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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Musik
On-line gesetzt am 16. Dezember 2012
zuletzt geändert am 30. November 2014

von Christophe

Auch ohne eine so herausragende Persönlichkeit, wie sie das Theater mit G. W. Pabst hatte, spielte die Musik in ihren verschiedenen Formen eine ganz besondere Rolle im kulturellen Leben das Lagers.

Dass wir über die Musik im Lager so gut informiert sind, verdanken wir zwei verschiedenen Quellen, und zwar

  1. der Lagerzeitung „Die Insel-Woche“ mit ihren zahlreichen Artikeln, Ankündigungen und Besprechungen,
  2. einer speziellen, sechsseitigen Broschüre mit dem Titel „Die Musik im Internierungslager Île Longe“. Sie gibt ein detailliertes Abbild des Musiklebens im Lager, seiner Vielseitigkeit (von volkstümlicher Unterhaltungsmusik bis zu großen Werken der Klassik) und seiner Entwicklung (von den kümmerlichen Anfängen bis zu Konzerten auf hohem Niveau).
Musik-Broschüre / Brochure Musique
Titelbild von Paul von Kovács / Couverture de Paul von Kovács

Gleich die ersten Zeilen dieser Darstellung beschreiben, auf welch dürftigem Niveau die Musik - wie die Kultur im Allgemeinen - sich zu Beginn, kurz nach der Ankunft der Internierten im Lager, bewegte. Gleichzeitig werfen sie ein anrührendes Bild auf die Armseligkeit des Gefangenenlebens zu Beginn der Internierung.

Als wir im November 1914 auf dem damals noch öden Felseneiland anlangten, war die erste Zeit an musizieren nicht zu denken. Das einzige, was zu hören war, waren die Klänge einer Ziehharmonika, auch Schifferklavier genannt. Von kundiger Hand bedient, gab der treue Blasebalg Volkslieder, Märsche und Tänze zum besten. Damit vertrieben wir uns die Spätherbstabende, wenn wir nach des Tages Arbeit (wir mussten die Baracken selbst bauen) beim Scheine einer Laterne auf unseren Strohsäcken lagen. Abwechselnd wurde gespielt und gesungen, und dieser Gesang, zunächst nur einstimmig, wurde mit der Zeit bald polyphon. Im Hinblick auf das herannahende Weihnachtsfest wurde ein Doppelquartett zusammengestellt, welches am Heiligen Abend einige passende Lieder vortrug; in der „Vortragsfolge“ stand sein Auftreten als „Achtmännergesang“ verzeichnet. Die Leitung hatte Herr Felix Heyne übernommen, der den vierstimmigen Chorsatz aus der Erinnerung niedergeschrieben hatte, und es darf gesagt werden, dass dieses Doppelquartett nicht nur der Vorläufer, sondern geradezu der Anfang des ein halbes Jahr später gegründeten Deutschen Männergesangsvereins gewesen ist. Dieser Umstand macht es wohl auch verzeihlich, wenn diese musikalisch kaum erwähnenswerte Episode ausführlicher besprochen wurde.“

Ein Männerchor, eine der besonders typischen Ausprägungen des Musiklebens im Deutschland dieser Zeit, durfte natürlich nicht fehlen. Der Chor der Île Longue zählte bis zu 107 aktive Mitglieder, traf sich regelmäßig zu Proben und gab zahlreiche Konzerte. Dank dem Erwerb eines Klaviers konnte der Chor arbeiten und Werke aufführen (Wagner, Grieg u.a.), die als schwer gelten, was auf ein ansehnliches oder sogar ausgezeichnetes Niveau schließen lässt.

Winter-Konzert / concert d’hiver 27.02.1918

Dank der genannten Broschüre wissen wir auch, dass es mehrere Instrumental-Ensembles für Kammermusik und zur Umrahmung der evangelischen und katholischen Gottesdienste bzw. Messen gab. Sie erwähnt auch ein Theaterorchester und sogar ein echtes Symphonieorchester, sowie kleinere und volkstümlichere Formationen, die anlässlich von Geburtsgsfesten oder anderen Feiern in den Baracken spielten.

Im oben bereits erwähnten Artikel der „Insel-Woche“ ist auch die Rede von einer „Musikhalle“ (tatsächlich handelt es sich eine der gewöhnlichen Lager-Baracken), in der die verschiedenen musikalischen Formationen auftreten. Am Anfang, als es darum ging, Konzertbesucher zu gewinnen, erweist sich die „Insel-Woche“ als tatkräftiger Werbeträger. In demselben Text, der von pädagogischem Elan ebenso geprägt ist wie von den Grundidealen der Lagerzeitung, versucht der Internierte Felix Heyne als Musikredakteur seine Mitgefangenen zum Besuch der Konzerte zu bewegen; so schreibt er z. B.: „Am 1. April (Palmsonntag) fand in der Musikhalle ein Konzert des Noackschen Streichorchesters zum besten des Klavierfonds statt. Das gewählte Programm fand eine dankbare und begeisterte Zuhörerschaft, die leider nur zu wenig zahlreich erschienen war. ... Gute Musik ist doch wirklich zu wichtig für die Aufheiterung und Unterhaltung unserer Kameraden gegen die abstumpfende Öde des Gefangenendaseins.

Tatsächlich entsprechen die Programme der meisten Konzerte dem Geschmack der Zeit: typisch z. B. die „Peer Gynt Suite“ von Edward Grieg, „Wotans Abschied“ und „Feuerzauber“ aus der „Walküre“ von Richard Wagner oder auch Märsche, Walzer und Volkstänze.

Wagner-Konzert / Concert Wagner 27.05.1917
gegeben vom Deutschen Männergesangsverein Île Longue /
donné par l’association du choeur d’hommes de l’Île Longue

So sehr die Konzerte vor allem auf Erheiterung und Unterhaltung abzielten, entsprechend den Erwartungen der meisten Zuhörer, so verdienen die Lagermusiker doch keineswegs den Vorwurf, es auf rein gefällige Musik abgesehen zu haben. Laut den in der „Insel-Woche“ veröffentlichten Rezensionen scheuten die Musiker auch vor Werken nicht zurück, die höchste Ansprüche an sie selbst wie auch an die Zuhörer stellten. Das trifft zum Beispiel auf das Programm des im Mai 1917 gegebenen Symphoniekonzerts zu: das Klaviertrio in C-moll oder der zweite Satz (Andante) der 5. Symphonie von Beethoven und die berühmte „Unvollendete Symphonie“ in B-moll von Franz Schubert. Hier der Schluss der diesem Konzert gewidmeten Rezension, Insel-Woche“ N° 6, S. 2:

„Und nun die H-moll Symphonie von Schubert. Der herzinnige, gemütvolle, liebe Franzl Schubert! Wirklich, - es war ein Erlebnis, an denen wir gerade hier so arm sind. Das prachtvolle Thema des ersten Satzes ließ den Hörer sacht in stille Versunkenheit geraten, die anhielt unter dem Zauber der sanften, poesievollen Weisen dieses einzigen Werkes. Weit fort mag so mancher im Geiste gewesen sein, - weit fort! Denn ein Stück Heimat, voll tiefster, sehnsuchtsvoller Liebe, war es, was man uns bot. - Dem Cellisten und der ersten Geige besondere Anerkennung!“

Erstes Synphonie-Konzert / Premier concert symphonique 08.03.1918
gegeben vom Konzert-Orchester der Île Longue /
donné par l’orchstre de concerts de l’Île Longue

Was nun die entscheidende Frage der Versorgung mit Instrumenten und Noten betrifft, bekommen wir in der genannten Musik-Broschüre zwar unvollständige, aber doch interessante Informationen. So erfahren wir z. B.:

„In der ersten Zeit mussten die Noten Seite für Seite mit der Hand geschrieben werden; nach einigen Monaten hatten wir dann aber einen „Hektographen“ zur Verfügung, der die Vervielfältigung enorm erleichterte. - Im Laufe der Jahre erhielten wir viele Noten und andere Dinge aus Deutschland und der Schweiz.“ Und der Autor betont, dass nicht vergessen werden dürfe, den Spendern herzlich zu danken.

Drittes Synphonie-Konzert / Troisième concert symphonique 03.05.1918
gegeben vom Konzert-Orchester Île Longue /
donné par l’orchestre de concerts de l’Île Longue

Wer ist dieser Autor? In der Broschüre ist er nicht erwähnt. Die Art und Weise jedoch, in der er die musikalischen Ereignisse des Lagers darstellt, ebenso wie seine Ausdrucksweise und der Geist seiner Worte lassen darauf schließen, dass es sich um einen Mann handelt, der der Redaktion der „Insel-Woche“ nahe stand. So schreibt er z. B.:

„Es galt während unserer Leidenszeit mit allen Mitteln das graue Gespenst der Mutlosigkeit und der Erschlaffung zu verjagen, und daran hat die Muse in jeder Form ihren ehrlichen Anteil gehabt. Bezeichnend dafür ist vor allem die Tatsache, dass alle Gesellschaftskreise in gleichem Maße an ihrer Ausübung beteiligt waren, natürlich jede in ihrer Weise. So hatte sich auch ein kleines Zither- und Guitarren-Ensemble gebildet, das verschiedentlich an die Öffentlichkeit trat, so z. B. in einem Kaffeekonzert und an einem Dialektabend des Deutschen Hilfsausschusses. Zum Teil wurde auf selbstgefertigten Instrumenten gespielt, und besonders an Guitarren und Mandolinen sah man prächtige Erzeugnisse; auch ein selbstgebautes Cello und eine nach dem Muster einer alten Meistergeige hergestellte Violine war vorhanden. Und es war eine weitere erfreuliche Erscheinung, dass die Zahl der Anfänger, die an die Erlernung dieses oder jenes Instruments herangingen, ständig wuchs, und wenn auch im Unterrichtswesen kein musikalisches Fach vertreten war, so ist doch auch darin an Studium und fruchtbarer Arbeit viel geleistet worden.“

Konzert / concert 20.05.1917
gegeben vom Konzert-Orchester Île Longue /
donné par l’orchestre de concerts de l’Île Longue

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