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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Xaver Rimmelin - Tagebuch
On-line gesetzt am 25. März 2015
zuletzt geändert am 10. Januar 2016

von Gérard

Xaver Rimmelin gehört wie Theodor Hommes und August Reiffel zu der Gruppe der zivilen Geiseln (Otage), die von französischen Truppen nach deren Einmarsch in Teile Elsaß-Lothringens festgesetzt wurden; ob auf Grund vorbereiteter Listen oder aufgrund von Denunziation, ist bisher noch unklar. Seine Festnahme erfolgte in Dammerkirch (Dannemarie) im damaligen Oberelsaß (heute Département Haut-Rhin) am gleichen Tag wie die von August Reiffel, der nur ca. 10 km entfernt in Altkirch auch als Geisel festgesetzt wurde. Beide haben einige Stationen (Belfort, Besançon, Moulins, Kerlois und Île Longue) ihrer Internierungs zeitgleich hinter sich gebracht, trotzdem unterscheiden sich die Blickwinkel auf die Ereignisse deutlich.

Am 19. August 1914 in Dammerkirch festgenommen, kommt Xaver Rimmelin in die Lager Belfort, Besançon, Moulins, Kerlois bei Hennebont, Fort Grognon (Île de Groix), Fort Surville (Île de Groix), zurück nach Kerlois und gelangt schließlich am 19. Oktober 1915 für 33 Monate ins Lager Île Longue, wo er bis zum 08. Juli 1918 bleiben muss.

Er hat die Erlebnisse dieser vier Jahre in einem „Tagebuch“ festgehalten. Weil dieses Tagebuch handschriftlich verfasst war, konnte es jahrelang nicht richtig gelesen werden. Erst nach Übergabe des Tagebuchs an das Deutschen Tagebucharchiv (DTA) wurde eine Transkription angefertigt, die auch der folgenden Wiedergabe zugrunde liegt. Eine Kopie des Originaltagebuchs stand leider nicht zur Verfügung. Da der Text weitgehend „ohne Punkt und Komma“ und ohne Absätze niedergeschrieben war, haben wir ihn zur besseren Lesbarkeit in dieser Hinsicht behutsam ergänzt, einige Korrekturen insbesondere bei Eigennamen vorgenommen und in Abschnitte zu den unterschiedlichen Aufenthaltsorten gegliedert.

Xaver Rimmelin
mit selbst gebauter Mandoline in seiner privaten Ecke im Lager Île Longue

Vorbemerkung der Enkelin Inge Baycan

12. März 2015

Im Jahre 2012, im Alter von 75 Jahren, konnte ich mich endlich in Ruhe und mit großem Interesse dem Nachlass meiner Großväter widmen, deren Lebenswege mich sehr beeindruckten und mir Gelegenheit gaben, tiefere Einblicke in ihre Schicksale der Zeit bis Mitte des 20.Jahrhunderts zu bekommen.

Mein Großvater mütterlicherseits, Xaver Rimmelin, wurde am 20. Januar 1874 in einer kleinen Ortschaft namens Kittersburg/Marlen in der Ortenau unweit von Kehl und Straßburg geboren. Sein Vater war bei der Eisenbahn beschäftigt und die Familie lebte in einem bäuerlichen Umfeld. Er besuchte die Volks- und anschließend die Bürgerschule. Danach machte er eine dreijährige Lehrzeit im Polster-und Dekorationshandwerk und war danach in Bruchsal und Kassel in diesem Gewerbe tätig bis zum Militärseintritt.

Am 1.10.1894 trat er als dreijähriger Freiwilliger in ein Ulanen-Regiment in Straßburg ein, danach war er von 1897 bis 1909 bei einem Dragoner-Regiment in Mühlhausen/Elsaß stationiert. In der Zwischenzeit legte er die Prüfung für den Gerichtsvollzieherdienst für Elsaß-Lothringen ab und trat dann 1910 die Stelle als Gerichtvollzieher in Dammerkirch/Elsaß an.

Bei Ausbruch des Krieges 1914 wurde er von der einmarschierenden französischen Armee festgenommen und über verschiedene Internierungslager bis in die Bretagne verbracht, wo er dann erst 1918 über die Schweiz wieder in die Freiheit kam. (Meine Großmutter und meine damals siebenjährige Mutter wurden 1915 ebenfalls interniert und zuletzt in „La Chartreuse“ in Le Puy-en-Velay festgehalten)

Über die Zeit der Internierung in Frankreich 1914-1918, hat mein Großvater seine Eindrücke in dem nachfolgenden Dokument niedergeschrieben.

Ich kann mir vorstellen, dass mein Großvater trotz dieser sehr schlimmen durchlebten Strapazen auch positive Erfahrungen durch die Begegnung mit den vielen, aus allen Gesellschaftsschichten stammenden Mitgefangenen gewinnen konnte und die Kreativität doch sehr gefördert wurde. Er wird sicher auch eine gewisse Lebensweisheit und Gelassenheit durch das erlittene Schicksal gewonnen haben. Glücklicherweise hat er die schwere Zeit gesundheitlich einigermaßen gut überstanden.

Ich habe meinen Großvater, der 1950 im Alter von 76 Jahren verstarb, als sehr fürsorglich erlebt. Des Öfteren durfte ich ihn zu seinem Bienenhaus an einem Berghang begleiten und zusehen, wie er seine Bienen betreute, den Honig schleuderte und mir dann auch mal ein Wabenstück zum Honig naschen gab. Ich erinnere mich auch, dass er viele Jahre Mitglied eines Freiburger Kirchenchores war.

Was mir beim Lesen der Aufzeichnungen meines Großvaters über die Internierungszeit besonders aufgefallen ist, die Ausdrucksweise und der Stil, der mich erstaunte bei einem Menschen, der doch über keine „Höhere Bildung“ verfügte.

In der Familie wurde nie über die Zeit 1914-1918 gesprochen. Man war ja dann auch sehr durch den 2.Weltkrieg betroffen: mein Vater als Soldat mit anschließender Gefangenschaft, es gab die für mich noch sehr gegenwärtigen Bombenangriffe auf Freiburg und auf Aalen in Württemberg. Dorthin flüchteten meine Mutter mit uns Kindern und den Großeltern, um nicht den französischen Einmarsch in Freiburg zu erleben – da spielte wahrscheinlich die Erinnerungen an die Internierungszeit 1914-1918 in Frankreich eine große Rolle. 1945 kehrte die Familie wieder nach Freiburg zurück.

Es ist doch nach all diesen schrecklichen Kriegen endlich die letzten 70 Jahre Frieden in einem jetzt geeinten Europa eingekehrt und es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass dies auch weiterhin Bestand haben wird.

Das Tagebuch
Beispielseite

Tagebuch von Xaver Rimmelin über die Internierungszeit 1914-1918 in Frankreich

Bei Ausbruch des unheilvollen Krieges 1914 war ich in Dammerkirch ansäßig, woselbst ich seit 1910 als Gerichtsvollzieher tätig war. Gegen Ende Juli, als die politische Lage immer ernster wurde, aber bei uns noch niemand an Krieg dachte, erfuhren wir durch Mitteilungen der Bewohner der Grenzortschaften, daß bei den Franzosen die Mobilisation schon in vollem Gange sei. Diese Gerüchte fanden später auch ihre volle Bestätigung. So standen seit der Nacht vom 26. auf 27. die französischen Grenzbeamten schon feldmarschmäßig auf ihren Posten. Am 29. erfuhr ich durch einen in Belfort sich in Stellung befindlichen, zu Besuch in Dammerkirch weilenden Bekannten, daß ihm ein französischer Administrationsbeamter mitgeteilt habe daß im Bezirk Belfort alle Reservisten eingezogen, Pferde und Wagen requiriert seien. In diesen Tagen glaubte bei uns noch kein Mensch an den Krieg; um so mehr, da sich noch kein deutscher Soldat hatte blicken lassen, auch noch keine Einberufung oder eine diesbezügliche Mitteilung angelangt war.

Am 30. wurde dann der Kriegszustand verhängt und Abds. zwischen 10 und 11 Uhr trafen die Mülhauser Dragoner Regt. 22 zum Grenzschutz ein. Am anderen Tage wurden dann auch die Mobilmachungsbefehle angeschlagen und der 2. August als erster Mobilmachungstag bestimmt. Nun wurde die Sache ernst. Am 2. früh brachte eine Dragonerpatrouille einen französischen Wagenzug bestehend aus 12 Wagen, 25 Pferden und 10 Bauern. Dieselben waren auf dem Wege von Suarce nach Belfort festgenommen worden. Einen Mobilmachungsbefehl hatten die Patr. ebenfalls mitgebracht, den sie in einem französischen Dorfe abgerissen hatte. Auf diesem war der 2. August ebenfalls als erster Mobilmachungstag angesetzt. Wie es sich damit verhielt, sehen wir aus dem Obenangeführten.

Bei Belfort hatten die Franzosen eine starke Truppenmasse zusammengezogen. Bereits jene Nacht hieß es, sie hätten die Grenze überschritten. Alle Stunde tauchte ein anderes Gerücht auf. Durch solches Gerede, an welchen man nicht feststellen konnte, was wahr oder falsch ist, ließ sich die Pferdeaushebungskommission auch bestimmen, die Aushebung der Wagen und Pferde früher vorzunehmen als festgesetzt war. Sie verlief trotzdem zufriedenstellend. Es fehlte niemand, auch nicht aus den Ortschaften, die direkt an der Grenze lagen. Pferde und Wagen wurden gut bezahlt. Die Mobilisierung der Mannschaften verlief ebenso ruhig und ohne Zwischenfall. In der Zwischenzeit waren unsere Dragoner ebenfalls nicht müßig. Sie legten durch Sprengung von Bäumen Wegeverhaue und Schützengräben auf den Höhen bei Dammerkirch gegen Mansbach an, sprengten den Kanaldamm bei Wolfersdorf damit das Wasser sich in die Wiesen ergieße und ungangbar mache. Die großen Eisenbahnviadukte wurden nicht gesprengt.

Die franz. Kammer hatte sich unterdessen für den Krieg ausgesprochen. Am 6. früh gab es das erste Vorpostengefecht. Eine größere ungefähr 40 Mann starke franz. Kav. Patr. (Drag.) mit einigen Radfahrern war von der Grenze her über Mansbach vorgestoßen. Sie wurde mit Gewehrfeuer empfangen und zurückgeworfen und ließ 3 Pferde und 1 Fahrrad sowie 3 Tote auf dem Platze. Die Dragoner verloren 1 Mann (1 Gefr. Schneider II. Esk.). Am gleichen Morgen, den 6., wurden die Dragoner abgelöst und durch Inf. (Radfahrer) 112 ersetzt. Trotzdem in den 8 Tagen ihres Hierseins ein fast immerwährendes Regenwetter vorherrschte, Mannschaften und Pferde Tag und Nacht ständig gesattelt und gefechtsbereit unter freien Himmel lagen, war die Haltung und der Geist, der die Leute beseelte, ausgezeichnet.

Im Laufe des Nachmittags und des Abds des 6., kamen auch die an der Grenze aufgestellten Kav. Posten zurück, welche mitteilten, daß die fr. Inf. vorgestern die Grenze überschritten und auf deutsches Gebiet eingedrungen seinen. Sie hätten beim Rückzug einige Schüsse miteinander gewechselt. Ein Pferd von ihnen hatte auch einen Schuß in die Flanke. Einer hatte einen Schuß in den Karabinerschuh. Die Kugel hatte sich am Karabiner vollständig krumm gebogen. Alle Mann waren guten Mutes und faßten die Sache noch von der humoristischen Seite auf. Alle beherrschte eine siegesgewisse Zuversicht, wie ich aus persönlichem Verkehr mit meinen alten ehemaligen Regimentskameraden feststellen konnte.

Am 7. früh gegen 7 Uhr ertönten einige Gewehrschüsse; und das Feuer wurde allweilig heftiger. Die Franzosen rückten vor. Aus dem ebenen Fenster des Gemeindehauses konnte man die ganze Gegend gegen Traubach, Brückensweiler und Gottestal überblicken. Überall wimmelte es von Franzosen, deren rote Hosen weithin leuchteten. Unsere Infanterie zog sich unter fortwährendem Geplänkel in kleine Trupps aufgelöst über Ballersdorf nach Altkirch zurück. Gegen 11 Uhr rückten die Franzosen in Dammerkirch ein, besetzten das Gemeindehaus und das Amtsgericht. Um die Zivilbevölkerung kümmerten (sie) sich nicht.

Nach halbstündigem Aufenthalt zogen die ersten Truppen weiter in der Richtung Ballersdorf gegen Altkirch ab. Nun folgten sich Regt. auf Regt. Ich zählte 6 Inf. Regt und 2 Art. Regt. mit dazugehöriger Bagage. Kavallerie sah ich wenig. Die Ausrüstung der Mannschaften und Pferde war sehr mangelhaft. Was das Pferdematerial anbelangt ging die Bespannung einigermaßen, das der Kav. war gut, aber schlecht geritten. Die Reitfertigkeit der Mannschaften ließ viel zu wünschen übrig.

Gegen 2 Uhr des Nachm. hörten wir aus der Richtung von Altkirch heftigen Kanonendonner. Von der neuen Eisenbahnbrücke konnte man das Platzen der Granaten in der Luft ganz deutlich beobachten. Nach dem heftigen Schießen zu schließen, mußten sich dort größere Truppenmassen den Franzosen entgegengestellt haben. Das Feuer dauerte bis ungefähr 7 Uhr Abds. Gegen 6 Uhr Abds kam ein Bat. des Regt 44 zurück und durchzog Dam. mit Musik, woselbst es in der Nähe Biwak bezog. Die franz. Soldaten …, daß bei Altkirch eine große Schlacht im Gange sei. Sie selbst hätten große Verluste gehabt, darunter viele Offz. Die Deutschen hätten aber auch schrecklich gelitten. Sie wären zurückgeschlagen worden, 2600 seien gefallen, viele zu Gefangenen gemacht und auch 6 Geschütze genommen. Man hat aber die Gefangenen wie die Kanonen nie zu Gesicht bekommen. Später stellte sich heraus; daß deutscherseits nur 4 Geschütze und 1 Comp. Inf. im Gefecht gewesen seien und kein Geschütz in den Händen der Franzosen geblieben ist. Sie erzählten weiter, daß sie am 8. nach Mülhausen wollten, dann weiter nach Breisach, dort über den Rhein und direkt nach Berlin marschieren würden. Weihnachten wollten sie mit den Russen zusammen dort feiern, Deutschland vernichtet und Guillaume gevierteilt werden. Zu den Elsässern kämen sie als Freunde, aber über dem Rhein würde das Kind im Mutterleibe nicht geschont werden. Ähnliche und noch schlimmere Äusserungen fielen, konnten mich jedoch nicht erschrecken; sondern nur ein heimliches verstecktes Lächeln entlocken, kannte ich doch unsere geschulten Truppen und ihre Führer zu genau.

Mit dem Einzug der Franzosen zeigte sich die franzosenfreundliche Gesinnung der Bevölkerung in erschreckender Weise. Viele, die früher immer eine deutschfreundliche Gesinnung gezeigt hatten, ließen mit einemmale solange zur Schau getragene Masken fallen und zeigten ihr wahres Gesicht. Man mußte sehr vorsichtig mit seinen Äußerungen sein. Man rechnete schon mit dem fr. billigen Fleisch und nun erst der Wein. Man konnte sich gar nicht genug daran tun. Als dann noch am Sonntag, den 9. Aug. einige große Auto-Omnibusse mit Fleisch für die Truppen ankamen, kannte die Bewunderung für die Franzosen keine Grenzen mehr. Dieselben fuhren nicht mehr weiter, ebenso zwei Munitionskolonnen. Auch einige in der Nacht vom 9. auf 10. In Dam angekommenen Bagagekolonnen fuhren nicht mehr weiter. Dies fiel mir auf.

Am 10. Aug. gegen 11 Uhr fuhren plötzlich ohne anzuhalten ca. 10 Auto von Mül. herkommend die Richtung nach Belfort nehmend in größter Eile durch Dam. Es war der fr. Generalstab. Über den Grund dieser Rückfahrt zerbrach ich mir nicht den Kopf. Das bedeutete Rückzug. Die Rückwärtsbewegungen der fr. Truppen folgten sich sehr schnell. Im Verlauf des 11. füllten sich die Straßen v. Dam. mit durchmarschierenden Truppen und Train in unheimlicher weise. Die Nacht vom 11. Auf 12. wurde in den Straßen, Scheunen und unter den Wagen zugebracht. Die franz. Höflichkeit gegenüber den Einwohnern hatte schon etwas abgenommen. Meinem Nachbar, einem Landwirt, holten (sie) ohne Rücksicht sein erst am Tage vorher eingeführtes noch nicht gedroschenes Getreide aus der Scheune, um es als Nachtlager oder Futter für ihre Pferde zu benutzen. Dem Manne entstand dadurch ein beträchtlicher Schaden. Denn er konnte dasselbe nur noch als Streu benutzen. Den größten Teil bekam er überhaupt nicht mehr, da die Garben nach allen Windrichtungen verschleppt war.

Am 12. früh war Alles verschwunden bis auf ein Vorpostenbat.. Nur die herrschende Unreinlichkeit zeugte von dem Vorhergegangenen. Wie zersetzend und demoralisieren diese Niederlage, und eine solche war es, die die Fr. bei Mülh. erlitten hatte, auf die fr. Truppen eingewirkt hatte, konnte ich bei ihrem Rückzug am besten beobachten. Einen geschlossenen Truppenkörper außer dem obengenannten Bat. bekam ich hierbei nicht zu sehen. Ermattet, in Trupps zu 4 bis 60 Mann stark zusammengesetzt aus verschiedenen Regimenten z.T. ohne Gewehr oder Tornister kamen sie an. Wir stellten aus Mitleid für diese armen abgesetzten Leute, es waren ja Menschen wie wir, wenn es auch unsere Feinde waren, Kübel mit Wasser, Milch oder Limonade an die Straße damit sie sich etwas erfrischen konnten. Hierbei war ich Augenzeuge, wie Mannschaften aus dem Glied traten und trotz Aufforderung seitens des Kapitäns, Leutnants oder Sergeanten nicht mehr eintraten, bis sie unsanft wieder hineingestoßen wurden, um aber sofort herauszutreten. Ein Beweis hierfür ist, daß die Deutschen am 12. Abds. einem fr. Drag, nur mit Hemd und Hose bekleidet in einem Obstgarten aufstöberten und gefangen nahmen. Wo derselbe sein Pferd und sonstige Ausrüstungsstücke gelassen hatte, konnte ich nicht erfahren.

Am 12. Vormittags mußten 120 Einwohner mit Schaufeln und Pickeln bewaffnet auf Anordnung des fr. Vorpostenkommandanten Schützengräben ausheben an der Straße gegen Ballersdorf. Von dieser Arbeit drückte ich mich natürlich. Gegen Mittag ertönte wieder Gewehr- und gleich darauf Art.-Feuer. Die Franzosen rückten hierauf schleunigst ab in der Richtung der Grenze zu. Gleich darauf erschienen auch Deutsche Radfahrerpatrouillen, und hinterher die Infanterie. Dieselben bezogen nach Durchsuchung der Häuser nach versteckten Franzosen zwischen Gommersdorf und Dam. Biwak. Die Abteilung bestand aus den Inf. Reg. 109 und 110, und 1. Abteilung Arti. 51.

Am 13. früh rückten dieselben gegen die Grenze vor, woselbst ein größeres Gefecht stattfand, welches sich bis in den späten Abend hinzog. Hierbei wurde das Dorf Willer in Brand geschossen, weil angeblich von den Einwohnern auf die Truppen geschossen worden sein. Es wurden auch mehrere Einwohner festgenommen. Den richtigen Sachverhalt konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Die Deutschen machten 100 Gefangene und eroberten eine Mitrailleuse. Nach Aussage eines verwundeten fr. Sergeanten sollen die Fr. ¾ ihrer Leute verloren haben. Die Deutschen hatten ebenfalls starke Verluste, aber meistens Leichtverletzte. In aller Eile wurde der Gemeindesaal und noch 3 andere leere Häuser zu Feldlazaretten eingerichtet. Die Einwohner gaben bereitwillig Matratzen und Decken. Jeder gab soviel er eben geben konnte, damit man die Verwundeten, unter denen sich auch Franzosen befanden, einigermaßen anständig unterbringen konnte.

Am 14. früh rückten die deutschen Truppen wieder ab, wohin ist mir unbekannt geblieben. Da ich dem Landsturm angehörte und dieser noch nicht einberufen war, mein Dienst mit Beginn des Krieges von selbst aufgehört, ich auch keine anderweitige Instruktion hatte, sucht ich mich auf andere Weise nützlich zu machen, (fühlte ich, es sei nun Pflicht auf meinem Posten zu bleiben). Zuerst half ich bei der Pferdeaushebung. Nach der Besetzung durch die Franzosen ließ ich mich so wenig als möglich sehen, da ich denselben trotz der I. Proklamation nicht recht traute. Meine Befürchtungen erwiesen sich, wie die Folge zeigen wird, als nicht unbegründet.

Nach dem Gefecht am 13. stellte ich mich als Krankenpfleger in Dienst des roten Kreuzes. Die zwei darauffolgenden Tage verliefen verhältnismäßig ruhig. Es wechselten nur Kav. Patr. Wir hatten ziemlich viel Leichtverletzte. Es mögen so an 200 gewesen sein. Nach zugegangenen Mitteilungen, deren Richtigkeit aber nicht geprüft werden konnten, stand unsere Sanitätskolonne bei Butweiler also kaum 3 km weit entfernt. Wenn der betreffende Führer sich ein klein wenig nach den Verwundeten umgesehen hätte, wäre es nicht passiert, daß 200 Verwundete in die Hände der Franzosen gefallen wären, wie es hier geschehen ist. Es wäre ein leichtes gewesen, dieselben weiter rückwärts zu bringen, da sie meistens alle marschfähig waren. Am 16. früh rückten die Franzosen ohne Widerstand zu finden wieder in Dam. ein. Diesmal waren es mindestens 2 Armeekorps, welche in das Elsaß ein fielen.

Auch diesmal zeigt sich die Franzosenfreundlichkeit einzelner Einwohner in ganz besonders hellem Lichte. Allen voran war ein gewisser Dr. Müller. Er stellte seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der Franzosen. Der Kommandant ließ sofort den Gemeinderat zusammenrufen. Herr M., der demselben gar nicht angehörte, machte den Verhandlungsleiter. Was beraten wurde blieb verschwiegen. Den ganzen Tag brachten die Fr. damit zu, die ihnen mit den Verwundeten in die Hände gefallenen Waffen und Ausrüstungsgegenstände zu sortieren und zusammenzupacken. Vielen Verwundeten wurden hierbei die Waffenröcke und Stiefel weggenommen. Besonders die Schnürschuhe hatten es den Fr. angetan. Ich habe selbst zugesehen, wie ein französischer Drag. Offz. sich ein paar solcher geben und dieselben mit freudigem Lächeln in seiner eigenen Packtasche verschwinden ließ. Mit fast sprachlosem Erstaunen besahen sie sich die tatellose bis ins kleinste saubere Ausrüstung der deutschen Soldaten. Sowas hatten sie noch nicht gesehen. War auch ganz natürlich, wenn man sich die Verfassung der fr. Armee vor Augen hielt. Zerrissenes oder schiefgetretenes Schuhwerk war keine Seltenheit. Manche trugen Schnür- und Knopfstiefel mit Lackkappen von verschiedenen Mustern und Farben. Jede Mode war vertreten. Das Riemenzeug war alt und brüchig und vielfach durch Schnüre zusammengehalten. Die Uniform abgetragen und vielfach geflickt oder gar zerrissen.

Es war gegen 5 Uhr Nachm. Ich befand mich in dem zum Lazarett umgewandelten Gemeindesaal. Da erschien der Gemeindediener Gümfelder und teilte mir mit, daß man mich auf dem Gemeindezimmer zu sprechen wünsche. Auf meine Frage was los sei, erwiderte er: „Er wisse es nicht". Ich sollte aber nicht lange im ungewissen bleiben. Als ich das genannte Zimmer betrat, fand ich einen Hr. mit schwarzen Vollbart der sich ein bl.w.r. gestreiften Lappen um den Leib gebunden hatte und an seiner Seite H. Dr. Müller, der als Schreiber bzw. Dolmetscher diente und mich mit einem höhnischen Lächeln fixierte. Ich wurde nach meinen Personalien gefragt und mir mitgeteilt, daß man mich nach Belfort verbringen würde. Es wäre dies aber nur eine vorläufige Maßregel. Wenn die Franzosen weiter über den Rhein vorgerückt wären, könnte ich wieder zurückkehren. Es würde mir nichts passieren, im Gegenteil man würde mich ausgezeichnet verpflegen.

Ein anderer Zivilist, der inzwischen herbeigekommen war, riß mir sofort die rote Kreuzbinde vom Arm und bedeutete mir ihm zu folgen. Meiner inständigen Bitte, mich doch noch von meiner Familie Abschied nehmen zu lassen wurde erst nach langem Zögern nachgegeben. Auch dieser wurde mir durch den mich begleitenden Geheimpolizisten so beschränkt und verekelt, daß ich mit meiner Frau nicht einmal ein Wort wechseln und kaum die Hand geben konnte. Ich wurde sodann in einem bereitstehenden großen Auto untergebracht, wo ich den Hegemeister Edelmann v. Dam. schon vorfand.

Nach und nach bekamen wir noch weitere Gesellschaft. So H. Lehrer Kaufmann, Rentmeister Peter, Unterassistent Kaiser, Postassistent Straßer und sonst noch einige Herrn aus der Umgebung. Wir waren zum Schluß ungefähr 12 Herren. Gegen 7 Uhr erfolgte unser Abtransport unter militärischer Bedeckung nach Belfort.

Belfort

Um 11 Uhr Nachts kamen wir daselbst an und wurden im Zivilgefängnis abgeliefert. Gefängniswärter nahmen uns in Empfang und wir bekamen gleich einen Vorgeschmack von der fr. Höflichkeit. Man trug unseren Namen in dem goldenen Buche ein, durchsuchte und nahm uns alles ab, was aber beileibe noch lange nicht so glatt abging wie bei einem gewöhnlichen Verbrecher. O, nein, da setzte es Stöße, Schläge mit dem Register, Schimpfwörter von denen Preußenkopf, Leichenräuber, Spion die am häufigsten wiederkehrenden waren. Die Drohung, daß man uns den Hals abschneiden oder totschießen werde, wurde alle Augenblicke angewendet.

Die Nacht brachten wir in einem Raum, der als Kapelle diente, zu. Jeder hatte ein Bett. Die Fenster durften nicht geöffnet werden. Zur Befriedigung unserer Notdurft wurde uns ein offener Eimer in einem der dort vorhandenen Beichtstühlen angewiesen. Daß es in dem Raume am anderen Morgen nicht gerade angenehm roch, kann sich jeder denken. Doch soll es andern Leidensgenossen in dieser Beziehung noch schlechter ergangen sein. Um 6 Uhr früh wurden wir geweckt, es war dies zwar unnötig, denn die Ungewißheit unseres Schicksals ließ uns nicht zur Ruhe kommen. Über Langeweile konnten wir nicht klagen. Alle Augenblicke kam ein anderer Beamter, um uns zu besichtigen und Vorträge zu halten, die in ganz unflätige hier nicht wiederzugeben wüsten Schimpfereien auf S.M. und S.K.H. dem Kr. bestanden. Deutschland wurde, wie in der bekannten Geschichte mit dem Bärenfell, vollständig aufgeteilt.

Auch Politik machten sie, zeigten aber, daß sie auf dem Punkt standen der von der Wirklichkeit himmelweit entfernt waren. Sie waren die Träger der Zivilisation und Kultur, wir die Barbaren. Ihre geographischen Kenntnisse reichten gerade bis zur Landesgrenze; was darüber hinaus war, ging über ihren Horizont. Zu wiedersprechen oder zu belehren hüteten wir uns wohl und ließen sie auf ihrem Glauben. Es wäre auch sehr gefährlich gewesen, diese Leute zu reizen, wir waren denselben auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert.

Wie es mit der Sicherheit unseres Lebens bestellt war, zeigt uns folgender Vorfall. Gegen 9 Uhr trugen, vielmehr schleiften 2 Gefängnisinsassen auf Anordnung eines Beamten, einen leblosen Körper an Kopf und Füßen in unser Zimmer und warfen denselben wie ein Stück Holz auf ein Bett und ließen ihn liegen. Es war ein Mann im vorgerückten Alter nur mit Hemd, Hosen und Schuhen bekleidet. Das Blut lief ihm aus dem Munde und am Kopf hatte er eine Quetschwunde, jedenfalls von einem Schlag herrührend. Als wir näher traten, stellten wir fest, daß der Mann tot sei. Als wir unsere Wahrnehmung einem wieder herbeigekommenen Gefängniswärter mitteilten, erschrak er zuerst ein wenig, erklärte dann aber, daß der Mann ein versoffener Lump und im Rausch die Treppe herunter gefallen sei. Es sei hier nicht viel verloren. Wir hielten zuerst den Toten für einen Einwohner von Belfort. Kaum hatte der erwähnte Aufseher (uns) verlassen, kam ein Anderer und erzählte: Der Mann sei krank eingeliefert worden und leide an Asthma, das sei wahrscheinlich auch die Todesursache. Nachdem auch dieser sich angezogen hatte, erschien ein Dritter und gab an: Der Tote sei von den fr. Soldaten im Elsaß festgenommen und von diesen unterwegs mißhandelt. Nach einiger Zeit erschien ein in einer fr. Ärzteuniform steckender junger Mann im Alter von ungefähr 22 Jahren. Er untersuchte den Toten oberflächlich und entfernte sich wieder.

Diese Vorgänge trugen nicht dazu bei, unseren Mut zu heben und die Lage als besonders rosig anzusehen. Hier konnte man verschwinden und kein Hahn krähte nach einem. Nach späterer erfolgter Aussprache und gemachten Feststellungen mit andern Internierten besteht die Annahme, daß der Tote der Postverwalter Scherfe aus N.-sulzbach war. Solche Zustände hatte man in einem Staat, der an der Spitze der Zivilisation und Humanität erscheinen will, nicht erwartet.

Um 11 Uhr Vorm. wurden wir aufgerufen und mußten nochmals unsere Personalien angeben. Anschließend daran brachte man uns in einem rostigen ungereinigten Blechnapf eine undefinierbare graue Brühe, in welchem ein kleines und unappetitlich aussehendes Stückchen Fleisch schwamm. Außerdem für jeden ein Stück hartes Brot. Löffel oder Messer standen uns nicht zur Verfügung. Während wir uns noch gegenseitig ratlos ansahen und überlegten, wie wir es anstellen sollten um dieses ausgezeichnete Diner zu uns zu nehmen, wurden wir so auch schon wieder gerufen, bekamen im Hausflur unsere Sachen, d.h. nur diejenigen Sachen an denen die Herren Beamten keinen Gefallen gefunden hatten. Mir fehlte mein schönes Taschenmesser und 20 M. in Gold. Einem ein silbernes Taschenfeuerzeug u.s.f.; einem jeden fehlte was Anderes. Wir trösteten uns später, als wir erfuhren, daß es unseren Vorgängern und Nachfolgern nicht anders ergangen ist. Die im Gefängnis in Belfort zugebrachte Zeit wird Allen in ewiger Erinnerung bleiben.

Ein geschlossenes Auto (Coupé), in welchem mit knapper Not nur 4 Personen Platz fanden, brachte 7 Mann nach der Kaserne Buchinelle. Unsere Ankunft rief ein allgemeines Gejohle der auf dem Kasernenhof versammelten Mannschaften hervor. Dies wiederholte sich bei jeder neuankommenden Ladung von Unglücksgesichtern. Untergebracht wurden wir in den Mansarden, welche besonders für uns hergerichtet worden wären. Belagerungsstärke pro Mansarde war 24 Mann. Die Fenster waren durch dicke Eisenstäbe vergittert. Wir trafen hier mit anderen aus dem Ob. Els. Gestohlenen zusammen und tauschten mit ihnen unsere Erlebnisse aus. Um 5 Uhr Abds. bekamen wir das erstemal zu essen. Wir hatten also seit dem 16. Mittags nichts mehr zu uns genommen. Die seelische Aufregung, in der man sich die ganze Zeit befand, ließ den Hunger nicht so fühlbar werden. Die uns zuteil gewordene Behandlung während unseres Daseins war im großen Ganzen leidlich.

Jeder hatte ein Militärbett mit 3 Decken und Leintuch zur Verfügung. Zu Essen gab es des Morgens eine Tasse Kaffee, um 11 Uhr als Mittagessen Suppe, Fleisch und Gemüse, um 5 Uhr Abds. dasselbe als Nachtessen. Die Speisen waren zwar nicht gut, aber doch genießbar zubereitet. Da die Quantität aber nicht genügend war, wurde uns auf Verlangen ein Soldat zur Verfügung gestellt, welcher uns Nahrungsmittel aus der Stadt holen durfte. Des Vorm. und Nachm. hatten wir je ½ Stunde Spaziergang im Kasernenhof unter militärischer Bedeckung. In der übrigen Zeit saßen wir hinter Schloß und Riegel. Unsere Gefangenschaft wäre noch erträglich gewesen, wenn nicht der Gedanke an die zurückgelassene Familie und unser eigenes ungewisses Schicksal gewesen wäre. Obwohl man sich ja nichts vorzuwerfen hatte, zermarterte man sich vergeblich sein Gehirn über den Grund unserer Wegnahme. Wir erwarteten täglich vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden; aber nichts dergleichen geschah.

Am 27.8. wurden wir um 11 Uhr Nachts geweckt und aufgefordert unsere Sachen zu packen. Das war natürlich schnell geschehen, da wir nichts in Besitz hatten. Wir sollten weiter transportiert werden. Wohin wurde uns nicht mitgeteilt. Nachdem wir so ungefähr eine Stunde herumgestanden hatten und uns allen möglichen Vermutungen hingegeben hatten, wurde uns mitgeteilt, daß wir uns wieder niederlegen könnten. An dem Auslieferungsbefehl fehlte nämlich die Unterschrift des Kommandanten. Endlich um 4 Uhr Morgens war dies nachgeholt. Geschlafen hatten wir in der Zwischenzeit nicht mehr. Man rief unsere Namen auf und ließ uns in (ein) anders Zimmer treten. Dort wurden wir von Gendarmen in Empfang genommen. Dieselben fesselten uns in ganz chikanöser Weise immer 4 und 4 zusammen. So traten wir um 6 Uhr den Marsch durch die Stadt nach dem Bahnhof an, woselbst wir im gefesselten Zustande die für uns bereitstehenden Viehwagen besteigen mußten.

Besançon

An der Fahrtrichtung ersahen wir, daß es nach dem Süden ging. Die Wagen waren in solch schlechtem Zustande, daß man alle Augenblicke befürchten mußte, daß sie aus dem Leim gehen. Diese Beobachtung haben wir auf allen weiteren Reisen gemacht. Gegen 10 Uhr kamen wir in Besançon an. An der Menge des dort aufgestellten Militärs und der Zivilbevölkerung ersahen wir, daß dies unser Bestimmungsort sei.

Unter einer sehr starken Militäreskorte (14 Zug. ...) wurden wir nicht auf dem kürzesten Wege nach der auf einem Bergkegel liegenden Zitadelle geführt. Man wollte jedenfalls der Bevölkerung zeigen wie sieghaft und tapfer ihre Soldaten waren. Bei diesem Umzug setzte es seitens der gesamten Bevölkerung einen Höllenlärm ab. Man schrie, schimpfte, ein ganzes Lexikon von hier nicht wiederzugebenden Schimpfwörter segelte auf uns nieder. Ganz Besançon war ein Hexenkessel, die Weiber zeichneten sich dabei besonders aus. Vielen war das Schimpfen nicht genügend. Straßenkot, Pferdemist, Steine, faules Obst waren die beliebtesten Wurfgeschosse. Einzelnen reichte auch dieses nicht. Sie drangen zwischen den Soldaten durch und teilten Puffe an uns aus.

Drei Damen, welche in unserem Zuge marschierten, hatten besonders darunter zu leiden. Die Soldaten, die doch eigentlich zu unserem Schutze gestellt waren, sahen diesem schändlichen Treiben hohnlächelnd zu und ließen diese Subjekte ruhig ihr Wesen treiben. Ich habe den Eindruck gehabt, daß sie sich mit Vergnügen selbst daran beteiligt hätten. Ich selbst bekam unterwegs einen Kolbenstoß in den Rücken mit den Worten: „En avant Scharkrutkopf“.

Alles atmete befreit auf, als die Tore des Militärgefängnisses sich hinter uns schlossen. Daß es keine fromme Wünsche waren, die aus unserem Innern kamen nach solchen Vorkommnissen, kann sich jeder lebhaft vorstellen. Empfangen wurden wir von einem älteren Soldaten ohne Charge in Artillerie-Uniform. Er sprach Deutsch. Derselbe hielt uns eine Rede, die von Beleidigungen gegen seine Majestät und den Kronprinzen strotzte. Besonders lag im die Devise auf dem Koppelschloß unserer Soldaten im Magen. Seine Rede gipfelte darin, daß er betonte, ihre Soldaten brauchen keinen Gott, sie kämpfen fürs Vaterland. Einem solchen Gott, wie wir ihn haben, würden sie nicht dienen. Er verglich unsere Soldaten mit Wilden, diese ziehen auch mit einem Amulett in den Krieg wie jene, nur mit dem Unterschied, daß die Wilden es um den Hals tragen und unsere um den Bauch. Hauptsächlich aber hatte er es auf die Lehrer, es befanden sich mehrere bei uns, abgesehen; denselben machte er zum Vorwurf, daß sie den Kindern in der Schule das Lied Deutschland über Alles gelernt hätten.

Wir waren ungefähr 400 Köpfe hier zusammengedrängt; die Räumlichkeiten ungenügend. Wir wurden ebenfalls wieder durchsucht und alles abgenommen. Kasematten waren unsere Unterkunftsräume, welche wir den ganzen Tag mit Ausnahme des Morgens ½ Stunde nicht verlassen durften. Zur Verrichtung unserer Notdurft stand in einer Ecke ein offener Kübel. Welche Düfte sich in diesen Räumen entwickelten, es befanden sich 2-3 mal mehr Mann darin als die Belegungsstärke vorschrieb, kann man sich denken. Als Waschgelegenheit hatten wir Morgens die obenerwähnte ½ Stunde und einen Wasserhahn. Hiernach kann man sich die herrschende Reinlichkeit vorstellen. Das Essen bestand des Morgens und des Abds. aus einer undefinierbaren Brühe in welcher ein Stückchen zähes nicht zu genießendes Fleisch nebst obligaten Würmern und Käfern schwamm. Die Eßgeschirre machten den Eindruck, als hätten sie seit ihrem Bestehen keine Reinigung mehr erfahren. Löffel, Gabel oder Messer gabs hier nicht. Einzelne hatten sich Löffel aus einem Stückchen gefundenen Holz geschnitzt. Beim Genuß des Fleisches kam man sich wie ein Hund vor, der ein Knochen zwischen den Vorderpfoten hält und Stück für Stück davon abreißt. Unter diesen Umständen verging einem der Appetit auch beim größten Hunger. Ich nährte mich lediglich von dem Brot welches genügend und genießbar geliefert wurde. Daß wir unter diesen Verhältnissen endgültig hierbleiben würden, glaubten wir nicht.

Am 30.8. Vorm. wurden wir aufgerufen und bekamen unsere abgenommenen Sachen wieder zurück. Aber auch hier verblieben verschiedene Gegenstände, welche Gnade gefunden hatten vor den Augen des Aufsichtspersonals (Sergeanten), in den Händen derselben. Nachmittags um 3 Uhr wurden wir unter Bedeckung nach dem Bahnhof geführt. Es war Sonntag. Hierbei spielten sich dieselben Szenen ab wie beim Einzug. Ein Abb. aus Lutterbach war hierbei die Hauptzielscheibe des Spottes und der Wut der Bevölkerung. Er wurde sogar von seinen Kollegen in Besançon verleugnet. Man verstaute uns wieder in Viehwagen von 40 bis 43 in Einen. Die Türen und Klappen wurden verschlossen - und blieben liegen bis 11 Uhr Nachts.

An diesem Tage herrschte eine große Hitze und der Durst machte sich sehr bemerkbar. Unser Verlangen nach Wasser wurde kurzerhand abgewiesen. Erst gegen Abend 8 Uhr konnten wir nach langem Bitten und Warten gegen einen Obulus schlechtes Wasser erhalten. Um 11 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Er fuhr dabei mit einer solchen Geschwindigkeit, daß wir gewärtig waren alle Augenblick aus den Schienen zu springen. Durch die vorhergegangene schlechte Ernährung rief das am Abend genossene Wasser bei vielen einen schweren Durchfall hervor. Es spielten sich dramatische Szenen, die einer gewissen Komik nicht entbehrten ab. Einen Mundvorrat war uns nicht mitgegeben worden.

Moulins

Am 1.9. Nachmittags erreichten wir Moulins im Dep. Allier. Die Wahrnehmungen, die ich auf dieser Reise machte, waren weit entfernt von der Meinung, die ich früher von Frankreich bezüglich Anbau und Fruchtbarkeit hatte. Große Strecken waren unfruchtbar und brachten nur Disteln, Ginster oder sonstiges Unkraut hervor. Solche Gegenden, die hätten fruchtbar sein können, wurden nur als Weideland benutzt. Das sich darauf befindliche Vieh war nichts weniger als gut genährt und gepflegt. Alle Grundstücke, auch die kleinsten, waren mit lebenden Hecken eingefaßt, welche einen großen Raum für sich beansprucht und dadurch dem Boden den größten Teil an Nährstoff entziehen. Entweder fehlen hier Arbeitskräfte oder man ist zu bequem.

Zu unserem Empfang war die ganze Einwohnerschaft versammelt. Bei unserm Hin- und Herwandern durch die Stadt - man wußte nämlich nicht wohin mit uns - spielten sich die nämlichen Auftritte und Beschimpfungen ab wie in Besançon. Zu bemerken ist, daß alle Stationen, die wir durchfuhren, von der Zivilbevölkerung besetzt waren und uns lebhaft begrüßte, natürlich nicht im freundlichen Sinn, nur die Behörden wußten nie etwas davon und hatten folgedessen auch nie etwas vorbereitet. Das war doch sonderbar.

Endlich nach langem Hin und Her, hatte man sich geeinigt und ich kam mit noch andern 135 in eine große Turnhalle Bourbonnaise genannt. Die ganze Vorbereitung für unseren Empfang bestand darin, daß man im Hof einen 3 m hohen Stacheldrahtzaun gezogen hatte, hinter dem wir uns aufhalten konnten. Nach langem Warten bekamen wir auch Stroh; ungefähr 3 kg für den Mann. Es war gerade soviel daß man den Boden nicht zu sehr spürte. Es wurde uns dann auch später die Erlaubnis erteilt, Stroh kaufen zu können. Um 8 Uhr Abds. bekamen wir dann eine Suppe, die aus warmem Wasser bestand, in welchem einige Krautblätter und Zwiebeln herumschwammen. Der Raum, der uns als Wohn- und Schlafstätte diente, war wie bereits gesagt eine zugige Turnhalle mit ca. 150 qm Bodenfläche und einer Höhe von 8 - 10 m. Der Untergrund bestand aus faulem Sägemehl und war mit Holzplatten bedeckt. Aus Neugierde hoben wir eine dieser Platten in die Höhe, ließen dieselbe aber vor lauter Eckel gleich wieder fallen. Da unten aber da war’s fürchterlich. Es wimmelte nur so von Ungeziefer. Hauptsächlich hatten sich die Engerlinge des Nashornkäfers neben sonstigen allerlei Gewürm breit gemacht. Da wir annahmen, daß man uns nun endgültig hierlassen würde und fast Alle ohne Wäsche und sonstige nötige Kleidungsstücke waren, hauptssächlich benötigten wir Decken, da die Nächte empfindlich kühl wurden, ersuchten wir die Stadtverwaltung hierum. Es wurde uns der Bescheid, daß man uns keine Decken geliefert werden können, aber zu kaufen gäbe es welche.

Mit der Bevölkerung durften wir nicht in Berührung kommen. Man schickte uns alsbald einen Händler, der solche Sachen feilhielt. Derselbe brachte nun auch seine sämtlichen Ladenhüter wie Schundwaren und verlangte dafür Phantasiepreise. Für Decken, die bei uns zu einem Ladenpreis von 2-3 M. verkauft werden verlangte er 10 Frcs. Für Unterhosen und Hemden Wert 1.50 M. 4 Frcs 50. u.s.f. Als man bemerkte daß Geldmittel vorhanden waren, durften wir Esswaren einkaufen. Die Stadt stellte uns einen jungen Menschen zu diesem zur Verfügung. Demselben mußten wir für jeden Einkauf von je 50 ctm. einen Sou Botengeld bezahlen. Dabei rechnete er uns alles auch doppelt so hoch an, als es in Wirklichkeit kostete. Soviel wird der Nachkomme Moses so schnell nicht mehr verdienen und noch oft an die Boches zurückdenken. Ich vergesse ihn auch nicht.

Die Wenigsten waren in Besitz von französischem Geld. Deutsches wollte niemand annehmen, höchstens Gold, für 20 M. bot man uns 22 Frcs. Der obengenannte Deckenhändler bewertete es nur mit 20 Frcs und auch dann nur, wenn man bei ihm einen Einkauf machte. Das Essen wahr vollständig ungenügend. Die Zubereitung wurde uns selbst überlassen, so daß das Wenige, das uns zur Verfügung stand, wenigstens sauber zubereitet werden konnte. Ich lasse hier einen Küchenzettel folgen
7 kg Fleisch
20 kg Gemüse
10 kg Suppenbrot
40 kg Kartoffel
1 ½ kg Zwiebel
1,790 kg Ochsenfett
Kaffee gab es keinen.

Das Fleisch war sehr schlechter Qualität. Meistens Kopffleisch. Auch wurde durch einen unter uns sich befindlichen Fleischbeschauer mehrmals festgestellt, daß dieses von tuberkulösen Tieren stammte. Auch die anderen Zutaten waren von minderwertiger Qualität. Die oben angegebenen Quantitäten mußten 2 Mahlzeiten für 136 Mann abgeben. Das dies ungenügend war, muß wohl jeder zugeben. Die Stadt hat es wohl verstanden ihr Schäfchen zu scheren. So erfuhren wir, daß die Lieferanten 30 % ihres Gewinnes an die Stadt abzuliefern hatten. Auch in anderer Weise hat man es verstanden uns zu schröpfen. Die Briefe, die von uns abgesendet wurden, mußten frankiert werden, aber wir durften die Freimarken nicht aufkleben, sondern mußten das entsprechende Porto in Geld abliefern. Diejenigen, die von zu Hause Geld durch die Post zugeschickt bekamen, mußten bei Empfang eine Stempelsteuer von 20 cent. und da nur ratenweise in Höhe von 20 Frcs. ausbezahlt wurde bei jeder Abholung eine weitere Steuer von 10 cent. Es erübrigt sich hierüber jeder weitere Kommentar.

Der Gesundheitszustand war während unseres Aufenthalts in Moulins schlecht. Der plötzliche Wechsel in der Ernährung, die Sorgen um Familie und Vaterland, das schlechte harte Lage in einer zugigen Halle ohne Decken bei ziemlich kühlen Nächten. Alles half zusammen. Husten, Schnupfen Reumatismus und Erkältungen aller Art stellten sich ein. Von einer ärztlichen Hilfe konnte keine Rede sein. Es erschien auch mitunter ein Herr, der sich uns als Arzt vorstellte aber nur ein Universalmittel kannte nämlich „Jod“. Wir nannten ihn zum Schlusse nur den Jodeldoktor. Husten, Brustschmerzen, Schnupfen, Durchfall, überhaupt alles wurde mit Jod behandelt. Ich glaube er hätte einen Beinbruch ebenfalls damit geheilt.

Ein Vorkommnis möchte ich auch hierbei wieder erwähnen, das die fr. Zuvorkommenheit in ein helles Licht stellt. 2 ältere Herren wurden trotz Jod so krank und von rheumatischen Schmerzen heimgesucht, daß sie übel oder wohl in das Spital gebracht werden mußten. Da sie aber nicht gehen konnten, baten sie um eine Droschke. Dieselbe wurde ihnen auch gestellt, aber nur unter der Bedingung, daß sie dieselben bezahlten. Ebenso mußten sie die ihnen im Lazareth gereichte Arzneien bezahlen. Ob aber nicht trotzdem im Ausgabeetat der Stadt ein Beleg zu finden wäre?

Als Berechnung für uns gefährlichen Leute stellte das in Moulins stehende Artillerieregiment Nr. 8 jeden Tag eine Wache in Stärke von 12 Mann. Sie waren dem Alkohol nicht abgeneigt und haben dies öfters in der Nacht recht unangenehm zu fühlen bekommen. Sie zogen es vor ihre Tapferkeit und Mut uns fühlen zu lassen, als sich den Barbaren gegenüber zu stellen. Es wurden eines Tages 50 Freiwillige für die Front gesucht und siehe da, es meldete sich kein einziger. Dieser Vorfall zeigt, wie es sich mit den täglich in den fr. Zeitungen erscheinenden Berichten bez. der Tapferkeit des fr. Soldaten verhält. Wir machten später in unseren anderen Unterkunftsorten die nämliche Wahrnehmung, daß neue Soldaten, die sich was zu schulden kommen ließen, drohte, sie in die Front zu schicken; und dieselben dieses für schlimmer hielten als jede andere Strafe.

Am 24.9. Nachmittags erhielten wir die Nachricht unsere Sachen zu richten, wir würden wo andershin gebracht werden. Wohin wurde uns wieder nicht mitgeteilt. Nach dem herbeigebrachten Mundvorrat zu schließen hatten wir eine weite Reise vor uns. Es bekam jeder einen Leib Brot, außerdem wurden mitgeführt 36 kg Rindfleisch, 36 kg Schweinefleisch, und ein Quantum Schweizer Käs. Die Reise war auf 2 Tage berechnet.

Da wir die Mitteilung unserer Abfahrt einige Stunden früher erhielten, konnten wir uns noch mit einem kleinen Vorrat an Schokolade, Ölsardinen und Obst versehen. Gegen Hunger waren wir also geschützt. Im Übrigen waren wir gleichgültig und schon abgestumpft. Viel schlechter als wir es in Moulins hatten, konnten wir es auch anderswo nicht haben. Auf eine Besserung unserer Lage zu hoffen, hatten wir bei unseren bisherigen Erfahrungen schon verlernt.

Um 8 Uhr Abds. wurden wir nach dem Bahnhof gebracht. Dasselbe Schauspiel wie beim Einzug. Man hatte auch diesmal nicht versäumt den Einwohnern mitzuteilen, daß eine Theatervorstellung durch die Boches in Aussicht steht. Es flogen nicht blos Schimpfworte, sondern auch Flaschen und sonstige Sachen auf uns herab. Erst als wir im Bahnhof verschwunden waren hörten die Liebenswürdigkeiten der Einwohner auf. Wir wurden wie gewöhnlich wieder in die bereitstehenden Viehwagen gepreßt (40 Mann ohne Begleitmannschaft). Daß unser Gepäck so kleine Dimensionen hatte, kam uns sehr zu statten, anderseits war es gut, daß wir so eng zusammen saßen, so konnten wir uns gegenseitig erwärmen. Denn wir hatten in den beiden Nächten sehr unter der Kälte zu leiden. Die fingerbreiten Spalten im Fußboden und den Seitenwänden ließen die kalte Zugluft ungehindert eintreten; hauptsächlich gegen Morgen hatte man richtiges Zähneklappern.

Zuerst ging die Fahrt südwärts, so daß wir glaubten unser Reiseziel wäre das Mittelmeer oder die Pyrenäen. Von Clermont-Ferrand ab ging es wieder nordwärts. In Chateauroux, wo wir gegen 8 Uhr Morgens ankamen, hatten wir einen zweistündigen Aufenthalt. Hier fuhren mehrere Sanitätszüge mit Verwundeten von Norden kommend an uns vorbei. In Tours wurde unsere Begleitmanschaften abgelöst und Kürassiere traten an ihre Stelle. Von Nantes aus hatten wir Territorial Inf. Nr. 88 als Bewachung bis nach Hennebont, unseren vorläufigen Bestimmungsort, den wir gegen 9 Uhr morgens erreichten. Wir hatten also 33 Stunden ohne Unterbrechung in unserem ungemütlichen Viehwagen und in unbequemer Stellung zubringen müssen.

Die Gegend von Chateauroux bis Angers war schönes und auch ziemlich gut bebautes Land. Es gibt da viele Obstbäume. Auch trifft das Auge auch auf zahlreiche Schlösser und Villen. Was nun die Strecke von Vannes bis Hennebont betrifft, so kann man hievon nur das Gegenteil behaupten. Man bekam da nur weite öde und mit niedrigem Gestrüpp bedeckte Flächen aus welchen hie und da einzelne verkrüppelte Bäume wie Insel hervorragten zu sehen. Und dazwischen verstreut einzelne Fermen. Scheunen scheint man nicht zu kennen. Die Ernte sitzt im Freien auf Haufen. Bezgl. der Wälder scheint man von einer ordentlichen Forstwirtschaft keine Ahnung zu haben.

Château Kerlois, Hennebont

In Hennebont wurden (wir) wieder, wie immer unter der nie fehlenden militärischen Bedeckung, Sacknadel- bzw. Zahnstocherkorps nach einem sogenannten Schloß Kerlois geleitet. Dasselbe ist ungefähr 2 1/4 km von Hennebont entfernt. Dasselbe war früher ein Kloster. Es muß früher ein wundervolles Anwesen gewesen sein. Massiv gebaut mit vielen kleineren Zimmern versehen, muß es ein Pensionat gewesen sein. Das Gebäude ist von großen Gartenanlagen umgeben. Jetzt ist alles verwahrlost. Im Blumengarten, die vorhandenen Trümmer zeigen, daß viel Pflege auf ihn verwandt worden ist, wuchert Unkraut. Der Obstgarten ist ebenso verwildert. Die Obstbäume sind schon mehrere Jahr nicht mehr geschnitten, voll Ungeziefer und umherliegende abgerissene Äste geben Zeugnis, wie nichtachtend mit einem von den früheren Besitzern mit vieler Liebe und Mühe großgezogenen Baumbestand umgegangen worden ist. Nur der Gemüsegarten war von dem in einem Annexe wohnenden Bauersmann gepflegt. In einem kleineren Hintergebäude hatte sich unsere Wachmannschaft einlogiert.

Auch hier wiederholte sich dasselbe Spiel wie überall. Man wußte nicht wohin mit uns. Die sämtlich vorhandenen Räumlichkeiten waren schon überfüllt von früher angekommenen Transporten. Ich möchte noch hinzufügen daß wir bei unserem Durchmarsch durch Hennebont nicht beschimpft wurden, was uns zwar sehr erstaunte, aber nicht unlieb war, hatten wir uns doch auf einen saftigen Empfang vorbereitet. Überhaupt waren die Leute (Bretonen) nicht derartig gehässig wie in den anderen Departements.

Endlich nach langen Warten hatte man ein Plätzchen für uns gefunden. Nämlich oben auf dem Speicher unter dem Dach. Ach wie gerne hätten wir da unsere von der langen Eisenbahnfahrt steifen und müden Glieder ausgestreckt und ein bisschen geruht, wenn - ja - wenn - Stroh dagewesen wäre. Aber dieses kam erst am Abend. Bis dahin mußten wir oben mit dem blanken Fußboden vorlieb nehmen. Mit Todesverachtung stürzte man sich bei der Verteilung auf den Strohhaufen, um sich ein gutes Lager bereiten zu können. Wer nicht rücksichtslos Zugriff kam zu kurz. Je 15 Mann hatten wir eine Gruppe gebildet, welche durchweg aus Beamten aus dem Oberelsaß bestand und die wir uns z.T. schon vor Ausbruch des Krieges kannten. Wir Zuletztangekommenen taten uns soviel wie möglich zusammen; denn unter den schon früher Angekommenen sah man einzelne Gesichter, denen man auf einsamer Straße nicht allein begegnen möchte. Im Ganzen mögen gegen 1000 Personen im Kloster untergebracht gewesen sein; deren logierten wir Neuen ca. 270 auf dem Speicher.

Alle Alter, Geschlechter und Erwerbszweige waren vertreten. In der Hauptsache Deutsche, Österreicher, Polen, Tschechen und Slowaken. Das Alter variierte zwischen 10-80 Jahre. Männer, Frauen und Kinder. Vertreten waren untere, mittlere und höhere stehende Gemeinde-Beamte. Sogar ein österr. Statthalter war da. Sämtliche vorhandenen Gewerbe waren vertreten. Es gab Fabrikbesitzer Direktoren, Ingenieure, katholische und protestantische Geistliche, selbstständige Kaufleute und kaufmännische Angestellte, Handwerksmeister und Arbeiter, Verwalter und Bauersleute, Akrobaten, Seiltänzer, Musiker und fahrende Sänger, auch Demi Monde fehlte nicht. Feine und Ganz Feine. Sogar Landstreicher und Verbrecher gabs, welche kurz vorher wegen Ausbruch des Krieges aus dem Zuchthaus entlassen worden waren.

So unterschiedlich die Mischung, so verschieden auch die Interessen. Viele deutsche Reichsangehörige, die bei Ausbruch des Krieges in Frankreich gelebt hatten und nicht mehr nach Deutschland zurückkehren konnten, sei es durch eigene oder anderer Schuld, war es zum mindesten ganz gleichgültig, ob der Krieg zugunsten ihres Vaterlandes oder zu dessen Ungunsten ausfiel. Auch gab es zahlreiche Elsäßer, die aus ihrer Sympathie für Frankreich keinen Hehl machten. Man mußte sehr vorsichtig sein mit seinen Äußerungen. Außerdem hatte der aufsichtsführende Polizeikommissar noch einzelne Subjekte angestellt um überall herumzuspionieren.

Unter der Kälte hatten wir die wenigen Nächte, die wir dort zubrachten, nicht viel zu leiden, da es ziemlich warm war. Vor dem Winter graute uns doch ein bisschen. Das Essen war noch schlechter wie in Moulins. Die Mahlzeiten waren angesetzt auf 11 Vorm., 5 Uhr Nachm. Da gab es pro Kopf 5-6 Eßlöffel warmes Spülwasser und ca. 20-30 gr. Fleisch. Einmal gab es sogar Gedärme. Brot war ebenfalls nicht genügend vorhanden und dazu noch mit Sand durchsetzt, daß es ordentlich unter den Zähnen knirschte. Der Sand war wohl der besseren Verdauung wegen dazugetan. Oder vielleicht des Gewichts wegen? Die Bauersleute nahmen unser Not auch gleich war und brachten Brot, Obst, Kaffe und Cidre.

Was die Abortverhältnisse betrifft, so waren dies das Schlimmste was ich bis jetzt erlebt hatte. Im Gebäude selbst befanden sich mit Wasserspülung eingerichtete Aborte. Aber wie schon gesagt. Es war alles verlottert. Die Spülung funktionierte nicht mehr, und nur die Frauen durften die Aborte benutzen. Für die männliche Gesellschaft war ungefähr 150 m vom Hauptgebäude entfernt ein tiefer Graben ausgehoben. War dieser voll, so wurde er mit etwas Erde bedeckt und 2 Schritte weiter ein frischer angelegt. Die Bilder, die man hier sah, lassen sich unmöglich beschreiben. Und wie wurde es erst bei Regenwetter. Man stand bis zum Knöchel im Kot.

Mit der Waschgelegenheit war es ebenso schlecht bestellt. Zum Wäsche waschen war wohl ein Raum da, der für die früheren Verhältnisse genügt haben mag, aber für 1000 Personen vollständig unzureichend war.

Am 28.9. wurde bekannt gegeben, daß diejenigen, welche sich auf eigene Kosten zu verpflegen wünschen, sich melden können. Sie wurden in einem Hotel untergebracht. Die Kosten beliefen sich auf 8-10 Fr pro Tag und Kopf. Das sind ungefähr 300 Frc pro Monat. Sowas konnten sich nur die Wenigsten leisten. Es meldeten sich ungefähr 100 Personen. Sie kamen nach Carnac in das Strandhotel. Wie wir später erfahren haben, soll der Wirt ein guter Freund von dem Hr. Pr. gewesen sein. Jedenfalls aber hat der Wirt während des Krieges eine Saison wie noch nie im Frieden. Am 30.9. reisten die Badegäste ab. Sie werden dort ebenfalls als Gefangene behandelt sind durch Soldaten bewacht, in ihrer Bewegungsfreiheit ebenfalls beschränkt. In Bezug auf Nahrung und Unterkunft sind sie natürlich besser dran wie wir andern arme Sterbliche.

Am 1. Oktober nacht gegen 11 Uhr, wir schliefen bereits, wurden ca. 180 von uns geweckt und ins Geschäftszimmer gerufen, wo man uns wieder nach unseren Personalien befragte, Papiere abnahm und dann mitteilte, daß wir uns am anderen Tag gegen 11 Uhr bereithalten sollen; wir würden wo andershin gebracht werden.
Auf welcher Basis unsere Auswahl erfolgte konnten wir nicht ermitteln. Erst später erfuhren wir, daß wir verdächtig und gefährlich wären. Daß unsere Verbannung nach der Insel Croix kein Vorzug war, geht daraus hervor, daß alle diejenigen, die sich in andern Lagern mißliebig gemacht hatten zur Strafe nach dort versetzt wurden.

Wir hatten bei der Überfahrt, die von Hennebont aus per Dampfschiff stattfand, herrliches Wetter. Zahlreiche Seemöven bevölkerten die hübschen Felspartien, die den Meeresarm zu beiden Seiten einfaßten. Allmählich traten die Ufer immer mehr zurück. Vorbei gings an Lorient (ehemaliger Kriegshafen) und St. Louis ins offene Meer. In weiter Ferne sahen wir die schattenhaften Umrisse einer kleinen Insel. Nach einer 1 ¾ stündigen Fahrt hatten wir dieselbe erreicht.

Nach der Ausschiffung wurden wir wieder verlesen und in zwei Häuser geteilt. Ein Teil kam nach Fort Surville, der Andere darunter ich nach Fort Grognon. Die Insel ist ungefähr 7 km lang und 3 km breit. Auf der Nordostspitze liegt Fort Grognon, auf der Südwestspitze Fort Surville. Zahlreiche kleinere Dörfchen sind vorhanden. Die Einwohnerzahl beträgt ungefähr 6000. Der Haupterwerbszweig ist der Fischfang. Landwirtschaft wird nur soviel betrieben, als in der Haushaltung benötigt wird. Diese Arbeit fällt dem weiblichen Teil zur Last.

Das wenige Vieh, in der Hauptsache Kühe, ist klein und schlecht genährt. Dasselbe befindet (sich) mit Ausnahme der Nacht das ganze Jahr über auf dem Feld an langen Leinen angebunden und muß sich aus dem kümmerlichen Graswuchs ernähren. Die Stallungen sind nicht viel größer als wie bei uns ein besserer Hühnerstall.

Die Insel ist nur zum kleinsten Teil bebaut. Man sieht Weizen, Gerste und Kartoffeln, ein großer Teil ist kahl und felsig während der Rest mit Disteln, Heidekraut und Stachelginster bedeckt ist. Die Erstere gedeiht sehr üppig und ist auch in den Fruchtfeldern so häufig, daß sie die Früchte vollständig überragt. Der Letztere dient den Bauerfeuern als Feuerungsmittel, Holz und Kohlen sind sehr teuer. Sie bereiten sich ihr Heizmaterial auf eigenartige Weise. Sie sammeln den Kuhmist welcher mit dem gehackten Stachelginster vermischt zu großen 2-3 cm dicken Kuchen geformt an die Hauswände geklebt wird um an der Sonne zu trocknen.

Sehr zahlreich sind Häuserruinen vertreten ohne Dach, manchmal nur noch Steinhaufen vorstellend. Es ist dies, wie ich mir habe sagen lassen, auf den hier herrschenden Aberglauben zurückzuführen. Bauwerke also welche durch Elemente zerstört werden, sind gegen den Willen überirdischer Mächte aufgeführt, diese werden deshalb die in Stand gesetzten Häuser immer wieder zerstören. Sie wollen aber auch nicht, daß das alte Mauerwerk abgerissen und der Boden zu andern Zwecken benützt wird. Die Mauern müssen stehen bleiben bis sie selbst in sich zusammen stürzen.

Auffallend ist auch, daß man sehr viele Grundstücke und wenn sie nur 1-2 qm Bodenfläche haben, mit einer ¾ m hohen aus zusammengelesenen Steinen aufgesetzten Mauer eingefriedigt sind. Speziell sind es die Stücke auf welchen nur kümmerliches Gras, der Stachelginster oder sonstiges Dornengestrüpp wächst. Dies kommt daher, daß bei der Erbteilung nicht einer das Grundstück übernimmt, sondern dasselbe in soviele Teile geteilt wird, als Erben vorhanden sind. Bei den mit Früchten bepflanzten Feldern traf dies übrigens nicht zu, dieselben waren auch nicht eingezäunt.

Die Häuser sind einstöckig und haben meistens nur zwei Gelasse; Küche und Wohnzimmer. Das Letztere ist Zimmer für Alles. An den Giebelseiten befinden sich die Kamine. Öfen sind sehr wenig in Gebrauch. Scheunen sieht man nicht.

Fort Grognon, Île de Groix

Meine Wenigkeit befand sich bei der Abteilung, die nach Fort Grognon kam. Wir zählten etwas über 80 Personen. Altdeutsche und Elsässer, zum größten Teil Beamte, Lehrer, Bahn-, Post- und Gerichtsbeamte, auch einige Studenten. Wir hatten ungefähr 1 Stunde Marsch; zwei Ruhepausen eingerechnet.

Einen vertrauen erweckenden Eindruck machten die zu ebener Erde gelegenen Kasematten auf uns nicht. Es waren deren 3 vorhanden. Zwei davon wurden uns als zukünftiger Aufenthaltsort angewiesen und mit je 42 Mann belegt. Die gewölbten Räume hatten eine Länge von 14 m, eine Breite von 4 ½ und in der Mitte eine Höhe von 2,80 - 3,00 m. Wieviel Platz dabei auf einen einzelnen Mann kam, kann sich wohl jeder ausrechnen. An der einen Stirnseite dem Hofe zu befanden sich 2 kleine Fenster. Eine weitere Öffnung um Licht oder Luft einzulassen außer der Türe war nicht vorhanden.

Als Lager diente uns eine dünne Strohschicht. Das Stroh war aber nicht frisch, sondern war früher von den Soldaten schon als Lagerstätte benutzt worden. Es war bereits vollständig zermahlen und bildete auf dem kalten feuchten Zementboden eine sehr unbehagliche Ruhestätte. Tische und Bänke gab es ebensowenig als wie in den früheren Lagern.

In Bezug auf das Essen hatten wir uns auch nicht verbessert. Es gab die uns wohlbekannte franz. Suppe. Nur anstatt Fleisch kam Kuheuter (von uns Kuhbusen genannt), Leber oder ein Stückchen ranzigen stinkigen fetten Speck auf die Tafel. Wenn es diesen gab - und es kam sehr viel mal vor - verzichteten wir freiwillig auf das Dinner. Man hatte am Gestank schon mehr als genug. Nach einigen Tagen bekamen wir auch eine Kantine gestellt, um uns Eßwaren kaufen zu können. So unerwünscht wir waren, um so erwünschter war den Franzosen unser Geld. Die Preise waren schon im Anfang nicht dem Bilde, das ich mir früher von der billigen Lebensweise in Frankreich gemacht hatte nicht ähnlich, steigerten sich aber mit der Länge der Zeit dermaßen, daß uns die Augen übergingen. Ich lasse hier einige Preise folgen.

Anfang Später
Weißwein 0.80 Frcs. 1.20 Frcs.
Rotwein 0.70 1.00
Butter ½ Pfund 0.70 1.30
Eier Stck. 0.10 0.20
Obst Apf. Birne 0.05 0.15
dabei alles Fallobst.
Milch I. 0.35 -
Käse ½ Pfund 0.50 0.90
Zucker 1 kg 1.60

Alles minderwertige Waren. Das Schlechteste war für uns Boches noch zu gut. Durch den späteren Verkehr mit der Zivilbevölkerung machten wir mehr als einmal die Wahrnehmung, daß die Leute von uns Deutschen eine sehr unklare Vorstellung hatten. Kein Wunder! Bezeichneten uns doch die Zeitungsschreiber als Barbaren und ein auf der niedersten Kulturstufe stehendes Volk. Waren die Leute schon erstaunt, daß wir ebenso aussahen und ebensolche Manieren hatten wie andere Menschen, so waren sie dies doch mehr, als sie bemerkten, daß wir ebensolche gute Kenntnisse besaßen, wenn nicht noch mehr, als sie. Man hatte Ihnen immer vor Augen gehalten, daß die Franzosen das alleinige Volk sei, das wahre Kultur und Zivilisation besitze. Nur bei ihnen herrsche Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit. Höchstens kommen hier noch die Russen, Serben, Kosaken, Kalmücken, Kirgisen, Zulukaffern und die von ihnen beherrschten Neger und Senegalesen in Frage.

Sie konnten zuerst gar nicht verstehen als wir ihnen unsere Leiden und Lage schilderten. Sie meinten wir könnten uns glücklich schätzen bei ihnen zu sein als in Deutschland, wo wir doch verhungern müßten. Sie konnten nicht begreifen, daß wir anstatt ihnen zu danken, ihre Menschenfreundlichkeit nicht anerkannten. Das konnten die Angehörigen eines Volkes, das in dem Wahne lebt, daß alles was sie machen und vollführen, recht ist, in ihrem Gehirnkasten nicht vereinigen, daß dasselbe Recht auch einem anderen Volke zusteht. Es gilt auch bei ihnen das Sprichwort: Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch immer nicht dasselbe. Im gegenteiligen Fall ist es eben Barbarentum oder Piraterie. Sie schreien Mord und Füria, daß die Deutschen Geißeln in Frankreich nehmen, daß sie aber gleich im Anfang als sie im Elsaß einfielen tausende von Männern und Frauen bis zum 80sten Lebensalter und Kinder bis zum zartesten Alter verschleppt haben, wird verschwiegen. Dann nennen sie noch dieselben indésirable. Als wenn dieselben freiwillig den geheiligten Boden Frankreichs betreten hätten und nicht wie geschehen unter den härtesten Zwangsmaßregeln. Sie Schimpfen in ihren Zeitungen über die schlechte Behandlung der fr. Gefangenen in Deutschland, dabei ist es denen am schlimmsten Behandelten immer noch besser ergangen als uns, wie wir aus den Zeitungsnachrichten ersehen haben. Wie verfahren der Karren bzgl. der Maßnahmen unserer Wegnahme war, bewies die fr. Regierung dadurch, daß sie nicht wußte welchen Titel sie uns beilegen sollte. Einmal waren wir Otage, dann Refügie, dann Suspect, dann mal wieder Otage und dann zuletzt Festgehaltene. Ein Wirrwarr sondergleichen. Nach dieser Abschweifung will ich in der Beschreibung unseres Lebens in Fort Grognon weiter fortfahren.

Wächter auf Île de Groix

In den bisherigen Lagern waren wir von größeren Arbeiten verschont geblieben. Dies suchte man nun nachzuholen. Es war folgende Tagesordnung festgesetzt. Um 7 Uhr aufstehen, dabei gab es sogenannten Kaffee, ein kl. Schöpflöffel voll. Man mußte denselben aber schnell trinken, denn nach ungefähr 10 Minuten hatte sich derselbe zersetzt. Oben war helles Wasser und unten auf dem Boden der Cannelle saß ein schwarzbrauner Schlamm.

Nach Einnahme dieses lukullischen Frühstücks kam das Reinigen unseres Salons, der Korridore, des Hofes, der Aborte und Pissoireimer - das Letztere war eine Arbeit um die man sich riß, Holz kleinmachen für die Küche und Wasser holen. Was das Reinigen der Kasematten und Korridore anbelangt so wäre hierüber nichts zu sagen. Ebenso über das Holzzerkleinern, Hof- und Abortreinigen soweit es uns selbst betraf. Wir mußten aber dasselbe auch für die Soldaten tun. Der Hof wurde ebenfalls von ihnen benützt und verunreinigt mehr noch wie von uns. Daß wir aber noch den Soldaten ihr Aborte reinigen und ihre Pißeimer leeren mußten, war doch entschieden etwas zuviel verlangt. Aber was machen. Wir waren der Willkür der untergeordneten Ausführungsorgane vollständig preisgegeben.

Der Wasserbedarf für das Fort mußte außerhalb aus einem ungefähr 1 km weit entfernten Brunnen herbeigeholt werden. Das Fort hatte wohl einen alten Pumpbrunnen im Hof, aber wie alles in Fr. funktionierte er nicht. Zum Zwecke des Wasserholens stand uns ein auf einem zweirädrigem Gestell ruhendes, ungefähr 500 I haltendes eisernes Wasserfaß zur Verfügung. Um das Wasser aus der Cisterne heraus zuholen, mußte man auf die ungefähr 1.20 m hohe Umfassungsmauer treten und den Eimer an einer ungefähr 6 - 7 m langen Leine auf den Wasserspiegel niederlassen. Nachdem sich der Eimer gefüllt hatte wurde er heraufgezogen, einem zweiten Mann übergeben, welcher ihn wieder einem Dritten übergab, der die Aufgabe hatte ihn in das Faß zu gießen.

Bei einigermaßen windstillen Tagen ging die mühselige Arbeit noch einigermaßen. Aber meistens hatten wir kleinen Wind. Dieser hat die Stärke wie bei uns der Sturmwind. Bei großem Wind kann man sich kaum auf den Beinen halten. Dieser Wind nahm uns das Wasser beim Transport aus dem Eimer, daß man nach Schluß der Arbeit vollständig durchnäßt waren.

Die schwierigste Arbeit aber war das Zurückbringen des Fasses. Gewöhnlich waren wir 8 - 10 Mann. Wie schon früher gesagt sind richtige Wege auf der Insel sehr selten. Zwischen dem Fort und dem Brunnen aber überhaupt keine Verbindung, die auf den Namen Weg Anspruch erheben konnte. Der Brunnen selbst lag in einer Mulde, von Wasser und tiefem Morast umgeben. Es nahm alle unsere Kräfte in Anspruch, um den bis an die Achse eingesunkenen Wagen aus dem Schlamm zu heben. Um dieses zu bewerkstelligen mußten wir natürlich auch in den Sumpf treten. Hatte man den Wagen sodann so weit, dann galt es ihn eine steile Anhöhe zu nehmen, was auch nur unter Anspannung aller unserer Kräfte gelang.

Diese Arbeit mußte jeden Tag dreimal gemacht werden. Da wohl kaum einer unter uns früher die Rolle als Zugtier gespielt hat, fiel uns diese Arbeit viel mühsamer. Dazu kamen noch die Spottreden und Beschimpfungen seitens der Dorfjugend an den nicht selten die Soldaten teilnahmen, welche die Arbeit auch nicht angenehmer machten.

Dennoch wäre das Leben in der ersten Zeit noch erträglich gewesen. Zu den wenigen Personen in den Kreisen der Zivil- bzw. Militärbehörden, die durch ihr Verhalten erkennen ließen, daß sie in uns zwar Gefangene und Angehörige einer feindlichen Nation, aber immerhin Menschen sahen, gehörte der Kapitän (Name unbekannt) und der Adjudant van Knipper. Diese beide Herren suchten unsere Lage soviel es in ihrer Macht lag zu mildern. Der Letztere machte bei schönem Wetter mit uns öfters Spaziergänge an den Meeresstrand. Auch baden durften wir öfters. Begegnete uns mit Achtung und unterhielt sich mit uns. Er hatte im Boxeraufstand an Seite der deutschen Soldaten gekämpft. Er vertrat die Ansicht, daß Deutschland nicht mit Waffen niedergekämpft werden könnte, sondern nur durch aushungern. Daß eine humane Behandlung unserseits von der oberen Behörde nicht gewünscht wurde, liegt in der Tatsache, daß der Adjudant uns bat, in unsern Briefen nichts davon zu erwähnen, da er dadurch Unannehmlichkeiten haben könnte. Und wirklich hatten wir diese beiden Herrn auch nur kurze Zeit. Anfang Nov. kamen sie weg.

Der Gardien de Batterie und seine Ehefrau waren ebenfalls sehr nette Leute. Sie hatten Mitleid mit uns als sie von unsern ausgestandenen Leiden erfuhren. Da uns Gelegenheit geboten war, Fische zu kaufen, diese durften von den Fischern in das Fort gebracht werden, der Herr Adj. sorgt dafür, daß wir nicht überfordert wurden, erbot sich die Ehefrau des Gardien dieselben gegen Erstattung ihrer Auslagen zuzubereiten. Auch sonst bereitete sie öfters ein Essen für uns gegen Erstattung ihrer Auslagen. Ihre Mühewaltung berechnete sie nicht.

Ende Oktober stellte an uns die fr. Regierung ein Ansinnen, welches wie ein Faustschlag ins Gesicht wirkte. Dem Adjudanten selbst, man sah es ihm an, war die Ausführung des Auftrags unangenehm. Er mochte wohl herausfühlen, daß solches Ansinnen eine Beleidigung für uns darstelle. Wir wurden einzeln auf das Bureau gerufen und gefragt, ob wir nicht Willens seien uns naturalisieren zu lassen und ein Engagement annehmen würden. Es wurde uns dabei versichert, daß wir nicht gegen die Deutschen zu kämpfen bräuchten. Man würde uns im Innern zu Polizeidiensten verwenden oder nach Algier und Marokko senden.

Von uns 84 Köpfen beantragten 6 Elsäßer ihre Aufnahme als Franzosen. Lehrer Harnist aus Altkirch gab seiner Entrüstung über diese Zumutung allzu deutlichen Ausdruck und erhielt 8 tag. C..., welche ihn aber der Adjudant nicht ... Zwei davon zogen ihre Anträge später wieder zurück. Die andern vier kamen am 26. Dezember weg. Es waren dies ... und Ackermann aus Altmünsterol. Bis zu ihrer Abreise leisteten sie brav Spiondienste. Das Verhalten fast aller Elsässer war im Allgemeinen nicht sehr einwandfrei. Sie betonten immer ihr Elsässertum aber nie ihr Deutschtum. Sie erhoben als Elsässer sogar Anspruch auf fr. Bevorzugung, während sie indeß auch wieder Anspruch auf die deutsche Wohltaten erhoben. Sie trugen eben auf beiden Seiten Wasser.

Mitte November kam ein neuer Transport Polen und Zigeuner. Da die 3 vorhandenen Kasematten vollständig belegt wurden, auch eine Trennung der Elsässer und Altdeutschen durch den neuen Adjudanten vorgenommen wurde, so können in die Erste die Els. in die Mittlere die Altdeutschen und in die Dritte die Polen und Galizier. Um aus unserem Raum herauszukommen, mußte man entweder durch die Erste oder Dritte Kasematte. Hier brachten die Elsässer es fertig, daß uns der Durchgang durch die Els. Kassematte versagt wurde. Diese Maßnahme ist absolut nicht auf die Behörde zurückzuführen, sondern auf Betreiben der Elsässer, speziell des H. Lehrers Fröhly aus Carspach. Diese Sache ist einwandfrei festgestellt. Nur zwei oder drei Els. machten eine rühmliche Ausnahme hiervon; sie fügten sich nur dem Zwang. Es sind zu nennen Thiem G. in St. Amarin, Münsch P.A. ebenso.

Mit Eintreffen des neuen Adjudanten verschlechterte sich unsere Lage von Tag zu Tag mehr. Die Bewegungsfreiheit wurde mehr und mehr eingeschränkt, immer mehr und unangenehme Arbeiten aller Art erfunden. Täglich und unbekümmert um Sturm und Regen mußten wir mit einem schweren Lastwagen nach dem 4 km weit entfernten Hafenort fahren und Holz, Stroh, Kohlen und andere Gegenstände holen. Wenn wir den schwer beladenen und tief im Morast versinkenden Wagen nicht mehr weiterbringen konnten, dann wurden wir von den Soldaten oder dem die Aufsicht führenden Sergeanten angetrieben wie richtige Lasttiere. Währenddem hatten wir die übliche Begleitung der Dorfjugend mit obligaten Schimpfwörtern. An diese letztere Sache hatten wir uns schon so gewöhnt, daß uns was fehlte, wenn die Begleitung etwas weniger stark war.

Unsere Lage war im höchsten Grade erniedrigend. Wenn wir dann abgehetzt und bis auf die Haut durchnäßt im Fort ankamen, waren die meisten von uns nicht in der Lage, ihre Kleider zu wechseln, weil sie weiter nichts bei sich hatten, als was sie auf dem Leibe trugen. Aus jedem Lager hatte ich an meine Familie mehrfach Nachrichten gesandt. Aber nichts kam an. Mitte Oktober erst gelang es mir eine Verbindung herzustellen.

Anfangs Dezember erst erhielten wir einen kleinen Heizofen, der uns aber wenig nutzte, da wir die Hälfte Zeit ohne Feuerungsmaterial waren. Holz zum Anfeuern bekamen wir überhaupt nicht. Kohlen nur wenn es kalt war und dann 3 - 4 pro Tag.

Ende November hatte man eine neue Arbeit erfunden. Wir mußten jeden Tag Vor- und Nachm. mehrere Stunden Steine tragen, die wir an den steilen Meeresufer auflesen und zum Teil mehrere km weit tragen mußten. Diese Steine dienten zur Ausbesserung von Wegen und des Fort-Hofes. Alle 50 m stand ein Soldat und es wurde streng darauf geachtet, daß jeder eine genügende Last auf sich hatte und sich unterwegs nicht aufhielt. Bei dieser mühseligen und schmutzigen Arbeit, die durchweg bei schlechten Wetter vor sich ging, gingen unsere Kleider vollends in Fetzten, bei dem schlechten Wetter fuhr der Wagen, der die für uns und die Soldaten bestimmten Küchenvorräte bringen sollte, nicht in das Fort. Wir mußten dieselben an einer etwa 1 ½ km vom Fort entfernten Stelle abholen. Wenn man dann einen 75 kg schweren Sack mit Kartoffeln oder Rüben aufgeladen bekam und denselben auf dem aufgeweichten Boden nach dem Fort geschleppt hatte, wußte man was man geleistet hatte.

Am schlimmsten war man daran, wenn man krank wurde. Ich selbst wurde von einer Krankheit verschont. Bei der einförmigen Kost und Unterernährung, der rüden Behandlungsweise und Unterbringung war das Krankwerden keine Seltenheit. Bronchialkatarrh durch Erkältung, Magenbeschwerden waren eine alltägige Erscheinung. Der Arzt wohnte im Hafenort Tudy 4 km vom Fort. Hatte sich nun einer krank gemeldet, so mußte er sich dorthin begeben natürlich zu Fuß, ob gutes oder schlechtes Wetter, ob Regen oder Sonnenschein, ob er gehen konnte oder nicht. Wenn man nun dort ankam, mußte man noch 1 -2 Stunden in einem zugigen Hof warten, bis man untersucht wurde.

Der Arzt hatte allem Anschein den Dr. Eisenbarth als Vorbild genommen. Dazu war er immer im voraus von unserem Adjudanten telephonisch bearbeitet. Wenn also einer nicht direkt am Abschwappen war, wurde er nicht krank geschrieben. Kam man nun so auf diese Art als gesund erklärt zurück, so konnte man sich je nach Laune des gestrengen Hr. Adj. auf 3-5 Tage Gefängnis gefaßt machen. Vorübergehendes Unwohlsein, welches man hoffte in 1 oder 2 Tage durch Ruhe be- und man nicht der Mühe wert hielt sich krank zu melden, meistern zu können, wurde nicht anerkannt. Da half kein Bitten und Flehen. 4 Mann mit Bajonett an Canon pflanzten sich an der Lagerstelle auf und brachten ihn entweder ins Gefängnis oder zur Arbeit. Ob man sich dabei den Tod holte oder nicht, das war den Leuten ganz gleichgültig. Im Gegenteil es wäre ein Boches weniger auf der Welt gewesen.

Durch diese schikanöse Behandlung wurden wir bereits zur Verzweiflung getrieben, und hätten schließlich noch ein böses Ende genommen. Am 24. Dezember erschien plötzlich und unerwartet der Präfekt aus Lorient zur Besichtigung unseres Lagers. Wahrscheinlich hing dieser Besuch mit den in unseren Briefen ausgesprochenen Klagen in engem Zusammenhang. Dieser Herr machte auf uns den Eindruck eines vernünftigen Mannes. Wir trugen ihm alle unsere Beschwerden vor und erreichten in mehrfacher Beziehung eine Besserung.

Er gab uns die Versicherung, daß man uns, wenn wir uns unwohl fühlen nicht mehr zur Arbeit zwingen dürfe. Von diesem Tage ab durften wir auch keine Steine mehr tragen. Am 1. Weihnachtstage durften wir dann am Vormittag frei ausgehen. Diese Freiheit benutzten wir dazu die Kirche zu besuchen. Wir wurden hierbei merkwürdigerweise nicht beschimpft. Den heiligen Weihnachtsabend konnten wir nicht unterlassen in echt deutscher Weise zu feiern. Aus einem starken Stachelginsterstock, in den wir noch einige aus der Heimat in den Weihnachtspaketen gesandte Tannenzweige gesteckt hatten, stellten wir einen schönen Baum her. An die Zweige kamen Backwerk, einige vergoldete Nüsse und Watteflocken, sogar einige Lichtchen hatten wir aufgetrieben.

Abends um 8 Uhr versammelte sich alles in unserer Kassematte. Auch die Familie des Gardien de Batt. und einige Soldaten hatten sich hierzu eingefunden und bewunderten unser Werk. Sowas kennt man in Frankreich nicht. Kom. Moritz hatte sich von einem bei uns internierten Zigeuner dessen Geige entliehen. Kom. Vies... Gebel richtete einige zu Herzen gehende Worte an uns. Und nun erklangen in unserer dumpfen Kasematten unsere herrlichen deutschen Weihnachtslieder - Weihnachten in fr. Gefangenschaft. Unsere Gedanken weilten in der Ferne bei unseren Lieben. Als wir zum Schluß noch das herrliche Lied: „Harre meine Seele“ sangen war kein Auge mehr trocken. Wir brauchten uns dieser Tränen wohl nicht zu schämen. Ich glaube nicht.

Da wir uns mit einigem Weinvorrat versehen hatten, blieben wir noch einige gemütliche Stunden beisammen. Auch einige Untoffz. und Soldaten nahmen hieran teil. Sie bedauerten uns in unserer schrecklichen Lage und versicherten, daß sie auch nichts sehnlicher wünschten, als daß der Friede kommen würde und sie ebenfalls zu ihrer Familie zurückkehren könnten. Es muß hier eingeschaltet werden, daß wir seitens der Uffz. und Soldaten weniger zu leiden hatten u. kaum einer uns ernstlich nahe getreten ist. Unsere Hauptquälgeister waren aber der Adjudant und zwei Sergeanten. Um 11 Uhr erschien der Erstere plötzlich in unserer Kassematte und machte hierdurch der Feier ein gewaltsames Ende. Da dem Militär streng verboten war mit uns zu verkehren, so hatten diejenigen, welche bei uns anwesend waren, wohl eine strenge Strafe zu erwarten. Wir bedauerten sie deshalb sehr. Es ist aber noch gnädig abgelaufen.

Die Disziplin im fr. Heere läßt überhaupt viel zu wünschen übrig. Daß ein Soldat mit den Händen in den Hosentaschen und Zigaretten im Mund mit einem Vorgesetzten spricht, ist im deutschen Heere einfach undenkbar. Befehle werden erst nach mehrmaligem Wiederholen oder nach langen Verhandlungen ausgeführt.

Schon seit einiger Zeit munkelte man von einer größeren räumlichen Trennung (die jetzige genügte scheints der fr. Reg. noch nicht) der Elsässer und Deutschen. Am 28. Dezember wurde dies zur Wahrheit. Es wurden Listen aufgestellt und den Deutschen mitgeteilt, daß sie sich bereit halten sollten am 30.XII. würden sie nach Fort Surville überführt werden. Es war dies das erste Mal, daß man uns einen beabsichtigten Lagerwechsel vorher mitteilte. Die Els. von Fort Surville kamen nach Grognon, ebenso die Polen. Wir waren mit dem Wechsel ganz zufrieden, kamen wir doch dadurch aus den Klauen der uns so übel gesinnten fr. Utffz. Auch waren die Beziehungen zwischen uns den Els., bis auf einzelne Ausnahmen, seit der Trennung auf Zimmer nicht besser geworden. Den Elsäss. war es schließlich auch nicht unangenehm uns los zu werden, sie fühlten sich sowieso nicht eins mit uns. Wurden sie doch durch unseren Wegzug von Leuten befreit, die ihnen nach dem Krieg ihr undeutsches Verhalten und Buhlen um die franz. Zuneigung Vorhalten könnten. Sie waren der fr. Reg gegenüber nur Elsäss. keine Deutsche, die 70 durch Schuld der Fr. Deutsch geworden seien. Der deutschen Reg. gegenüber waren sie Deutsch, wenn es ans Geld ziehen kam. Dieses allzu bemerkbare Hervorheben des Elsässers machte einen sehr häßlichen Eindruck. Die Franzosen nannten sie Boches-Francais im Gegensatz zu uns die wir Boches-Allemande waren.

Fort Surville, Île de Groix

Am 30. Dezember ging unser Umzug von statten. Wir schon Eingangs erwähnt liegt Surville ungefähr 7 km von Grognon entfernt. Während unseres Aufenthalt auf Grognon hatten wir uns aus Kisten Tische, Stühle und Kasten gemacht. Da wir dieses aber nicht alles auf einmal transportieren konnten, mieteten wir uns ein Wagen für teures Geld, ich glaube er kostete 15 Frcs. Nach ungefähr 2 stündigem Marsch kamen wir in Surville an. Dasselbe ist bedeutend größer als Grognon, aber noch nach altem System gebaut.

Fort Surville
Île de Groix

Es liegt sehr hoch, ist mit drahtloser Telegraphie versehen, welche aber nicht funktioniert und hat eine Bäckerei. Umgeben ist es von hohen Wällen und tiefen Gräben. In der Mitte befindet sich ein festes, aus Quadern hergestelltes kasernenartiges Gebäude, ebenfalls durch einen tiefen Graben, welcher in den Felsen eingesprengt ist, von dem übrigen Fort getrennt. In dasselbe gelangt man mittelst Zugbrücke. Unten befinden sich die Keller und Bäckerei. Zu ebener Erde die Kantine und eine Reihe kleinerer Zimmer, im Stock 5 große durchgehende Räume.

Wir waren ungefähr 120 Deutsche und Österreicher zusammen. Zwei von den oberen Räumen und das Erdgeschoß war von den Soldaten belegt. 3 davon von uns und (der) Rest war im Keller untergebracht. Dieses waren sehr unfreundliche Räume. Dumpf, feucht und dunkel waren (sie) besonders dazu geschaffen Kranke hervorzubringen. Hauptsächlich zeigte sich Reumatismus, auch die Augen litten sehr. Die kleinen vergitterten Kellerfenster ließen die Gegenstände nur unklar erkennen. Licht und Luft fanden bereits keinen Eingang. Die Keller blieben den ganzen Winter über vollständig belegt. Das Lager bestand auch hier aus vollständig gemahlenem Stroh und wimmelte von Ungeziefer. Decken gab es hier auch nicht. Erst Mitte März gelang es mir einen Strohsack und eine elende Decke zu gewinnen.

Bezüglich des Essen waren dieselben Vorschriften maßgebend wie auf Grognon. Für die Boches war eben alles gut genug, vielmehr nicht schlecht genug. Wir wurden auch hier als Last- und Zugtier verwendet. In der Woche mußten wir ca 2 - 3 Tage an den Hafen 3 klm entfernt mit einem schweren Lastwagen und dortselbst Kohlen, Kartoffeln, Stroh, Mehl und sonstige Materialien von den Schiffen laden und nach dem Fort schaffen. Das nötige Trink- und Kochwasser mußten wir in dem 1 ½ km entfernten Dorfe Locmaria täglich 3 mal holen, nachdem wir den Weg dorthin verbessert hatten. Nur das Waschwasser durfte aus dem Fortbrunnen genommen werden. Die Waschgelegenheit war hier etwas besser. Wir hatten hier eine Art Waschraum zur Verfügung.

Über die Reinlichkeit der fr. Soldaten haben wir eigentümliche Beobachtungen machen können. Es waren verschwindend wenig Ausnahmen vorhanden, die etwas auf körperliche Reinlichkeit hielten. Die Wäsche war nichts weniger wie rein. Hemden wurden gewöhnlich 1 Monat lang getragen. Ihre tägliche Körperreinigung bestand darin, daß sie sich mit zwei nassen Fingern dreimal übers Gesicht fuhren und dann mit dem Taschentuch sich abtrockneten. Dabei behielten sie ihre Uniform vollständig an. Auf Grognon sahen wir, daß sie sich in Eßschüsseln waschten, um dann Mittags wieder die Suppe daraus zu essen. Daß bei dieser Reinlichkeit das Ungeziefer prächtig gedeihen konnte, war unvermeidlich.

Im Großen u.s.w. an Stelle der Bezahlung für die geleisteten Arbeiten durften wir in der Woche 2-3 mal frei ausgehen und zwar bekamen wir Urlaub von Mittags 11 - Abds. 6 oder 7 Uhr. Wir konnten uns dabei frei bewegen. Welches Gefühl als wir zum ersten mal ausgingen. Daß wir gehen konnten wohin wir wollten (d.h. auf der Insel) dieser Gedanke verschaffte sich nur langsam in unserem Kopfe Platz. Von Zeit zu Zeit blickte man sich noch scheu um, ob auch wirklich der unvermeidliche Zahnstocher nicht da sei. Freiheit, welch schönes Wort. Durch die Gefangenschaft hatte man deren Wert erst schätzen gelernt. Wie erfreute man sich jetzt an einem ganz kleinen Bruchteil desjenigen was man früher als ganz selbstverständlich gehalten hatte. Die Ausgänge benutzten wir meistens zu Spaziergängen an das Meer, wo wir Muscheln suchten und dem Wellenspiel zuschauten oder unsere Gedanken zu den Lieben in der Heimat schweifen ließen.

Es war uns als besondere Vergünstigung gestattet französische und englische Zeitungen zu halten. Wir waren dadurch in die Lage versetzt den Kriegsereignissen einigermaßen zu folgen. Man muß aber daraus nicht schließen, daß die fr. Zeitungen die Wahrheit schrieben. O nein, sie konnten das Lügen noch genau so gut wie 70. Man mußte die Berichte nur richtig übersetzen. Wenn z.B. nach einem gemeldeten fr. Sieg und es waren deren nicht wenige, recht tüchtig über die Deutschen geschimpft wurde (und darin waren sie ebenso groß wie im Lügen), so wußten wir ganz genau, daß es deutsche Hiebe gehagelt hatte. An Stelle des Wortes „erobert“ mußte man „verloren“ setzen und an der Gefangenenziffer 2-3 Stellen streichen, dann kam man annähernd auf das Richtige.

Am freudigsten wurde natürlich das geheimnisvolle Erscheinen einer deutschen Zeitung begrüßt. Denn trotz der angestrengtesten Wachsamkeit und heimlichsten Durchsuchung konnte die französische Militärbehörde es nicht verhindern, daß d. Zeitungen in Paketen und allen möglichen Verhüllungen ihren Weg zu uns in das Fort fanden. Sobald sich die Nachricht vom Eintreffen einer solchen verbreitete versammelte sich Abds. alles um den Vorleser und hörte mit Andacht und berechtigtem Stolz die Nachrichten aus der lieben Heimat, die Zeugnis gaben von Deutschen Waffentaten und Heldentum. Es war bitter für uns, nicht dabei sein zu dürfen, nicht mithalten zu können bei dem großen Werk, sondern zu Schmach und Schande verurteilt zu sein. Ein Spielball in den Händen der fr. Regierung und seiner launischen Unterorgane. Mehr wie einmal wurde die Stunde verflucht, welche uns in die Macht der Fr. gab.

Auch einige englische Zeitungen wurden gehalten. Man muß es diesen lassen, daß sie einsichtiger und offener waren und hauptsächlich nicht so gemein schimpften wie die ihrer Verbündeten. Auch besuchten wir öfters die Ortschaften. Es befanden sich nur 33 Gemeinden auf der Insel, wo wir Fleisch, Gemüse, Kaffee oder Tee einkauften, welche wir uns auf gekauften oder selbstverfertigten Spirituskochern zurechtmachten. Wenn für uns 110 Mann 36 Pfund Fleisch waren, 19 Pfund Knochen, 20 kg Kartoffeln, einige Gelbrüben, 1 Krautskopf und 6 Zwiebel zwei Mahlzeiten abgeben mußten, so kann man wohl verstehen, daß wir nicht an Fettsucht litten. Und wenn man jeden Tag das nämliche vorgesetzt bekommt, verlangt der Magen auch einmal nach Abwechslung.

Am Anfang unserer Ausgänge wurde uns noch von den Einwohnern Beschimpfungen nachgerufen, aber als sie mit der Zeit merkten, daß sie an uns Geld verdienten, hörte dies allmählich auf. Hauptsächlich als Ihnen der Pfarrer vom Hafenort Tudy (?) klar machte, daß wir ebensolche Menschen seien wie sie. Dieser Mann hatte sogar die Kühnheit den Krieg als eine gerechte Strafe für die von Frankreich an der Kirche begangenen Maßregelungen und unsere Kinder als gottesfürchtig hinzustellen. Man wollte ihn deshalb vor ein Kriegsgericht stellen. Hat es scheints aber doch nicht gemacht.

Am 20.1.15 kam eine sogenannte Amerikanische Kommission im Lager an. Wir trugen demselben einige unserer Beschwerden vor. Auf die Beschwerde, daß die ankommenden Pakete ohne Beisein der Empfänger geöffnet werden würden und vielfach bestohlen ankommen, versprach er vorstellig zu werden. Dies wurde auch insofern geändert, daß die Pakete erst in unserer Anwesenheit geöffnet wurden. Aber deshalb verminderte sich die Stehlerei doch nicht. Bald fehlte dieses bald jenes, Tabak, Zigarren, Wurst waren beliebte Artikel. Einige erhielten nur noch die Hüllen. Unser Leidensgenosse Schmitt O.P.S. aus Abweiler hatte darin ein eigenes Pech. Ungefähr 10 Pakete erreichten ihn überhaupt nicht, ein großer Teil war bestohlen und nur wenige kamen unbeschädigt an ihre Bestimmung.

Wenn man sich beschwerte, bekam man ein Achselzucken zu sehen oder die Bemerkung anzuhören, in Deutschland ginge es den gefangenen Franzosen ebenso, und „Reclamez chez Guillaume“. Dabei waren dies alles Leute, die noch nicht in der Front waren. Wahrscheinlich hatten diese einen guten Freund am Ministerium oder eine hübsche Frau. Denn dies sind Mittel, mit welchen man in Frankreich etwas erreichen kann. Allen andern Beschwerden gegenüber der Unterbringung im Keller, Arbeitszwang, Essen, Verpflegung, erklärte der Amerikaner, daß unser Lager noch eines der besten wäre (ich danke schön), im Übrigen aber könne seine Reg. keinen Einfluß auf die fr. Reg. ausüben. Eine etwas sonderbare Erklärung, wenn man das Verhalten Amerikas gegen Deutschland in Betracht zieht, bezügl. der Waffen- und Munitionslieferungen und Unterseebootkrieges. Die Folge unserer Beschwerden war, daß wir es nicht besser bekamen, im Gegenteil, die Ausgänge wurden noch mehr beschränkt, es wanderte ein weiterer Teil in den Keller und wir wurden zu den Arbeiten noch schärfer herangenommen. Das war der ganze Erfolg.

... Eine große Freude machte uns in unserem elenden Dasein das Eintreffen von Weihnachtspaketen des deutschen roten Kreuzes, welche am 27. Januar zur Verteilung gelangten. Doch des Lebens ungemischte Freude ward noch keinem sterblichen zu Teil. Wie schon früher gesagt, waren wir getrennt in Deutsche, Österreicher und Elsässer, Polen. Diese beiden Letzteren, als Lieblingskinder der Franzosen, waren aufeinmal wieder Deutsch und bekamen den Löwenanteil. Hierbei zeigten sie wieder ihre Zwieschültigkeit. Galt es eine Gunst von Fr. zu erlangen war man echt fr., galt es einen Vorteil von D., dann waren sie die Leidenden und am meisten Bedürftigen. Wir mußten uns mit Taschentücher, Zahnpaste und Talg für Schweißfüße begnügen.

... Auch unter uns befanden sich einige, die nur dem Namen nach Deutsche waren, welche schon längere Zeit in Frankreich ansäßig waren und z.T. eigene Geschäfte in Paris oder sonstwo besaßen, oder solche, die sonst etwas auf dem Kerbholz, wie z.B. Dienstpflichtentziehung. Diese waren eben nicht von der nämlichen deutschen Gesinnung beseelt wie wir andern. Sie suchten für sich bei unsern Wächtern freundschaftliche Gefühle zu wecken, indem sie sich franzosenfreundlich stellten und infolgedessen in frz. Vorgesetztenstellen einrückten. Für jedes Zimmer war nämlich ein Stubenältester bestimmt und über dieselben nochmals ein Oberältester, welcher dann die Verbindung mit dem Wachkommando herstellte. Um sich einen guten Namen zu machen, entblödeten sie sich nicht bei der Verteilung gerade die besten Sachen wie Zigarren, Zigaretten, Münchner Flaschenbier u.s.w. an unsere Quäler zu verteilen.

Ein gewisser Fl. aus Wertheim als Oberältester machte sich nicht nur hierbei, sondern auch im Ganzen genommen einen sehr traurigen Namen. In seiner Eigenschaft als Oberältester, wo es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen wäre, unsere Interessen wahrzunehmen, machte er sich zum Handlanger der fr. Schergen. Während er diesen angab ohne unser Wissen, daß wir freiwillig arbeiten wollten, kommandierte er uns hierzu, indem er uns angab, es würde verlangt. Er trieb auf solche Art sein doppeltes Spiel. Mit der Zeit wurde dieser Mann, da er sich mit dem Adjudanten und Sergeanten sehr gut stand, allmächtig. Zog sich einer von uns sein Mißfallen zu, so durfte er sicher sein in den nächsten Tagen in den Keller oder ins Gefängnis zu wandern. Er scheute sich auch gar nicht dies offen zu bekennen. Sein geläufigster Ausdruck war: Chassé, écrassé. Unser Leben gestaltete sich dabei nichts weniger wie angenehm.

Die Lebensmittel wurden mit der Zeit immer teurer. Da wir das Fort nicht mehr verlassen durften mußten wir unsere Bedürfnisse in der Kantine decken, welche für die schlechte Ware ungeheure Preise verlangte. Die Kantine wurde jeden Monat neu vergeben. Wie die Wirte sich darum rissen, zeigte sich darin, daß bis zu 28 Frcs. pro Tag bezahlt wurden. Wie nicht anders zu erwarten, waren dann auch die Preise danach. Diese Kantinenpacht sollte nach der Anordnung von oben zur Verbesserung unserer Kost verwendet werden. Wie sich später herausstellte floß das Geld aber in Taschen wohin es nicht gehörte. Die untergeordneten Organe kümmerten sich den Teufel um die Bestimmungen. Es macht hier jeder was er will. Dies haben wir bei unserem unfreiwilligen Aufenthalt in diesem Land der Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit zur Genüge erfahren. Für einen Deutschen vollständig unfaßbare Zustände.

Viel Anlaß zur Glossierung gab die am 4.II. eingetroffene Komp.. Die Mannschaften waren alles ältere Leute, welche noch nicht gedient hatten und jetzt erst eingezogen worden waren. Krumme und ein großer Prozentsatz Lungenkrank. Es sollte die Offensivwaffen für den März abgeben. Wir tauften dieselbe Schmerzarmee oder Serben. Die Bekleidung war sehr buntscheckig, die roten Hosen und blauen Mäntel waren z.T. ganz verschwunden. Die Uniform sah allen andern ähnlich, nur keinem militärischen Anzug. Mit einer solchen Truppe ins Feld zu ziehen gehörte viel Mut. Mit der konnte man nicht einmal einen Rückzug viel weniger noch eine Offensive ausführen. Reines Kanonenfutter, die Leute taten einem leid. Von der in den Zeitungen ausgeposaunten Opferwilligkeit, von dem Eifer an den Feind zu kommen, war bei ihnen nichts zu bemerken. Im Gegenteil es suchte jeder die erste beste Gelegenheit sich drücken zu können.

Am 24. III. verließ uns unsere ganze Bewachung und eine vollständig neue Komp. kam an mit einem neuen Adjudant. War der Verflossene schon nicht besonders angenehm, so war dieser der Ausbund alles dessen, was wir bis jetzt schon erlebt und gesehen hatten. Seine ersten Heldentaten bestanden darin, die Hunde die sich im Fort befanden oder blicken ließen zu erschießen oder zu ertränken. Dazwischen führte er uns zu Gemüte und suchte uns zu überzeugen, ein wie hochgebildetes Volk die Franzosen seien und wie dagegen wir verwahrlost nur aus Strolchen, Dieben, Mörder und in der Hauptsache aus Spionen beständen. Abds. 7 Uhr war Appell und durfte man sich nicht mehr außerhalb des Zimmers aufhalten. Auch durften wir von dieser Zeit an unsere Notdurft nicht mehr auf dem Abort verrichten. Zu diesem Zwecke wurde in einem Winkel im Fort ein Eimer aufgestellt. Diese Maßnahme geschah aber nicht aus Rücksicht für unsere Bequemlichkeit. 0 nein, die Hauptsache bestand darin der Kübel mußte Abds. an seinen Platz und Morgens in seinem gefüllten Zustande wieder über steile enge Treppen von uns weggebracht werden. So ganz reinlich ging es dabei nicht ab.

Dieser Herr suchte alle möglichen Mittel und Schikanen, um unsere Lage so unangenehm wie nur irgend zu gestalten. Wir hatten ihn im Verdacht daß er manche Nacht deshalb schlaflos verbrachte. Jede sich bietende Gelegenheit benutzte er hierzu. Vorschriften, die er angeordnet hatte, hob er eine Stunde nach Erlaß unter Androhung von Strafe wieder auf, und wir mußt das wieder machen, was er vorher verboten hatte. Mehr wie einmal gab er den Soldaten Befehl oder Anweisung uns nieder zu schießen oder zu strafen.

Als wieder einmal eine Schiffsladung Mehl ankam und wir die 100 kg Säcke schleppen sollten, weigerten wir uns. Die Folge war daß die Wache aufpflanzte, scharf lud und uns gedroht wurde, daß wir als Meuterer niedergeschossen werden würden, wenn wir diese Arbeit nicht ausführten. Auf diese Art und Weise wurden wir immer zur Arbeit gezwungen. Lohn gab es, wie schon gesagt, nicht dafür. Man wird aber wohl nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß für uns doch liquidiert wurde. Wir waren hier in einem geheimen nicht öffentlich genannten Repressalienlager. Sogar den Aufenthalt auf einer kleinen Plattform, den einzigen Platz, den wir überhaupt hatten zu diesem Zweck, wurde uns verboten. Wir mußten alle Hebel bei dem Arzt in Bewegung setzen, um das Plätzchen, bei dem sich übrigens noch der stinkige Abort befand, für uns benutzen zu dürfen.

Jedes Spiel, Singen oder Musizieren, wenn auch nur mit der Mundharmonika war verboten. Einige Kollegen hatten sich Lampen gekauft, damit sie bei Anbruch der Dämmerung bis zum Appell noch etwas treiben konnten. Die gelieferte Beleuchtung genügte nicht. Diese Lampen wurden weggenommen, ebenso unsere Spirituskocher. Die Art unseres Wasserholens war im noch zu bequem. Er suchte einen ganz mühseligen Weg aus, welcher auch weiter war und nicht mehr im Dorf. Er warf uns zur Begründung dieser Maßnahme vor, wir würden die Frauen und Mädchen dieses Dorfes mit schamlosen Blicken verfolgen. Wir hatten bei dem Wasserholen jetzt einen Weg von ungefähr 5 km mit dem vollen Wasserwagen auf schlechtem grundlosen Weg und ebensoviel km mit dem leeren Wasserfaß zurückzulegen. Die Soldaten hatten für den Adjudanten einen Gemüsegarten angelegt. Auch das Wasser, welches zum Besprengen des Feldes diente, mußten wir an dem so weit entfernten Orte holen. Der Pumpbrunnen im Fort wurde mit einer Kette verschlossen, damit keiner in Versuchung kam, daraus Wasser zu entnehmen. Daß dies Stillestehen dem Brunnen doch mehr schadete als nützte hatte keinen Belang.

Île de Groix, Locmaria
Wasserholen

Einige Genossen wollten sich in ihrer freien Zeit mit kleiner Arbeit sich beschäftigen; z.B. baute sich einer eine Lokomotion aus Konservenbüchsen. Eines Tags kam der H. dazu und nahm ihm alles wieder weg. Trotzdem gelang es einigen von uns heimlicherweise verschiedene Sachen herzustellen. Ein gewisser Lobetz aus Dresden, Artist, malte sehr hübsche Erinnerungskarten. Ein Kasperletheater wurde eingerichtet Der Text wurde aus unserem Leben in der Gefangenschaft genommen. Ich baute mir aus Pappschachteln ein Modell für ein Einfamilienhaus. Ein Anderer fabrizierte aus den weggeworfenen Knochen Papiermesser, Obstlöffel u. sonstige Sachen. Sogar ein Cinema wurde eingerichtet. Eine Lupe, welche ein Uhrmacher bei sich hatte diente als Objektiv. Von gebrauchten ... wurde die Gelatine abgewaschen und dann mit Tinte Episoden auf die kleine Platte gezeichnet. Es gab ganz gute Bilder. Dies alles mußte in der größten Heimlichkeit und Vorsicht ausgeführt werden.

Das uns zugeschickte Geld wurde an uns in kleinen Raten ausbezahlt. Der Rest kam auf die Bank. Wo die Zinsen hinkamen wurde uns nicht mitgeteilt.

Eine besondere Freude gewährte es dem H. uns alle 8-14 Tage umziehen zu lassen. Kaum hatte man sich in einem Zimmer einigermaßen eingerichtet, so mußte man auch schon wieder ausziehen.

Beim geringsten Versehen, vielmehr je nach seiner Laune, ob schuldig oder nicht, hatte man 14 Tage weg. Auch ich hatte das Vergnügen einmal 14 Tage zu brummen. Es waren ständig 1-2 Mann eingesperrt; einmal waren es sogar 11 Mann. Aber trotzdem erwiderte er uns auf unsere Beschwerden, daß er uns sehr wohlwollend gestimmt sei.

Auch bei der Zivilbevölkerung machte er uns schlecht. Wir merkten es darin, weil dieselbe sich uns gegenüber immer feindseliger zeigte. Als es einmal 2 junge Leute (aus Unüberlegtheit) gelang vor den Augen der wachthabenden Soldaten das Fort zu verlassen, stempelte es der H. zu einem Complot und stellte es so hin, als wenn gegen ihn ein Mord geplant gewesen wäre. Die Folge war eine sehr strenge Maßregelung. Elf Mann wurden eingesperrt, unschuldig 14 Tage bei Wasser und Brot, dunkel. Deren Verlangen eine Untersuchung zu veranlassen, kam er nicht nach, weil er wußte, daß dann seine Behauptungen grundlos waren und er zugeben mußte, daß er Unschuldige eingesperrt hatte.

Wenn jemand sich krank meldete, so entschied er darüber ob derselbe zum Arzt durfte. Der Gebrauch von Waschschüsseln wurde verboten, sogar das Hinaussehen zum Fenster. Was zu verbieten war, wurde verboten.

Alle unsere Beschwerden waren nutzlos. Anfangs Oktober 15 herrschte ein richtiges Schreckensregiment. Die Erbitterung gegen diese Behandlung war derart gestiegen unter uns, daß die Verständigeren täglich einen gewaltsamen Ausbruch der solange zurückgehaltenen Wut befürchteten. Es wurde 3 mal täglich Appel abgehalten, dabei wurden wir als Zivilisten gezwungen bei Strafe von 14 Tagen eine militärische Haltung einzunehmen.

Am 30. September 15 mußten diejenigen, welche im Elsaß bei Beginn des Krieges von den Franzosen weggenommen worden sind (bei dieser Gelegenheit wurden wir wieder Otage genannt), nach Lorient zu einem Verhör wie uns gesagt wurde. Bei Einigen keimte schon die Hoffnung auf einen Austausch, aber es war nichts damit. Und worin bestand dieses Verhör. Man legte uns auf Grund der von uns im Oktober v. Js. angefertigten Personalbogen die Fragen vor. Wie heißen Sie? Wann und wo sind sie geboren? Was sind Sie? Wo wohnen Sie? Das war Alles. Dann konnten wir wieder gehen. Um diese Fragen zu stellen war eine Kommission von 6 großen Herrn bestimmt vom Kriegsministerium und 44 Mann mußten eine Reise machen nach Lorient. Früh morgens 6 Uhr Abfahrt per Schiff nach Lorient. ¾ stündiger Marsch durch Lorient nach dem Dorf Scorff. Dortselbst in einer Wirtschaft das oben beschriebene Verhör. Sodann Rückmarsch nach L. in Volksküche, wo wir um 1 Uhr zu Mittag aßen. Aufenthalt von 11-4 Uhr sodann Abmarsch zum Schiff und Rückfahrt.

Anerkennen muß man, daß (wir) seitens der Bevölkerung Lorients während unseres dortigen Aufenthalts keine Schimpfwörter oder Beleidigungen zu hören bekamen, trotzdem uns nur 5 Gendarmen begleiteten. So ganz ohne sollte es doch nicht abgehen. Als wir auf der Insel wieder anlangten war es Nacht. Es erwarteten uns nicht nur die Soldaten mit aufgepflanzten Bajonett sondern auch eine große Volksmenge. Die halbe Bevölkerung, hauptsächlich Weiber, war anwesend. Verhielt dieselbe sich bei unserem Ausschiffen vorläufig noch passiv, so setzte bei unserem Abmarsch ein ohrenzerreißendes Geheul, Pfeifen und Gejohle ein, eine Herde hungriger Wölfe kann es nicht toller machen. Diesem Spektakel folgte ein Bombardement von Wurfgeschossen in welchem Steine, Pferdemist mit Pfeffer vermischt den größten Teil ausmachten. Einzelne Weiber suchten sogar in unsere Reihen einzudringen, was ihnen aber nicht gut bekam bei der Dunkelheit. Die Soldaten, die zu unserem Schutze da waren, versteckten sich hinter uns und schützten sich so vor dem Getroffen werden. Dieser gemeine Pöbel verfolgte uns bis zum Fort. Unterwegs wurde Kum. Moritz von einem Stein sehr unglücklich auf ein Auge getroffen. So daß man nicht wußte, ob dasselbe verloren sei oder nicht. Es brauchte längere Zeit zur Heilung der Wunde. Ob die Sehkraft Schaden gelitten hat kann man jetzt noch nicht feststellen.

Anfangs Oktober sprach sich das Gerücht herum, daß wir einen anderen Adjudanten erhalten würden. Es wäre ein wahrer Segen. Aber bei der bekannten Wahrheitsliebe der Franz., kann man solchen Gerüchten keinen großen Glauben schenken. Heute den 6. Okt. nahm wirklich der Menges von den Zimmerchefs (natürlich) offiziell Abschied, indem er ihnen nochmals zu Gemüte führte, wie gerecht (?) er uns immer behandelt habe und nur unser Bestes (Danke schön) gewollt hätte.

Nachmittags ging der neue Adjudant durch die Zimmer. Ein dicker Herr, Pfeife rauchend. Wenn, wie man sagt, dicke Leute und solche welche rauchen nicht bösartig seien, können wir einigermaßen beruhigt sein. Gesprochen hat er nichts. Typisch ist in ihm ebenfalls das Tun, wie bei Allen anderen sich den Anschein zu geben, als ob er alles nachsehen würde und dabei doch nichts sieht. Uns frank und frei ins Auge zu blicken bringt kein Franzose fertig.

Genosse Hofbauer kam heute aus dem Lazarett in Lorient zurück, wo er sich zwecks Heilung eines Bruches, den er sich bei den Zwangsarbeiten geholt hatte, Aufenthalt genommen hatte. Er gibt an gut behandelt worden zu sein. 15.X. Der alte L. ist noch immer da. Scheint, daß er doch nicht wegkommt. Man kann sich auch schwer trennen von einer solchen fetten und gefahrlosen Pfründe.

Heute morgen wurden 25 aus dem Elsaß gewonnenen Beamten genannt und angewiesen das Gewicht ihres Gepäcks anzugeben; da wir in den nächsten Tagen von Surville wegkämen. Wohin wurde nicht mitgeteilt. Da unsere Guthaben nicht ausgezahlt würden, werden wir wohl in ein anderes Lager kommen. Wird es besser werden? Schlechter als jetzt können wir es nicht bekommen. Nächsten Dienstag soll die Reise vor sich gehen. Wir mußten aber schon Montag abreisen. Als Zehrgeld haben wir, man staune und wundere sich, 4 Frcs. pro Mann. Die Fahrt mit dem Schiff nach Lorient mußten wir mit 1 Frc. bezahlen. Blieben noch 3 Frcs. In Lorient wurden wir in einen elektr. Tram verstaut und in Hennebont, Chateau Kerlois abgeladen.

Wir blieben hier über Nacht. Lager wie gewöhnlich Stroh. Die Kantine ist hier bedeutend billiger und reichhaltiger wie auf Surville. Auch war den Internierten der schöne große Port zur Verfügung gestellt. Auch die Behandlung war viel angenehmer. Vor allen Dingen brauchten die hier vorbeiziehenden Otagen nicht zu arbeiten.

Ile Longue

Am 19.X. Vormittags 9 Uhr traten wir mit noch 25 Herrn von Kerlois die Reise nach Ile Longue bei Brest an. Von Kerlois mit der Bahn nach Brest und von da wieder mit Schiff nach der Insel. Bei Annäherung an das Ufer bemerkten wir zu unserem größten Erstaunen und Freude unsere tapferen Feldgrauen, welche uns und unsere Gepäckstücke in Empfang nahmen; auch Zivilgefangene waren da. Es war hier ein großes Barackenlager angelegt, im ganzen ca. 2000 Gefangene. Die Zivilisten waren meist auf Schiffen festgenommen. Es befanden sich viele Deutsch-Amerikaner darunter, die ihrer Dienstpflicht genügen wollten.

Internierungslager Île Longue
Blick vom Fort über das Lager

Die Unterkunftsruinen(?) bestanden aus niederen, einfachen Holzbaracken. Links und rechts befanden sich Rampen als Schlafstellen. In der Mitte ein schmaler 1,20 m breiter Gang. Als Lager diente ein dünner Strohsack und eine halbe Decke. Tagesordnung: 6 ½ Uhr Wecken, 7 Uhr Appel und Kaffeetrinken, 10 Uhr und Abds. ½ 5 Uhr Essen. 6 Uhr Abds. mußte alles in den Baracken sein. 10 Uhr Licht aus.

Wir wurden alle in einer Baracke N°. 18 untergebracht. Ein gewisser H. Schütt wurde zum Gruppenführer ernannt. Dieser teilte uns noch am nämlichen Tage mit, daß er uns im Aufträge des Kommandanten in Kenntnis zu setzen hätte, daß wir zwecks Ausübung von Repressalien hierher versetzt worden seien, weil die fr. Geißeln in Deutschland schlecht behandelt würden. Eine Ausrede die jedesmal wiederkehrte, wenn sich unsere Lage verschlechterte. Trotz der Ankündigung von Repressalien hatten wir es nicht schlechter als auf Surville und den anderen schon absolvierten Lagern.

Arbeiten mußten wir hier ja auch. Aber die Sache war geregelter. Zum Abholen von Lebensmitteln kamen wir nur alle acht Tage daran. Weitere Arbeiten waren: Wenn mit dem Schiff Kohlen oder Materialien zum Bau von Baracken ankamen die Schiffe ausladen. Was alle 14 Tage oder 3 Wochen einmal passierte. Wasser brauchten wir nicht zu holen, da eine Wasserleitung angelegt war, welche freilich sehr spärlich Wasser lieferte. Zum Transportieren von schwereren Gegenständen waren Pferde und Wagen vorhanden.

Der aufsichtführende Adjudant, der schöne ... bildete eine seltene Ausnahme der Regel. Er besaß noch ein gewisses Menschlichkeitsgefühl und hatte nichts von einem Kerkermeister an sich. Auch der Kommandant schien kein Deutschenhasser zu sein. Das fr. Wachkommando war außerhalb des mit einem Stacheldraht versehenen Lagers untergebracht, und kam mit uns gar nicht in Berührung. Wachposten standen alle 50 Schritte und zwar ebenfalls außerhalb des Zaunes, die Bewegungsfreiheit ist ebenfalls größer wie in den früheren Lagern.

So haben wir einen Gesangschor mit über 100 Sängern und ein 9 Mann starkes Streichorchester, die abwechselnd Konzerte geben. Im November brachten dieselben ein von einem Herrn Heine componiertes Werk zur Aufführung, welches allgemeinen Beifall fand. Auch die Schreibgelegenheit ist besser. Während wir früher nur 4 mal im Monat schreiben durften, können wir jetzt 6 mal schreiben. Die ankommenden Pakete werden in der Woche zweimal verteilt. Die Unterkunftsräume allerdings lassen zu wünschen übrig. Sie sind nicht luft- und wasserdicht. Geld gibt es jeden Donnerstag 20 Frcs. Wenn man welches hat.

Unter den Gefangenen Soldaten befand sich ein großer Teil, welche an der Champagne Offensive beteiligt waren. Sie erzählten furchtbringende Sachen. Sie wurden des Geldes, der Ringe und der Uhren beraubt. Sogar fr. Offiziere beteiligten sich dabei. Die Verwundeten wurden bis zu 14 Tage ohne jedwelche Pflege gelassen, und so operiert, daß sie elende Krüppel wurden. Bei dem Angriff wurden ca. 80 Verwundete, nachdem man die Röcke ausziehen ließ, einfach niedergestochen. An solchen Greueltaten beteiligten sich hauptsächlich die Schwarzen und Kolonialtruppen. Zeugnis eines Oberlehrers Schmitt aus Freiburg Regt. 113.

Eine Kantine befindet sich ebenfalls im Lager. Die Preise sind ziemlich hoch und es werden hauptsächlich nur Konserven verkauft. Das einzig Billige ist das Bier. Eigene Regie, leider soll aber wie verlautet der Überschuß in die fr. Tasche fließen. So soll die fr. Regierung schon 10.000 Frcs. eingesackt haben. Angeblich für Holz, das zu Barackenbauten verwendet werden sollte, aber einer anderen Bestimmung zugeführt wurde. So erzählte dies unser Gruppenführer Herr Schütt. Bezüglich der Behandlung konnte man wie gesagt im eigentlichen Sinne nicht beklagen. Arbeiten wie das Holz für die Barackenbauten herbeischleppen, Zement ausladen, ebenso Kohlen. Im Übrigen ließ man uns aber ziemlich Freiheit, die wir in andern Lagern nicht hatten.

Es war ein 10 Mann starkes Streichorchester vorhanden, das allsonntäglich Konzerte veranstaltete. Ebenso ein etwa 100 Mann starker Gesangsverein und ein vorzügliches Doppelquartett. An hohen Feiertagen wurden Doppelkonzerte gegeben. Vor Weihnachten gab es 2 Wohltätigkeitsveranstaltungen deren Erlös zur Beschenkung unserer unbemittelten, gefangenen Feldgrauen verwendet wurde.

Gegen September 15 wurde uns auf unsere Bitten ein Stück Land überlassen, um dasselbe in einen Spielplatz umzuwandeln. Es war Platz für 1 Fußball- bzw. Schlagballplatz, 3 Tennisplätze, 1 Kegelbahn u. einen Turnplatz mit den Geräten; um das Ganze zog sich eine 2 ½ m breite Laufbahn. Die Ausgaben für die nötigen Materialien, Geräte wie Holz und Zement, mußten wir natürlich bezahlen. Es wurde gesammelt, wobei nahezu 700 Franken eingingen. Die Arbeiten wie Planieren und Aufschütten besorgten wir selbst. In derselben Zeit wurden aber auch wieder Baracken besseren Systems gebaut, und wir konnten uns des Gedankens nicht erwehren, daß die Franzosen bei Bewilligung des Spielplatzes von ganz anderen Gründen als aus den der Humanität leiten ließen. Wir hatten den Verdacht, daß der neue Teil des Lagers früher oder später ein Genesungsheim für fr. Soldaten geben sollte und hierbei ein Sportplatz sehr gut zu gebrauchen wäre, der noch außerdem den fr. Staat nichts gekostet hatte. Nun die Zeit wird es lehren ob wir Recht hatten.

Da einige Berufsschauspieler sich unter den Internierten befanden, hatte sich auch eine Theatergruppe gebildet, die auf einer gut ausgestatteten geräumigen Bühne Theaterstücke wie: Die Räuber, Faust, Altheidelberg u.s.w. aufführen sollten. Mit dem Monat Februar 16 sollten auch Unterrichtskräfte eingeführt werden. Da alle Zweige vertreten waren, sollten Vorträge u. Unterrichtskurse von tüchtigen geschulten Kräften, die sich unter uns befanden, abgehalten werden; z.B. über Handel, Rechtswissenschaft - über Elektrizität. Während die Unterhaltungsgruppen geduldet wurden, wurden gerade diese Kurse, die den größten Nutzen gehabt hatten, kurz vor Beginn verboten.

Dies kam so. Im Lager hatte sich eine Zeitung gebildet, die „Inselwoche“, die wöchentlich einmal erschien; in dieser erschien Ende Januar 16 ein Artikel welcher sich mit der Art der Zubereitung der Lebensmittel, welche für uns bestimmt waren, befaßte, in diesem Falle war es Brot. Ich lasse den Artikel hier folgen:

Hygiene - eine Kulturbedingung?

In der Erfindung und Herstellung von Anschauungsmitteln aller Lehrbücher steht die deutsche Wissenschaft verbunden mit der deutschen Lehrmittelindustrie bekanntlich an erster Stelle. Kein Land der Erde kann darin eine Ausfuhrziffer aufweisen, die auch nur annähernd die der deutschen Reichsstatistik erreicht. Erst kürzlich wurde in der frz. Kammer auf diese unanfechtbare Tatsache hingewiesen. Jeder Deutsche, gezwungen oder nicht im Ausland, ist stolz auf den Rang, den Deutschland neben vielen andern Disziplinen auch in der erwähnten einnimmt. Dies alles scheinen sich die Herren, die in Brest beauftragt sind, unser Brot zu backen, schwer zu Herzen genommen zu haben. Wir schließen das aus der neuerdings wieder zunehmenden Häufigkeit entsprechender Beweise. So finden wir Bindfäden, Mäuseschwänze, Schaben, ganze Mäuse und letzthin sogar von Pferden verdaute Hülsenfrüchte, gemeinhin Roßäpfel genannt, im Brotteige. Diese Demonstrationsapparate sind überzeugend für die Wissenschaft, aber keineswegs erfreulich. Der auf das Brot angewiesene Gefangene hält dies jedenfalls für ein untrügliches Zeichen, wie weit es bereits gekommen ist mit den Anschauungen über Behandlung Wehrloser. Die frz. Presse ist voll des Lobes über die Kultur ihrer ruhmreichen Nation. Es scheint aber, als ob ihre Leser den rechten Weg zum Verständnis für die so schallend gepredigten Lehrsätze schwer finden. Eine Grundbedingung zu rechter Kultur ist die Hygiene, und zwar ist sie unter den mannigfaltigen Faktoren einer der selbstverständlichsten. Wie kann derjenige ein Kulturideal mit dem Wort oder gar mit der Waffe vertreten, der der Frage der Hygiene gegenüber unsicher ist. Es ist klar, daß diese Dinge - auf ein Gefangenenlager angewendet - zum großen Teil ein völlig anderes Aussehen erhalten. Vieles wäre anders, wenn sich die Möglichkeit einer Abhilfe dieses oder jenes unerfreulichen Zustandes bieten würde. Jeder gerecht Urteilende sieht dies ein. Aber wie soll man sich der Tatsache gegenüber verhalten, ein unentbehrliches Nahrungsmittel in offenbar bewußter Weise verunreinigt zu finden. Es handelt sich wahrscheinlich um die Absicht, dem Wehrlosen zu zeigen, wie sehr man ihn haßt und was man ihm bieten darf. Es ist die Pflicht des Staates oder seiner Vertreter, gegen solchen Ausdruck von Feindschaft - gelinde gesagt - einzuschreiten. Wir sind sogar überzeugt, daß er dies tun würde, wenn ihm dergleichen zur Kenntnis käme. So oft liest man in Pariser Blätter von der humanen Behandlung der Gefangenen. Man ist stolz auf die Großzügigkeit, mit der man den Gefangenen entgegenkommt. Jedenfalls aber ist im Gegensatz hierzu sicher, daß ein solches Vorkommnis unter deutschen Verhältnissen schwer geahnt würde. Die betreffenden Beamten hätten eine längere Gefängnisstrafe zum mindesten zu gewärtigen. Im übrigen ist ein Brot, das nach 3 Tagen wegen Schimmelpilz nicht mehr genießbar wird, entweder aus schlechtem Mehl hergestellt oder sein Teig ist zu jung, bzw. falsch zusammengesetzt. Ein deutsches Brot ist nach 4 Wochen noch gut. Das frz. Weißbrot kann ebenso wie das von Deutschen Gefangenen selbstgebackene Brot nach den Proben, die im Lager waren, als rein und dauerhaft bezeichnet werden. Aus diesem Grund ist eine Zurückweisung von Klagen eigentlich ganz unverständlich. Die beste Lösung für alle Beteiligten wäre die, künftig hier im Lager selbst zu backen. Mit ¼ Brot ist es für den Unbemittelten schwer aus zukommen. Wenn aber bestenfalls jede zweite oder dritte Ration eßbar ist, so sinkt das Brotquantum auf ein gänzlich ungenügendes Maß herab. Soviel ist schon von uns zur Besserung unserer Lebensbedingungen getan worden, wäre es so ganz aussichtslos, eine zufriedenstellende Lösung dieser Lebensfrage, - denn eine solche ist es - zu finden?
gez „Odysseus

Dieser Artikel schlug wie eine Bombe in die Schreibstube des Lagerkommandanten ein. Erste Maßnahme war, Urheber und Redakteur 14 Tage Gefängnis. Sämtliches Druckmaterial beschlagnahmt und vernichtet. Nebst sämtlicher Musik, Theater und Unterrichtsveranstaltung. Man wollte die Kantine ebenfalls schließen, fand aber jedenfalls, daß dann eigentlich der frz. Geldbeutel gestraft würde, und man ließ die Kantine offen. Nach 14 Tagen war alles wieder erlaubt bis auf den Unterrichtskurs. Wie tief der frz. Stolz verwundet worden war, geht am besten aus dem Lagerbefehl vor, welchen ich hier auch folgen lasse:

Die Erlaubnis zur Herausgabe einer Lagerzeitung mißbrauchend, haben die Gefangenen in einem Artikel in der letzten Nummer der genannten Zeitung eine Brotverteilungsfrage zum Anlaß genommen, um in beißendem Spott, in einem Geist der Auflehnung und hochmütigem Trotz über die Art, wie die Franz. Menschlichkeit üben und ihren Haß gegen die deutschen Gefangenen zum Ausdruck bringen, zu berichten. Dieser Artikel beweist, daß es mit der Gewährung von Vergünstigungen ein Ende nehmen muß. Als erste Maßregel ist der verantwortliche Verfasser des Artikels mit 15 Tagen bestraft worden. Die zur Herstellung der Zeitung dienenden Materialien sind beschlagnahmt und vernichtet worden. Die Veranstaltung von Konzert und Theatervorstellungen ist verboten Die Versammlungen der Gefangenen zum Zweck des Studiums sind verboten. Die zu diesem Zweck zur Verfügung gestellten Räume sind ihrem vorschriftsmäßigem Zweck zurückzugeben. Der Adjudant-Major hat über die Ausführung der Befehle zu wachen.
Der Kommandant gez. Allan
Chef des Escadrons.

Wie es mit der Disziplin der Franzosen aussieht sieht man daran, daß 14 Tage nachher alles wieder geduldet wurde bis auf das Studium und Theatervorstellungen. Was die Verköstigung anbelangt war diese wie in allen Lagern ungenügend Nur durch Geldzuschuß unserseits konnten wir das Essen einigermaßen genießbar machen. Am 15. Januar 16 wurden die Rationen noch kleiner. Wenn wir die Pakete aus der Heimat, in welcher doch nach den fr. Zeitungen die Hungersnot wütet, nicht gehabt hätten, Es wären viele an Unterernährung zu Grund gegangen. Die Pakete wurden nur jeden Donnerstag ausgegeben. Anbei lasse ich auch den von der Lagerverwaltung ausgegebenen Speisezettel folgen.
Montag Dienstag Mittw.
1. 1000 gr. Kart 1000 gr. Kartoff 1
2. 25 gr. Kraut 25 gr. Kraut 2
3. 100 gr. Gelbrüben 100 gr. Gelbrüben 3
4. 25 gr. Zwiebel 25 gr. Zwiebel 4
5. 100 gr. Rüben 100 gr. Rüben 5
6. 100 gr. Bohnen 100 gr. Erbsen 80 gr. Reis
7. 5 M. 1 Büchse Sardinen 120 gr. Fleisch 100 gr. Stockfisch

Donnerst. 1,2,3,4,5, 50 Maggaroni, 120 gr. Fleisch
Freitag 1,2,3,4.,5, 80 gr. Reis 5 Mann 1 Büchse Sardinen
Samstag 800 gr. Kartoffeln,2,3,4,5, 100 gr. Speck
Sonntag 1,2,3,4,5, 80 gr. Reis, 120 gr. Fleisch und pro Tag 300 gr. Brot.

Wie es mit der Lieferung und Ausführung des obigen Speisezettels aussah zeigt sich an nachfolgender Aufstellung, die ich während 2 verschiedener Wochen notiert habe.
Montag 300 gr. Kartoffeln gekocht 3 Mann 1 Schachtel Sardinen 1 ¾ auf den Kopf Abds.. Eine schlechte Kartoffelsuppe 250 gr. Brot.
Dienstag Eine Art Gulasch mit etwas Büchsenfleisch dazwischengebracht. Abds. Dünne Linsensuppe
Mittw. 300 gr. Kartoffel gekocht. 50 gr. Stockfisch. Abds. In Wasser gekochte Erbsen, hart.
Donnerstag 300 gr. Kartoff gekocht 30 gr. Fleisch. Abds. Eine Art Kartoffelsuppe (Wasser)
Freitag 250 gr. Kartoffelsalat 5 M. 1 Büchse Sardinen Abds. Sogenannte Frühlingssuppe.
Samstag. Ein Gemengsel von allerlei Gemüse 1 Büchse Fleisch auf 4 Mann 120 gr. Sonntag 300 gr Kartoffel mit 30 gr. Fleisch Abds. Reis
Montag. Ein Mischmasch von Kraut und Kartoffeln 1 Büchse Sardinen 3 Mann Abds. Pellkartoffel Zwiebelsauce
Dienstag Gulasch. Abds. Erbsen
Mittw. Kartoffel trocken Abds. Kartoffel und 30 gr. Fleisch
Donnerst. Kartoffel, Stockfisch. Abds. Kartoffelsuppe.
Freitag Maggaronie Abds Zwieback
Samst. Eine Art Goulasch Abds Kartoffel
Sonntag. Kartoffeln Fleisch 40 gr. Abds Reis

Zum Schluß schrumpfte dies Gemüse auf 2 Kartoffeln pro Mahlzeit ein. So sah es in Wirklichkeit mit unserer Kost aus. Wie aus der zweiten Woche ersichtlich, wurde das Gemüse (Karotten Rüben und Kraut) entzogen und dafür Schiffszwieback geliefert, welcher als Suppe zu einem dicken zähen Brei zusammengekocht wurde.

Ein Zeichen wie kopflos oder unvollständig Verordnungen erlassen und ausgeführt wurden zeigt Nachfolgendes. Am 4. November 15 wurde uns mitgeteilt, daß als Gegenmaßregel eine Briefsperre von 10 Tagen für die ein- und ausgehenden Briefe verhängt werde, weil dasselbe auch in Deutschland gegenüber den französischen Gefangenen angewendet werde. Nach einiger Zeit stellten wir fest, daß die abgehenden Briefe im Lagerbüro 10 Tage und in Brest auf der Zensur ebenfalls 10 Tage liegen bleiben, im Ganzen also 20 Tage. Den ankommenden Briefen ging es ebenso, im Ganzen außer der der Beförderungszeit eine Verzögerung von 40 Tagen.

Nach einiger Zeit wurde auch die Sperre für die ankommenden Briefe wieder aufgehoben unter dem Hinweis, daß die deutsche Regierung in dieser Beziehung nachgegeben hätte. In Wirklichkeit hatte aber diese für die einlaufenden Briefe keine Sperren verhängt gehabt. Die Umhüllungen der einlaufenden Pakete wurden uns nicht ausgehändigt und dann von Zt.z.Zt. verbrannt. Bei dieser Verrichtung fand ein Lagerinsasse (Honecker aus Homburg) im Feuer halbverbrannt mehrere Pakete Briefe, die zensiert waren und an uns ausgehändigt hätten werden sollen. Die Franzosen hatten sie der Einfachheit halber einfach in Feuer geworfen. Auf diese Art bestätigte sich die fr. Ritterlichkeit u. Gründlichkeit.

Am 15. Mai 16 erhielten wir auf einmal wieder 600 gr. Brot täglich, da die deutsche Regierung den französ. Gefangenen jetzt auch 600 gr. Brot gäbe.(?) Für diese Broterhöhung wurden uns aber wieder die Hälfte Kartoffeln entzogen. Auch wurden weniger Rüben, Gelbrüben und Kraut geliefert, dafür aber Schiffszwieback, der gekocht zu einem zähen Brei eine Mahlzeit bildete aber ungenießbar war. Es wurde darauf verzichtet. Der Zwieback wurde infolgedessen weggeworfen und an dem täglichen Kartoffelsatz soviel gespart um noch 2 Abendmahlzeiten für den Ausfall herauszuwirtschaften.

Durch Anschlag wurde uns bekanntgegeben, daß vom 15. Mai 16 ab an den ankommenden Postanweisungen ein Abzug von 20 ... gemacht würde. Wie willkürlich diese Verfügung ausgelegt wurde, zeigte die Maßnahme, daß nicht nur von den Postanweisungen, sondern auch von den Beträgen der ankommenden Wertbriefe dieser Abzug gemacht wurde. Erst auf unsern Protest hin fühlte sich die Lagerverwaltung veranlaßt nochmals bei dem Ministerium in Paris anzufragen. Da zeigte sich nun, daß wir recht hatten. Infolgedessen wurde kein Abzug an den Wertbriefen gemacht. Später erstreckte sich der Abzug nur auf aus Deutschland kommende Sendungen.

Ostern 16 wurde das fr. Geld eingezogen und dafür Lagergeld aus bedruckten Karten ausgegeben.

Am Ostermontag fuhren die durch die sog. Schweizer Ärzte-Kommision ab. Einige blieben aber im Lager hängen, kamen nach dem Lager Uzes und von da Anfangs Juli mit noch andern, im Ganzen 150, nach Ile Longue zurück.

Lager Île Longue
Xaver Rimmelin (x)

Am 15. Juli kam die Anweisung das Lager wird als Militärlager aufgegeben und geht in Zivilverwaltung über. Am 17. und 18. Juli verließen uns unsere Feldgrauen. Am 19. Juli sollte die fr. Verwaltung folgen. Auf ein Gesuch seitens des Adjudant durfte dieser noch bis 25. bleiben. Und zum Schluß kam am 19. Abds. ein Telegramm mit der Weisung. Es bleibt alles beim Alten. Die Freude bei den Herrn fr. Soldaten, die doch vor Ungeduld brennen an die Front zu kommen und ihr Blut für das Vaterland vergießen zu dürfen. Nun wir warens auch zufrieden. Wenn auch manches fehlte, so war wie schon früher gesagt, die Behandlung nicht so schikanös wie in unsern früheren Lagern.

Ein weiterer Beitrag für die fr. Wirtschaft ist folgendes Stückchen. Im Lager befanden sich auch 7 Baracken, die in einem andern Stil gebaut waren sog. Adrian Baracken Eines Tages kam der Befehl. Die Baracken sind abzureißen und kommen nach einem anderen Lager. Nachdem diese bereits bis auf eine abgerissen waren kam vom Ministerium die Weisung die Baracken wieder stehen zu lassen. Also wieder aufbauen.

Am 24.7. kamen weitere 24 Mann aus Lyon an, welche dort von dem gleichen Schicksal ereilt worden waren wie die Vorigen. Unter diesen befanden sich auch 3, welchen man einfach feldgraue Uniform angezogen hatte.

Selbsthergesteilte Brutapparate, die Hühner und Enten ausbrütete, wurden von den Bretonen mit Kopfschütteln bestaunt. O les Allemands maintenant ils fairent encore des pohls. Selbst der Kommandant, der sonst ein Deutschenhasser bis zu war, mußte zugeben daß die Deutschen Barbaren doch etwas verstanden. Einwohner aus dem nächsten Dorf gaben Enteneier den Außenarbeiter mit zum ausbrüten, weil sie selbst keine aufziehen konnten.

Die Verwirrung der Rechtsbegriffe bei den Franzosen bezeichnet sich am besten durch folgendes Vorkommnis. Herr Kuck, Postverwalter aus Rixheim, dessen Sohn sich schon längere Zeit in Brest im Lazarett befand, machte ein Gesuch an den Kom., in welchem er um Erlaubnis bat, seinen Sohn besuchen zu dürfen. Die Bitte wurde natürlich abgeschlagen und der Vorwand war „Wenn die Deutschen, die seit Ostern aus Lille und Roubaix zu Erntearbeiten nach den Ardennen verschickten Leute in ihre Heimat zurücksendet, dann gibt er auch die Erlaubnis zum Besuch seines Sohnes“. Eine solche Antwort gibt ein Mann, der im Grade eines Kom., steht, ausgerechnet einem Familienvater, den man seit im August 14 von seiner Familie hinweggerissen und seitdem in Gefangenschaft gehalten hat. Jeder andere Grund wäre begründeter gewesen als der angegebene.

Anfangs August wurden wir auch wirklich zu 35 Mann pro Baracke gelegt. Auf diese Art sitzt man doch nicht mehr wie die Heringe aufeinander. Und um auch etwas Licht zu erhalten schnitt ich frech wie Oskar einfach ein Loch in die Bretterwand und hatte nun auch Licht.

8 August. Heute ist auch die Zivilverwaltung in Gestalt... Zivilisten im Qum. ... aufgetaucht. Vom 1. August ab bekamen die Österreicher und Ungarn eine reichliche Kost und 350 gr. Fleisch pro Tag. Dies soll ihnen seit Febr. durch jurist. Verfügung zugestanden worden sein, aber wahrscheinlich aus Humanitätsrücksichten zurückgehalten worden. Daß man bei den vielen in Fr. vorhandenen Lager die Trennung der Deutschen und Österreicher nicht durchführte, kann man nur dahin auslegen daß dies nur deshalb nicht geschah weil man vielleicht hoffte Streitigkeiten hervorzurufen. Am 10.8. wurde aber die Zulage wieder entzogen unter dem Hinweis es sei ein Irrtum vorgekommen.

Am 15. 8. übernahm die Z.V. das Lager. Die M.V. blieb noch da, unter dem Vorwand die Erstere in die Geheimnisse der V. einzuweisen. Der Abschied fiel doch gar zu schwer. Zuerst zeigte sich die Z.V. in der Art schneidig, daß sie die Annahme der gelieferten Kartoffeln, Fleisch und Kaffee verweigerte, mit dem Hinweis daß alles sehr schlechte Ware sei, gut für die Schweine. Nach acht Tagen aber war alles gut, obgleich die Lieferung gerade so schlecht oder noch schlechter war. Jedenfalls hatte der Lieferant das Seinige getan.

Am 16. kamen 120 Mann aus dem Lager Aurilliac an. Es waren z.T. alte Bekannte, lauter im Elsaß und Lothringen festgenommene. Am 20. kamen 650 Mann aus Uzes an. Dieses Lager ist vollständig aufgehoben. Es waren darunter Togo-Kamerunleute, Türken, Griechen, Österreicher, Armenier und Albanier. Die Ersteren kamen aus dem Gefangenenlager von Dahomey. Was diese Leute unter der fr. Kultur ausgestanden haben ist einfach furchterregend. Es wird diese eine dunkle Seite in der fr. Geschichte bilden. Stoßen mit Gewehrkolben, schlagen mit der Nilpferdpeitsche. Tagsüber stehen in mannstiefen Erdlöchern gehörten zur Tagesordnung. Dazu noch eine ganz gemeine Kost. Diese Leute waren vollständig fertig.

Die schon früher geplanten aber verbotenen Unterrichtskurse sollen wieder eingeführt werden. Herr O.l. Taeschner eröffnete am 24. den Reigen mit dem Thema "Streiflichter aus der Wüste der Sahara“. Er hatte von Algier aus in südlicher Richtung bis bereits zum Tschad See die Sahara durchquert. Angemeldet habe ich mich zur Teilnahme an folgenden Kursen: Französische Sprache, Deutsches Recht. Leider wurden aber die Unterrichtskurse vom Präfekten nicht genehmigt. Seine ganze Begründung für das Verbot gipfelte darin, wenn es auch überall gestattet wäre, so ist es eben in Île Longue verboten. Na also wieder einmal nichts. Was sind die Franzosen doch für humane Menschen Sie befürchten schon durch das Lernen könnte unser Verstand leiden.

Im September wurden auch einmal wieder Erntearbeiter gesucht. Es meldeten sich ungefähr 6-700. Diejenigen welche sich nicht gemeldet hatten, mußten eine schriftliche Erklärung auf vorgedruckten Karten abgeben, in welcher man angeben mußte, warum man nicht arbeiten wollte. Der Zucker fehlt jetzt vollständig.

Am 1. X. war wieder einmal ein Mitglied der amerikanischen Gesandtschaft hier. An Beschwerden war ja kein Mangel, ob es aber nützt. Dieses wurde auch dem Herrn ganz unverblümt zu verstehen gegeben. Wogegen er sich aber energisch verwehrte. Unsere Vorausahnungen waren aber richtig. Wir bekamen sehr schöne Worte und Versprechungen seitens des Herrn Prefekten und im übrigen bliebs beim alten. Ja, die Post und Pakete bekamen noch mehr Verzögerungen oder blieben ganz aus.

Mitte Oktober setzte das schlechte Wetter ein, überall regnete es durch. Es blieb sich ganz gleich ob man ins Freie ging oder in der Baracke blieb. Naß wurde man auf alle Fälle; des Nachts mußte man alle möglichen Stellungen auf dem Strohsack einnehmen um den fallenden Regentropfen, die bekanntlich den härtesten Stein höhlen, auszuweichen. Alle Bitten und Vorstellungen bei der Lagerverwaltung waren und blieben erfolglos. Erst Anfangs Dezember fing man an die Baracken einzudecken.

Petroleum gab es überhaupt keines mehr. Es wurden für den Liter 3 Frcs geboten, aber umsonst. Licht hatte man also die Hälfte Zeit nicht. Für eine 22 m lange Baracke waren zwei gewöhnliche Stalllaternen vorhanden, welche alle 10 Tage einmal gefüllt wurde. Da man aber in den langen Winterabenden ohne Licht nicht gut sein konnte, kaufte man sich für teures Geld Kokosfett und benützte dies als Beleuchtungsmaterial.

Anfangs Dezember kam eine sogenannte ...iggienische Kommission an. Dieselbe sah sich gar nichts an, sondern ließ sich nur in die sogenannten Adriansbaracken führen, die als Versammlungsorte für die Vorträge dienen. Dieselben waren noch nie geheizt. Diesmal wurden sie aber bereits am vorhergehenden Tage mit einem Ofen versehen, erhielten Kohlen. Es wurden zwei Mann für jede Baracke besonders angestellt, das Feuer nicht nur des Tages, sondern auch noch während der Nacht zu unterhalten. Als dann die Kommission kam, ein Amerikaner war ebenfalls wieder darunter, konnte sie sich überzeugen in wie fürsorglicher Weise sich die fr. Regierung um unser Wohlsein annehme. Dem Amerikaner wurde natürlich unserseits reiner Wein eingeschenkt. Er konnte sich auch überzeugen, was auf die Beschwerden welcher der Am. Kommission im Oktober vorgetragen worden sind, geschehen. Wir stellten auch den Antrag die fr. Reg. solle genehmigen, daß die deutsche Regierung uns Petrol uns den ...inischen Petrolquellen senden dürfe. Ein verlegenes Lächeln und der Hinweis, daß darüber das fr. Kriegsministerium zu verfügen hätte, war die Antwort. Der Antrag war wohl etwas stark, aber wir hatten ein Gefühl der Befriedigung einen guten Hieb ausgeteilt zu haben.

Bei dem Fall von Bukarest hatten leider einige der Lagerinsassen ihrer Freude darüber sehr Ausdruck gegeben. Der Verwaltung war dies ein willkommener Vorwand. Sie entzog uns die Zeitungen und verbot die Vorträge. Die Zeitungen bekamen wir doch ins Lager, wenn auch für schwarzes Geld. Für Geld tut der Franzose alles. Da verkauft er sein Vaterland. Der Apfel kostet jetzt 0,25 Frcs. die Butter ½ Pfund 1,80 Frcs.
Auf einmal bekam es der Herr Adj. mit der Angst zu tun. Es wurde ihm auf diplomatischem Wege zu verstehen gegeben, wenn das Zeitungsverbot nicht aufgehoben. Die Leute, welche nach der Schweiz gehen, würden Artikel über die Verhältnisse im Lager veröffentlichen und die fr. Reg. darauf hinweisen, daß hier noch ein Embusei steckt. Und siehe da, die Zeitung wurde wieder erlaubt.

Den 19.XII. stirbt Pitschke aus Thann. Dieser war seiner Zeit von der ersten Schweizer Kommission als krank befunden für die Schweiz bestimmt, wurde aber in Lyon von der fr. Reg. zurückgehalten und hierhergebracht. Er war stark zuckerkrank und hätte gerettet werden können.

Anfangs Januar wurden 18 der am 16. 8 von Aurillac gekommenen Elsässer angewiesen, sich fertig zu machen; sie kämen in ein Elsässer Lager. Sie erhoben gemeinsamen Protest. Die Abreise wurde verschoben. Am 20. wurden sie auf Befehl des Kriegsminist, nach dem Elsässer Lager Vivier abgeschoben. Seltsamerweis blieben aber 3 oder 4 Elsässer doch da, diese waren auch beim erstenmale nicht genannt.

Butter gibt’s nicht mehr. 1. Februar kam ein neuer Küchenzettel. Nach diesem sollten wir nicht mehr erhalten als bisher. Aber es war wie früher, es gab noch weniger. Dazu kam noch, daß bei der großen Kälte, die Ende Januar und Anfangs Februar herrschte, die Kartoffeln, da die Franzosen das einholen und einschlagen in Mieten nicht kannten, alle erfroren waren. Also ungenießbar. Auch Kohlen fehlen. Auch sonst ist alles was draußen stand erfroren. Viele Gas- und andere Fabriken haben aus Mangel an Kohlen den Betrieb eingestellt. Die Wirkung der Blockade macht sich schon bemerkbar. Der Küchenzettel vom 1.11. ist geändert. Vom 18. ab wird die Fleischration um 200 gr wöchentlich vermindert. Dafür soll die trockene Gemüseration erhöht werden, aber wahrscheinlich wird sie vermindert werden.

Auf Grund einer Anzeige beim Präfekten, daß trotz des Verbotes deutsche Zeitungen im Lager gelesen werden, welche in Konservenbüchsen eingeschmuggelt würden, wurde angeordnet, daß sämtliche Büchsen bei der Paketausgabe zurückgehalten und einzeln nach Bedarf ausgegeben werden, nachdem sie in Gegenwart eines Wachmanns geöffnet waren. Den Denunzianten konnten wir leider nicht ermitteln. Der Erfolg dieser Maßnahme war sehr gering. Bis Mitte März wurde ein Mann ertappt, und der auch nur durch eigenes Verschulden. Wir erhielten nach wie vor deutsche Zeitungen. Dies führte dazu, daß der Denunziant nochmals einen Brief schrieb, in dem er ausführte, daß immer noch trotz der strengen Überwachung deutsche Zeitungen eingeschmuggelt würden und dies würde seine francophilen Gefühle verletzen und diesmal kam der Namen dieses Schuftes ans Tageslicht. Es war ein verkommener Gymnasiallehrer aus Trier, der sich bei Beginn des Krieges in Italien aufgehalten hatte (Streng).

Die Empörung im Lager war groß und das Verhängnis nahte ihm in derselben Nacht noch. Er wurde halbtot geschlagen. Am anderen Morgen natürlich großer Tamtam seitens der Lagerverwaltung. Der Täter blieb unbekannt. Der Verurteilte kam ins Lazarett. Über das Lager wurde eine Sperre verhängt. Zeitungsverbot, geschlossene Kantine und Verbot von Theateraufführungen. Das Letztere war das einschneidenste.

Mit vieler Mühe und Not hatte man die Erlaubnis erhalten Teateraufführungen zu veranstalten. Mit großem Kostenaufwand und Opfern hatte man eine Bühne errichtet unter Leitung eines Schauspielers. Kunstmaler hatten die Kulissen künstlerisch gemalt, der sich eine mittlere Bühne nicht zu schämen brauchte. Am 1. März war die Eröffnungsvorstellung mit Altheidelberg. Es wurde mustergültig gespielt. Auf dieses Verbot wäre wieder viel Geld verlorengegangen. Nun rafften sich unsere Gruppenführer doch zu einem nämlichen Entschluß auf. Sie erklärten, daß wenn dieses Verbot nicht aufgehoben werden würde, alle ohne Ausnahme ihre Ämter niederlegen würden. Das schlug wie eine Bombe ein. Die Lagerverwaltung war sprachlos. Kann die Sache je klappen, so müßte nach oben berichtet und dadurch zugegeben werden, daß die Verwaltung unfähig war das Lager zu regieren. Die Folge wäre eine Ablösung gewesen und die Drückeberger wären in die Front gekommen. Was machen? Übel oder wohl eine Stunde nach der Verhängung der Strafe wurde dieselbe soweit wieder zurückgenommen, daß die Kantine für Getränke ein Tag geschlossen, die Zeitungen sofort ausgegeben und die für den heutigen Tag angesetzte Theatervorstellung auf morgen verschoben wurde. Die Verwaltung hatte nachgegeben und sich unsäglich blamiert und lächerlich gemacht.

In der Nacht v. 21. zum 22. April brannten 3 Personen durch; sie hatten die Absicht auf dem Seeweg zu entfliehen. Leider wurden sie an der Küste entdeckt und am 29. April wieder ins Lager zurückgebracht. Große Aufregung. 30 Tage.

Unter dem Überwachungspersonal hatten wir einen eckelhaften Deutschenfresser. Die ganze Zeit bei Tag und Nacht spionierte er im Lager und suchte Gelegenheit uns zu schikanieren. In der Nacht vom 29. war er auch wieder auf einem solchen Schleichwege. 3-4, welche ihm schon längere Zeit Rache geschworen hatten, paßten ihm auf und schlugen ihn zwischen den Baracken derart windelweich, daß er am andern Morgen zum Arzt mußte. Einer von den Attentätern wurde leider erkannt und bekam 30 Tage Arrest aufgebrummt. Wie man hört soll er noch vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Endlich nach 3 Jahren haben wir für den April 17 eine Abrechnung über die Verwendung der Kantinenüberschüsse vorgelegt erhalten. Und was für eine. Selbstverwaltung der Kantine „Ile Longue Abrechnung für April 17.
Nettoeinnahme Ausgaben
Milch 68,70 Gruppenführer 36 à 9 504.-
Käse 59 40 Küchenchefs 200.-
Wein 256,90 Langenpersonal
Bier 1752,60 Stallknecht
2137.60 Türkischer
Dolmetscher 133.80
Külelchef (?)
Buchbinder
Einnahme 2137.60 2 Bürodiener
Ausgabe 1372.30 2 Zahnärzte 100.-
Rest 765.30 Schuster Schneider 90.-
Spitalpersonal 99.30
Kantine 94.30

Magazin 36.-
Werkstätten 89.70
Postpersonal
1372.10

Für den Rest von 765,36 werden bezahlt:
2 Tippmamsellen in Quimper, Miete für das Lebensmitteldepot Papier, Porto fürs Büro.
Echt französisch!

Ende Mai wurden uns die Lebensmittel u. Tabak aus den ankommenden Paketen zurückgehalten als Repressalien.

Juni ist nichts besonderes, als daß es überall knapp wird mit den Lebensmitteln in Frankreich. Butter gibt’s keine mehr. Dutzend Eier auch nur noch selten ankommen 3 Frcs. Die Erbsen und Bohnen sowie Linsen sind durchweg madig. Sonst gibt’s nur noch Reis.

In letzter Zeit gehen sehr viele Leute auf Arbeitskommando. Unsere eigenen Leute machen dafür Propaganda. Spindler. Mitwirkt hierbei die schlechte Aussicht auf Austausch. Donnerstag, den 12. Juli 17 war eine Abordnung der schweizer Gesandtschaft aus Paris hier. Aber oh weh, wieviel Hoffnungen wurden da zu Grabe getragen. Die waren französischer wie die Franzosen. Es war ja rührend mit welchem Eifer diese unsere Interessen vertraten. Da waren die Amerikaner ja noch Gold dagegen. Am treffendsten zeichnete Pfarrer Hommel in der Insel-Woche diese Vertreter; und die Frage des Kameraden Reitinger hatte seine volle Berechtigung. 16. August war ein englischer Gefängnisinspektor da u. hat das Lager inspiziert. Ein Anschlag betreffend kochen der Bohnen von der Schweizer Gesandtschaft.

(Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst G.m.b.H. Dresden Hellerau, München, Wittelsbacherplatz Illustriertes Preisbuch A 12 Zimmer im Preise v. 2 / 3 - 950 M. mit Aussattungsstücken v. Dr. Fr. Naumann 1.80. H 12 Zimmer über 900 M. 5.00 M.) Burau 1203, Wohnzimmer, 545, Archiv 156, Salon 945, Fremdenzimmer 220, Küche 484, Speisezimmer 278, Schlafzimmer (Elsa / 25), Schlafzimmer 950, Korridor 65 Keller Speicher 250,).

Anfangs September war erneut eine Schweizer Kommission der Gesandtschaft in Paris da. Diese hat wenigstens doch so getan, als ob sie unsere Interessen vertreten wollten. Auch war eine erneute Untersuchung der Kranken für Internierung in der Schweiz oder Deutschland. 150 ungefähr wurden hierfür für fähig befunden. Eine sehr hohe Zahl, wenn man sonst das Verhalten der Franzosen in ähnlichen Angelegenheiten betrachtet. Aber das dicke Ende kam noch. Ein zweiter Arzt kam einige Tage später zu einer nochmaligen Untersuchung der ausgesuchten; hierbei wurden ungefähr wieder 60 ausgeschieden, die hier bleiben mußten. Da gabs enttäuschte Gesichter. Anfangs Oktober wurden dann einigen des verbliebenen Restes mitgeteilt daß, sie auf Anordnung des Ministeriums nicht nach der Schweiz kämen, sondern zurückgehalten würden. Wenn es so noch eine Weile fortgeht bis zur Abreise ist niemand mehr da. Ein neuer Trick der Franzosen entdeckt. Brot. ... bei Ausgabe des Brotes. Ende September Ausstellung, f. Zeitung.

Am 15. November wurde zum zweitenmale von im Hafen liegenden großen Kriegsschiffen mit Infanteriegeschossen in unser Lager geschossen. Während es beim erstenmale noch glatt abging, wurde diesmal einer an der Schulter verletzt. Zufall ist ausgeschlossen.

Am 16. Nov. verließen uns die für die Schweiz u. Deutschland bestimmten, nachdem sie nochmals eine Sichtung erhalten hatten. Im ganzen 89. Wieviele werden in Lyon liegenblieben.

Das Brot welches in Tagen Anfangs November einigermaßen genießbar war, war jetzt wieder so sandig u. schmutzig hergestellt, daß es ungenießbar wird.

Vom 1. Januar 18 ab gibt es nur noch 200 gr. Brot pro Tag u. Kopf, dafür soll es entsprechend mehr Kartoffel u. Hülsenfrüchte geben. Auf wie lange?

Dienstag den 5.II. war ein Herr der Schweizer Gesandtschaft hier. Sehr höflich. Er hatte noch nicht einmal das Lager richtig verlassen, wurden acht Herrn durch die Verwaltung bekannt gemacht, daß sie auf Grund von Repressalien nach Algerien Afrika kämen. Das ist die ... beschlossene Besserung der Lage der Gefangenen.

Mir singt’s so liebli hit im Herz
Mir isch’s so wohl un weh
Mich zieht’s gar grausam heimwärts
Wann lon sie üs endli geh
Dert ane, wu mi Hisle steht
Wu mini Mueter wart
Wu d’Sproch vun Herz zua Herze geht
So heimelig, so zart.

Und grad wie ich us andern Gäue
Kumme brave Baure daher
Eich liawe Zuhörer anzuvertraue
Was s’Herz bewegt, was Gebrüch un Begehr
In ihrem angere Heimatland
Wu steht des Vatters Land
Es’s isch an der fiechte Wasserkant
Seis suscht ane uf der ditsche Erd
Wu d’Wälder rusche im herle Wind
Wu der Bur der Acker baut
Wu d’Spindle schürrt so arg u geschwind
Wu dr Hammer o’lhn heit (?)
Daß isch üßm große Vaterhus
As jüngschte Tochter gar
Verpflicht bi zun ma schöne Gruaß
Daß isch doch klar
Drum sag ich Eich vu Herze ger
A. Willkommen alle zemme
B. härzlich fröhli Bonsoir
So guet ich ewe ka
As sitzt so manger vor mir do
Ich gsieh’sem vu witem a
Wu mich nur kennt de Bilder no
Vu der Landkart noch, mir ra
Drumm will ich jetz wiel d’Glegeheit guet
Eich sa, un merke daß
Ich bi wie Bluot vu Eierem Blut
Eneri Schwester, s’schön Elsaß
Abwesend bin ich gsieh vu d’heim
Gar langi langi Zeit
Und darin liit der Grund u Keim
Vu mangem bösem Stritt
Ich bin jo nit freiwilli fürt
Dr Nochbar hat mi gholt
Was hat’s genützt, as ich ha genniert
Mo hat dadurch g’molt
So ha ich drum im Pensionat
A Unterricht g’nosse
Wo weier ¡sch, ich sags Euch grad
Nit ditsche Art entsprösse
Wu aber d Muetter Germania
Ihri Krankhei hat überwunde
So hat bim Nochbar newedera
0 Ihr Meidli wiedergfunde
Sie hat es gfüahrt ins neue Hus
Het ihm sie Plätzle agwiese
Und hat ihm gseit „Nia bruch ma uns
Wia scheu emal fesch miese
Un hats gedruckt ans Herz mit Macht
Die Gschwischer sind ri kumme
Un han so frisch entgegeglacht
Un hans bi der Hand gnumme.

A jeder awer het dene gewellt
Ins ziage uf sini Sitt
Und’s arme Maidle hat deno gsellt
Sich richte no alle Lit
Es isch e bißl verzoie gsie
Durch d’Zit ins Nachbars Hus
Griffe vu der Pfuhle her un hie
So ebs geht nit gschwind nuus
As het trotz allem dem bewahrt
Sine alte ditsche Trutz
Acht ... Allemaneart
In Sturm u. Not sie Schutz
Es hat bewahrt sie alte Sprach
Wu ditsch isch, schön u. klar
Un ditsch sie d’Sitte hitte noch
Un bliewes immerdar
Wia sei sie gsie zu Gottfried’s Zitt
Fischharts u Baschtian Brant
Un hat der junge Göthe nit
Gepriese unser Land
O bürge doch, wias jetzt schön blüet
Das jüngste Techterle
Wia stark am Lib, wia hell im Gemiat
Mo ka nix schönres gsah
Mit siner Schwester Badnerland
Teilt as e sunnig Bett
Wu ne wunderherrlig Silberband
Grad in der Mittle het
An Tanne stehn im Wasgewald
So hoch, so schön, so viel
Un dert im enge Felsespalt
Triebt’s Wässerte si Spiel
Un uf der Höh e einzigi Matt
Wu Alpenkrütter stehn
Wu dr Melker sini Hütte hat
Wo d’Herde weide gehen
Un abeszu an der sunnig Haid
Die Rewe, was e Pracht
Un Obstbäum, grad es wie en Wald
Wo der Pfirsi (?) eim engegelach
Un Acker un Aue schön
O sag was witt noch meh
Wotsch nit parriere un ane geh
Wenn d’heim mer were sie?

Du wirsch staune, wenn du gsiesch
Das Münster stolz u heh
Wann die bi uns in Strohsburg bisch
Dr alte ditsche Weh
Wenn du die Bürge zähle muesch
Wu uf der Barge stehn
Wenn diu im Wirtshus trinke duesch
Unsere Viele stark u schön
Wenn begegne dir die brave Litt
In Mütz un Kapp so bieder
Wenn frindli wünsche dir die Zit
D’Maid in Schlupf u Mieder
O glückli Land, wann Fried isch
Wia guet ischs doch bi dir
Wia rieh versiesch du Kuch un Tisch
Un sorgsch fürs Wohl vu mir
Doch hitte sin die arme Litt
Verfolgt vom Unglück schwer
Der Völkerkrieg, da steht nit wit
Und treibt sie hin u her
Verjagt sit Johr vu Haus u Herd
Miene sie in der Fremdi sie
Zerstört Ihr Dorf, glichgemacht der Erd
So luegts bi uns jetzt din
Drum wenn der Krieg erunnen isch
Un nimmer fließt das Bluet
Der helfe mit, daß Widder frisch
Unser Ländel wird um guet
Wie dunkler werde die Heide si
Wu gfunde han die Ruh
Dort drewe uf Vergese s.. (?)
Un gegenem Sundgau zua
Un unlösbar un ewiglich
Isch gekämpf um neues Land
Und fescht ans Ganze haltet sich
Unser schönes Elsaßland.

Anfangs März sollten 6 Herren über 85 Jahren wegkommen. Sie kamen auch bis nach Brest, aber dann nach 2 Tagen kamen sie wieder zurück.

Das Gewicht des Brotes kommt mengenmäßig mal 200 mal 300 gr. Dabei so unrein, daß man es nicht genießen kann. Sand, Kot u. alles andere noch. Beschwerden nutzen nichts. Die Antwort ist, die Franzosen hätten auch kein anderes. ... hatte dieser Tage richtige gehende Scheise im Brot. Beschwerde an Schweizer Gesandtschaft. Wegen einem ungeschickten Ausdruck in einem anderen Beschwerdebrief erhält v. Cramon 15 Tage, davon 8 Tage Einzelhaft.

Vom 1. Mai ab gab es 350 gr. Maisbrot, dafür wurden uns 150 gr. Kartoffeln abgezogen.

Große Aufregung seit 28. April wegen Austausch.

Fußballspiel wird unmöglich gemacht, da der Militärkommandant die Wache die Bälle beschlagnahmen läßt, die außerhalb des Spielfeldes fallen. Er hat schon 4 Stück in Besitz.

Anfang Mai große Aufregung betreffs Austausch. Abreise mehrerer Herren. Peinliche Untersuchung des Gepäckes. Alles wird weggenommen, was nur in irgend einer Weise Bezug auf das Lager hat. Böses Gewissen.

24.V. Ausfüllen eines Formulars betreffs Angabe wohin.

Am 5. Juni wieder einmal eine neue Personenaufnahme. Am 6. u. 7. waren eine Kommission bestehend aus zwei Herrn, von denen der eine Sundgauer Dialekt sprach. So daß man ihn für einen Schweizer halten konnte. Sie nahmen unsere Wünsche u. Beschwerden an welche vorgebracht wurden, in der Meinung daß man es mit einer Schweizer Kommission zu tun hätte. Am Schlusse nachdem sie alles gehört hatte, erklärten sie daß sie die Schweizer Kommission nicht wären, diese kämen erst in 2-3 Wochen. Sie selbst seien vom Ministerium des Inneren.

Vom 13. Juni ab fällt morgens der sog. Kaffee weg. Beschwerden nimmt die Lagerdirektion überhaupt nicht mehr an. Kommt ein Insasse, so heißt es, das ist Sache des Hilfsausschusses; kommt dieser, dann heißt es, das ist des Einzelnen.

Vom 14. Juni ab kein Kaffe mehr morgens.

Am 28. war einer von der Schweizer Gesandtschaft hier. Zu welchem Zweck war nicht festzustellen. Denn auf alle Fragen unseren Abtransport betreffend, gab er an nichts zu wissen. Nur das wußte er, daß wir unsere selbstgefertigte schriftliche Arbeiten nicht mitnehmen dürfen. Ein harter Schlag.

Schon zwei Tage fehlt die Kartoffelration.

Tag der Abreise nach dem Süden ist da, ... noch unbestimmt.

Nachwort

Aus der Personalakte in den Archives départementales du Finistère ergibt sich als Abreisedatum von Île Longue nach Viviers der 08.07.1918 und aus Unterlagen des ICRC als Abreisedatum von Viviers zur Schweizer Grenze der 14.07.1918.