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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Die Spielstätte
On-line gesetzt am 19. November 2014
zuletzt geändert am 25. November 2014

von Gérard

Wo genau wurde auf Île Longue Theater gespielt? Wir wissen, dass es in einer Adrian-Baracke war. Aber davon gab es insgesamt 8. In welcher war es nun? In der Nr. 4 der „Insel-Woche“, Neue Folge, 1. Jahrgang vom 29. April 1917 findet man auf Seite 2 in einem Artikel über ein „Konzert der vereinigten Streichorchester“ den Hinweis, dass diese Veranstaltung im „Theatersaal Baracke 75“ stattgefunden hat – also in der Adrianbaracke mit der Nummer 75. Auch die Baracke 76 hinter der Baracke 75 jenseits des schmalen Gangs ist Teil des Theaters (siehe Lageplan). Die beiden Baracken sind durch einen teilweise mobilen Zwischenbau von ca. 3,50 m Breite miteinander verbunden. Das ergibt einen Gesamtkomplex von über 53 m Länge, allerdings bei einer Breite von nur 6,50 m, die nicht einmal voll nutzbar ist. Während die Baracke 75 den Zuschauerraum für 200 Personen und die Bühne umfasst, wird die 2. Baracke für die Kulissen, Werkstätten und Verwaltungsräume benötigt. Aber die Details, wie das Theater funktionierte, hat uns ein Redakteur in den Nummern 42 und 43 der „Insel-Woche“, Neue Folge, 1. Jahrgang, vom 20. bzw. 27. Januar 1918 im folgenden Text hinterlassen.

Lageplan / plan de situation

Unser Theater

Auch heute gibt es noch Zauberworte. Zwar lassen sie keine ersehnten Schätze auf übernatürliche Weise greifbar entstehen, aber doch schenken sie etwas Besonderes. Kaum ausgesprochen greift sie die Phantasie auf und spielt mit ihnen in unbändiger Ausgelassenheit, wie Musik klingen sie in unseren Ohren und geben uns ein flüchtiges Gefühl genossenen Glücks. Ein solches Zauberwort ist „Theater“.

Ich verstehe darunter nicht nur auf der einen Seite ein Bretterpodium mit agierenden Schauspielern, auf der anderen Seite den Zuschauer, der in dem Bewusstsein, seinen Platz bezahlt zu haben, die Darbietung des Schauspielers als pflichtige Gegenleistung abwägend empfängt. Nein! Theater ist festliche Gehobenheit in einem lichterfüllten Tempel der Kunst. Freitreppen mit geschmückten Menschen, Genießen in Polstersesseln, entrückt dem Alltag. Ich glaube, dass man nur bei vollem Glücksgefühl ein Kunstwerk ganz auf sich wirken lassen kann. Wenn ich aber unter dauernder Zugluft zusammenschaudre, wenn mein Sitz mich drückt, mein ungestützter Rücken schmerzt, wie soll ich da zum reinen Kunstgenus kommen? Max Reinhard weiß sehr wohl, warum er die Zuschauer der Kammerspiele auf Klubsesseln Platz nehmen lässt und nicht auf lehnenlosen Holzbänken.

Wir haben hier ein Theater! Wie oft wurde diese Nachricht aus unserem Lager in die freie Außenwelt gesandt. Dort löste sie natürlich eine ähnliche Vorstellung aus, wie ich sie oben beschrieb, und man wähnte uns reich und glücklich im Besitz einer Bühne. Beurteilt man von diesem schiefen Standpunkt aus unser Theater, so kann man gar nicht einschätzen, was hier geleistet werden musste und noch zu leisten ist, damit eine Aufführung auf den Zuschauer wirkt, in Räumen, die für jeden andern Zweck, nur nicht für ein Schauspielhaus bestimmt waren.

Bei jeder neuen Inszenierung sind Schwierigkeiten zu überwinden, die einer richtigen Bühne völlig unbekannt sind. Da man nur zu leicht geneigt ist, die guten Leistungen unserer Bühne als selbstverständlich hinzunehmen, ist es wohl angebracht, auch einmal auf die technischen Schwierigkeiten hinzuweisen, mit denen unser Unternehmen zu kämpfen hat. Erst dann wird man das Geschaffene nach seinem wahren Wert beurteilen können.

Nachdem in den beiden ersten Jahren der Gefangenschaft viermal ein Anlauf genommen war, auf Île Longue ein Theater zu gründen, Versuche, die jedesmal an einem strikten Verbot scheiterten, genehmigte vor etwa einem Jahr die Praefectur der Theaterleitung einen Raum zu Vorführungen. Es konnte natürlich nur eine der großen Adrianbaracken dafür in Frage kommen. Jeder von uns weiß, dass diese besonders leicht gebauten Baracken sich nur zu Versammlungszwecken eignen. Zu Wohnzwecken kommen sie nicht in Betracht, da es unmöglich ist, sie zu heizen.

Grundriss / plan au sol
Zeichenerklärung
L = Logen, S1 = Erhöhte Sitzplätze, S2 = Sitzplätze (S1+S2=200 Sitzplätze, O = versenktes Orchester, V.T. = Verbindungstreppe,
B = Bühne, V.G. = Gedeckter Verbindungsgang, 1 = Kulissen,
2 = Möbel u. Requisiten, 3 = Schneiderei, 4 = Materialverwalter,
5 = Requisitenverwalter, 6 = Schminkraum,
7 = Schreinerwerkstatt, 8 = Malerwerkstatt

Wie der beigefügte Plan erkennen lässt, ist eine Adrianbaracke 24 m lang, 6,50 m breit und bis zu dem horizontalen Dachbalken 3,10 m hoch. Es war eine große Schwierigkeit, darin eine Bühne unterzubringen. Ihr Fußboden musste mindestens 0,7 m hoch liegen, sodass leider als freier Raum darüber nur 2,40 m übrig bleibt. Gern hätte deshalb die Theaterleitung an dieser Stelle das Barackendach überhöht. Leider wurde aber dieses Projekt höheren Orts nicht genehmigt. Die Szene ist an der Rampe 4,75 m breit, ihre Tiefe beträgt bei geschlossener Dekoration (Zimmer) etwa 3,60 m.

Querschnitt / coupe transversale

Aus diesen Maßen erkennt man, dass unsere Bühne im Verhältnis zu einer normalen zu schmal ist bei der gegebenen Tiefe. Dadurch ergeben sich nicht nur optisch falsch wirkende Verhältnisse, sondern der Spielleiter ist auch vor die schwere Aufgabe gestellt, Gruppierungen auf der Bühne nicht nach der Breite, sondern nach der Tiefe vorzunehmen. Es war auch eine Kunst, auf einer solchen Miniaturbühne Schlosssäle, weite Gärten mit Häusern und anderes darzustellen. Und doch wurde die Wirkung dadurch vollständig erreicht, dass alle Requisiten sozusagen unterlebensgroß aber in richtigen Verhältnissen ausgeführt wurden. Das ist so vorzüglich geglückt, dass wahrscheinlich viele Theaterbesucher bis jetzt dieses Kunstgriffs nicht gewahr wurden. Zur Darstellung weiter Blicke wird die hintere Flügeltür des Theaters geöffnet, und der Hintergrund vor der Stirnwand der dahinter liegenden Baracke befestigt. Der 3,50 m breite Raum zwischen beiden Baracken wird an Spieltagen durch eingesetzte Wände abgeschlossen. Die Stufen, die in diesen Raum von der Bühne hinabführen, sind schon öfters zum Eintritt der Schauspieler sehr bühnenwirksam ausgenutzt worden. Ich erinnere nur an das Erklimmen des Berges durch „Heinrich“ in der „Versunkenen Glocke“ oder das Heraufkommen vom Seegestade im "Weißen Röss’l“. Sogar das Dampfboot fuhr mit verblüffender Natürlichkeit in diesem Zwischenraum. So findet das große Loch zwischen den beiden Baracken eine treffliche Verwendung.

Theater Île Longue – Zwischenbau /
théâtre Île Longue - encastrement arrière
Baracke 75 / Zwischenbau / Baracke 76

Wie aus unserm Plan zu ersehen ist, dient die hintere Baracke als Werkstatt, Garderobe. Kulissen- und Requisitenraum und anderes mehr. Da der Platz um die Bühne herum sehr beschränkt ist und ein Schnürboden natürlich nicht vorhanden ist, müssen bei Szenenwechsel die Kulissen des abgespielten Aktes von der Bühne hinunter geschafft und die des nächsten heraufgeholt werden. Der erstaunlich rasche Umbau ist nur möglich durch die geeignete Konstruktion der Kulissen. Bei einer geschlossenen Dekoration werden die Teilkulissen, die eine Normalhöhe von 2,20 m haben, durch lange Querlatten verkuppelt, die in aufgebogene Eisenhaken eingeführt werden. Zum besseren Hatten werden sie dann noch verschnürt. Meistens werden die 3,75 m langen Wände schon im Kulissenraum zusammengesetzt und als Ganzes auf die Bühne gebracht. Von den verwendeten Requisiten wie Decken, Teppichen Lampen, Stühlen befinden sich eine Anzahl in Privatbesitz. Trotzdem das Theater sich möglichst davon unabhängig zu machen sucht, ist es noch immer notwendig, vieles vor der Vorstellung zu entleihen. Der Requisitenverwalter hat schon eine besondere Spürfähigkeit erlangt, geheime Schätze in den Baracken zu entdecken und für die Bühne zu verwenden.

Szenengrundriss / aménagement de scène

In den letzten Tagen wurden die Möglichkeiten unserer Bühne bedeutend erweitert durch eine große Sendung von Perücken, Kostümen und Bühnenschmuck aus der Heimat. Die Frauenabteilung der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger machte uns in liebenswürdigster Weise die freudig begrüßte Schenkung. Besonders den Theaterbesuchern der vorderen Reihen wird es aufgefallen sein, welchen Fortschritt in letzter Zeit die Technik des Schminkens der Herren für Damenrollen gemacht hat. Es war eine schwer lösbare Aufgabe für unseren Spielleiter, einem jungen Mann die Maske einer Frau zu verleihen, die nicht wie gelegentlich auf einer normalen Bühne, komische Wirkungen haben sollte, sondern die glaubhaft alle weiblichen Reize besitzen musste. Der leichte Anflug von Bart, der bei den blühenden jungen Mädchen der ersten Aufführungen die Illusion beeinträchtigen könnte, war erst vollständig zu beseitigen durch gute Schminken, die aus Deutschland gespendet wurden.

Zur Beleuchtung dar Szene dienen 14 linige Petroleumlampen. An der Rampe befinden sich 8 weiße, 3 rote und 3 blaue Lampen, je 2 weiße, in den beiderseitigen Proszenien, 8 weiße, 4 rote und 4 blaue Lampen in den Soffitten. Die Verstellbarkeit der Lichtstärke geschieht durch einen sehr sinnreichen Hebelmechanismus, der seitwärts der Bühne von einem gemeinsamen Schaltwerk aus bedient wird. An dieses sind auch noch die beiden Lampen im Zuschauerraum angeschlossen. In letzter Zeit brannte nur ein Teil der aufgestellten Lampen, da man sich wegen des Petroleummangels auf ein Minimum einschränken musste.

Große Schwierigkeiten machte dem Theater das Einfügen von rotem und blauem Licht. Die dazu nötigen farbigen Gelatineblätter konnten leider nicht beschafft werden, sodass der Versuch gemacht wurde, die Lampenzylinder mit Strohhutlack zu färben. Bedauerlicherweise werden die roten Zylinder nach kurzer Brenndauer braun, während die blauen das an sich schon schwache Licht zu stark dämpfen. Mit Erfolg wurde nächtliche Beleuchtung hergestellt1 indem man abgebrochene grüne Weinflaschen über die Lampen stülpte. Eine vorzügliche Lichtwirkung erzielte man an den Sommernachmittagen. indem man abgeblendetes Tageslicht auf den weiten Hintergrund fallen ließ. Jeder wird sich noch an das kühle Gartenzimmer in „Fritzchen“ erinnern, aus dem man hinausblickte in den sonnenbeschienenen Park oder an die in bläulicher Ferne liegende Gebirgskette in der „Versunkenen Glocke“

Über die erfolgreiche Wirksamkeit der Theaterschneiderei, das Vortäuschen von Seide durch gefärbte Leinwand, von einer Brüsseler Spitzenrobe durch zerschnittenen Mull u. andere Kunstwerke sind die meisten von uns durch die letzte Handwerks-Ausstellung unterrichtet. Die Schreiner- und Schlosserarbeiten in der Theaterwerkstatt sind oft sehr mühsam anzufertigen wegen des Fehlens brauchbarer Werkzeuge. Eine Drehbank ist zwar hier gebaut worden. Dagegen ist ein Schraubstock, eine Bohrwinde mit Bohrern, gute Feilen und anderes mehr der sehnlichste Traum unserer Theaterhandwerker. Ihre, nicht vom Applaus der Menge gewürdigte Arbeit verdient wohl besonderer Hervorhebung.

Wenn sich ihr nicht so viele Kräfte in uneigennützigster Weise ohne Entgelt zur Verfügung gestellt hätten wäre es wohl unmöglich, zu so billigen Preisen, wie wir sie zahlen, den Genuss eines Schauspiels zu verschaffen. Trotzdem gibt es viele unter uns, die erwartet hätten, dass der Theaterbesuch mit der Zeit billiger werden würde, wenn die ganze Neueinrichtung bezahlt war. Jene Herren vergessen, dass die Preise für Beleuchtung, Stoffe, Holzmaterial, Farben seit einem Jahr bedeutend gestiegen sind, sodass die Einnahmen des Theaters fast vollständig dafür verwendet werden. Wenn die Theaterleitung die Eintrittspreise auf 1,- frs belassen hat, ja sogar den Platz in den hintersten 5 Reihen auf 60 cts ermäßigt hat, so ist das bei den heutigen Einkaufspreisen bewundernswert. Wir müssen für die Zukunft zufrieden sein, wenn es einer geschickten Geschäftsführung glückt, die Eintrittspreise nicht zu erhöhen.

Zum Schluss sollen noch einige Verbesserungsvorschläge behandelt werden. Ist es nicht möglich, für unser Theater bequemere Sitzgelegenheiten als die lehnenlosen Bänke zu schaffen, z. B. Armstühle? Die Theaterleitung hat schon vor einiger Zeit daran gedacht, die vorhandenen Bänke mit Rückenlehnen und Armstützen zu versehen. Die hohen Kosten machten dieses Projekt bisher unausführbar. Vielleicht könnte aber in Zukunft eine Sammlung unter den regelmäßigen Theaterbesuchern das dazu nötige Geld aufbringen. Ein Aufstellen von Privat-Armstühlen kann schon wegen der Umständlichkeit nicht in Frage kommen. Außerdem würde der Zuschauerraum statt 200 Menschen nur wenig über 100 fassen. Die Folge davon wäre, dass im Hinblick auf die Kosten jeder Aufführung die Eintrittspreise viel höher sein müssten. Dann würde aber für viele unter uns die Ausgabe für einen Theaterplatz unmöglich werden.

Ein weiterer Vorschlag geht dahin, den Raum zu verschönern, indem man durch Einziehen einer Leinwanddecke: die hässliche Dachkonstruktion versteckt. Dieser Versuch wurde bei der Cabaret Aufführung zu Silvester mit geliehener Leinwand gemacht. Leider musste festgestellt werden, dass die Akustik der Baracke dabei beträchtlich verlor. Außerdem ist zu befürchten, dass an wärmeren Spieltagen im Zuschauerraum durch die niedrige Decke eine drückende Atmosphäre herrschen wird. Vergessen wir nicht, welche ersehnte Erfrischung im letzten Sommer das Aufsetzen eines Lüftungsturmes brachte. Wir werden uns also wohl damit begnügen müssen, bei unseren kommenden Theaterbesuchen den Zuschauerraum unverändert vorzufinden.

Vorläufig ist übrigens wenig Aussicht vorhanden, dass wir unsere Schauspiele noch lange genießen werden, denn die dringende Frage der Beschaffung des Brennstoffes ist noch ungelöst. Oder sollten wir etwa zu einer Freilichtbühne für den Rest unserer Gefangenschaft Zuflucht nehmen? Hoffentlich nicht, denn die Sonne, die alles an den Tag bringt, dürfte es wohl auch bei vollendetem Können unserer Herren Damendarsteller unmöglich machen, die Illusion des Publikums aufrecht zu erhalten. Wir hoffen daher, dass der häufig wiederholte Notschrei nach Beleuchtung für unser Theater bei den verschiedenen Hilfswerken Gehör finden möge. Ein Besuch unseres Theaters bedeutet für uns Gefangene ein flüchtiges Vergessen unserer Lage. Schenkt uns diese Gnade und schickt Petroleum!

R.