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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

„Rudis Lebenserinnerungen“ - Die Erinnerungen der Söhne von Rudolf Hoppe
On-line gesetzt am 5. Januar 2014
zuletzt geändert am 10. Januar 2016

von Bernard

In „Rudis Lebenserinnerungen“ beschreibt Rudi Hoppe, der ältere Sohn von Rudolf Hoppe, sein eigenes Leben. Dieter Hoppe, der jüngere Sohn, ergänzt die Lebenserinnerungen seines Bruders Rudi durch den folgenden Bericht über den Vater.

"Unser Vater kam dann in das Kriegsgefangenenlager auf der „Île Longue“ bei Brest. Dieses Gefangenenlager wurde 1914 zunächst zur Aufnahme von Zivilinternierten eingerichtet, die aber wie Kriegsgefangene behandelt wurden. Dann kamen auch sofort Kriegsgefangene dazu. Zu ihnen gehörten auch Kriegsgefangene aus der ehemaligen Kolonie Togo, die von den Engländern an die Franzosen überstellt worden waren. Einer von ihnen hat die Schrecken der französischen Kriegsgefangenschaft sehr gut beschrieben (Carl W. H. Doetsch, Kamina und das Los der Togogefangenen, Telefunken-Zeitung Nr. 19, Februar 1920, S. 29-41).
Die Zivillinternierten (400 Deutsche und 250 Österreicher bzw. Ungarn) stammten von dem neutralen holländischen Passagierdampfer „Nieuw Amsterdam“. Nach Ausbruch des Krieges wollten diese Personen nach Deutschland zurückreisen. Es wurde ihnen zugesichert, sie würden auf dem neutralen Schiff unbehelligt bleiben und könnten beruhigt an Bord gehen. Im Kanal wurde der neutrale Dampfer von einem französischen Kriegsschiff gestoppt und der französische Kapitän verlangte von dem holländischen Kapitän die Auslieferung seiner Passagiere. Der holländische Kapitän willigte ein. Bei der Gefangennahme der Passagiere kam es zu erheblichen Verletzungen unter den Zivilisten. Im Jahre 1940 sollte man sich in Deutschland gut an das Verhalten des holländischen Kapitäns erinnern, der seine Neutralität nicht zu wahren wusste.

Etwas ähnliches ereignete sich ein Jahr später. Ein Passagierschiff des damals noch neutralen Italiens transportierte deutsche, österreichische und ungarische Passagiere, die über Italien ihr Heimatland erreichen wollten. Ein britisches Kriegsschiff versuchte den Italiener zu stoppen und der britische Kapitän verlangte die Auslieferung der Fahrgäste. Der Italiener weigerte sich und signalisierte an das britische Kriegsschiff: „Sie müssen schon mein Schiff versenken, wenn Sie meine Passagiere haben wollen.“ Die deutschen und österreichisch-ungarischen Fahrgäste gelangten so unversehrt nach Italien und gingen in Livorno an Land und erreichten ihre Heimatländer. Auch daran erinnerte man sich 1940 in Deutschland.
Unser Vater wurde in dem Lager von den Gefangenen zum „Chef de groupe“ gewählt und hatte als solcher manchen Strauß mit der französischen Lagerverwaltung auszufechten.

Eines Tages wurde er Zeuge, wie ein französischer Offizier einem der internierten Invaliden die Krücken wegtrat, weil dieser nicht vorschriftsmäßig militärisch gegrüßt hatte. Der Mann war bei der gewaltsamen Kaperung von dem holländischen Passagierschiff so schwer verletzt worden, dass ihm beide Beine amputiert werden mussten. Der Mann stürzte die Treppe hinunter. Unser Vater schickte den Offizier mit einem Kinnhaken hinterher, der daraufhin wutentbrannt seine Pistole zog: „Dafür kann ich sie jetzt erschießen,“ brüllte er. Unser Vater antwortete ruhig: „Das können Sie, aber in der nächsten Minute sind sie tot.“ Die Gefangenen hatten um die Gruppe eine drohende Haltung eingenommen. Der Man zitterte. Die französischen Wachsoldaten standen ungerührt daneben auf ihre Gewehre gestützt und grinsten. Ihnen war ihr Offizier, Typ unzufriedener Heimatkrieger, wie es ihn in allen Armeen gab, offensichtlich auch sehr unsympathisch. Sie rührten sich nicht, d.h. sie machten keine Anstalten, ihre Gewehre hochzuheben und der drohenden Haltung der Gefangenen entgegenzutreten. Diese Wachmannschaften waren in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen und auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustandes über das Schweizer Rote Kreuz ausgetauscht worden mit der Verpflichtung, nicht mehr an Kriegshandlungen teilzunehmen. Mit ihnen konnte sich unser Vater im Gegensatz zu dem übrigen Wachpersonal gut unterhalten. Für sein Eintreten gegen die brutale Gewalt des Offiziers gegen einen Wehr- und Hilflosen bekam unser Vater dann wieder einmal Bunkerhaft.

Gut war das Verhältnis unseres Vaters zu den bretonischen Fischern. Er fragte sie einmal: „Warum seid ihr nicht so gemein zu uns wie die übrigen Franzosen. Sie gaben ihm zur Antwort: „Wir sind Bretonen, wir haben nichts gegen Euch.“ Einer der Fischer hätte unseren Vater nach Kriegsende sogar gern als Schwiegersohn gesehen. Dieser Fischer trat mehrfach diskret an unseren Vater heran, ob er ihm nicht wieder einmal eine Spitzhacke besorgen könnte. Unser Vater verschaffte sie ihm unauffällig. Hart war es für unseren Vater, als er über das Rote Kreuz erfuhr, dass seine über alles geliebte Frau im Kindbett gestorben war. Er bat auf Urlaub auf Ehrenwort, was nach der Haager Landkriegsordnung Artikel 10 durchaus möglich gewesen wäre. Die
Bitte wurde natürlich abgeschlagen. Daraufhin brach er zweimal aus dem Lager aus. Das war schwieriger, als man sich das heute vorstellt. Er durfte es nicht wagen, sich Zivilkleidung zu beschaffen. Bei einem Aufgreifen wäre er sofort als Spion erschossen worden.
Er trug also Uniform und schaffte es einmal quer durch Frankreich bis in den französischen Jura vor der Schweizer Grenze.
Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 und der Genfer Konvention von 1906 wurden für Kriegsgefangene eine menschliche Behandlung gefordert und in Beziehung auf Nahrung, Unterkunft und Kleidung eine Gleichsetzung mit den Truppen des Gewahrsamslandes verlangt. Es wurde ihnen sogar das Recht zugesprochen, wenn möglich zu fliehen, um die eigenen Linien wieder zu erreichen. Zu den Bestimmungen gehörte, dass Kriegsgefangene nicht gefesselt werden und der Willkür von irgendwelchen Personen ausgesetzt werden durften.

Unser Vater wurde nach seiner erneuten Gefangennahme an den Händen gefesselt, an einer Leine geführt und so zur Schau gestellt und der Willkür der Bevölkerung ausgesetzt. Die Proteste unseres Vaters und Hinweise auf die völkerrechtlichen Bestimmungen nützten ihm nichts. Zurück im Lager gab es natürlich wieder Bunkerhaft. Als „chef de groupe“ konnte ihn die französische Lagerleitung aber trotz allem nicht absetzen, auch wenn sie unserem Vater gegenüber nicht mit weiteren harten „Disziplinierungsmaßnahmen“ geizten.
Was die weitere Zukunft brachte, hat zwar das Verhältnis unseres Vaters zu seinem ältesten Sohn nicht mehr beeinflusst, sollte aber wegen des Gesamtbildes und der zeitgeschichtlichen Entwicklung nicht unterschlagen werde.
Nachdem meine Eltern 1958 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland hatten fliehen müssen, kamen sie nach Warstein, dem Geburtsort meiner Mutter. Dort wurden sie in der beginnenden Verschwisterung (jumelage) mit der französischen Stadt St. Pol sehr aktiv. Auf beiden Seiten waren die Meinungen durchaus nicht einhellig. Es gab auf beiden Seiten Gegner einer Verschwisterung. So lehnte in St. Pol der ehemalige Chef der Résistance im Kriege, - ich kenne ihn nur unter dem Namen Ferdinand, - eine Verschwisterung glatt ab. Er kam aber trotzdem mit dem französischen Großaufgebot mit nach Warstein. Dort standen sich Deutsche und Franzosen zunächst etwas verlegen und nahezu sprachlos gegenüber. Viele der Deutschen waren im Kriege Soldat gewesen und waren vielfach auch in Frankreich stationiert gewesen.

Da brach es aus einigen ehemaligen deutschen Kriegsteilnehmern aus ihrer Erinnerung heraus: „Das waren (französische) Kriegsverbrechen. Der bzw. die gehörten vor ein Kriegsgericht.“ (Gemeint waren Kriegsverbrechen nicht nur aus dem Zweiten sondern auch aus dem ersten Weltkrieg.) Unser Vater musste das übersetzen. Mir blieb fast das Herz stehen. Es wurde echt „Tacheles“ geredet ohne Heuchelei und Selbstbetrug. Es wurden keine verschwommenen und unehrlichen Aussagen über die Vergangenheit gemacht, wie sie Politiker und Medien übten und noch üben.

Es wurde nichts unter den Teppich gekehrt. Danach wurde meines Wissens nach nie wieder über diese Dinge gesprochen.
„Jetzt ist es aus mit der „Jumelage“, dachte ich bei mir. Aber genau das Gegenteil passierte. Die Franzosen nickten nur mit dem Kopf. „Ja, so war das damals“. Damit war der Bann gebrochen und es entwickelte sich an diesem Wochenende nicht nur ein großes überschäumendes Fest sondern noch größere Freundschaften.
Ferdinand kam oft zu meinen Eltern, die wiederum häufig nach St. Pol fuhren und sich dort ausgesprochen wohl fühlten. Als unser Vater im Juli 1988 starb, nahm eine große Abordnung aus St. Pol an der Beerdigung teil. Unter ihnen befand sich auch Ferdinand.
Ein Ereignis ist noch nachzutragen. Als unser Vater Mitte 1920 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde – das Kriegsgefangenenlager auf der Île Longue war schon Ende offiziell 1919 geschlossen worden – wusste er von den Zuständen in Deutschland praktisch nichts außer, dass der Kaiser abgedankt hatte. Er kehrte an seinen letzten Wohnort vor dem Kriege, nach Halle an der Saale, zurück. Seinen Sohn hatte er noch nicht gesehen.
Er kehrte in ein Land des Unfriedens zurück. Nach der Niederlage des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns kehrte kein Frieden in der Welt ein. Die Siegermächte waren an Erhalt des Unfriedens interessiert und schufen die Voraussetzungen für neuen Unfrieden.
In Deutschland nahm der Unfriede ein bis dahin in Deutschland unvorstellbares Ausmaß an. Es zeigte sich die Berechtigung der alten Volkswahrheit:
Friede ernährt,
Unfriede verzehrt.
Krasser Egoismus beherrschte das öffentliche Leben."

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