Eine Freimaurer-Loge im Lager
On-line gesetzt am 4. Mai 2013
zuletzt geändert am 1. Dezember 2014

von Christophe

Die Gründungsurkunde der Loge « In Ketten zum Licht », ausgestellt auf Ile Longue am 28. Januar 1918, von der wir eine Kopie besitzen, ist der sichere Beweis dafür, dass es im Lager Ile Longue tatsächlich eine Freimaurer-Loge gab.

Diese Kopie wurde uns freundlicherweise vom Logenmeister der Loge „Zu den Romeriken Bergen“ in Remscheid, der Mutterloge des Internierten Freimaurers Johannes Mättig, zur Verfügung gestellt, wofür wir ihm hier ausdrücklich danken möchten.

Gründungsurkunde der Feldloge „In Ketten zum Licht“ /
L’acte de fondation de la loge « In Ketten zum Licht »

Bezüglich detaillierter Informationen zur Gründung und zum Leben der Loge sind wir bedauerlicherweise auf das Werk „Volksverrat der Feldlogen im Weltkrieg“ von Friedrich Hasselbacher angewiesen, eine gehässige Darstellung im Geiste des Nationalsozialismus, deren Hauptziel es ist, die Freimaurerei zu verleumden und zu zerstören.

Immerhin ist es Hasselbacher zu verdanken, dass wir über den Text der Broschüre Die „Feldloge ‚In Ketten zum Licht’ und andere freimaurerische Erinnerungen aus der Kriegsgefangenschaft“ des auf Ile Longue internierten Freimaurers Titus Taeschner verfügen. Nach Hasselbacher ist die Loge „In Ketten zum Licht“ die einzige Feldloge des Ersten Weltkriegs, abgesehen von zwei englischen Logen in den Niederlanden.

Titus Taeschners Erinnerungen scheinen von Hasselbacher nicht verändert worden zu sein. Im Folgenden einige Auszüge daraus, die uns über die Gründung der Loge und deren Leben Aufschluss geben.

Seite 9-10:
„In solch einer Zelle also tagten unsere Kränzchen, und es war für acht Mann nicht eben sehr bequem. Aber man war doch unter sich und dabei half man sich schon. Jeder mußte sich natürlich seinen Kaffeetopf bzw. seine Tasse, wer eine besaß, sowie seinen Tabak selbst mitbringen. Der Kaffee wurde aus der Kränzchenkasse bezahlt. Primitiv, aber gemütlich war’s, und es ging sehr lebhaft bei solchen Zusammenkünften her. Manchmal aber, wenn frmr. Interna aufs Tapet kamen, sank die Unterhaltung mit Rücksicht auf die, nur durch dünne Papierwände getrennte, profane Nachbarschaft zu geheimnisvollem Flüstern herab.

Da wurde denn auch der Plan beraten, unsere Kaffeegesellschaft zu einem richtigen Logenkränzchen auszubauen, bei dem dann auch Vorträge mit frmr. Tendenzen gehalten werden sollten. Das Für und Wider wurde eifrigst erwogen. Der Schwierigkeiten gab es gar viele, die dem Plane entgegenstanden, aber man kam dann doch endlich zu dem Entschluß, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Bald kamen auch noch vier weitere Brr. hinzu, die uns der Zufall finden ließ.

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Auf meine Anregung hin hatten wir in der Lagerzeitung, die allwöchentlich erschien, eine kurze, nur Frmr. verständliche Notiz einrücken lassen. Daraufhin meldete sich der Türke Nafiz Schefik Kori Bey, Polizeipräsident von Smyrna, Schüler der deutschen Klasse der von mir ins Leben gerufenen Volkshochschule, und Dr. med. Othman Holzmann, Leibarzt des Sultans von Marokko, welcher an der gleichen Schule Türkisch und Arabisch lehrte und dessen Schüler ich war. Ersterer gehörte der Loge Meschrutyet, Or. Damaskus, Großor. der Türkei, letzterer der Loge Coronation in Tanger an, derselben, aus der wir schon den Br. Weiß zu den Unsrigen zählten. Etwas später kam dann noch, infolge des Zuzuges eines anderen aufgelösten Gefangenenlagers, der Ungar Dr. jur. Manheim von der Loge Cosmos Nr. 288 in Paris, und als letzter der Kaufmann B. Schmidt, Lodge The Widow’s Son VII, Or. Cap Mount, Liberia, hinzu. Nun waren wir zwölf Brr., und unsere Freude über den Zuwachs war groß.

Seite 10-11:
„Am schwierigsten war die Beschaffung eines Raumes, der geeignet war, als Tempel zu dienen. Aber auch diese Frage wurde befriedigend gelöst. Aus zerlegbaren Wandteilen wurde ein 51/2 Meter breiter und 31/2 Meter hoher Kasten konstruiert, den wir in der Musikküche, die uns zur Verfügung stand, in kurzer Zeit aufstellen konnten. Ebenso schnell war er wieder abzumontieren. Auf einem im selben Raume angebrachten Hängeboden konnten die einzelnen Wandteile und alle anderen Gerätschaften, Tischchen, Säulen und Leuchter rasch und sicher verstaut werden.

Nachdem auch unsere mr. Bekleidung teils von einem türkischen, teils von einem ungarischen Schneider angefertigt, die Beamtenzeichen aus Messing geschnitten und ziseliert, die Bijous aus französischen Fünffrankstücken gegossen und auch alle Beamten gewählt waren, konnte endlich der 28. Januar 1918 als Gründungstag unserer Loge festgesetzt werden."

Seite 11:
„Als nun der Tag herangekommen war, waren alle Vorbereitungen für einen würdigen Verlauf der Feier getroffen. Um 41/2 Uhr waren alle Brr. im Vorraum versammelt. Nach kurzer Ansprache erfolgte programmgemäß die Vollziehung der Gründungsakte durch alle Brr. Freimaurer. Dann bat ich die Brr., sich mr. zu bekleiden, und der höchstbegradete Br. Lederer von der amerik. Großloge zu Philadelphia begab sich in den zum Tempel bestimmten Raum, um am Altar den Eintritt der Brr. zu erwarten und die Lichteinbringung vorzunehmen."

Seite 11:
„Das geheimnisvolle Ereignis hielt uns alle in seinem Banne. Und als nach den Worten Br. Lederers: „Kraft der mir verliehenen Gewalt als Br. Freimaurer im 32. Grade des Großlogenbundes der Vereinigten Staaten von Nordamerika weihe ich diesen profanen Raum zum Tempel und gebe ihm hiermit das Licht„, dieses meteorartig aufstrahlte und den Tempel in glänzende Helle tauchte, war jeder von uns stark ergriffen.“

Seite 12:
„Mit Rücksicht auf die uns zu nahe auf der Haut sitzende profane Außenwelt und die prekäre Lage, in der wir uns befanden, durften wir aber das Schluß-Kettenlied zu unserem lebhaften Bedauern nur ganz leise raunen.

In gehobenster Stimmung und äußerst befriedigt verließen wir dann den Tempel, um schleunigst alle Vorbereitungen für die daran anschließende Tafelloge zu treffen. Zu diesem Zwecke mußte jedoch der Tempel erst abgebrochen und verpackt werden. Da ein jeder dabei half, war diese Arbeit im Handumdrehen geschehen. Ordonnanzen stellten die bereitstehenden Tische auf, weiße Bettlaken wurden darüber gebreitet, die Tafel mit blühenden Ginsterbüschen festlich geschmückt. Geschirr wurde herangeschleppt und das von einem deutschen Koch bereitete Mahl aufgetragen.

Ha! und welche Leckereien gab es da. Italienischer Salat leitete das Festmahl ein, Prinzessinnensuppe, Rinderfilet mit Spargel und Kompott, Süßspeisen folgten, und eine Käseplatte mit Camembert, Gervais und Fromage de Brie schlossen es ab. Man konnte nämlich auf Ile Longue, wenn auch damals schon zu gesalzenen Preisen, alles haben. Das Essen kostete jeden von uns etwa 30 Franken. Auch der Wein fehlte nicht, und bald waren wir alle in animiertester Stimmung, die allerdings durch das Appellsignal um 8 Uhr eine starke Ernüchterung erlitt.

Aber nach dem Appell fanden wir uns wieder zusammen und blieben unter Anwendung gewisser Vorsichtsmaßregeln noch bis gegen 12 Uhr nachts beieinander."

Seite 13:
hören wir über den Meister vom Stuhl der Feldloge, den Br. Holzmann, „daß er Israelit und dann zum Mohammedanismus übergetreten war."

Seite 14:
„Das letzte Johannisfest war der Abschluß unseres Logenlebens auf Ile Longue. Bald darauf wurden die Österreicher und Ungarn ausgetauscht, und da auch unser Abtransport in naher Aussicht stand, so deckten wir in einer letzten, sehr stillen und trübsinnigen Arbeit unsere Feldloge „In Ketten zum Licht„.“

Soweit Titus Taeschner in seiner oben genannten Broschüre.

Hier die Liste der zwölf Mitglieder der Feldloge « In Ketten zum Licht », gemäß Taeschners Angaben :

Name Mutterloge Großloge
Beck, Otto „Aurora“, Buenos Aires Großloge von Argentinien
Holzmann, Othman „Coronation Nr. 934“, Tanger Großloge von Schottland
Italiener, Karl „Germania zur Einigkeit“, Berlin Großloge von Hamburg
Kreuziger, Gustav „Teutonia zur Weisheit“, Potsdam Große National-Mutterloge „Zu den 3 Weltkugeln”
Lederer, Oscar Heinrich „Philadelphia Konsistory" Großloge von Pennsylvanien
Manheim, Louis „Cosmos Nr. 288“, Paris Großloge von Frankreich
Maser, Carl Heinrich „Josef zur Einigkeit“, Nürnberg Große Mutterloge des Eklektischen. Freimaurerbundes in Frankfurt a. M
Mättig, Johannes „Zu den Romeriken Bergen“, Remscheid Große Nationalloge von Deutschland
Nafiz, Schefik „Meschrutyet“, Damaskus Großorient der Türkei
Schmidt, Bernhard „The Widows Son VII“, Kap Mount, Großloge von Liberia
Taeschner, Titus „Bruderbund am Fichtenberg“, Berlin-Steglitz Große National-Mutterloge „Zu den 3 Weltkugeln”
Weiß, Ludwig „Coronation Nr. 934“, Tanger Großloge von Schottland

Laut einem Brief des internierten Freimaurers Johannes Mättig an den Großmeister der Großen Nationalloge von Deutschland vom 26. Januar 1921 hatte die Feldloge „In Ketten zum Licht“ keine Möglichkeit, ihre Aufnahme in eine Großloge zu beantragen, weil die Brüder der Feldloge nicht riskieren wollten, dass die entsprechende Korrespondenz in die Hände der französischen Zensur fiel.

In demselben Schreiben gibt Johannes Mättig folgenden kurzen Bericht über die Auflösung der Feldloge:

„Als dann Mitte 1918 immer wieder das Gerücht unserer Heimbeförderung und der Auflösung unseres Lagers auftauchte, haben wir, nach beiliegendem Blatt, am 24. Juni 1918 mit dem Johannisfest unsere Arbeiten eingestellt. Soweit ich mich noch entsinne, fanden 4 Arbeiten im Tempel statt, außerdem wurden 2 Vorträge gehalten. … Die gesamten Akten hat meines Wissens Br. K. Italiener verbrannt, um sie, falls eine Revision des Gepäcks stattfinden sollte, nicht den Franzosen in die Hände fallen zu lassen.“

Am Ende dieses Schreibens bittet Johannes Mättig den Großmeister um die Erlaubnis, das Bijou der Feldloge bei den Tempelarbeiten der Mutterloge in Remscheid weiterhin tragen zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde ihm erteilt.

Quelle: Friedrich Hasselbacher: Volksverrat der Feldlogen im Weltkriege. 1941, 93-101 (= 7. erweiterte und völlig neubearbeitete Auflage von: Hoch- und Landesverrat der Feldlogen im Weltkriege. 1935)
Darin die Broschüre „Die Feldloge ‚In Ketten zum Licht’ und andere freimaurerische Erinnerungen aus der Kriegsgefangenschaft„, verfaßt von Br. T. Taeschner - Stettin, Mitglied der Loge „Bruderbund am Fichtenberg“ im Orient Berlin-Steglitz, Handschrift nur für Brüder Freimaurer", Leipzig, 1921, lesen wir u. a. folgendes: