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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Herbert Ganslandt
On-line gesetzt am 10. Juli 2017
zuletzt geändert am 3. Januar 2019

von Gérard, Ursula


Als Franz Ganslandt aus Bielefeld nach seiner Pensionierung begann, für seine drei Kinder die Familiengeschichte der Ganslandts aufzuschreiben, fiel ihm auf, dass er über das bewegte Leben seines Vaters, Herbert Ganslandt, einiges nicht wusste.

Franz Ganslandt im Jahr 2014 in seiner Wohnung in Bielefeld

„Wie es leider so geht: In der eigenen engeren Familie fragt man nicht genug nach, bis es zu spät ist. Ich weiß von meinem Vater nichts über die Zeit zwischen Abitur und 1914. Vom Kriegsausbruch wurde er überrascht, als er gerade seinen Bruder Walter in Tanger besuchte. Es gelang ihm noch, in das neutrale Spanien überzusetzen. In Barcelona saß er zunächst fest, bis die Mutter ihn über das Rote Kreuz in Genf mit etwas Geld versorgen konnte. Dann versuchte er, mit einem Passagierschiff in das noch neutrale Italien zu gelangen, um in die Heimat zu kommen. Das Schiff wurde aber auf der Höhe von Korsika von einem französischen Kriegsschiff gestoppt, und es wurden alle Deutschen und Österreicher von Bord geholt. So begann für ihn eine fast fünfjährige Zeit als Zivilinternierter in Frankreich, zuerst in Uzès in Südfrankreich, dann auf der Ile Longue bei Brest. Die Internierten versuchten, die Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Es gab Kurse der verschiedensten Art. In einem Brief bittet er seine Mutter um ein Wörterbuch für Neugriechisch. Bilder zeigen meinen Vater in einer Hockey-Mannschaft und beim Theaterspiel. Für eine Aufführung übersetzte er damals von Bernhard Shaw „Mrs. Warrens Profession“. Es gab eine Lagerzeitung, die im Steindruck hergestellt wurde. Hier schrieb er eine Kolumne, die Der Beobachter hieß. Bei den Fliegern wurde damals der Beobachter„Franz“ genannt - daher der Ausdruck „sich verfranzen“ für verirren - und mein Vater bekam den Spitznamen „Franz“, der später zu meinem Vornamen wurde. Zu seinem als Kind erworbenen Englisch lernte er in dieser Zeit fließend Französisch. Erst 1919 wurde er, wie die kriegsgefangenen Soldaten, in die Heimat entlassen. Eine Freundesgruppe aus der Internierungszeit, die sich „Die Regenwürmer“nannte, hielt noch viele Jahre zusammen und traf sich zu gemeinsamen Treffen und Reisen.“

Im August 2014 entdeckte Franz Ganslandt in der Tageszeitung Neue Westfälische, einen Artikel über das Buch, „Fernab des Krieges – Das Leben des Carl Röthemeyer im Internierungslager Île Longue“. Er setzte sich mit der Autorin in Verbindung. Bei einem Treffen wurde bald klar, dass Herbert Ganslandt der im Buch mehrfach erwähnte und zitierte „H.G.“ war, der für die Lagerzeitung Die Insel-Woche Berichte über die Theateraufführungen geschrieben hatte.

Inzwischen sind uns weitere Einzelheiten über die Internierung von Herbert Ganslandt bekannt. Im Archiv des Departements Finistère befindet sich u.a. ein Personalbogen, der in Uzès ausgestellt wurde und der Herbert Ganslandt bis zur Île Longue begleitet hat. Weitere Informationen stammen aus den ausführlichen und bewegenden Erlebnisberichten von Hellmut Felle, von Wilhelm-Hubert Doetsch und von Paul Madsack. Alle drei waren zusammen mit Herbert Ganslandt in Uzès interniert und wurden mit ihm im Jahr 1916 zur Île Longue verlegt.

Herbert Ganslandt

Herbert Ganslandt ist das dritte Kind von Wilhelm (Willi) Karl August Ganslandt, (* 25.8.1844 †24.6.1895) und Elisabeth Hasse, (* 21.5.1856 † 9.12.1945). Sein Vater Willi Ganslandt war deutscher Konsul in Aden und später als Kaufmann in London ansässig. Die Kinder werden in London geboren, Aennie 1884, Walter 1886 und Herbert am 24.04.1888. Im Jahr 1898 verläßt Willi Gansland London, und läßt sich mit seiner Familie in Kassel nieder. Dort besucht Herbert Ganslandt das Gymnasium und macht nach dem Abitur eine kaufmännische Ausbildung.

Reisen zu Kriegszeiten (Tanger, Cadiz, Toulon)

1914 besucht Herbert Ganslandt seinen Bruder Walter in Tanger. Dieser war zu dieser Zeit Referendar am deutschen Generalkonsulat. Herbert gelingt es bei Kriegsausbruch, sich nach Cadiz (Spanien) abzusetzen. Sein Bruder Walter gerät in die Hände der Franzosen und wird nach Sebdou verbracht und interniert. Er verstirbt dort am 3.10.1914.

Herbert Ganslandt sitzt in Spanien und wartet auf die Gelegenheit, mit einem Schiff nach dem noch neutralen Italien zu kommen und von da nach Deutschland. Anfang Oktober 1914 ergibt sich diese Gelegenheit. Seine Mutter hat ihm über das Rote Kreuz etwas Geld schicken können und der Kapitän des kleinen spanischen Frachtdampfers Federico ist bereit, eine größere Zahl von Deutschen und Österreichern nach Genua zu bringen. Angeblich hatte er eine solche Fahrt schon zweimal erfolgreich gemacht. Am 9. Oktober [1] sticht das Schiff mit rund 170 Deutschen und Österreichern an Bord in See. Unter den Passagieren sind unter anderen Helmut Felle, Adolf Freiherr von Weichs sowie der spätere Schauspieler und Spielleiter Karl Friedrich Wilhelm Ratzlow, die auch auf der Île Longue interniert werden.

Diesmal ist die Überfahrt nicht erfolgreich. Auf der Höhe von Toulon wird das Schiff am 10. Oktober vom Torpedoboot 360 der französischen Marine aufgebracht und zum Hafen von Toulon umgeleitet. Etwa 150 Passagiere werden festgesetzt. Es wird eineinhalb Jahre dauern, bevor 118 [2] von ihnen am 22. August 1916 auf der Île Longue ankommen.

In Gefangenschaft (Marseille, Casabianda (Korsika), Uzés (Le Gard), Île Longue

Marseille
Von Toulon werden die Gefangenen in das ehemalige Fort Saint-Nicolas in Marseille verbracht, wo sie die nächsten Tage in den zu Gefängniszellen umgenutzten Kasematten auf Stroh verbringen. Nach etwa 2 Wochen werden sie auf den sogenannten „Ponton“ verbracht. Der Ponton ist ein ausgemustertes Kriegsschiff, das im „Neuen Hafen“ von Marseille verankert ist, er dient als Sammellager für die Gefangenen, die nach Korsika, Tunesien oder Algerien verschifft werden sollen.

Casabianda
Wenige Tage später werden die Gefangenen auf ein kleines Frachtschiff gebracht. Die Fahrt geht nach Bastia auf Korsika, und von dort mit der Bahn in Viehwagen nach Aleria und weiter zu Fuß nach Casabianda.

Casabianda ist eine ehemalige Sträflingskolonie mit einem zugehörigen Gut. Sie liegt mitten in einem ehemaligen Sumpfgebiet und ist immer noch Malaria gefährdet. In den halb verfallenen Gebäuden sind im Februar 1915 fast 1.500 Internierte untergebracht, davon sind etwa 280 Zivilgefangene. Die Zustände im Lager sind erschreckend. Um den Jahreswechsel 1914/15 bricht Typhus und Ruhr aus. Die medizinische Versorgung ist katastrophal, der Lagerarzt unfähig, unwillig und unglaublich brutal. Hellmut Felle berichtet von 10 Toten bis Ende April 1915.
Nach einem halben Jahr in Casabianda, werden die Zivilinternierten nach Uzès (Le Gard) verlegt, was möglicherweise die Folge des Besuchs einer „amerikanischen Kommission“ Anfang Februar 1915 ist, die die Zustände in Casabianda vorsichtig als „nicht zufriedenstellend“ eingestuft hat.

Uzès
Der Rückweg gleicht dem Hinweg: Zu Fuß nach Aleria, mit dem Zug im Viehtransporter nach Bastia und mit dem Schiff zurück nach Marseille auf den Ponton. Nach drei Tagen auf dem Ponton geht es mit der Bahn nach Uzès.

Personalbogen Herbert Ganslandt aus Uzès mit Eintragungen bis zur Entlassung 1919 von der Île Longue,
Archives départmentales de Finistère

Hier kommen etwa 200 Internierte am 4. Mai 1915 an und treffen auf etwa 400 [3], Leidensgenossen, Soldaten und Zivilinternierte. Die Neuankömmlinge werden in einer ehemaligen Kavalleriekaserne einquartiert. Sie haben nun zwar ein Regen sicheres Dach über dem Kopf und müssen nicht mehr mit 160 Mann in einer Scheune kampieren, sondern sind nur noch 13 Mann in einem Raum, aber die Zustände verbessern sich nicht wirklich. Außer den Hofrunden im Innenhof der Kaserne gibt es keinerlei Beschäftigungsangebote. Militärischer Drill, ständige Gängelung und Repressalien sind an der Tagesordnung. Die Gefangenen müssen eine Art militarisierte Kleidung tragen, die sie als Häftlinge kennzeichnetet: Sie bekommen eine spezielle Mütze mit einem roten Streifen. Weitere rote Markierungen, Streifen, eine rote Nummer und in roten Buchstaben PG für „prisonnier de guerre“, müssen sie sich selbst auf die Kleidung nähen. Wenn die Ausstattung nicht komplett ist, droht dreitägiger Arrest.

Herbert Ganslandt, Aufnahme aus dem Internierungslager Uzès

Im Sommer 1916 werden die Internierungslager in Frankreich umstrukturiert. Gefangene Soldaten und Zivilinternierte sollen getrennt untergebracht, und die jeweiligen Lager dem Kriegsministerium bzw. dem Ministerium des Inneren unterstellt werden. Für die Zivilinternierten aus Uzès ist das Lager der Île Longue vorgesehen, wo es Leerstände gibt, da die dort inhaftierten Soldaten ebenfalls in ein anderes Lager geschickt wurden.

Île Longue

Im Morgengrauen des 18. August 1916 öffnen sich die Kasernentore. Zusammen mit den anderen Zivilinternierten marschiert Herbert Ganslandt zum Bahnhof von Uzés. Eine viertägige Bahnfahrt führt quer durch Frankreich bis nach Brest, von dort aus geht es mit dem Boot zur Île Longue. Beim Anblick des Lagers mit der freien Sicht bis hin zum Festland, das im Vergleich zu den vorherigen Lagern auf sie fast paradiesisch wirkt, und beim Anblick der gebräunten und in Zivil gekleideten Bewohnern, sind die die schikanierten und geschundenen Männer überwältigt. Sie reißen sich die roten Gefangenenkennzeichen von der Kleidung und werfen die Lumpen zusammen mit den verhassten Mützen ins Meer bevor sie die Insel betreten und so etwas wie ein neues Leben beginnen.

Postkarte, die Herbert Ganslandt von der Île Longue an seine Mutter schickte

Das Internierungslager auf der Île Longue wurde im Herbst 1914 unter Mithilfe der Gefangenen aufgebaut. Es steht auf einem 7 Hektar großen Gelände mit mehr als 100 Baracken, die als Unterkünfte dienen, und 8 weiteren große Baracken, Adrian-Baracken genannt. Außerdem wurden Baracken für Wachpersonal, Krankenstation, Kantinen, Waschstation, Latrinen, Lagerraum und die Verwaltung gebaut. Im Frühjahr 1915 wurde sogar ein ein Sportplatz errichtet, der von den Internierten geplant, finanziert und gebaut wurde. Dieses war möglich, weil sich unter den ersten Gefangenen u.a. einige finanzstarke Unternehmer und Kaufleute befanden, die nach Kriegsausbruch mit dem Dampfer Nieuw Amsterdam von New York aus nach Rotterdam reisen wollten. Vor Brest wurde das Schiff jedoch vom französischen Hilfskreuzer Savoie angehalten und alle wehrpflichtigen Männer aus Deutschland und Österreich Ungarn festgenommen und auf der Île Longue interniert.
Das Gefangenenleben war auch dort nicht leicht, das Essen zeitweise sehr schlecht, aber besser erträglich als in vielen anderen Lagern, weil es den Internierten möglich war, sich gewisse Freiräume zu schaffen.

Herbert Ganslandt wird in Baracke 50 ganz in der Nähe des Sportplatzes eingewiesen und versucht sich einzuleben. Er beginnt, seine Barackenecke wohnlich zu gestalten und bittet seine Eltern, ihm verschiedene Dinge hierfür zu besorgen, wie Bettkissen und Wäsche. Auf der Wunschliste stehen auch Glasscheiben. Er möchte, so wie viele andere Internierte es bereits geschafft haben, in seine seiner dunkle Barackenecke ein Fenster einbauen.

Quittung vom Lager der Île Longue, mit der Herbert Ganslandt unter anderem den Empfang von Glasscheiben bestätigt

Herbert Gansland genießt die Möglichkeit, auf dem großen, von den Internierten angelegten, Sportplatz endlich wieder Sport betreiben zu können. Er ist zusammen mit Christian Barth, den er aus seiner Internierungszeit im Lager von Uzès kannte, in der Hockey-Mannschaft.

Hockey-Mannschaft auf der Île Longue; Herbert Ganslandt: Untere Reihe, 3. von links

Sein Schwerpunkt ist Sport jedoch nicht [4], er interessiert sich mehr für Weiterbildungs-Veranstaltungen. Für einen Kurs Neugriechisch bittet er seine Mutter, ihm ein Wörterbuch zuzuschicken.

Der April 1917 ist ein besonderer Monat für die Internierten auf der Île Longue: Sie erhalten die Genehmigung zur Veröffentlichung einer Lagerzeitung und zur Eröffnung eines Theaters in inzwischen leerstehenden Baracken.

Herbert Ganslandt ist von den Theaterveranstaltungen, die G.W. Pabst organisiert, besonders fasziniert. Er beginnt Theaterkritiken zu schreiben. Sein ersten Artikel „Schauspiele“, wird in der 4. Ausgabe am 29. April veröffentlicht wird und überzeugt Leser und Redaktion: Er wird zum ständigen Berichterstatter für das Theater. Zu fast allen Inszenierungen, die während der Erscheinungszeit der Insel-Woche auf die Bühne kommen, hat er etwas geschrieben, insgesamt 23 Beiträge. Fünf der wöchentlich erscheinenden, humorigen gereimten Chroniken stammen auch von ihm. Außerdem werden Berichte von ihm über verschiedene Veranstaltungen veröffentlich: „Vorstellung des Athletik-Sportclubs“, „Jahreswende 1917/18 - Überbrettl und Varieté“ „Zum einjährigen Jubiläum des Theaters“ und ein Text über das von den Internierten viel diskutierte und für sie immer wieder frustrierende Thema „Austausch“.
 [5]

Im Mai 1918 überstürzen sich die Ereignisse im Lager. Die Internierten erhalten Anfang Mai die Nachricht, dass ein Austauschvertrag bereits unterschrieben ist und nur noch ratifiziert werden muß. Dann tritt Mitte Mai die gesamte Theaterleitung zurück, die Theaterproduktion wird jedoch unter neuer Leitung fortgesetzt und die Publikation ihrer Lagerzeitung Die Insel-Woche wird verboten. Ende Mai veröffentlichen die Internierten noch zwei undatierte Mitteilungsblätter, die über die Arbeit des Theaters informieren Schauspiele Ile Longue und „Das Neue Theater“. Für beide Blätter schreibt Herbert Ganslandt jeweils einen Bericht. Im Juni wird das vorerst letzte Stück aufgeführt. Dann ist Sendepause.

Es folgt eine schwere Zeit für die Gefangenen. Monat um Monat warten sie sehnsüchtig auf die Freilassung. Im September müssen sie ihre Hoffnungen begraben, der Vertrag wird nicht ratifiziert. Zu allem Unheil erreicht die erste Welle der Spanischen Grippe im Sommer auch die Île Longue. Das Theater öffnet seine Pforten erst wieder im Oktober/November 1918. Im Winter folgt die zweite Welle der Pandemie. Erst im Frühjahr, von Februar bis Juni, finden wieder Veranstaltungen des Theaters statt.

Ohne Zeitungen ist ein Theaterkritiker arbeitslos. Herbert Ganslandt sucht sich ein weiteres Betätigungsfeld. Er übersetzt ein Werk von Bernhard Shaw "Mrs. Warrens Profession“ und das Theaterstück „Baby Mine“ (Mein Baby) der amerikanischen Schriftstellerin Margaret Mayo von 1910, das am 19. Mai 1919 aufgeführt wird. Im Juni avanciert er zum Spielleiter bei der Aufführung „Der Dieb“ von Henry Bernstein.

Foto Theateraufführung „Mein Baby“. Herbert Ganslandt - Spielleiter - 1. von links.

In Sommer 1919 verschlechtert sich die Lage auf der Île Longue weiter. Die Gefangenen können nicht begreifen, dass sie selbst nach Unterzeichnung des Friedensvertrag von Versailles am 28. Juni nicht freigelassen wurden, Unruhen und Ausbrüche nehmen zu. Erst am 20. Oktober werden alle Internierten freigelassen.

Nach der Gefangenschaft / in der Freiheit

Herbert Ganslandt bleibt zuerst in Kassel bei seinen Eltern. Er hat das Glück, in dieser schwierigen Zeit bei einer Kasseler Firma eine Stelle als kaufmännischer Angestellter zu bekommen.

In den Nachkriegsjahren steht er in engem Kontakt mit seinen Kameraden aus der Gefangenschaft. Mit Ehlert A. Seemann trifft er sich einige Male. Als Ehlert A. Seemann 1923 in Goslar ein Treffen organisiert, kommen 21 ehemalige Internierte zusammen - unter ihnen auch Hans Baehr - und tauschen Erinnerungen aus den vergangenen Zeiten in Frankreich aus.

Treffen von ehemaligen Internierten auf der Île Longue in Goslar im Jahr 1923, Herbert Gansland 2. von links in der mittleren Reihe;
Sammlung von Hans Baehr - siehe auch Artikel „Hans Baehr und seine Sammlung“

Eine Gruppe, genannt „Die Regenwürmer“, veranstaltet regelmäßige Treffen und Fahrten. Eine besondere Reise findet sogar noch in den 30er Jahren statt: Eine Segelpartie auf der Ostsee nach Dänemark.

Mitte der 20er Jahre verändert Herbert Ganslandt seinen Wohnsitz und sein Leben: Er nimmt eine Stelle bei der Werkzeugmaschinenfabrik Calow in Bielefeld an und heiratete 1927 Ilse Marianne Faubel (1901 – 1958), die auch aus Kassel kommt. Zwei Söhne stammen aus dieser Ehe: Franz (*27.06.1927) Herbert (*23.10.1936).
In den ersten Jahren arbeitet Herbert Ganslandt bei der Firma Carlow als kaufmännischer Angestellter in der Export-Abteilung, später wird er dort Prokurist. Als gegen Ende des 1. Weltkriegs die Fabrik zerstört wird, bekommt er das Angebot der Stadt Bielefeld, als Übersetzer zu arbeiten, wo auch ein alter Bekannter aus dem Internierungslager Île Longue - Carl Röthemeyer - als Übersetzer tätig ist. Kurze Zeit später wird Herbert Ganslandt Leiter des städtischen Übersetzungsbüros. Er stirbt am 20. Dezember 1949 im Alter von 61 Jahren.

Anhang

Aufstellung der Artikel von Herbert Ganslandt sowie seiner weiteren Aktivitäten:

IW-II-04, S. 4 Schauspiele (Alt Heidelberg – Wiederholung)
IW-II-05, S. 2 Schauspiele (Jugend - Erstaufführung)
IW-II-06, S. 2 Schauspiele (Jugend - 2. Aufführung)
IW-II-07, S. 4 Schauspiele (Liebe des Lebens 3 Stücke - Erstaufführung)
IW-II-08, S. 2 Schauspiele (Wiederholung des Einakterabends)
IW-II-09, S. 2 Schauspiele (Wiederholung von Lottchens Geburtstag)
IW-II-13, S. 2 Schauspiele (Die versunkene Glocke - Erstaufführung)
IW-II-15, S. 2 Im Klubsessel
IW-II-18, S. 2 Schauspiele (Großstadtluft - Erstaufführung)
IW-II-20, S. 2 Schauspiele (Der Pfarrer von Kirchfeld - Erstaufführung)
IW-II-22, S. 4 Schauspiele (Moral - Erstaufführung)
IW-II-25, S. 2 Schauspiele (Weh‘ dem, der lügt - Erstaufführung)
IW-II-28, S. 2 V. Abteilung: Ausstellung des Theaters
IW-II-29, Chronik 11. - 17. Oktober
IW-II-30, S. 2 Schauspiele (Flachsmann als Erzieher - Erstaufführung)
IW-II-31, S. 2 „Der Biberpelz“ von Gerhard Hauptmann
IW-II-32, S. 3 Die Theaterwoche (Großstadtluft und Bieberpelz)
IW-II-33, Veranstaltungsbeschreibung „Vorstellung des ’Athletik-Sportclubs“
IW-II-34, Chronik
IW-II-35, S. 2 Schauspiele (Im weißen Rössl - Erstaufführung)
IW-II-36, S. 4 Schauspiele (Die Ehre – Erstaufführung)
IW-II-38, Chronik
IW-II-39, S. 2 Schauspiele (Die Ehre – Erstaufführung)
IW-II-40, Jahreswende 1917/18 „Überbettl und Varieté“
IW-II-43, Chronik
IW-II-48, S. 2 Theater (Alt Heidelberg – Wiederaufführung)
IW-II-48, Artikel Theater 1jähriges Bestehen HG
IW-II-48, S. 3 Chronik
IW-II-50 Artikel „Schauspiele“
IW-II-51, Artikel „Austausch“
IW-IIa-02; S. 2/3 Schauspiele Ile Longue (Traumulus - Erstaufführung)
IW-IIa-05, S. 2 Schauspiele Ile Longue (Hasemanns Töchter) Inszenierung Ratzlow

Schauspiele Ile Longue , o.D. (wahrscheinlich Anfang Mai), Artikel „Die Befreiten“

Das neue Theater o.D. (wahrscheinlich Ende Mai), Artikel „Heimat" von Herbert Sundermann

19. Mai 1919 , 31. Theaterabend „Mein Baby“ (Baby Mine) von Margaret Mayo, Übersetzung von Herbert Ganslandt

Juni 1919, 32. Theaterabend „Der Dieb“, Spielleitung Herbert Ganslandt, Technische Leitung Harry Voges

Hier zwei Beispiele:
„Im Klubsessel
(Erlauscht im Insel-Café)
Warst du heute abend im Theater? - Klar Mensch, mir tut noch der Bauch weh vom Lachen; darum
muß ich rasch ‘nen Kaffee trinken. Wo hast du denn gesessen? - Ich? Gar nicht. Ich stand draußen
und sah, wie die Baracke wackelte. Das muß ja recht ulkig gewesen sein. - Großartig, Mensch, ganz
großartig. - So, erzähl mal ein bißchen, wie ist das Stück? - Das Stück, ja Mann, hm ... paß‘ mal auf: Da
sind also zwei Grafen, den alten macht Schultze und Seeger den jungen, glänzend übrigens, die sind
pleite und ihr Schloß soll verkloppt werden. Das geht ihnen aber weit vorbei, denn ihr Wahlspruch
heißt: „Lebe für heute.“ Recht haben die Leute. Dann kommt die Baronin Vrieslanden, die markiert
Sauter übrigens tadellos, und schlägt ihnen vor, zu heiraten, um aus der Tinte zu kommen. ‘Ne reiche
Partie hat sie gleich mitgebracht, die Stephanie von Göndör; sie spielt Kempfner - Mensch, die mußt
Du sehen. Inzwischen wird das Schloß verauktioniert, und zwar kauft es ausgerechnet dem alten
Grafen seine Tochter, von der er überhaupt keine Ahnung hat, weil sie nach der Scheidung geboren
ist, verstehst Du, und immer in England gelebt hat. Das Mädel mimt Wildt, fein natürlich, und
Bergmann die Gouvernante, ein richtiggehendes Beef wie in den Fliegenden Blättern. Zum Piepen, sag
ich ir. Weißt Du, erzählen läßt sich das schlecht, am besten gehst du selber mal rein. Im Grunde ist das
Stück ja ein großer Mist, aber das ist ja egal. Hauptsache, daß man lacht, was Emil? - Klar Mann! Zum
Beispiel der Teply als pensionierte Balleteuse und Wechselschieberin, einfach zum Brüllen. - Ja, und v.
Bogen als alte Tante bei der Auktion, wie Klaubisch ihr das Hörrohr klaut. - Und Aus dem Dahl,
Mensch, der als Wasserdoktor, ich hab mich ja schief gelacht. Übrigens geh‘ ich nächstes Mal auch in
der Badehose ins Theater. Was die da oben können, werden wir wohl auch dürfen. Bei der Hitze! -
Sicher, mach ich auch. Fein war übrigens Erichsen als Koch. - Überhaupt alle tadellos. Auch die
Kostüme und die Dekorationen, wirklich hervorragend. Das war so der richtige Film für hier.
Hoffentlich kommt die Schweizer Kommission, ehe der Buckel wieder weg ist. Gute Nacht.
H.G.“

Zweites Beispiel
IW-II-18, S. 2, 05. August 1917 Schauspiele (Großstadtluft - Erstaufführung)
„Schauspiele
Erstaufführung B. 3 „Großstadtluft“
Die Kinder der heiteren Muse begegnen uns in verschiedenem Gewande: Bald nennen sie sich
Lustspiel, bald heißen sie Schwank oder Posse. Auf den ersten Blick scheinen diese Fabrikmarken
nichts als synonyme Bezeichnungen für den Gattungsbegriff Komödie, und in der Tat ist ihnen der
Endzweck gemeinsam: Sie wollen erheitern. Zur Erreichung dieses Zieles beschreiten sie jedoch
verschiedene Wege. Das eigentliche Lustspiel, - auf die Gefahr hin, paradox zu erscheinen, möchte ich
es das ernsthafte Lustspiel nennen, - legt seinen Humor in die Charakterisierung seiner Personen und
in deren Handlung. Es vermeidet Unwahrscheinlichkeiten und Karikaturen, Wortspiele und
Situationseffekte, und um den Humor mancher Lustspiele zu erfassen, ist ein aufmerksames Verfolgen
der Handlung erforderlich.
Der Schwank arbeitet mit gröberen Effekten. Hier muß ein Witz den anderen ablösen, hier werden
Verwechslungen geschaffen und entwirrt, Situationen kombiniert und ausgeschlachtet, kurz jedes
Mittel ist dem Schwankdichter recht, um das Publikum in Atem und was noch wichtiger ist, im Lachen
zu halten. Hat der Dichter in dieser Beziehung seine Pflicht getan, so hängt der Erfolg seines Werkes
noch in hohem Grade von den Darstellern ab. Um einen Schwank wirkungsvoll herauszubringen, ist
eine sichere Beherrschung jeder einzelnen Rolle, eine gewandte Regie und ein lückenloses
Zusammenspiel erforderlich. Daß unsere Bühne diese Voraussetzungen erfüllen kann, hatte schon die
Aufführung von Röslers „Im Klubsessel“ gezeigt, und die letzte Vorstellung „Großstadtluft“ aus der
bekannten Schwankfabrik Blumenthal und Kadelburg erbrachten die Bestätigung. Es hat alles tadellos
geklappt un der Zweck er Übung, ein vergnügter Abend, wurde vollkommen erreicht.
Zwar war es nur „Großstadtluftersatz“, der uns um die Ohren wehte; wir nehmen es aber als gutes
Vorzeichen auf und hoffen, bald das echte Produkt genießen zu können. Vielleicht würden wir uns
auch mit Ludwigswalde begnügen?!
H.G.“

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