamteneid hindere sie daran. Die geborenen Elsässer kamen in ein besseres Lager. Wir alle andern wurden am 19. Oktober 15 nach Île Longue bei Brest gebracht.

Der Direktor Kommissar Le Bris hielt uns eine schöne Abschiedsrede und bezeichnete uns als die „Elite“ der Gefangenen.

Île Longue

Île Longue ist eine Insel in der Bucht des Brester Kriegshafens, 9 Kilometer von Brest entfernt. Es findet sich ein Dörfchen auf der Insel, in das wir aber nur durften, wenn die Schiffe wegen des Sturmes dort landen mussten. Die deutschen Soldaten haben eine grosse steile Treppe durch Felsen vom Meer hinauf zum Dörfchen gebaut. In der Bucht befinden sich noch viele Inseln und Halbinseln. Man sah weit hinein in die Meerbusen bis zu einem etwa 50 Kilometer weitem Gebirge. Im Sommer muss eine Dampferfahrt auf dem Meere angenehm gewesen sein. Alle Inseln und Halbinseln waren bewohnt. Viele Windmühlen befanden sich auf den Höhen.

Von Île Longue sah man Schiffe aus und nach Amerika durch die ziemlich enge Hafeneinfahrt passieren. Im Spät- und Frühjahre unzählbare Fischerboote, Dampfer, die die Inseln mit Nahrung versorgten, Unterseeboote, Torpedos, Kriegsschiffe. Das Meer war bevölkert mit Möwen, Wildenten, Seeraben, Delphinen.

Als wir nachmittags gegen 5 Uhr an der Insel landeten, waren wir angenehm überrascht viele deutsche Soldaten am Landungsplatze zu treffen, die unsere Sachen abnahmen. Die Soldaten selbst waren erstaunt, so alte Herren mit grauen Bärten als Kriegsgefangene zu sehen. Dem Verkehr mit den Soldaten legte niemand etwas in den Weg. So umstanden sie tagelang unsere Baracke und staunten uns an. Wir trafen auch noch viele Civilisten an, die aus Amerika auf holländischen Dampfern herüberfuhren und im August 14 bei Brest geschnappt wurden.

Auf dem mit Stacheldraht umzogenen, uns zugänglichem Terrain, befanden sich nur Baracken, die etwa je 40 Leute aufnahmen. Ein steinernes Haus war nur auf der Höhe, das war die Infirmerie. Die Baracken waren nicht wasserdicht, auch pfiff der Sturm ganz gewaltig durch. Wir wurden auf Strohsäoke gelegt, kein Tisch, kein StuhI. Wir waren anfänglich sehr deprimiert. Herr Forstmeister Kayser schrieb heim, es sei ein ganz unwürdiger Aufenthalt für ältere Leute. Die Abtritte befanden sich halbwegs zum Meere, wohin man mitten in der Nacht in Holzschuhen und Paletot hinunterwandern musste.

Man liess uns von oben sagen, es sei für uns ein Repressalienlager, wir sollten es ruhig heimschreiben. Ausserdem liess uns der Kommandant wissen, er verlange uns nicht zu sehen. Wenn wir etwas zu reklamieren hätten, sollten wir es dem Chef de groupe sagen. Jede Baracke hatte einen solchen. Unserer hiess Schert, der aus Amerika herüberkam, ein liebenswürdiger Mensch. Er kam später (wegen Malaria) in die Schweiz. Sein Nachfolger wurde Herr Italiener ebenfalle ein braver Kerl.

Im Laufe des Tages blies es oft für die Chef de groupe, welche die Befehle entgegenahmen und uns wieder mitteilten. Überhaupt blies es zu Allem auf der Insel. Man brauchte keine Uhr. Um 6 Uhr war Wecken, dann holte einer Kaffe und verteilte ihn. Um 7 Uhr blies zur Arbeit, um ½ 9 Uhr zum Arzt, um ½ 11 Uhr zum Essen, um 1 Uhr zur Arbeit; um 5 Uhr zum Postempfang, um ½ 6 Uhr zum Essen um 9 Uhr resp. 10 Uhr zum Bettgehen. Ausserdem blies noch die Feuerwehr.

Soldaten standen ausserhalb um den Stacheldraht zur Bewachung. Die Insel ist fruchtbar, man sah hübsche Kartoffeln, Weizen, Hafer, Bohnen, Erbsen, Salat, Gelberüben, Zwiebeln und besonders schöne Artischocken. Bäume einige Heinbuchen, die von den auf der Insel herrschenden gewaltigem Sturm ganz schief waren. Auch einige Strandkiefern. Erbsen pflanzten die Insulaner zwischen die Kartoffeln, weise und rotblühende Erbsen. Letztere sind Zuckererbsen - mange tout. Auch üppige „Sau“bohnen und schönes Kraut am Rande des Ackers. Ein grosser Teil der Insel ist mit Stachelginster besetzt, der mannshoch ist und den Wald ersetzt. Er blüht von Oktober bis Ende Mai gelb.

Vögel sind einige gelbe auf der Insel, auch Spatzen, Mücken nicht viele. Viele Flöhe dagegen, Inselflöhe, die eine andere Rasse sein sollen als die z.B. in Kerlois.

Man hing die Teppiche jeden Morgen auf und sah nach. Die andern Herren liessen sich Bettstellen bauen in allerlei Formen; ich allein blieb mit meinen Strohsack auf dem Boden liegen und wurde dadurch eine Berühmtheit unter den Internierten.

Die Baracken waren in Backschaften eingeteilt. Zu dritt schlief man in einem Abteil, Restaurateur Ross von den ...werken, Gendarm Bauer von Thann und ich waren zusammen. Mit der Zeit bauten wir uns ein kleines zusammenlegbares Tischchen und einen primitiven Stuhl. Auch kauften wir ein Lämpchen um 5 Frs., Petrol kostete 70 c der Liter. Wöchentlich kamen 3 x Frauen mit Weisszeug, Geschirr, Lederwaren etc. 3 x kam die Tabakfrau.

Es waren bei unserer Ankunft 1200 Soldaten 800 Civilisten auf der Insel, erstere meistens Reconvalescenten. Soldaten und Zivilisten bauten sich kleine Gärtchen mit Radieschen, Salat, Kartoffeln, Gurken, Melonen, Tomaten, Erbsen, Bohnen, Blumen. Eine dankbare Blume ist die Winde. Unter unserm Fenster hatte Ross mit deutschen Samen solche gesät. Es gab jeden Tag 30 Stück etwa. Am Tag vorher kannte man die Zahl schon an den vorhandenen Knospen vorher bestimmen. Diese öffneten sich in der Nacht, ganz früh Morgens war der ganze Flor da, hellblau, dunkelblau, rot. Gegen 11 Uhr war’s fertig. Wenn trübes Wetter war, dauerte die Blute einige Stunden länger.

Im Mai etwa kamen die Soldaten weg nach Brest, Kiberon etc. Sie verkauften ihre Gärtchen à 50 centimes das Stück. Im Juli 16 wurden wir mehrere Male gegen Typhus im Rücken geimpft. Einige bekamen Herzkrämpfe daraufhin.

Alle Soldaten gingen ungern von der Insel weg. Der Kommandant wollte zwar nichts von uns wissen, er liess uns aber in Ruhe. Aber der Adjudant Major Mouraux war ein prächtiger Mensch, dem jeder deutsche Soldat und jeder deutsche Civilist ein dankbares Denkmal im Herzen bewehren wird. Nie gab er jemanden ein böses Wort, lachend und scherzen mit den Gefangenen ging er durch Baracken und Strassen und hörte alle etwaigen Beschwerden geduldig an. Er hies überall der „Max“. Ehre diesem Franzosen. Wir und andere haben sich nie so wohl gefühlt als in diesem Depot. Gute Seeluft, prächtige Ausblicke auf das Meer, Inseln und Schiffsverkehr, absolute Ruhe, wenig Arbeit.

Wir 55 jährige waren ursprünglich von jeder Arbeit befreit, später wurden wir herangezogen, zahlten aber den andern jüngeren Leuten als Ablösung wöchentlich 1 Franken, ausserdem 20 c. wöchentlich für Kehren unserer Wohnung. Viele Beamte liessen sich bedienen von Soldaten für 1 Frs. die Woche.

Die Soldaten wurden mit Arbeiten nicht gequält. Es war aber nur Lebensmittel corvée, d.h. Herausschaffen von Kohlen, Fleisch, Kartoffeln etc. vom Schiff auf die Insel hinauf, dann Reinigen der Gräben, Tragen von Brettern zum Barackenbau, dann endlich aber auch Waschen der Spitalleintücher. Dieselbe Arbeit mussten auch die Civilisten leisten, wenn sie sich nicht einen Vertreter stellen wollten. Die Vertretung kostete in der Woche 1-3 Franken, je nach Häufigkeit der Arbeiten. Ich habe manchmal Grund in Schubkarren gefahren, nur um in die kleinen Wäldchen zu kommen, und à cause de mouvement.

Donnerstag kamen Pakete. Da hiess es blos „Freiwillige vor“. Ich ging oft mit. Man bildete eine Reihe vom Schiff zur Insel hinauf und gab die Pakete von Hand zu Hand, nicht ohne jedesmal nach der Adresse zu sehen.

Eine grosse Kantine lieferte Wein, weiss und rot, vom Fass, Bier ebenfalls vom Fass, Conserven, Leberkäs, Bohnen, Confitur, Seife, Palmin etc. Im Winter kam Schweinefleisch und gutes Schweinewürstchen à 25 c, Rotwein kostete 90 c, Weisswein 1 Frs. der Liter. Das Bier wurde aus Confiturgläsern, Conservenbüchsen, etc. von jeder Grösse und Form getrunken, da keine Gefässe in der Kantine vorrätig waren. Einige Hofbräuhauskrüge waren in festen Händen. Es gab Bier für 5 c bis zum Liter 40 c. Auch Apfelwein war zu haben.

Der Vorraum der Kantine diente als Aufenthalt zum Studieren. Es wurde englisch, italienisch, französisch, spanisch sogar türkisch getrieben. Auch Rundschrift, Stenographie etc. Die „Amerikaner“ hatten einen Stammtisch mit einem Täfelchen, darauf stand 605 - beinahe Ehrlich. Die Mexikaner hatten ebenfalle Sondertisch mit einem Vogel, der einem Adler ähnlich sah, auf einem Schildchen. Da sass Civilen und Militär in den Stunden 4-6 Uhr einträchtig zusammen. Ein Dolmetscher namens Hase (er soll von Metz sein) sprach freundlich mit den Leuten und trank manchmal im Stehen ein Glas.

Militär war höchster Grad: Offizierstellvertreter. Es war auch ein Jägerleutnant da. Da er aber erst während der Gefangenschaft befördert wurde, wurde er von Frankreich nicht in ein Offizierlager gelassen.

Am 23. April 16 - Ostersonntag kamen viele Soldaten als Krank in die Schweiz, auch Civilisten. Ich hatte mich auch vorgestellt wegen Hypertrophie der Leber, Hämorrhoiden etc. Die Schweizerärzte wollten mich herüberlassen, der ausschlaggebende französische Vorsitzende Militärarzt aber strich mir über den nackten Körper und sagte leise zum Tische „maintenu“ damit war ich zum Bleiben verurteilt.

Sonntags war Gottesdienst in einer Baracke für Protestanten. Den hat ein Rector abgehalten, der ein guter Redner war. Er war etwa 45 Jahre alt und Kriegsfreiwilliger, war auch verwundet worden und kam am 23. April mit in die Schweiz. Nach ihm hielt Steuerinspektor Krauss den Gottesdienst, durfte aber nicht frei vortragen, sondern musste aus einem Predigtbuche vorlesen.

Wir Katholiken hatten eine Messe in einer Kassematte um ½ 10 Uhr. Es kam ein Geistlicher mit einem Schiff von Brest, mit ihm immer der Kommandant von Brest, ein Graf von K. Auch unser Kommandant und die Leutnants wohnten bei vorn am Altar. Es brannten viele Kerzen an einem Altar, der ex abrupto errichtet war, ohne Tritte vorn. Weiter hinten leuchteten Azetylenlampen. Als Messdiener funktionierte ein deutscher Soldat, der Ordensmitglied war und bereits die niederen Weihen hatte. Bei Abreise der Soldaten von Brest durfte derselbe beim Pfarrer in Brest bleiben. Letzterer war Professor am Lyceum zu Brest und sprach gebrochen Deutseh. „Wer Oren at, der öre.“ etc.

Vor dem Gottesdienst war Beichte; es communicierten dann die Leute, manche jeden Sonntag. Der Pfarrer las das Evangelium und dann eine kurze Ansprache in Deutsch. Sämtliche Geistliche gehen in Soldatenuniformen, lassen sich Bärte wachsen, werden zu Sergeanten und Offizieren befördert, Wöchentlich stehen lobende Citationen in den Blättern über ihr heldenmütiges Vorgehen als Offizier oder Sanitäter etc. in der Front oder als Gefallene für Frankreich.

Wir erhielten Bücher und Bildchen und „Kirchenglocken“ aus der Schweiz, von unseren Bischöfen verfasst. Ein verbreitetes Büchelchen „Ich war gefangen“, nämlich Jesus. Eine Baracke diente als Bibliothek. Es gab beletristische illustrierte, wissenschaftliche Werke aus allen Disciplinen, in grosser Zahl, meistens vom roten Kreuz in Genf, Abteilung pro captivis. Die Bibliothek war auf zur Benutzung, auch durfte man Bücher mitheimnehmen.

Eine Baracke neben daran diente als Turnsaal. Während meiner Anwesenheit wurden neue Baracken errichtet, „Adrianbaracken“ Die Fenster sind aus geöltem gelben Tuch, keinem Glas. Innen sind sie breit, bequem, mit Brettern and Zapfen zum Aufhängen der Kleider. Einige neue Baracken wurden bald darauf wieder niedergerissen. Es gab etwa 100 Baracken auf der Insel. Jede 3. Baracke hatte eine Küche zusammen.

Die Äcker der Insel sind an die Bewohner dort verpachtet. Es wurden im November 15 ihnen ungefähr 20 Äcker abgenommen und von den „Amerikanern“ zu einem Sportplatz von 333 Meter Umfang geebnet. Neben daran gab es zwei Lawn-Tennis-Plätze. Weiter unten 2 Kegelbahnen. Herr Forstmeister Kayser hat bei seiner Abreise versprochen Kegelkugeln zu schicken von Mülhausen, was er auch später getan hat. Es fanden Sonntags Wettspiele in Fuss-Faustball, Hockey, Kegeln, etc. statt.

Grosse Caricaturen auf Plackaten machten Reklame. Es waren nämlich unter den Gefangenen alle Gewerbe und Künste vertreten, ebenso unter den gelehrten Berufen, Juristen, Medizienern, Philologen, Theologen. Prächtige Schnitzarbeiten, für Bilderrahmen, Perlmuttergemälde der Insel, Ölgemälde von Gefangenen, teilweise von Pariser Künstlern, das Stück zu 30 Franken zu haben. Ein Mann schnitzte prächtige Bierhumpen aus Holz, kleine Weinfässchen für 2, 3, etc. Liter. Ein anderer Mann machte Fingerringe aus kupfern 10 centimes Stücken, auch aus 2 Mark oder Frankenstücken. Es gab Mützenmacher (à 1,20), Brillenmacher. Ich sah Geldbörsen aus Eidechsenleder aus Südamerika, In den verschiedenen Baracken gab es noch kleine Wirtschäftchen, wo die Betten zu Kanapees umgewandelt wurden und wo auch Cognac und Rhum zu haben war. So verging einem doch die grässliche Langweile, die man z.B. in Kerlois zwischen den Klostermauern hatte, und wo jeder Sport untersagt war.

Jeden Tag Morgens wusch man sich ganz nackt, Winter wie Sommer in den Waschbaracken. Es war auch noch eine Spezialbadanstalt da. Das Wasser musste aus Cisternen mit einem Rade heraufgepumpt werden, was leicht ging. Sommers durfte man im Meer baden.

Solange ich also in der Île Longue war, kann ich dies nur als einzig dastehendes Musterlager bezeichnen.

Trinkwasser kam von einer Halbinsel her und wurde um 11 Uhr und Abends 6 Uhr freigegeben.

Sie werden sich wundern, dass man sich nicht durch Baden in offenen Baracken erkältete. Erklärung ist die: Aus dem Golfe von Mexiko geht ein warmer Strom von 800 Kilometern Breite nach Norden, an der Westküste von Frankreich vorbei (der Golfstrom). Es fällt fast nie Schnee auf der Insel, auch gibt es kein Eis dort. Aber die heftigsten Stürme, die ich noch je erlebt habe. Nachts glaubte man, die Baracken fliegen in die Luft. Nota bene. Anfangs hat es auch stark in die Baracken hineingeregnet, so dass ich oft einen kühlen Kopf bekam. Nach und nach wurde die Dachpappe ausgebessert. Einmal wurde das Dach von 19 Aborten vom Sturm abgedeckt und gegen eine Baracke geschleudert, so dass fast die Schlafenden umkamen.

Der Schmutz in gewissen Strassen war beim Regen gross, so dass Arm und Reich in Holzschuhen kerumlief. Wer sich solche nicht leisten konnte, erhielt sie vom gouvernement. Auch wurden die Schuhe unentgeltlich gesohlt. Sonst haben die Soldaten schöne Strassen gepflastert und bezw. auch die Wege zwischen den Baracken. Da befanden sich denn auch Kartoffel- und Blumenbeete, an den Fensterchen Vorhängchen und Kletterblumen.

Jeden Morgen kamen Bäcker durch die Baracken mit Küchelchen. 3 Stück zu 25 c. Auch anfänglich Händler mit Kleidern, Schuhen, Hemden, Kaffee, Häringen (aus Holland) etc.

Die Kost in Île Longue war Anfangs sehr gut. Später geringer, nur 3 mal wöchentlich Fleisch. Sonst Sardinen. Wir zahlten eine Kleinigkeit zu wöchentlich, damit wurde besser geschmelzt. Eine zeitlang gab es wenig Brot (Repressalienmassnahme) so dass wir alle Hunger litten. Später gab es wieder mehr. Das Brot war gut.

Die Küche besorgten Leute von uns; sie machten aus den Lieferungen des französischen Staates alles mögliche, was sie nur konnten; Gulasch, Kartoffelsalat, Sonntags sogar Frikadellen. Statt Brot gab es oft „Biskuit“, die man aber einweichen musste. Kranke konnten sich Weissbrot kaufen, auch Milch, den Liter 50 c. Sonst bekamen sie aber dieselbe Kost wie wir. Wir mussten sie abwechselnd ins Spital herauftragen (10 Minuten).

Wer eine „Fleischkarte“ vom Arzte hatte, (sie war leicht zu bekommen) konnte sich von Brest Morgens mit dem Schiff alles Gute bringen lassen: Ochsenfleisch, Kalbs-, Sohweinskoteletten, Gänse, Salat, Tomaten, Erdbeeren, Dessert, etc. Es waren Spiritusapparate zur Verfügung die Minute ein centimes.

Geld bekamen wir jede Woche 10 Franken, wer eine Fleischkarte hatte 15 Franken von unserem Depotgeld. Von ankommenden Gelde wurde uns monatelang etwa bis zum Oktober 20% abgezogen, als Gegenmassregel, angeblich weil Deutschland den französischen Gefangenen nicht die entsprechende (dem Kurse entsprechende) Summe auszahlte, mit andern Worten nicht richtig und hochgenug die Franken in Mark umwandelte.

Pakete kamen meist nach 4 Wochen an, Geld auch, aber Einschreibesendungen und Einschreibebriefe gingen schneller. In einem Cigarrenpakete fehlten mir 50 Stück und gerade von den besten. Die Franzosen haben doch manchmal einen guten Geschmack. Herr Otto Bayer aus Mülhausen hatte mir einmal 300 Stüok geschickt.

Vom roten Kreuz bekamen wir zu Weihnachten 15 alle 2 Packetchen mit grossen Chokoladentafeln, Wurst, Basler Leckerle, Schweizerstumpen, Kalendern, Weihnachtskerzen und Tannenzweige.

Die Commission des otages á Bale liess mir ab und zu Geldbeträge zukommen, auch einen Anzug und sonstiges. Anderen Gefangenen ebenso.

Tannenbäume kamen ein Wagen voll, aber erst im Februar 16. In den ersten Baracken waren Ungarn einquartiert, zwar Civilisten, die aus Amerika herüberkamen. Sie bekamen etwas bessere Verpflegung, auch von Österreich aus dem Maria Theresiafonds jeder pro Monat 5 Franken und jeder einen schönen braunen Mantel. Es kam auch einmal ein Pope mit weissem Bart, dem sie die Hand küssten und dafür je 3 frs. einnahmen. In den folgenden Baracken waren junge und alte Amerikaner untergebracht darunter viele reiche und vornehme Herren. Einer war Justizrat aus Bremen, ein anderer hatte eine Villa an einem bayer. See etc. Sie kamen bei Ausbruch des Krieges auf einem neutralen Schiff (holländischen) um in Deutschland ihrer Pflicht nachzukommen etc. Wurden aber im Kanal gefasst und 6 Wochen auf ein altes Kriegsschiff, worauf sie es übrigens sehr gut hatten, dann nach unserer Insel geschafft. Sie behaupten heute noch zu Unrecht gefangen genommen worden zu sein. Ihre Reklamationen haben aber bis jetzt nichts gefruchtet.

Mitgefangen wurde eine Streichmusik- Kapelle die Sonntags Concerte in der Kantine gab. Ausserdem existierte eine „Schrammelkapelle“ auf Île Longue, welche zu Geburtstagen in die Baracken kam. Es war ein Pandomium mit Geige. Ein Soldat, er war Musikstudent, besass ein Harmonium, das man wie einen Handkoffer transportieren konnte. Es kostete 45 M. Es wurde auf eine Kiste gestellt und der Blasbalg erhielt durch ein Gummiröhrchen, das man vorn anschraubte und das mit dem Fusse bewegt wurde, Luft.

Flieger waren auf der Insel wenig sichtbar, aber Nachts die Leuchttürme und Scheinwerfer.

Hühnchen wurden auf Petrolapparaten ausgebrütet. Hunde gab es alle Rassen auf der Insel; einer wurde geschlachtet und gegessen. Junge Kätzchen kamen in den Baracken zur Welt. Nester mit jungem Mäuschen fand man bei gelegentlicher Revision der Proviantkisten.

Ein deutscher Regierungsrat: Dr. Brill aus den Kolonien vertrat den französischen Arzt in der Infirmerie. Er kam am 23. April nach Lyon für die Schweiz, kam aber später mit noch 40 Schweizerkandidaten wieder zurück. Warum man ihn nicht mit den übrigen Sanitätern im Oktober freiliess? Er durfte keine Briefe schreiben und keine von zu Hause empfangen, wenn ich mich recht erinnere. Ich war wegen meiner Leberkrankheit einige Male im Lazarett, um Aufnahme zu finden, es war aber schwer anzukommen, es war kein Platz; nachher baute man zwischen zwei Felsen eine neue schöne Baracke. Ich hatte im Januar 16 so schweres Fieber, so dass Lenz und Köhler sagten „gehen Sie doch in’s Spital“. Es ging später wieder so weg.

Es starb nur ein Soldat während meines Insellebens (19. Oktober 15 bis 4. August 16). Die Franzosen gingen mit gefälltem Gewehr, ohne Bajonett, dem Sarge voran, den deutsche Schreiner sehr hübsch gezimmert hatten. Der Soldat starb gefasst und trag noch Grüsse an alle seine Lieben in der Heimat auf. Ein Internierter ging von der Infirmerie die Felsen hinunter ins Meer und verschwand darin.

Jeden Mittwoch kam ein Zahnarzt aus Brest der alle unentgeltlich behandelte, und sich mit jedem freundlich unterhielt. Er zog mir 2 Zähne und meinte, wie können Sie noch beissen? Sie haben oben ja kein Gebiss mehr? Ich antwortete, ich habe einen guten Magen, ich schluck alles herunter, wie es geht und wenn ich heimkomme, esse ich Knöpfle. Herr Trossbach geht jeden 14. Tag hinauf, um sich seine defekten Zähne desinfizieren zu lassen, damit die caries nicht weiter frisst. Plombieren gibt es nicht. Die Zahnärzte haben keine Instrumente, es kam früher alles aus Deutschland. Auch bei den Apotheken ist Mangel an allem, was sie früher aus unserem Lande bezogen haben. Hunyady János halten die Franzosen nicht mehr, weil es aus Ungarn kommt, dafür tut Vichy Wasser bei Leber und Nierenleiden gute Dienste. In der Kantine wurde die Flasche für 90 c. verkauft. In Lyon kostete sie nur 45 c.

Die Kantine hat, so lange 2000 Leute da waren, brillante Geschäfte gemacht. Sie hat tausende von Franken verdient. Ich weiss nicht wo der Überschuss hinkam. Sie wurden von einem Herrn geleitet, der auf einem Schiffe Oberkellner war. Er hatte deutsche Soldaten als Assistenz.

In der Kantine übte auch ein 120 Kopf starker Gesangverein unter einem tüchtigen Dirigenten. Eben dieser Dirigent erhielt eines Tages von seinem Bruder, einem Leutnant, ein Packet, worin sich eine Ansichtspostkarte befand mit einem Bilde, vorauf Joffre auf einem Esel ritt, mit, glaube ich, noch einer anzüglichen Schrift. Der Bruder Leutnant hat dadurch dem Dirigenten-Soldaten einen 30 tägigen Arrest in den Kassematten eingebrockt. Überhaupt war der Kommandant, so wenig man auch sonst von ihm hörte, im Arrestausteilen ziemlich splendid. Wegen Nichtgrüssens 8 Tage. Wegen Ungehorsam 13 Tage. Ein Civilist hatte einen Sergeanten sale vache genannt 30 Tage u.s.w. Der Commandant schrieb sich Chef d’escadron etc. Er soll ein Teil seines Sitzleders im Kriege eingebüsst haben, denn er konnte kein Pferd mehr besteigen. Sein Leibross ritt jeden Tag ein Soldat spazieren, der von Neesch im St....... .... stammte.

Die Einfahrt im Brester Hafen ist ziemlich eng, wie gesagt und wird es schwer sein für ein U-Boot einzudringen. Die Kriegsschiffe schossen häufig bei unserer Insel auf Ziele im Meer, auch hörte man bei Herunterholen der Fahnen die Schiffskapelle.

Wenn auf dem Bureau der Kommandantur die Fahnen Sonntags gehisst und Abends wieder abgenommen wurde, präsentierte die Wache und der Hornist spielte ein Stückchen. Die französische Bewachung bestand aus alten Leuten von mindestens 48 Jahren. Sie sollten, wenigsten die Ackersleute, schon vor einem Jahre heimgeschickt werden; der Kriegsminister hat sie heute noch nicht freigegeben. In den Zeitungen las man fortwährend von grosser Arbeiternot in der Landwirtschaft. Es ist ein ewiger Streit zwischen Kriegs- und Ackerbauminister. Erst jüngst erfuhr ich in der Zeitung, dass an einem bei Lyon gelegenen Orte 20 Gefangene auf dem Lande beschäftigt waren, dass aber, nachdem die Schweizerkommission das Unterbringungslokal für ungesund erklärte, die Leute in ihre Depots zurückgeschickt wurden. Die Soldaten würden gerne im Felde arbeiten, aber man schickt sie lieber zu Erdarbeitern. Ein Sanitäter erklärte mir im Oktober, dass er aus einer Munitionsfabrik herkomme (ins Spital).

Am 14. Januar 16 Abends 7 Uhr wurde Herrn Forstmeister Kayser (71 Jahre alt) offiziell mitgeteilt, dass er am 15. Januar Morgens 7 Uhr abreise. Der arme Herr Kayser glaubte man würde ihn nach Kerlois zurückbefördern, da er sich anfänglich in einem Schreiben über die Unterbringung von alten Leuten und Beamten in einer undichten Baracke beschwert hatte; er schlief vor Kummer fast die ganze Nacht nicht. Morgens fragte er dreist wohin man ihn bringe. „Nach Deutschland“ Welche Erlösung: Der alte Mann weinte Freudentränen. Wir sagten ihm von der Spitze der Insel aus Lebewohl und er schwenkte vom Schiffe aus sein Hütchen.

Auch uns blinkte ein Hoffnungsstern. War doch endlich das Princip durchbrochen, an dem man bis jetzt so starr festgehalten hatte, keine Geisel herauszugeben. Am 24. Januar 16 kam eine weitere Freudenbotschaft. Es wurden weitere 10 Herren vorgelesen die heim durften, auf Grund des Abkommens zwischen Deutschland und Frankreich, dass 55 jährige ausgetauscht werden sollen. Auch ich war darunter, denn ich bin geboren am 18. Februar 1861. Nur mussten die Geburtsnachweise geliefert werden. Der Herr Kommandant lies sagen, Alle, die nichts bei sich haben, sollen sofort deswegen heimschreiben: Es waren Direktor Grawe, Lehrer Henle aus Altkirch, Postsekretär Gilles, Gendarm Bauer, Zollaufseher Rehm, Steuerinspektor Krauss und ich.

Die Herren Sekretär N....., Vizewachtmeister Volz, ehem. Schutzmann Thurmann, Sohlachthofaufseher Lenz, hatten Militärpapiere bei sich und kamen am 11. Februar fort. Mit ihnen ein Herr Rohmeyer von Mühlhausen, der ein verkrüppeltes Bein hatte.

Am 28. Februar 16 erhielt ich schon mein Geburtszeugnis, Henle schon vorher, Grawe und Krauss, Rehm und Bauer auch bald darauf. Man sagte mir, ich soll das Zeugnis behalten, bis der Kommandant es verlange. Später liess uns derselbe rufen und befahl uns ein Gesuch an die amerikanische Botschaft in Paris zu machen, damit diese unsere Freilassung vermittle. Am 16. Mai erhielten wir eine Antwort von der Botschaft dahingehend: Wir seien nicht weggekommen, weil wir nicht im Besitze unserer Zeugnisse gewesen seien. Ja das war keine Antwort! Wir mussten dies ja und hatten doch geschrieben, dass wir jetzt im Besitze seien. Wir wurden immer mehr Misstrauisch und so beschlossen die Herren sich im Anfang April der Schweizerkommission vorzustellen, um wenigstens in die Schweiz zu gelangen. Alle kamen am 23. April fort ausgenommen H. Krauss und ich.

Die Schweiz entliess die in Chur einquartierten alten Herren am 21. Juni.

Wir, Krauss und ich, machten ein neues Gesuch an die amerikanische Botschaft. Keine Antwort.

Der Adjudant sagte uns, „wir können sie nicht behalten und nicht fortlassen.“ Endlich am 4. August 16 wurden wir als militäruntauglich mit 15 anderen Herren nach Lyon geschickt, davon 9 für Deutschland bestimmt und 8 für die Schweiz. Es kam kein einziger nach Deutschland.

Ich hatte mir eine grosse Kiste für meine Sachen gerüstet, gepolstert mit einem alten wollenen Hemd. Da hiess es aber es darf jeder nur Handgepäck je 5 Kilo mitnehmen. In Deutschland sei es auch so. lch schnitt deshalb einen grossen Kartoffelsack in 2 Hälften, brachte Schnüre und Handhalter daran und hatte so 2 Reisekoffer in die ich stiopfte, was hineinging.

Um 1 Uhr ging es zum Schiff. Der Kommandant stürzte aus seinen Bureau, zählte unsere Beine, dividierte durch 2, und dann konnte es los gehn.

In Brest mussten wir vom Hafen bis zum Bahnhof, eine kleine Stunde, in grosser Hitze, unser Gepäck schleppen. Man bedenke dass Kranke dabei waren. Einem Mann ging der Pack auf und fiel die steile hohe Treppe am Meeresufer hinunter und auseinander. Er durfte nicht mehr zurück die Sachen holen. Arme Bübchen halfen uns das Gepäck ein Stückchen tragen. Da erscholl von einer Mauer oben Schreie, sie sollen nichts tragen, wir seien Boches. Also warfen sie es wieder hin. Ein leerer Wagen fuhr vorbei, der Alles aufgeladen hätte, es wurde nicht erlaubt. Endlich kamen wir müde und schweisstriefend am Bahnhof an. Das Gepäck wurde dagelassen.

Nach einiger Zeit - unser Zug ging erst gegen Abend - wurden wir auf eine Anhöhe in Brest zurückgeführt und dort von Österreichern mit Bier und Kaffe für billiges Entgelt bewirtet. Es waren auch Deutsche im Lager, aber auf Arbeit. Die Österreicher hatten getrennte Kantinen. Wir erfuhren, dass die Österreicher aus Serbien über Italien nach Frankreich gekommen sind.

70.000 gefangene Österreicher kamen Anfangs 15 durch Serbien, Montenegro und Albanien unter unsäglichen Entbehrungen nach Italien. 17.000 davon leben noch, die Andern starben auf den Transport, baarfuss im Schnee, von Entkräftung. Wer nicht mehr mitkonnte wurde einfach von den serbischen Soldaten, welche eskortierten, zusammengeschlagen. In Albanien bekamen die Österreicher niohts zu essen; die Albaner haben selbst nichts. Wenn es gut ging, gab es etwas Mais, den man sofort als Delikatesse mit Wasser aufkochte. Geld nahmen die Albaner nicht nur sonstige Tauschwaren. Bei Valona hörte der Schnee auf, dagegen mussten die Gefangenen einen grossen Umweg machen und wateten bis zum Knie im Wasser. Dabei kamen viele um. Die Leute scharrten vor Hunger den frischen Eselmist auseinander, ob sie nicht vielleicht noch ein Maiskorn entdeckten. Als sie nach Italien kamen, gingen wieder viele an der reichlich genossenen Nahrung zu Grunde, die sie nicht mehr ertrugen. Auch tat der Typhus das seinige. Die Behandlung in Italien war gut und sie gingen ungern dort fort nach Frankreich in die Gefangenen Depos.

Ehe ich unsere Reise nach Lyon weiter erzähle, muss ich noch folgendes nachtragen:

I. Im Frühjahr 16 kamen auf der Île Longue eine Menge Leute an von der Insel Martinique, worauf sich der feuerspeiende Berg Mont Pelée befindet. Sie waren in Südamerika ansässig und wollten bei Ausbruch des Krieges auf einem neutralen Schiffe nach Deutschland. Sie wurden abgefasst und nach jener Insel geschafft, wo sie 17 Monate lang in dunkeln, feuchten Kasematten von schwarzen Verbrechern von der Insel Cayenne bewacht wurden. Sie waren alle krank. Nach 14 Tagen wurden sie indessen nach Bordeaux gebracht und sollen von dort nach Südamerika zurücktransportiert und freigelassen worden sein. Neutrales Schiff bedeutet: Neutraler Boden, d.h. das Schiff gilt als Stück Boden der Heimat. Die Gefangennahme von Menschen auf einem solchen Schiff ist dasselbe, als wenn sie in einem neutralen Land selbst aufgegriffen worden seien, also durchaus verwerflich und absolut unzulässig.

Ähnlich ging es den Herren, die sich in Spanien bei Kriegsanfang befanden. Sie wurden vom deutschen Konsul auf ein italienisches Schiff, das als ganz sicher von ihn bezeichnet wurde, verladen, um nach Italien zu fahren. Bleich bei Marseille, nahm sie ein französisches Kriegsschiff, der später in den Dardanellen vernichtete Bouvet in’s Schlepptau und fertig war die Laube.

II. Auf Île Longue befindet sich noch ein alter Herr von 59 Jahren, den die Franzosen nicht freigaben: Postsekretär Gilles aus Bitschwiller bei Thann. Er bat uns bei unserer Abreise inständig für ihn alle Hebel in Deutschland in Bewegung zu setzen. Am 23. April sollte er mit den andern Kranken in die Schweiz kommen. Er hat Nasenpolype, die in der Infirmerie in Île Longue nicht operiert werden können. Als letzter und einziger auf der Liste von 141 Inselkranken wurde er in Paris gestrichen. Er machte mit uns die Besuche an die amerikanische Botschaft, da er schon 1 Jahr im Besitz aller seiner Zeugnisse sich befindet. Am 3. August 16 sagte man ihm, dass er nicht mit fort komme. Kein Mensch weise warum? Seine Frau wohnt noch im Postgebäude ......, der französische Postmeister bei ihr. Seine 2 grossen Söhne dienen im deutschen Heere, sein kleiner Bub geht bei den Franzosen in die Schule und hat schon viele Preise bekommen.

Ich fahre jetzt mit meiner Erzählung und mit dem Zuge nach Lyon fort.

In Brest ging es 6 Uhr Abends ob, mit Begleitung von etwa 6 Soldaten und einem Vorgesetzten. Diese Begleitung wechselte unterwegs mehrere-male. Als Zehrung bis Lyon gab man uns bei der Abreise Brod und 2 Sardinenladen. Unterwegs gar nichts. Mit Not bekamen wir einmal für unser Geld ein Glas schwarzen Kaffee, den wir heisse hinunterschütten mussten. Beim Zugwechsel in Tours kauften sich noch Herr Julius M... (aus M.....) und ich eine Reiseschachtel mit fertigen kaltem Nachtessen zu je 4 Frs.

Lyon

Wir brauchten für die Reise 2 Tage von Freitag Abend bis Sonntag Abend. In Orey und Vierzon übernachteten wir einige Stunden im Zuge. Die Wagen 3. Klasse, also nicht mehr Viehwagen, wie herzu, waren gut, aber auch meist ohne Cabinet. Wir sahen viele Truppentransporte, Russen und Afrikaner in allen Farben. Die Leute starrten uns in den Bahnhöfen an, nicht zuletzt gerade die besser gekleideten. Beleidigungen hörte man fast gar nicht. Nur in Lyon spuckte uns eine Dane ins Gesicht .

Wir kamen über Moulin, Rohann, St. Etienne. In letzter Stadt sind grosse Munitionsfabriken. Auch ist St. Etienne berühmt wie Lyon durch seine Seidenindustrie. Herrliche Gebirgsgegend mit Weinbergen. Vorher sahen wir gegen Westen einen Gebirgszug, der an die Vogesen erinnerte, wahrscheinlich Puy de Dôme. Die uns begleitenden Soldaten waren alle ordentlich. Freudige Stimmung herrschte allerwärts, wir glaubten alle in 8 Tagen zu Hause zu sein.

Am Bahnhof nahm uns ein grosses Automobil auf (für 16 Personen) und brachte uns nach dem ziemlich nahen hôpital complémentaire Ms 9, école de Santé, am Ende von Lyon. Überhaupt werden alle Transporte von und nach dem Spital mit diesem Verkehrsmittel bewerkstelligt. Zu Fuss wird keiner mehr durch die Stadt geführt.

Das Spital hat oben 2 grosse Säle für je 40 Betten, Mansardenzimmer im 3. Stock für Offiziere, eine Annexe mit 39 Betten und hinten im Hof eine „Manege“ als Spital eingerichtet mit ca. 150 Betten. Ausserdem Soldatenzimmer. Dann eine gut eingerichtete Badeanstalt. Trinkgeld 20 centimes. Soldaten und wir in beschränkter Anzahl hatten Benutzungsrecht.

Vis á vis, mit uns, durch oberirdischen Gang verbunden befindet sich ein grosses Spital nur für Franzosen (1500 Insassen).

Verwalter und Direkter Leiter (für Verwaltung) war der Dolmetscher L....heim, der perfekt deutsch sprach. Chef war der Oberarzt. Der Dolmetscher war etwas kurz angebunden, sonst nicht übel, mit den Soldaten sehr ordentlich, aber die Civilisten konnte er nicht leiden.

Die Ärzte waren gegen Soldaten und uns sehr höflich. Die französischen Bewachungsmannschaften waren ebenfalls mit unseren Soldaten umgänglich. Überhaupt hörte man selten ein böses Wort in der langen Zeit, wo ich dort war. Es wurde wenig commandiert, Man konnte im Bett liegen bleiben, oder aufstehen.

Die Nahrung war gut. Nur gab es etwas zu wenig Gemüse und zeitweise bes. wenn starker Belag da war, weniger Brot. Morgens 7 Uhr kam Kaffee, um 11 Uhr Brotsuppe, Gemüse, Fleisch, um ½6 Uhr dasselbe. Morgens 10 Uhr und Naohmittags 5 Uhr einen kleinen Becher voll guten Wein. 3 X Brot den Tag. Ein schönes Stück. Dann gab es Spezialkost für solche, die es wünschten, oder denen es der Arzt verschrieb.

Ich war in den ersten Tagen in Lyon ziemlich schwer erkrankt, infolge der Aufregungen der Reise und weil ich in Vorgefühl der Heimreise einige Flaschen Bier Abends und etwas Wein getrunken hatte. Der Arzt verschrieb mir 3 Liter Milch den Tag, sonst durfte ich nichts essen. Wein, Bier, Fleisch, Kaffe verboten. Nach 10 Tagen bekam ich Spezialkost und behielt sie bis zum Schlusse: Morgens Milchkaffee, 9 Uhr 1 Liter Milch, Mittags Suppe und Gemüse, Abends Suppe, Gemüse und 1 Ei.

Mittags wurde man nicht satt, ich reklamierte, es gab aber nicht mehr. Ich ass deshalb Mittags und Abends noch ein Teller Brotsuppe mit den Soldaten; es blieb immer davon übrig. Soldaten mit Krämpfen erhielten gehacktes Beefsteak und 2 Eier. Soldaten mit Mundschüssen bekamen Fleischbrühe mit Gemüse und Milch.

Durch die französischen Saalwärter konnte man sich alles aus der Stadt mitbringen lassen; Preise zuletzt: Brot 65 c, und 1 rrs. Tafelbutter ½ Pfund 1,50 Frs. Gemahlener feiner Kaffee (qualité superieur) 1,65 Frs. für ½ Pfund, Camembert die Schachtel 1 Frs. Condensirte Milch (Nestlé) 1.50 Frs. die Büchse. Orangen à 10 c. Feigen eine Tüte voll 1 Frs. Datteln desgl. 50 c. Äpfel das Kilo etwa 1 Frs. Seife zum Waschen 50 c. das Stück, zur Toilette 65 c. Charcuterie (melange) zu 1.50 Frs. das halbe oder ganze Pfund ich weiss nicht mehr genau Confitüre 1.25 Frs. das Glas. Wein 1 Frs. der Liter, Flaschenwein 1.50 Frs. weiß oder rot.

Die Franzosen haben jetzt auch Zuckerkarten eingeführt. Das Kilo kostet 1 .60 Frs. Wir bekamen eine Portion gemahlener Zucker um 50 Centimes.

Ferner haben die Franzosen 2 fleischlose Tage. Im Spital aber gab es jeden Tag 2 X Fleisch, ordentliche Stücke und gute Qualität. Einmal in der Woche Stallhase (=Kaninchen). Einmal in der Woche Kutteln in brauner Sauce - Tripes.

Zu Weihnachten hatten wir 2 Christbäume. Sanitäts- Offiziere, die im Oktober repatriiert worden waren, hinterliessen für die Weihnachtsfeier über 200 Frs. für etwa 90 Leute, die noch da waren. Jeder, auch wir 2 Civilisten, die noch damals allein da waren, erhielt: 1 Teller mit Äpfel, Nüssen, Confekt, Cigarren, Cigaretten, Orangen, und jeder Soldat 3 Franken. Es war nur noch 1 Offizier da, der magenkrank war. Er verlas das Evangelium, es wurde ein Lied gesungen, dann Kaffee mit Kuchen verabreicht. Die Soldaten, die nicht laufen konnten, wurden in den Festsaal herübergetragen. Der Dolmetscher und ein junger französischer Arzt wohnten bei.

Im Januar wurden die Pakete der Sanitäter, welche nach Deutschland gekommen waren, unter uns verteilt. Wir hoben die Conservenbüchsen und Cigarren und Wurst auf bis zum 27. Januar und machten um 1 Uhr ein Festessen zur Ehre unseres Kaisers.

Krauss und ich gaben eine kleine Summe für Bier, auch zu Weihnachten. Dafür brauchten wir keinen Stubendienst zu machen. An Fastnacht kauften wir den Soldaten Cigarren. Katholische Geistliche kamen öfters und brachten Cogaretten und Erbauungsbücher. Wir veranlassten auch viele Internierten zu Weihnachten zum beichten und kommunizieren. Im 3. Stock wurde am Ende eines Ganges ein Altar (primitiv) aufgeschlagen, ohne Staffeln; ich funktionierte als Messdiener, ein Amt, dass ich vor 50 Jahren schon inne hatte, in Nerensberg und Zweibrücken in der Pfalz.

Am 25. Januar 17 fand die feierliche Inthronisation des neu ernannten Erzbischofs von Lyon, Kardinal und Primas der französischen Kirche, Maurin in der Primatial Kirche statt. Der Kardinal hielt eine patriotische Rede, worin er Gott anflehte, dass die fremden Horden nicht den christlichen Boden Frankreichs besudeln möchten und die Hoffnung aussprach, dass nach der Victoire Staat und Kirche wieder vereinigt sein werden. Überhaupt halten hohe und niedere Geistliche fortwährend hochpatriotische Reden auf der Kanzel. Auffällig schien uns allen, dass der Papst in jüngster Zeit nur französische Kardinäle und Bischöfe creditierte.

Ein protestantischer Pfarrer kam auch fast alle Woche und hielt manchmal einen Gottesdienst ab. Er stammt aus Lorenzen im krummen Elsass und ist ein Fünfziger. Den Namen konnte ich nicht erfahren.

Jeden Tag kamen die jungen Ärzte (meist noch Studenten) und nahmen die Temperaturen, fragten in gebrochenes Deutsch „Wie geht es? aben sie Schmerzen, aben sie Unger? Sie werden gleich gegessen werden etc.“ Wenn mehr zu fragen war rief man mich oder Herr Krauss, oder einen Unteroffizier als Dolmetscher. Auch bei den Commissionen für die Wärter fungierten wir als solcher.

Wenn’s nötig war kam der Arzt und auch ein Professor von der Universität Lyon. Letzterer vollzog auch die Operationen. Viele Soldaten wurden 2 oder 3 mal operiert. Sobald sich Eiterung und Fieber einstellte, war es ein Zeichen, dass noch Splitter in der Wunde stecken. Bei unserem Fortgange sollte ein noch nicht lange zum 2 X Operierter zum 3. X hergenommen werden, da sich ein Gewächs am Knochen bildete, welches schon zur alten Operationswunde herauskam. Jeden 2. oder 3. Tag wurden alle Verletzten frisch verbunden.

Für die Mundschüsse kamen Spezialärzte. Viele solche Soldaten trugen Drahtgeflechte in Munde, damit die Kiefern wieder aufeinander klappten. Sie konnten nur Milch zu sich nehmen. Vielen fehlten auch die Kiefern. Vielen Beine, Arme, Nasen, Augen, Füsse, Hände.

Die Augen deckte eine schwarze Klappe. Erst in allerletzter Zeit wurden 2 Verletzte aus Romans hierher geschickt und Glasaugen zu bekommen. Nach 14 Tagen kamen sie in’s Lager zurüok. Einige Soldaten hatten Krämpfe, auch Herzkrämpfe. 2 lagen bei uns, die stumm waren, der eine hörte, der andere nicht. Sie schrieben ihre Wünsche auf. Sie bekamen das Leiden, weil sie verschüttet waren.

Einen Soldaten, der früher gesund auf Île Longue war, fiel in einen späteren Lager bei der Arbeit ein Baum auf das Gemäch und zerriss ihm die Blase. Nach langwieriger Vorbehandlung und nach Erduldung von grossen Schmerzen fand die Operation statt, die gelang. Der Patient befindet sich jetzt in der Schweiz. Schwindsüchtige Soldaten waren wenige da. Einer hatte eine Vergiftung durch aspirierende Gase und litt wochenlang schwer.

Wem es möglich war, humpelte mit seinen Krücken in den Hof. Spazieren durften wir Morgens eine Stunde, Nachmittags 1 ½ Stunde in einen nicht grossen Hofe, zwischen hohen Gebäuden. Wo die Mauer war wurden noch 3 Meter hohe Bretter daraufgestellt, damit keiner ausreisse. So gut wir es sonst im Spital hatten, so vermissten wir die freie Bewegung, die wir den ganzen Tag auf der Insel hatten.

An Kohlen ist überall Mangel in Frankreich; wir fassten täglich 4 kleine Eimer für einen Ofen, der unseren 30 Meter langen Saal heizen musste und der immer belagert war. Gemüse ist auch rar. Mir bekamen selten Spinat, oder Kartoffeln, öfters Reis, Nudeln, Makaroni.

Im Februar Anfangs trat Kälte und Schnee ein, wie man es in Lyon noch nie gewohnt war, denn Lyon zählt schon zum Midi und man pflegte in andern Jahren Ende Februar schon Kartoffeln zu setzen. Es ging bis zu 18 Grad minus. Unsere Wasserleitung fror ein, ebenso die Kabinette, selbst die Gasleitung. Wir konnten weder uns noch unsere Sachen waschen. Als Krauss und ich fortgingen war noch nichts repariert. Ein sehr freundlicher Sergeant gab mir und den Soldaten Schuhe, um bei nassen Wetter in den Hof gehen zu können. Er hiess Nowlin.

Soldaten, die aus andern Spitälern kamen, lobten auch die Behandlung und Kost daselbst.

In Lyon waren noch 4 Gefangenendepots: Die Ausstellungshalle, Villemance, und die Piscine oder Fischhalle. In der Ausstellung servierten französische Wärter, bei uns unsere Landsleute. Von den französischen Wärtern war man besser bedient als von den Deutschen. In der Piscine waren die Sanitäter untergebracht, die noch vom Oktober her bei der Repatriierung zurückgeblieben sind. Diese Sanitäter waren inzwischen schon in einem andern Depot wieder, kamen aber kürzlich nach Lyon zurück, wahrscheinlich zur Heimschaffung. Es befinden sich noch ca. 11 Sanitätsoffiziere darunter. Dabei ein Stabsarzt, der auch in unserem hôpital complémentaire weilte, der schon 1 ½ Jahr vom französischen Kriegsminister die Erlaubnis schriftlich in der Tasche hat nach Deutschland zurückzukehren, bisher aber noch nicht ausgetauscht ist.

Die Offiziere in unserem Spital hatten eine andere Stunde zum Spazierengehen, als wir. Wir durften nicht mit ihnen sprechen. Die Wärter, die sie servierten, erzählten, dass sie gute und reichliche Kost bekamen.

Ich will jetzt wieder zum 6. August zurückkehren. Wir kamen also zu 16 Civilisten und 1 Soldaten im Spital an und wurden in der „Anexe“ untergebracht. Am meisten freute es mich wieder ein Bett mit Matratze zu haben, nachdem ich so lange auf einen Strohsack gelegen. Für etwas, oder vielmehr gegen etwas ist indess der Strohsack gut, nämlich gegen Zahnweh. Wenn man sich mit diesem Weh Abends hinlegt, so ist es Morgens weg. Alle reichen Leute sollten sich zu diesen Zweck einen Strohsack halten. Das ist eine Entdeckung von mir!

In den eisernen Bettstellen waren Wanzen, die ich verbrannte. Wir bekamen jeder 2 Leintücher, 2 Decken später 3, ein Wollkissen. Unter der Matratze lag stellenweise noch ein Strohsack, oder ein Matratzenschoner. Es gab noch einen Waschraum und ein Closet mit Wasserspülung- Patent von Frankenthal.

Im August und September plagten einen schrecklich die vielen Mücken. Ich habe eine grosse Routine im Fangen, die andern Stümper mussten sich Mückenpletscher anfertigen.

Trauben gab es bis gegen Weihnachten zu 85 c, später 1 Frs. Gegen Ende kamen Trauben wie Zwetschen so gross wohl aus Spanien. Petits gâteaux, 10 Stück sehr fein zu 1 Frs. Gegen Schluss waren sie nicht sehr so gut; Weissbrot gibt es auch nicht mehr. „Petit Beurre“ 24 Stück in der Schachtel, zu 80 c. waren ausgezeichnet. Man glaubte bald zu Hause zu sein und tat sich gütlich. Woche auf Woche warteten wir auf die Schweizer Commission.

Unter der Hand erfuhren wir, Deutschland habe die bisherigen Commissionen abgeleht und es würden neue gebildet werden. Es dauerte dann auch noch bis zum 25 Dezember bis die Commission in Lyon ankam. Wir beide, Krauss und ich, hatten eigentlich mit der Commission nichts zu tun, da wir nicht wegen Krankheit, sondern wegen Alters von Île Longue fortgeschickt wurden. Trotzdem liess man uns bei den Kranken sitzen. Später kamen wir in die Manege zu liegen, dann wurden die Kranken zusammengezogen und wir, die für Deutschland bestimmt waren, zu den Schwerverwundeten (grande blessée) gelegt. Es war uns nicht angenehm, dass wir Civilisten von einander getrennt wurden, denn die Soldaten machten zu viel Lärm und genierten sich nicht im geringsten vor uns alten Civilisten in ihren Gefühls- und anderen Äusserungen.

Es kamen allmählich viele Soldaten aus verschiedenen Depots an zur Vorstellung an die Schweizerkommission. Es waren 2 Commissionen. Eine Vorkommission und eine Hauptkommission. Wer bei der ersten durchfiel kam gar nicht vor die zweite, sondern sogleich ins Lager zurück. Es waren Aspiranten da, die schon 2 X durchgefallen waren, also zum 3. Male sich vorstellten. Ich sprach auch mit Soldaten, die in Afrika waren in Tunis und Marokko. Unter den repatriierten Sanitätsoffizieren war auch einer aus den Schutztruppen mit Tropenhut. Wie bereits erwähnt, gingen die Züge mit den Sanitätern bereits vom 2. bis 12. Oktober nach Deutschland ab. Also die Soldaten in Tunis und Marokko hatten es nicht gut und brachten Schwindsucht and Malaria mit, klagten über Mücken und Moskitoplage. Glücklicherweise ist die Expedition dorthin aufgehoben. Es war ein Offizierstellvertreter Garetz (?) darunter, der hübsche Bücher von Tunis etc. herüberbrachte. Er war ....assistent in München, Neffe des bekannten Rechtslehrers Garetz.

In Tunis herrschten in alten Zeiten die Römer, man sieht noch Bauten und Wasserleitungen von ihnen. Das berühmte Karthago liegt in Tunis. Geld trägt die Jahreszahl 1300 und etliches, denn die Araber rechnen die Zeit von Mohamed an (622 nach Christi Geburt).

Garetz hatte es an der Lunge und kam in die Schweiz. Ein .....Student Bayer war auch in Afrika, er hatte einen Bauchschuss kam aber nicht dahin. Die Soldaten mit einen verlorenen Auge und geschwächter Seekraft am andern kamen diesmal alle durch.

Ich glaube die französischen Ärzte haben bei ihnen etwas versäumt, ich weiss nicht was, vielleicht kein Glasauge eingesetzt. Die Soldaten mit Armschüssen und Lähmungen kamen ebenfalls alle nach der Schweiz, weil auch bei ihnen ärztliche Kunstfehler begangen wurden. Sie hätten sollen elektrisiert etc. werden. Die Soldaten mit Kopf- und Mundschüssen blieben zur weiteren Behandlung da, weil sie vernachlässigt worden waren. Malaria-Kranke kamen alle ohne Ausnahme in die Schweiz, ebenso Epileptischen und an Krämpfen Leidende. Bei der Kommission waren 2 Schweizerärzte und ein französischer Arzt beteiligt. Die Ersteren gaben jetzt im Zweifel den Ausschlag. Es untersuchte immer nur ein schweizer Arzt. Der andere führte das Protokoll. In den Listen nachher stand schon in welches Lager in der Schweiz jeder Kranke kommen sollte.

Von den 16 Civilisten, die von Île Longue gekommen waren, und sie waren die einzigen im Spital, kamen nur 6 durch, 10 wurden zurückgewiesen. Die ...... sagten selbst eine solche Commission sei ihnen noch nicht ... gekommen. Der Vorsitzende französische Arzt stritt heftig und anhaltend mit dem Spitalarzt, dass er keine vernünftigen Diagnosen gestellt, auch einen Herzkranken Digitalis verschrieben habe etc. Es war unter den Durchgefallenen: Oberbahnassistent Jackisch, der schon wiederholt in Lyon war und am Magen litt. Der Magen war Jahre vorher schon in Basel herausgenommen worden und er litt in der Gefangenschaft von neuem an grässlichen Schmerzen, die er heldenmütig verbiss. Er konnte fast gar nichts essen. Er hätte unbedingt nach der Schweiz müssen. Ein Herr Julius Mayer aus M..... hatte Arterienverkalkung. Ein 54 Jahre alter Seebär (Maschinist auf einen Schiff) hatte ein Blasenleiden. Architekt K..... 53 Jahre alt, verkrüppelte rechte Hand und von einem gebrochenen Fuss her noch Röhren im Bein. Ein weiterer Maschinist war herzkrank.

N.B. Die Herzkranken fielen fast alle durch da bei früheren Untersuchungen Schwindel von .... getrieben wurde. Sie fingen nämlich in der Schweiz fidel zu .... an, als ob ihnen nie etwas gefehlt hätte. An die andern erinnere ich mich nicht mehr.

Die Untersuchung durch den schweizer Arzt fand sehr eilig statt. Er war sehr kurz angebunden, liess niemand reden und um’s Handumdrehen war man draussen.

Die durchgefallenen Herren machten ein Gesuch an die etwa 8 Tage später tagende Hauptkommission wegen einer nochmaligen gründlicheren Untersuchung und Möglichkeit einer Aussprache. Die 2. Commission liess sie kommen und erklärte sie könne nichts mehr machen, nachdem die 1. Commission abgelehnt habe. Die 8 Herren, also wir 2 ausgenommen, wurden an 21. Dezember Morgens 4 Uhr in eine Depôt zurückgeschickte aber zunächst nicht nach Île Longue, sondern wie wir hörten nach Celuile. Eine grössere Enttäuschung und Depression in ganzen Leben kann man sich nicht vorstellen, als wieder aller Hoffnung bar zurückbefördert zu werden.

Mit Krauss und mir ging es so: Vor der ersten Commission veranlasste man uns, uns ebenfalles uns auszuziehen und hinzulegen. Bei mir langte die Leberkrankheit nicht. Krauss ist gesund wie eine Sichel. Auch wir fielen durch mit unseren Alterszeugnissen in der Hand, nach denen Niemand fragte. Wenn man etwas verbringen wollte, sagte der schweizerische Arzt „bitte ruhig“. Krauss vermochte noch herauszubringen, dass wir 2 55 Jahre alt seien. Der ... Wir gingen sofort zum Dolmetscher und sagten, wir seien vom Kommandanten der Île Longue nicht wegen Krankheit hierher geschickt worden, sondern wegen unseres Alters. Er sagte, er habe auch schon darüber nachgedacht, dass bei uns die Sache anders liege, als bei den Andern. Wir sollten ein Gesuch an den Commandanten, General Ebener, machen. Dieser soll ein geborener Weissenburger sein. Der General erliess eine Ordonanz, dass wir repatriabel und mit dem nächsten Zug nach Deutschland zu schicken seien. Mit dieser Ordénanz traten wir vor die Hauptkommission. Während die Schweizer Ärzte an der Ausfertigung unserer Entlassung schrieben, fragte plötzlich ein Beamter von der Prefektur:

Wo sind Sie gefangen genommen?

In Mülhausen und Altkirch.

Was? Im Elsass?

Er sprang in die Höhe und sagte Sie kommen nicht fort, es ist noch keiner nach dem Elsass freigelassen werden. Wir wollten Erwidern, dass voriges Jahr im Februar Geiseln heimgekommen seien. Er fuhr uns barsch an: Taisez - vous. Wir durften kein Wort mehr Vorbringen und mussten abtreten. Welche Enttäuschung, wo wir direkt vor der Freilassung zu stehen glaubten! So geht man seitens eines niedrigen Beamten mit den Befehlen eines Generals um! Immer das Elsass und das Elsass! In allen Zeitungen im niederen Volke und in höchsten Kreisen Frankreichs ein täglicher und ewiger Gedanke an die Zurückeroberung des teuren Elsasses.

Wir verfassten einen neuen Bericht an den General und die amerikanische Botschaft. Auf das hin wurden wir wenigstens im Lazarett in Lyon vorläufig belassen und nicht am 21. Dezember mit den andern Civilisten nach Celulle geschickt. Man sagte uns, unsere Sache gehe nach Paris und werde dort entschieden.

Wir wurden zu kranken deutschen Soldaten in einen oberen Saal gelegt. Der Saal hat steinernen Boden wegen der darunter gelegenen Badeanstalt. Es gab deshalb kalte Füsse. Ein Malaria-Kranker, der in die Schweiz kam, gab mir ein paar grosse pantoffelartige Schuhe, die er aus Afrika angebracht hatte, und die gewiss warm gaben.

Als Krauss und mir die Sache zu lange dauerte, machten wir am 1. Februar ein neues Gesuch an die amerikanische Botschaft, worin wir unter anderm an die Gerechtigkeit des französischen Gouvernements appellierten, der Vertrag vom Jahr 1915, Januar, zwischen Frankreich und Deutschland zu vollziehen und uns endlich, nachdem wir jetzt 56 Jahre alt geworden waren, frei zu geben. Am 21. Februar erhielt Krauss 2 Schriftstücke von der schweizerischen Gesandtschaft in Paris, die jetzt Deutschland vertritt. Wir schöpften neue Hoffnung, da wir sahen, dass die amerikanische Botschaft unsere Sachen der schweizerischen Gesandtschaft übergeben hatte.

Am selben Tage Abends sagte uns Corporal P....., ein Bayer, der auf dem Bureau des Dolmetschers stellenweise beschäftigt ist, dass wir zwei Morgen früh 3 Uhr nach Deutschland kommen.

Ich sagte, Sie werden uns arme Leute doch nicht für einen Narren halten wollen? Es ist wie ich sage, war seine Antwort.

Um ½ 7 Uhr kam der Dolmetscher herein und rief: Krauss und Reiffel bringen Sie Ihre Sachen in einer Stunde herauf. Wir packten schnell, die Soldaten umringten uns mit Glückwünschen, und zugleich mit dem Bedauern, dass sie jetzt Niemand mehr haben werden, der ihnen die französischen Zeitungen vorlese. Unsere Pakete wurden Stück für Stück revidiert, auch Körperrevision vorgenonnen. Der Dolmetscher teilte uns mit, dass wir Morgen Donnnerstag früh 3 Uhr in die Schweiz abreisen dürfen und von dort vielleicht nach Deutschland.

Ehe ich diese Reise schildere muss ich noch verschiedenes, was beim schnellen Schreiben dieser Erlebnisse oben vergessen blieb, nachholen. lch werde einmal später einen Nachtrag schreiben über alles was mir momentan nicht einfällt.

Zu Weihnachten bekam ich ein Packet, worin Chokolat, Apfelsinen und Äpfel fehlten. Früher in Carnac ein Paket worin ein neuer Anzug und ein paar neue Schuhe fehlten.

Unteroffizier P....... trug mir auf in Deutschland an zuständiger Stelle anzugeben, dass in Lyon am Bahnhof 2000 Packete liegen, die nicht hereingeholt würden. Der Bahnhof für Pakete hat nämlich gewechselt. (Es sind 4 Bahnhöfe in Lyon. Lyon hat ca. 800.000 Einwohner und ist die 3. grösste Stadt Frankreichs: Paris, Marseille, Lyon.) Der Expedient am früheren Bahnhof schickte regelmässig Listen über ankommende Pakete in’s Lazarett. Der Expedient des neuen Güterbahnhofs tat das nicht und vom Lazarette aus erkundigt man sich nicht, so bleiben die Sendungen liegen.

Brände fanden in Lyon ungemein häufig statt , und zwar grosse, meist in Munitionsfabriken. Eine grosse Explosion fand auch vor 14 Tagen in Neuville bei Lyon statt, wo an Stelle von Gebäuden der badischen Anilinfabrik eine grosse französische Munitionsfabrik hergestellt wurden: Es gab mehr als 100 Verletzte und zahlreiche Tote. Die Beerdigung fand an einem Sonntage statt, unter andern wohnten die Minister aus Paris und gleichzeitige Maire von Lyon: Mr. Herriot, und der Auxiliar-Bischoff Bouchamy in Verhinderung des Kardinals von Lyon bei.

Im Januar und Februar gingen viele Truppentransporte von Lyon nach Saloniki ab:

In unserem Spitale kamen auch Patienten von der sogenannten Strafkompagnie (des Kronprinzen) an. Sie wurden bei Verdun direkt hinter der Front beschäftigt, mussten schwer arbeiten und waren dem Feuer ausgesetzt. Soll jetzt aufgehoben sein.

Im Lager Lyon befindet sich ein Elsässer Soldat, namens Basler, er hat das eiserne Kreuz. Sein Mundschuss ist schlecht geheilt worden. Er kann den Unterkiefer nicht recht bewegen, hat keine Kraft darin. Auch ist die Haut unter dem Kinn zu stark angezogen, dass er den Kopf nicht in die Höhe zu heben vermag. Er hat auf alle weitere Behandlungen im Spital Lyon verzichtet und will sich in Deutschland frisch operieren lassen. Er hofft im April in die Schweiz zu kommen. Man hat ihm den Vorschlag gemacht zu Frankreich überzutreten. Er war früher schon einmal am Hartmannsweiler- Kopf verwundet (am Bein) und in Colmar im Lazarett.

Wir erhielten manchmal durch die Wärter verstohlener Weise die Gazette de Lausanne, oder die Tribune de Genève. Es sind zwar 2 Franzosenblätter, aber sie bringe wenigstens exakt das deutsche Communiqué. Darin oder in einer italienischen oder spanischen Zeitung, die auch hereinkam wurde mitgeteilt, etwa im November 16, dass Deutschland 200 vornehme Geiseln in den eroberten französischen Norddepartements geholt habe, um die Freilassung der in Frankreich noch befindlichen Frauen und die Geiseln über 55 Jahre, die man aus dem Elsass verschleppt hatte, zu erzwingen. Es war ein grosser Hoffnungsstrahl für uns.

Die Frauen wurden Anfangs Februar 17 heimgeschickt. Sie waren in unserem Spital. Ihre Männer in einem anderen. Diese waren für die Schweiz bestimmt. Die verheirateten Damen, deren Männer nicht genügend krank befunden wurden und deshalb nicht fortgelassen wurden, kehrten freiwillig in die Verbannung, d.h. in’s Lager zurück. Es waren Elsässerinnen, Französinnen und auch Engländerinnen, die deutsche geheiratet hatten, sie liessen ihre Männer durchaus nicht im Stich.

Eine tapfere jüdische Dame liess Krauss und mich zu sich rufen und sagte man dürfe uns alte Männer nicht mehr in Frankreich zurückhalten, sie wolle schon, wenn sie herauskäme, Schritte tun.

Wir waren die einzigen Civilisten die noch da waren; französische Ärzte fragten oft erstaunt, was das bedeute. Unser Oberarzt meinte einmal, das sei eine question médicinale. Wir sagten nein, das ist eine question éminant politique. lm Februar 16 hat man so bereitwillig die alten Geiseln herausgegeben, und uns zwei dann noch hartnäckig ein ganzes langes Jahr lang zurückgehalten; ich sagte immer, es ist die Offensive von Verdun, die die Franzosen so kolossal verschnupft hat, Schuld.

ln Île Longue, oder wenigstens in der Nähe, kamen 2 schwere Fälle vor:

a. Einen aus Amerika ankommenden Österreicher, der seinen 3000 Dollar enthaltenden Koffer nicht aus der Hand geben wollte, schoss ein Offizier mit mehreren Revolverkugeln nieder. Es geschah dies vor unserer Ankunft, aber man hat mir von der Insel aus das Haus (auf der Halbinsel Fret) gezeigt, wo es passiert war,

b. Etwa im Juni kamen die Kranken, die refusirt waren aus Lyon oder Uzès zurück. In Brest schoss ein angetrunkener französischer Soldat einen deutschen Soldaten Abends im Hof der Kaserne einfach nieder und rühmte sich noch einen Boche getötet zu haben.

Während meines Aufenthalts in Lyon starben 3 Soldaten:

1. ein Herzkranker. Er vermachte seine Hinterlassenschaft: ein Päckchen Tabak und zwei Eier seinem Nachbarn.

2. Ein junger Feldwebel (20 Jahre) derselbe hatte einen Lungenschuss. Wurde wahrscheinlich zu früh hierher transportiert, ass aber auch zuviel frisches Brot was ihm verboten war. Morgens war er noch ganz fidel. Mittags stellte sich Atemnot ein. Man gab ihm eine Einspritzung und brachte grosse Ballons Sauerstoff. Um 5 Uhr Abends verschied er friedlich.

3. Ein Oesterreicher, der hochgradig schwindsüchtig war, lag morgens tot in Bett, nachdem ihn der Wärter noch Kaffe hingestellt hatte, ohne etwas zu bemerken.

Beim Toten ad. 1 waren die Sanitätsoffiziere gerade da. Sie stifteten einen Kranz von 50 Frs. Die Sanitäter bilden bei Abholung der Leiche Spalier. Beim Toten ad 2 sammelten die Soldaten 28 Frs. für einen Kranz.

Französische Gefangene starben mehrere. Sie und die deutschen Verstorbenen kamen in ein Zimmer im Hof und wurden seziert. Dann von einen Pfarrer abgeholt. Weiter wissen wir nichts.

Nach der Schlacht an der Somme, 24. Oktober 16, kamen viele Verwundete Nachts um 11 Uhr bei uns an.

Der Elsässer Soldat Basler erzählte mir, es seien im Sommer 26 elsässisohe Geiseln in Villemance bei Lyon gewesen um der Schweizer Kommission vorgestellt zu werden. Darunter auch ein mir bekannter Amtsrichter Faestermann. Sie seien aber, ohne vorgestellt zu werden, nach Île Longue weitergeschickt worden, da also Elsässer Geiseln nicht einmal mehr in die Schweiz kommen sollen, geschweige denn Deutschland.

Obgenannter Julius Mayer kam vom italienischen Schiffe mit anderen Kameraden zunächst nach Château d’If bei Marseille. Diese Insel ist berühmt nach dem Roman von Alex Dumas: „Der Graf von Monte Christo“. Der Aufenthalt dorten war schlecht. Es fehlten Fenster und Türen in dem alten Kastell, aber Ratten nicht. Sie kamen nachher nach Casabianca auf Corsica. Aufenthalt dort ebenfalls schlecht und ungesund. Sie mussten im Walde arbeiten. Ein Herr Gambrit (?), jetzt in der Schweiz, wurde sehr krank dort. Darauf ging es in’s Lager Uzès. Nahrung dorten schlecht. Die Gefangenen mussten sich scheren lassen wie Zuchthäusler. Das Lager ist jetzt aufgehoben.

Ein ganz schlimmes lager, eine wahre Hölle, war anfangs des Krieges Dinan. Viele der in Île Longue internierten Civilisten und Soldaten waren dort. Sie erzählten Schaudergeschichten von dorten und glaubten sich im Himmel, als sie auf unsere Insel kamen. Jeden Morgen kam der Kapitän, um zu fragen, wie viel in der Nacht gestorben seien. Mangelnde ärztliche Pflege und schlechte Behandlung liessen die Leute wegsterben. Julius Mayer ist aus guter Familie, sein Bruder ist deutscher Oberstabsarzt, sein Sohn deutscher Offizier. Er sagte mir oft, er wundere sich, dass das nächtige deutsche Reich es nicht fertig gebracht habe, sie, die auf einem italienischen Schiff gefangen genommen wurden, loszukriegen, zumal der deutsche Konsul ihnen in Spanien eine sichere Überfahrt nach Italien garantiert hatte.

Ich selbst bin auch nicht mit dem St... zufrieden: Die Beamten mit Gehalt erhielten diesen in der Gefangenschaft samt den Tagegeldern voll weiter. Wir gefangenen Notare erhielten gar nichts. Wir gelten auch als Beamte, wenn wir auch keinen Gehalt vom Staate bezogen; für die Beamtenqualität ist der Bezug von Gehalt nicht massgebend. Man hätte uns wenigstens Tagegelder geben müssen. Auch wir Notare leisten dem Staate Dienst. Wir haben Milionen Verkehrssteuern ohne Entgelt beigetrieben (in der Pfalz erhalten die Notare 2 % Hebegebühr) ja noch mehr, vorgeschossen. Wir haben durch sachgemässe Behandlung von Vormundschafts-, Nachlass-, Grundbuchsachen die Gerichte entlastet, eben den Gerichten viele Arbeit erspart, indem wir Teilungsconstationen vermieden und die Parteien zu einigen suchten.

Ich persönlich bin 26 Jahre Ergänzungsrichter; ich war als solcher nicht etwa ein Strohmann, sondern vertrat in Lützelstein jedes Jahr 4 Wochen den beurlaubten Amtsrichter vollständig, ich hielt jedes Jahr Sitzungen ab, fertigte Urteile, machte Totenschau und Leichensektion mit, wie dies alles die noch lebenden Amtsgerichtsräte Ziese, Dr. Schmitt-Ernsthausen, Grossmann, Ninneberger bestätigen können.

A.G.R. Röhrig, früher in Lützelstein, ist tot. Nachdem der Krieg wider Erwarten so lange dauert, hätte man wenigstens aus Billigkeitsgründen uns gefangenen Notaren oder unseren Familien in irgend einer Form Unterstützung gewähren müssen.

Der Commission des otages in Basel muss ich rühmend und dankbar gedenken. Diese Commission hat sich durch Vermittlung der Correspondenzen der Geiseln, durch Auskunftserteilung, durch Übersendung von Kleidern und Geld in reichem Masse unsterbliche Verdienste erworben.

Ich komme jetzt zum Schlusse.

Heimreise

Am 22. Februar 17, Morgens 3 Uhr erhoben wir uns zur Heimreise nachdem wir natürlich die Nacht vor Aufregung nicht geschlafen hatten. Der Zug ging etwa ½ 5 Uhr erst ab. Wir fuhren im Auto an die Bahn und dann 2. Klasse im Zug. Ein Kriminalagent begleitete uns, schlief aber meistens, da er dachte, dass wir jetzt nicht mehr durchbrennen.

Überall sah man Truppen ein- und aussteigen. Besonders an der Grenze waren die Truppenbewegungen lebhaft in Bellegarde. Unser Begleiter und ein anderer Franzose fragten ans, wie lange nach unserer Meinung der Krieg noch dauere. loh sagte, er wird dies Jahr noch fertig. Ein englischer Minister hat das auch erklärt. Nein! sagten die Franzosen, wir fangen ihn jetzt erst an.

Eben an der Grenze in Bellegarde erwartete uns ein neuer Schrecken: Es hiess aussteigen, da die Entlassungserlaubnis vom Minister aus Paris noch nicht eingetroffen sei. Es könne ein paar Tage dauern! Bonner und Doria! Wenn nur nicht wieder etwas dazwischen kommt!

Der Polizeiagent wurde von einem andern Geheimpolizist in Bellegarde erwartet. Beide führten uns in die Stadt in ein Hotel, das aber eiskalt war. Doch war die Wirtin freundlich und machte uns ein vortreffliches Nachtessen, zu dem wir den Polizeiagent einluden. Dem wurde auch die Zeit lang. Er lief alle Stunde an die Bahn, ob noch kein Telegramm von Paris eingetroffen sei. Endlich um 7 Uhr kam er zurück und brachte die freudige Nachricht, dass wie andern Tags um 8 Uhr früh weiter fahren dürften.

In Bellegerde wird genau untersucht, besonders nach Gold. Die Wirtin erzählte sie habe kürzlich ihren Mann verloren; ihr Sohn sei Kriegsgefangener auf dem Heuberg bei Konstanz. Wir schrieben zu einer Postkarte der Frau an ihren Sohn einige Zeilen, dass wir so gut bei seiner Mutter in Feindesland aufgehoben gewesen seien, was ihr Trost und Freude machte. Die französischen Zeitungen bringen absolut nichts über die Verluste der Franzosen. Wenn das Volk sie wüsste, würde es Revolution machen.

Die Fahrt von Bellegarde nach Genf, auch schon vorher ist romantisch; hohe steile Felsen drängen sich ganz nahe an die Rhone heran, die stellenweise in der Tiefe ganz verschwindet. Es gibt viele Tunelle, darunter ein ganz grosses.

In Genf wurden wir auf die Gendarmerie gebracht, aber noch nicht in die Stadt gelassen. Erst nachdem ein Vertreter des deutschen Konsulats erschienen war, durften wir ausgehen. Wir assen zum Mittag um 80 c. in einem blauen Kreuz, gingen an den See und bewunderten die vielen Möwen, Wasserhühner, Wildenten. Schwäne, die alle ganz zahm sind. Wir mussten noch zu einem Herrn, der Vorsteher des Repatriierungsbuereaux ist und lange warten liess. Gegen 6 Uhr wurden wir endlich allein gelassen und fuhren weiter, um vorschriftsmässig in Zürich zu Übernachten. Das Billet 3. Klasse bis Singen (20 Frs.) gab uns der Konsulatsvertreter.

In Zürich kamen wir um 12 Uhr Nachte an. Es empfing uns ein Konsulatsvertreter, der sehr ordentlich war and uns in ein Hotel „Metzgerbräu“ brachte. Dort sassen noch beim bayrischen Bier die deutschen Internierten Herrn Major Gottschalk und Leutnant Starsett (?). Ersterer Vorstand, Letzterer Adjudant vom Bekleidungsdepot Zürich. Beide empfingen uns mit grosser Liebenswürdigkeit und traktierten uns mit Bier und Cigarren bis 2 Uhr Morgens.

Der Major erzählte es sei ihm scheusslich anfangs in der Gefangenschaft ergangen. Sie hätten ihn mit Kot etc. beworfen und wenn ich mich recht erinnere, in’s Gefängnis gesetzt. Sein Sohn sei mit 18 Jahren gefallen, seine Frau sei vor Gram kurz darauf gestorben, ebenso seine alte Mutter, nachdem man ihn, den Major, als vermisst gemeldet hatte. Er habe jetzt nur noch ein Töchterchen.

Der Leutnant war in England gefangen und kam von da als Kranker in die Schweiz. Er sagt in England sei die Behandlung der Offiziere besser als in Frankreich. Der einzelne Engländer sei ein Gentleman, die englische Regierung aber sei ein Schuft.

Der Wirt des „Metzgerbräu“ Herr Bauer nahm uns für Übernachten und Kaffee nichts ab. Er holte zum Abschied viele Extraflaschen, gab uns noch einen kalten halben Truthahn mit und begleitete uns an die Bahn. Aus Dankbarkeit mache ich hiermit Reklame für ihn, indem ich ihn allen Zürich Reisenden warm empfehle, ich will deshalb ein Stück vom Menu hersetzen.

Das Mittagessen war sehr gut bei ihm. Es gab um 1.90 Frs. Suppe, Schweinsrüssel mit Bohnen (wir nahmen Sauerkraut, da wir vorher genug Bohnen hatten) und Wiener Rostbraten mit gemischtem Salat. Ein excellenter Veltliner, der Schoppen 90 c.

In Zürich kaufen wir Schuhe, Hüte, 1 Anzug. Geldwechsel: Für 50 Frs. französisches Papiergeld gibt es: 42 Schweizerfranken, oder 51 M deutsches Geld. Nachdem der Wirt Bauer vergeblich versucht hatte, uns noch da zubehalten, dampften wir um 2 Uhr nach Singen ab. Ich telegraphierte nach Colmar. 10 Worte kosten 1 Frs. 50 c. Vor Singen Zollrevision; in Singen bekamen wir ein Billet bis Hagenau und waren durch Soldaten im Hotel Adler gut untergebracht. Abendessen und Übernachten 12 Mark, wovon satzgemäss 4 M abgingen.

Die Fahrt ging Sonntag 25. Februar über Donaueschingen, Triberg, Offenburg nach Hagenau. Im Schwarzwald bekamen wir kaum ein Schinkenbrötchen, weil wir keine Karte hatten. Ankunft in Hagenau 3 Uhr. Kreiskommissar Resler war sehr liebenswürdig und wies uns in ein Hotel National am Bahnhof, übernahm auch die Verpflegungskosten. Wir waren dort gut aufgehoben. Ich durfte schon Montag Mittags heimfahren nach Colmar.

„Enfin seul“ wenn man frisch getraut ist. „Enfin libre“ wenn man frisch entlassen ist.

Nur wer eingesperrt war, weiss die Freiheit zu schätzen. Nachdem unsere Gefangenschaft anfangs unter aller Kanone (um im Kriegsbilde zu bleiben) war, hat sie sich später in allen Depots gebessert. Wenn sie aber erträglich war, so blieb immer das grosse Verlangen nach „heraus“, besonders bei schönem Wetter schaute man sehnsüchtig auf der Insel über das Meer hin nach Osten, wo die Heimat liegt.

„Gefangener Mann, einsamer Mann“

Wie viele Sorge machte man sich in einsamen Stunden, Nachts auf hartem Strohdach. Wie kam die ganze Vergangenheit vor unser Auge, all der Kampf der Menschenseele mit den Irrungen und Rätseln des Lebens, wie hätte man wieder so gern von vorne angefangen, um vieles zu unterlassen, vieles anders zu machen.

Wie hat aber auch die Gefangenschaft lichte Seiten; wie hat sie die Herzen genähert, wie hat sie Familienbanden enger geknüpft, und was sich früher bekämpfte versöhnt. Wie hat sie in uns Vorsätze reifen lassen, uns zu bessern und künftig mit Liebe und Nachsicht alles zu ertragen. Jetzt denn hinaus in’s Freie und auf die Berge!

Nach dieser langen Kerkerhaft während der wir ein paar mal um die Welt hätten segeln und etwas sehen können, während wir so nicht einmal wissen, wie Frankreich aussieht.

Wir wollen den Mut nicht sinken lassen, wie wir es auch nicht in der Gefangenschaft getan haben. Wer gesund sein will, ist gesund, wer siegen will, der siegt.

Wir müssen an einen höheren ewigen Geist glauben, der die Geschicke der Menschen lenkt und fortes fortuna adjuvat. Wir müssen fest glauben an eine Unsterblichkeit und Ewigkeit des Geistes, der den Übergang in eine andere Form des Lebens, welchen Übergang wir Tod nennen, überwindet und überdauert. Wir müssen glauben, dass die Geister unserer seligen Helden uns stets umschweben, ja mit uns kämpfen in der Front und hinter ihr in unserem leidvollen Dasein und uns zu gutem Ende führen.

„In te, Domine, speravi; non confundar in aeternum“