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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Intellektuelle Kultur
On-line gesetzt am 23. Dezember 2012
zuletzt geändert am 30. November 2014

von Christophe

Wieder einmal ist es die Lagerzeitung « Die Insel-Woche », die uns über diesen Aspekt des Kulturlebens Auskunft gibt, der zwar nur eine Minderheit der Internierten betrifft, aber dennoch einen beträchtlichen Einfluss auf den Geist des Lagers gehabt haben dürfte.

Tatsächlich begnügt sich «Die Insel-Woche» nicht damit, diejenigen Leser zufrieden zu stellen, die in ihrer Zeitung Lagerinformationen, politische Nachrichten, Sportergebnisse oder einfach nur unterhaltende Texte suchen. Nein, sie versucht, auch die anspruchsvollere Minderheit derjenigen zu erreichen, die geistig herausgefordert werden wollen. Deshalb bringt die «Insel-Woche» in unregelmäßigen Abständen immer wieder Beiträge zu literarischen, wissenschaftlichen oder philosophischen Themenbereichen, die beweisen, dass dafür bei einer nicht geringen Zahl von Internierten Interesse besteht.

Die intellektuelle Kultur an Beispielen.
Zunächst drei Artikel zu literarischen bzw. philosophischen Themen :
(Anm. d. Verf.: Die folgenden Texte wurden ursprünglich in französischer Spache und für französische Leser geschrieben, bei denen mehr als grundlegende Kenntnisse der deutschen Kulturgeschichte nicht vorausgesetzt werden konnten.)
1. Hermann Hesse
2. Thomas Mann
3. Henri Bergson

In der Nummer 13 (zweite Folge, 1. Jahrgang, S. 2) der «Insel-Woche» findet sich der folgende Artikel. Sein Verfasser : Pastor Friedrich Hommel
"Hermann Hesse zu seinem 40.Geburtstag.
Daß wir Hermann Hesse zum 2. Juli auch aus unserer Weltabgeschiedenheit ein paar schlichte Dankesworte widmen, hat durchaus nicht seinen Grund im Platzüberschuß unserer “Insel-Woche”. Vielmehr ist das Bewußtsein, daß wir einem unserer größten deutschen Erzähler, dem Schwaben Hermann Hesse, in ganz besonderer Weise verpflichtet sind; aber auch nicht lediglich deshalb, weil er zu den Größen unserer deutschen Literatur gehört, - da würde unsere Lagerpresse bald in Glückwunsch- und Beileidskundgebungen für lebende und überlebte Tagesgrößen ausarten. Sondern weil wir ihn hier aus seinen Büchern als Tröster der Vereinsamten und Heimatlosen kennen lernten und dadurch wie einen nahen Freund liebgewannen.
Als Einsamer schreibt Hesse für die, denen das Leben Kinderfrohsinn und Jugendlust, Liebesglück und Freundestreue – eins nach dem andern aus den Händen wand; aber sein Trost besteht nicht in dem wunden Verzicht auf Lebensglück oder in der so beliebten Selbstmord-Romantik, - er ist vielmehr ein Lebensbejaher, der sich ein stilles Glück aus Erinnerungen an frohe Stunden und liebe Menschen und traute Glückswinkel aufbaut, der das Schönste von allem, was hinter ihm liegt, in sein Herz gebannt hat, daß es trotz allem immer jung und frisch bleiben muß.”
Der am 2. November 1877 in Calw im Schwarzwald geborene Hermann Hesse war zu dieser Zeit noch nicht der Schriftsteller und Dichter von Weltruf, der er nach dem Ersten Weltkrieg werden sollte, besonders dank seiner Romane “Demian” (1917) und “Siddharta” (1922), “Der Steppenwolf” (1927), “Narziss und Goldmund” (1930) und “Das Glasperlenspiel” (1943) – den Nobelpreis erhielt er erst 1946. .
Zahlreiche Kriegsgefangene und Zivilinternierte des Ersten Weltkriegs kannten Hermann Hesse aufgrund seines Werkes, aber auch als Mitherausgeber der Deutschen Interniertenzeitung (1916 – 1917) und seine Rolle als Leiter der Deutschen Kriegsgefangenenbücherei. Außerdem zu erwähnen: Hermann Hesse war einer der wenigen deutschen Intellektuellen, die sich offen gegen den Krieg aussprachen.

2. Thomas Mann
Diesem ebenfalls sehr bedeutenden deutschen Autor und Nobelpreisträger des 20. Jahrhunderts widmet «Die Insel-Woche» in ihrer N° 23(zweite Folge, 1. Jahrgang, S. 2) vom 9. September 1917 eine vom Internierten W. Hennings verfasste lobende Besprechung seines Werkes « Friedrich II. und die grosse Koalition” (1915). Dieses Werk ist ein offenes Bekenntnis zu nationalkonservativen Werten, in dem Thomas Mann die Situation Deutschlands im Ersten Weltkrieg mit der Preußens unter Friedrich dem Großen vergleicht, dem es im Siebenjährigen .Krieg (1756 – 1763) unter schweren Verlusten schließlich gelingt, Schlesien zu erorbern. Im Folgenden ein kennzeichnender Ausschnitt aus diesem Artikel; sein Titel: “Ein Buch für den Tag und die Stunde von Thomas Mann”:
“Thomas Mann, der berühmte Verfasser der Buddenbrooks, der Künstler, der in unsichtbarer Höhe einen einsamen Pfad ging, hat sich herabgelassen und hat sich mitten in das Gewühl der Tagesfragen und Tagesmeinungen gestellt. Aber er hatte wohl recht, weil er dies tat, und was er zu sagen hatte, das war wohl wert, daß es gesagt wurde und: «die Ereignisse waren gewiß darnach angetan, selbst das national unzuverlässigste Einzelwesen zur nationalen Parteinahme zu erregen».
Ich möchte einen Gedanken, den der Verfasser an irgendeiner Stelle seiner Schrift ausspricht, als grundlegende und bewegende Idee des ganzen Werkes setzen. «Es wird uns die größte Freude machen, wenn wir uns heute der Geschichte Friedrichs des Großen erinnern. Denn wir erinnern uns dabei in absonderlicher Richtung, nämlich vorwärts: welches entschieden die anregenste Art von Erinnerung ist». Thomas Mann will zu dem heutigen Kriege eine Parallele ziehen, indem er uns ein Bild der politischen Konstellationen entrollt, die im Hochsommer 1756 zum Kampf zwischen Friedrich und dem übrigen Europa führte [sic]. Er malt uns ein Bild, dessen beherrschende Züge Klarheit und tief schürfendes Suchen nach Erkenntnis sind. Somit ist dies Buch ein Deutsches Buch im besten Sinne.
Also eine Parallele will Mann ziehen, und wir sind wirkich erstaunt über die Ähnlichkeit der inneren Lage jener Zeit mit derjenigen unserer Tage.
«Friedrich der Große», so führt der Verfasser aus, «das ist das heutige Deutschland, und die Eigenschaften, die der König damals offenbarte, und denen allein zu danken ist, daß er aus dem ungleichen Kampf siegreich hervorging – diese Eigenschaften wie rastlose, rasche Energie und durchhaltende Geduld sind auch heute ein Charakteristikum Deustchlands. »
Die Zeitspanne, in der Thomas Mann nationalkonservativem Gedankengut verpflichtet bleibt, ist von kurzer Dauer. Bekanntlich wird er wenig später seine demokratisch-freiheitlichen Überzeugungen unter Beweis stellen, namentlich in seinem bedingungslosen Kampf gegen den Nationalsozialimus.

3. Henri Bergson
Ein schöner Beweis für den Geist der Offenheit, der die Lagerzeitung kennzeichnet, Beweis aber auch für die Existenz einer “intektuellen Kultur”, ist die Veröffentlichung eines langen Artikels über “L’Evolution Créatrice” (“Die schöpferische Entwicklung”), ein Hauptwerk des französischen Philosophen Henri Bergson (1849 – 1941), in einer der letzten Nummern (zweite Folge, 2. Jahrgang, Nr. 5 vom 5. Mai 1918), „Henri Bergson und die Entwickung des Lebens“. Ebenso wie Hermann Hesse (1946) und Thomas Mann (1929) ist übrigens auch Henri Bergson Träger des Nobelpreises für Literatur (1927).
Die besonderen Umständen, die das Erscheinen dieses Artikels in der “Insel-Woche” überhaupt möglich machen, sind bemerkenswert: allein schon die Tatsache, dass sich unter den Internierten ein Mann mit hohem intellektuellem Niveau befindet, der nicht nur die französische Sprache pefekt beherrscht (die erste deutsche Übersetzung des Werkes wird erst 1921 veröffentlicht), sondern der darüber hinaus erstaunliche Kenntnisse aus dem Bereich der Biologie und der Evolutionstheorie besitzt.
Schließlich konnte dieser Artikel auch nur deshalb veröffentlcht werden, weil es im Lager eine genügend große Zahl von Internierten gab, die sich für eine derartige Thematik interessierten und seiner anspruchsvollen Darstellungsweise gewachsen waren.
Erwähnenswert ist, dass Bergson kein in seinem Elfenbeinturm zurückgezogener Philosoph war, der sich geweigert hätte, am Tagesgeschehen teilzunehmen. Im Gegenteil: in den Jahren des Krieges legt er eine harte nationalistische Einstellung an den Tag. In seinen Gesprächen mit dem amerikanischen Präsidenten Wilson soll er darauf hingewirkt haben, dass Amerika in den Krieg eingreift, was letztendlich die Niederlage Deutschlands zur Folge haben sollte.
Die Veröffentlichung eines anerkennenden und bewundernden Artikels über ein Werk eines notorisch deutschfeindlichen Autors und dies in einer deutschen Lagerzeitung auf französischen Boden ist also ein bemerkenswerter und erstaunlicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass die Herausgeber der Lagerzeitung zweifellos über die nationalistisch-kriegerische Haltung des Philosophen Bescheid wussten.
Einmal mehr scheint hier der besondere, für das Lager “Ile Longue” typische Geist deutlich zu werden.

Aber die « intellektuelle Kultur » des Lagers beschränkt sich keineswegs auf Literatur und Philosophie. Zahlreiche in der «Insel-Woche» veröffentlichte anspruchsvolle Studien aus Bereichen wie Äyptologie, Politikwissenschaft, Volkswirtschaft, Jurisprudenz, Botanik, Geologie, Geographie oder auch Sprachwissenschaft zeigen, dass sich unter den Internierten hochqualifizierte Fachleute befanden.

Vgl. beispielsweise die folgenden Artikel :
Die Insel-Woche“ 2. Folge/1. Jahrgang)
 n° 3, p. 1 : Kriegsernährungsämter im alten Ägypten- Ägyptologie
 n° 6, p. 2 :Die Getreideversorgung der Welt- Volkswirtschaft
 n° 7, p. 2 : Der Proporz- Politologie
 n° 10, p. 1 : Arabisches aus der deutschen Sprache- Sprachwissenschaft
 n° 10, p. 4 : Aktuelles aus dem öffentlichen Recht- Jura
 n° 12, p. 1 : Einiges über die Flora auf Ile Longue– Botanik
 n° 13, p. 1 : Wie errichte ich auf Ile Longue mein Testament ? - Jura
 n° 14, p. 1 : Holzmangel im Krieg und Forstwirtschaft- Wirtschaft
 n° 14, p. 2 : Staatsangehörigkeit nach deutschem Recht- Politologie
 n° 15, p. 1 : Die Zentralisierung der Industrie– Wirtschaft
 n° 39, p. 4 : Die Bucht von Brest (eine erdgeschichtliche Skizze)– Geographie
 n° 45, p. 4 : Über die Ursachen von Erdbeben– Geologie

Nach dem Kapitel „Culture intellectuelle“ in : „Die Insel-Woche“ (La semaine de l’Ile) von Christophe Kunze, erschienen in: Avel Gornog n° 16. August 2008.

Bedauerlicherweise sind die Artikel aus der Lagerzeitung „Die Insel-Woche“ zum größten Teil bisher nur in deutscher Sprache verfügbar. Sie sollten nach und nach ins Französische übersetzt werden. Bitte helfen Sie uns dabei.