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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

„Die Insel-Woche“, zweite Folge
On-line gesetzt am 14. Juli 2012
zuletzt geändert am 2. Juni 2015

von Christophe

Als die Internierten im April 1917 – die Internierung dauert nun schon zweieinhalb Jahre – die Erlaubnis bekommen, wieder eine Lagerzeitung zu veröffentlichen, müssen sie sich sehr strengen Regeln unterwerfen, die durch ständige Zensur kontrolliert werden.

Hier das Telegramm des Präfekten des Départements Finistère an den Unter-Präfekten in Brest (vom 17. März 1917), in dem diese neuen Regeln präzisiert werden :

In Beantwortung Ihres Schreibens vom 15. März d. J. habe ich die Ehre, Ihnen mitzuteilen, dass ich gemäß Ihrer zustimmenden Stellungnahme den auf Ile Longue Internierten KOWALSKI Edmund autorisiert habe, im Lager eine Wochenschrift herauszugeben, die Theaterkritiken, Berichte über Konzerte und Sportveranstaltungen sowie Anzeigen enthalten kann. Diese Revue ist vom Dolmetscher HAASE zu zensieren, und zwei Exemplare jeder Nummer sind mir von der Lagerleitung vor der Veröffentlichung zuzustellen. Sie werden Sorge dafür tragen, mir regelmäßig 4 für die Nationalbibliothek bestimmte Pflichtexemplare zu schicken.

Diese Veränderung der Bedingungen kommt im Leitartikel, der in der ersten Nummer dieser zweiten Folge erscheint, deutlich zum Ausdruck. Verglichen mit dem der ersten Folge, hat er nicht nur einen anderen Ton, sondern legt auch Zielsetzungen fest, die mehr den Risiken und Problemen eines Interniertenlagers Rechnung tragen, wobei er gleichzeitig Mittel und Wege gegen eben diese Risiken und Probleme vorschlägt. Damit erreicht er einen doppelten Zweck : die allgemeinen Richtlinien, die die Arbeit der Redakteure leiten, sind hinreichend friedfertig und entgegenkommend, um die Empfindlichkeiten der französischen Obrigkeit zu schonen, um zugleich aber auch das langfristige Bestehen der Revue sicherzustellen. Nichtsdestowendiger wird in diesem Leitartikel deutlich, dass „Die Insel-Woche“ die Interessen der Internierten zu vertreten und eine Rolle als moralische Instanz zu spielen gedenkt.
Hier also dieser Leitartikel, den Sie auch in der Originalfassung lesen können.

Zum Geleit
Die Frühjahrsstürme, die an unsere Baracken rütteln, umbrausen nur eine kleine Welt, unser Gefangenenleben. Der Kriegssturm, der die ganze Welt durchfegt und zerfetzt, erregt uns zwar mächtig und hält uns dauernd in Atem; doch zu erfassen vermögen wir ihn nicht. Wenigstens nicht in der « Inselwoche », die heute nach einjähriger Unterbrechung in neuem Gewande vor die Kameraden tritt. Zu den großen, Welten stürzenden Ereignissen dürfen wir keine Stellung nehmen. Einer Zeitung erste Aufgabe, Neues aus aller Welt schnell zu berichten, zu erfüllen, ist uns auch versagt. Nur eine Chronik unserer kleinen Welt kann die « Inselwoche » bieten. Und Gott sei Dank haben wir von Ile-Longue etwas zu berichten. Nicht nur kleinlicher Tagesklatsch füllt unser Leben hier aus. Wir können viel festhalten, an das man sich später einmal trotz allem doch gern erinnert. Theater, Musik, belehrender Vortrag und Unterricht, ernste, liebevolle Hilfstätigkeit und nicht zuletzt Sport aller Art heben uns über die Corvée des Alltags hinaus und erhalten uns brauchbar und lebenswert für eine Zukunft, die schwerere Anforderungen an jeden Einzelnen von uns stellen wird als die Vergangenheit. Und das Wertvolle unseres kleines Lebens jetzt soll den Inhalt der « Inselwoche » bilden. Daneben wollen wir durch ein gutes, kräftiges Wort unsere Kameraden zu stärken versuchen.
Mancherlei Schwierigkeiten sind da. Die technischen werden wir zu überwinden wissen, und hoffen, bald in der Lage zu sein, unserem Unternehmen einen breiteren Inhalt zu geben. Der gute Wille, mit unserer Zeitung eine Lücke in unserem Lagerleben zu schließen und auch für die Zukunft den Kameraden ein Erinnerungsblatt in die Hand zu geben, ist da. Geistige Armut und fehlenden Arbeitsmut soll man uns Gefangenen von Ile Longue nicht vorzuwerfen haben.

Dieser Text ist mit « Die Schriftleitung » unterzeichnet, weshalb uns leider der Name/die Namen des/der Verfasser verborgen bleiben. Aber ob es sich nun um eine Einzelperson oder um eine Gruppe handelt, was diesen Text auszeichnet und ihm seine Kraft verleiht, ist die feste Überzeugung von Möglichkeit und Pflicht, den gravierenden Problemen der Gefangenschaft zu begegnen. Die Zielsetzung der Zeitung und ihre wesentliche Funktion werden klar zum Ausdruck gebracht : den Internierten dabei zu helfen, die Gefangenschaft in Anstand und Würde zu überstehen. Um dieses Ziel zu erreichen, propagiert die Gruppe der Redakteure die ihr eigenen humanistischen Werte vermittels von Artikeln über Kultur, Kunst, Wissenschaft, Handwerk, Sport …, jede Woche, unermüdlich.
Die bildhafte Sprache, der feierliche und motivierende Ton dieses Leitartikels, der viel über den Geist der Redakteure und ihre Absichten aussagt, werden gewiss nicht aus Gründen des sprachlichen Wohlklangs benutzt. Mit diesen kraftvollen, ernsten Worten wollen die Verfasser eine starke, ja unwiderstehliche Strömung schaffen, die die Internierten in den gemeinsamen Kampf gegen die Hauptrisiken der Gefangenschaft mitreißen soll: Müßiggang und Verlust der moralischen Werte.
Schließlich soll der Internierten gedacht werden, die es als Herausgeber bzw. Chefredakteure durch ihr persönliches Engagement geschafft haben, der „Insel-Woche“ Erfolg und Bestehen zu sichern : Edmund Kowalski, Gustav Tschentscher und, vor allem, Friedrich Hommel.

Zugang zu den einzelnen Nummern
„Die Insel-Woche“, zweite Folge, 1. Jahrgang
„Die Insel-Woche“, zweite Folge, 2. Jahrgang